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Nr.2: Die blasse Schuld

Ursachen des Balkanfeldzugs 1941

Nominierung

Thema: Deutsche Vergangenheit in der Balkanregion
Quelle: TV-Abendnachrichten: ARD am 23.07.1999, Nachrichtensendung "Tagesschau", 20,00 Uhr
Urheber: Gerhard Schröder, deutscher Bundeskanzler

Aussage

Ansprache an die deutschen KFOR Soldaten im Kosovo:
"Ihr Einsatz hat geholfen, die historische Schuld Deutschlands auf dem Balkan verblassen zu lassen."
Von welcher "historischen Schuld" ist hier die Rede? Durch welche historischen Fakten wird sie begründet? Daß dies nicht einmal mit einem exemplarischen Beispiel oder einem kursorischen Hinweis belegt wird soll heißen: "Jeder weiß, was gemeint ist". Die Aussage wird wohl so zu verstehen sein: "Jetzt stehen deutsche Soldaten im Kosovo. Früher waren sie da schon einmal und sind schuldig geworden. Denn früher haben sie dort gegen die Menschen gekämpft, heute kämpfen sie für sie. Dadurch verblasst diese Schuld." Falls diese Lesart der Ansprache stimmt, stimmt sie nicht, jedenfalls nicht historisch.

Tatsachen

Anti-deutsche Demonstrationen in Belgrad im März 1941
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Kriegsursache
Der Krieg des Deutschen Reiches gegen Jugoslawien 1941 entsprach grundsätzlich den völkerrechtlichen Regeln. Der von serbischer Seite provozierte Kriegsanlaß war ein Militärputsch der Generäle Mircovic und Simovic am 27.03.1941. Er stürzte die jugoslawische Regierung unter dem Prinzregenten Paul, der am 25. März in Wien dem Bündnispakt mit Deutschland, Italien und Bulgarien beigetreten war. Hinter dem Putsch werden sowjetische Einflüsse angenommen.x(1) Nach dem Staatsstreich jubelte in Belgrad die seit der k.u.k. Monarchie traditionell antideutsch eingestellte serbische Bevölkerung auf der Straße: "Lieber Krieg als Pakt".x(2) Am 5. April wurde von Serbien doch wieder ein Pakt geschlossen, allerdings mit Sowjetrußland.x(3) Der serbische Wunsch "Lieber Krieg als Pakt" ging gleichwohl am 6. April in Erfüllung.

Verursacherschuld
Daß der deutsche Balkanfeldzug von 1941 ein Angriffskrieg war, ist dabei ohne Bedeutung. Denn auch Napoleons Kriege waren nach diesem Verständnis sämtlich Angriffskriege und Napoleon wird bis heute als bedeutender europäischer Staatsmann und Stratege geachtet und in Frankreich als der "große Korse" verehrt. Der Angriffskrieg als moralischer Wertbegriff wurde erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Siegern propagiert und war bis dahin kein Bestandteil des Kriegsvölkerrechts. Eine nachträgliche Anwendung ist daher nicht möglich.
Mit dem von der UdSSR eingefädelten Putsch in Belgrad war zudem der deutsche Verbündete Rumänien von West und Ost umstellt und damit die dt. Erdölversorgung vom guten Willen Stalins abhängig. Das war ein Sicherheitsproblem in einer Zeit, wo Deutschland im Krieg mit den Westmächten stand. Wenn Stalin sich ihnen anschloß, waren die Vorgänge in Belgrad für Deutschland schicksalsentscheidend. Sowjetrußland hatte zuvor innerhalb von einem Jahr drei Angriffskriege geführt und dehnte sein Machtgebiet weiter aus, offensichtlich auch auf dem Balkan. Daß der Pakt zwischen Hitler und Stalin keine Sicherheit vor sowjetischer Gefahr bot, beweisen Geheimverhandlungen zwischen der UdSSR und England gegen Deutschland, von denen selbst der dt. Botschafter in Moskau, v.d.Schulenburg, um den Juni 1941 gerüchteweise Kenntnis erlangte.x(4) Der dt. Angriff war somit keine Eroberungswillkür, sondern direkte Reaktion auf konkrete Bedrohung in einer Kriegskonfliktlage. Jugoslawien war jedenfalls kein harmloses Opfer, das mit dem Putsch lediglich seinen