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Nr.1: Umgeschichtet

Politische Säuberungen der Besatzung 1945-1949

Nominierung

Thema: Politische Säuberungen unter der alliierten Besatzungsherrschaft in Deutschland 1945-1949
Quelle: Pädagogischer Fachzeitschriftenartikel: "Pädagogische Verwestlichung" - ein Unheil für die Deutschen? Zur Schul- und Jugendpolitik der Besatzungsmächte in Deutschland nach 1945. In: PÄD-EXTRA, Mai 1995, S.23-28, hier S.24
Urheber: Dr. Arno Klönne, Professor für Soziologie an der GH Paderborn

Aussage

"Eine personelle Umschichtung wie in der Sowjetischen Besatzungszone zogen die westlichen Besatzungsbehörden nicht in Erwägung, sie schien ihnen funktionsgefährdend, und überdies hätte sie heftige Opposition deutscher gesellschaftlicher Institutionen herausgefordert, mit denen die Militärregierungen sich arrangieren wollten - so vor allem der Kirchen."

Tatsachen

Alliiertes Entnazifizierungslager
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Alliierte Beschlußlage
Radikale Säuberungsaktionen, auch gegen deutsche Lehrer, wurden nicht nur "in Erwägung gezogen", sie waren verbindlicher Bestandteil des gemeinsamen Abkommens aller alliierten Siegermächte in Potsdam 1945. Darin wurde u.a. verfügt, daß alle Deutschen aus Diensten und Ämtern nahezu aller Berufe zu entfernen seien, die sich feindlich gegenüber der Besatzungsmacht zeigen oder die aktive Mitglieder der "Nazi-Party" waren.x(1) Die Mitgliedschaft im NS-Lehrerbund (NSLB, eine Parteiuntergliederung) war jedoch nicht freiwillig weil damit z.B. auch finanzielle Versorgungsansprüche und Sozialversicherungen gekoppelt waren. Es sind Fälle belegt, daß die Weigerung zum Eintritt in den NSLB und in die NSDAP zum Berufsverbot als Lehrer führte und damit zur Gefährdung der eigenen wirtschaftlichen Existenz. Über die politische Einstellung sagte diese Zwangsmitgliedschaft also wenig aus.x(2)

x Die Unterstellung, es habe bei der feindseligen Brutalität der Siegermächte Unterschiede zwischen Ost und West gegeben, sind im diskutierten Zusammenhang sachlich falsch. Eine politische Säuberung aller deutschen Lehrer wurde gemeinsam von ihnen beschlossen und durchgeführt.

Aufhebung der Säuberungsfeme gegen eine Lehrerin aus Sinzig/RLP im Oktober 1948
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Lehrer-Säuberungen
Die Verfolgungspraxis zeigte bald, daß sich die Massensäuberungen relativ wahllos gegen die berufstätige deutsche Bevölkerung insgesamt richtete, ohne ernsthaften Bezug zu früheren politischen Aktivitäten oder Einstellungen zur Besatzungsmacht. Die politischen Säuberungen der Alliierten sind statistisch am besten dokumentiert für die US-Besatzungszone Bayern. Bis September 1946 wurden dort zum Beispiel auf 17.818 Planstellen für Volksschullehrer (=Hauptschule) insgesamt 9.831 Lehrer entfernt. Das entspricht einer Quote von 55,2 Prozent. Allerdings waren 1.355 dieser Planstellen unbesetzt, weil die Lehrer während des Krieges zum Fronteinsatz eingezogen worden waren und gefallen oder noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Demnach wurden dort also rund 60 Prozent der tatsächlich aktiven Volksschullehrer ohne Prüfung einer individuellen Verfehlung Opfer der Verfolgungen. Die statistischen Daten über die Entlassungen von Lehrern an höheren Schulen (Mittelschulen, Gymnasien) sind heute bemerkenswerterweise "verschwunden". Ein Ministeriumsmitarbeiter aus jener Zeit wußte aber von einer Quote von mehr als 75 Prozent zu berichten.x(3)
Über die Ideologie der Säuberungen und den Zeithintergrund hier weiterführende Artikel: Zeitgeiststudien/Text 09 Zeitgeiststudien/Text 43
Dieses Vorgehen war konsequent, da alle bekannten Sieger-Pläne für ein Nachkriegsdeutschland von seiner kulturellen Demontage ausgingen. Unterrichtsinstitutionen sollten nicht mehr fortgeführt werden. Erst die ausufernde Jugendkriminalität (München: Panther-Bande, Einzelfall Siegfried Helm), einschließlich Plünderung in Kasernen der Besatzer, zwang die Besatzungsmächte, Schulen wieder einzuführen zur Kontrolle deutscher Jugend. Bei dieser Beobachtung fällt vor allem die Nähe auf zu Inhalten des "Nizer-Plans" über den Umerziehungseinfluß künftiger Schulen im Besatzungsdeutschland. Dazu ein weiterführender Artikel

x Zur kulturellen Demontage des besiegten Deutschland wurden in der US-Besatzungszone rund zwei Drittel aller Lehrer ohne geprüften Grund aus ihrem Beruf entfernt.

Proteste gegen die Besatzungspolitik
Nach den Protesten des ersten bayerischen Ministerpräsidenten Fritz Schäffer und des ersten bayerischen Kultusministers Hipp wurden beide durch Besatzungskommissare abgesetzt, die Regierung mußte zurücktreten. Die angebliche Angst der Alliierten vor "heftiger Opposition deutscher gesellschaftlicher Institutionen" ist insoweit kaum zu erkennen. Nicht nur Lehrer wurden "umgeschichtet", auch andere Berufsgruppen wurden Opfer der politischen Verfolgungen in den westlichen Besatzungsgebieten. Im US-Besatzungsgesetz Nr. 8 vom September 1945 wurde verfügt, daß die gesamte Privatwirtschaft zu säubern sei. In der US-Zone erfaßte daraufhin der große Staubsauger an einem Tag 25.000 Bankbeamte, etwa 50 Prozent aller dort Beschäftigten. Als der US-Militärgouverneur General Patton gegen diese Besatzungspolitik in Washington protestierte wurde auch er "umgeschichtet" und seines Amtes enthoben. Sein plötzlicher Tod kurz darauf durch einen mysteriösen Auto-Unfall hinterläßt bis heute Fragen.

x Es gab heftige heftige Opposition in Deutschland gegen die stalinistischen Säuberungen der US-Besatzung, doch gibt es keinen Hinweis auf irgendeine Wirkung. Im Gegenteil wurden auch bis zur Hälfte der Beschäftigten in anderen Schlüsselberufen ohne Grund entlassen.

Saubere Kirchen
Als der Münchner Kardinal Faulhaber protestierte, blieb dies ergebnislos. Im Gegenteil wurden auch die Kirchen Ziel alliierter Säuberungen, vor allem die katholische Kirche. In Regensburg z.B. wurden 77 Prozent der Mitarbeiter in katholischen Gemeinde-Ämtern aus ihren Arbeitsstellen entfernt in Augsburg sogar 82 Prozent. Auf alliierter Seite war man der Auffassung: "Die Religion in Deutschland ist ein Problem für die Demokratie". Daß das alliierte Besatzungsregime sich angeblich mit den deutschen Kirchen "arrangieren" wollte, ist also ebenfalls schwer zu erkennen.x(4)

x Besonders anstößig sind die Unwahrheiten des nominierten Verfassers bei der ausdrücklichen Erwähnungen der Kirchen als angeblich bevorzugter Adressaten westlicher Besatzungsmächte. Speziell US-amerikanische Säuberungen hatten sogar ausdrücklich die politische Unterdrückung deutscher Kirchen zum Ziel mit entsprechender Säuberung ihres Personals.

Ganz im Gegensatz zu dem, was der genannte Fachzeitschriftenartikel Lesern weismachen will, war die Besatzungszeit in Wirklichkeit vor allem in ihren Anfängen eine alptraumhafte Schreckensherrschaft für die deutsche Bevölkerung, auch im Westen. Westalliierte Besatzungsbehörden verhafteten im ersten Jahr nach dem Krieg rund 280.000 angebliche NS-Täter.x(5) Alliierte Besatzungsgerichte der Westzonen sprachen tausende von Verurteilungen aus, davon 800 Todesurteile, von denen mehr als 500 vollstreckt wurden.x(6) In Einzelfällen kam es auch zur willkürlichen Erschießung deutscher Passanten auf der Straße durch Besatzungssoldaten. Wie z.B. in einem Fall ohne Bestrafung des Täters.x(7) Selbst US-Offiziere in Frankfurt stellten fest: "The Germans fear American Gestapo".x(8)

Fazit

Der genannte Fachzeitschriftenartikel zeigt erhebliche Unkenntnis der historischen Fakten und Hintergründe alliierter Besatzungsherrschaft in Deutschland und zeichnet dabei ein abwegiges Bild des deutschen Alltags in den westlichen Besatzungszonen. Eine breit angelegte politische Säuberung des besiegten Gegners war vertraglich verabredetes Kriegsziel der Siegermächte. Das als "de-nacification" oder "re-education" bezeichnete Gehirnwäscheprogramm stammte von anglo-amerikanischen Theoretikern und offensichtlich schon ausweislich seiner Begriffe nicht unbedingt aus der Sowjetischen Besatzungszone, wo die Umerziehung etwas "handfester" und blutiger konzipiert wurde. Die im Zitat versuchte peinliche Mohrenwäsche für die westlichen Besatzungszonen geht vielleicht unausgesprochen von dem Maßstab aus, daß die Entnazifizierung dort weniger Todesopfer kostete als unter der Sowjetherrschaft. Die vielfach von politischem Fanatismus charakterisierten Maßnahmen wurden jedoch auch im Westen insgesamt radikal und meist ohne Sinn für gerechte Maßstäbe durchgeführt.

Belege


x(1)Nachweis der alliierten Beschlußlage
Im Abschlußprotokoll der Konferenz von Potsdam vom 1. August 1945, Kap. II - "The Principles to Govern...", Abschnitt A - "Political Principles", Absatz 6:
"All members of the Nazi Party who have been more than nominal participants in its activities and all other persons hostile to Allied purposes shall be removed from public and semi-public office, and from positions of responsibility in important private undertakings." Publiziert in: Foreign Relations of the U.S.Diplomatic Papers. The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945 Vol 2. Washington 1960, S.1482.

x(2) Berufsverbot im NS-Staat
Laut rückblickender Denkschrift des bayrischen Lehrervereins vom 10. Januar 1948, publiziert in Müller, Winfried: Schulpolitik in Bayern im Spannungsfeld von Kultusbürokratie und Besatzungsmacht 1945-1949. München 1995, S.71. Ebd., S.76 der Brief von Lehrer Otto E. vom 30. Januar 1948 mit dem Bericht über eine Entlassungsdrohung wegen fehlender Parteimitgliedschaft.

x(3) Entlassungszahlen
Laut Statistik der bayrischen Schulbehörde vom 25. September 1946, publiziert in: Müller, Winfried: Schulpolitik, a.a.O., S.71

x(4) Katholische Säuberungen
Laut Zentner, Ch: Das Dritte Reich. Bd. 5, o.O., o.J., S.231. Das Demokratieproblem laut Rupieper, Hermann-Josef: Die Wurzeln der westdeutschen Nachkriegsdemokratie. Der amerikanische Beitrag 1945-1952. Opladen 1993, S.120.

x(5) Massenverhaftungen
Deschner, G.: Entnazifizierung. In: Zentner, a.a.O., Bd. 5, S.225.

x(6) Fleißige Henker
Insgesamt "nur" 5.000 Verurteilungen für alle Westzonen laut Steinbach, Peter: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen. Berlin 1981, S.29. Laut Deschner in Zentner, a.a.O., S.230 f. sollen allerdings alleine nur in der US-Zone 6.000 Verhaftete zu Arbeitslager und Vermögenskonfiszierung verurteilt worden sein.
- Willy Brandt (=Herbert Frahm): Verbrecher und andere Deutsche:
"Ich habe mich nie zu einer Begeisterung für Todesurteile aufraffen können, aber so wie die Welt, in der wir leben, nun einmal ist, rechnete ich damit, daß es notwendig sein werde, eine ganz große Anzahl wertlosen nazistischen Lebens auszulöschen." Zitiert nach Peter Kleist: Wer ist Willy Brandt? Hannover 1970, S.26.
Sebastian Haffner: Vereinigte Staaten von Europa. In: World Review 10.12.1942:
"Aller Wahrscheinlichkeit nach bedeutet unser Sieg die Tötung von 500.000 jungen Deutschen, entweder durch ein summarisches Kriegsgericht oder ohne eine solche Zermonie."

x(7) Schützeneifer
Bericht eines Auslandskorrespondenten: "Ein Volk auf Abbruch" in der Schweizer Zeitung "Die Tat" vom 26.02.1947, publiziert auch in Zentner, a.a.O., S.253.

x(8) US-Gestapo
- Wochenbulletin der US-Militärverwaltung der Stadt Frankfurt/M. vom 8. September 1945. Zitiert nach Deschner in Zentner, a.a.O., S.225.
- New York World Telegram, 21. Januar 1946:
"So ist es nun einfach, die Amerikaner betrachten die deutschen Frauen als Beuteobjekte, genauso wie Photoapparate und Feldstecher."
Veröffentlichung: August 1999
+Nr.2: Die blasse Schuld+
 
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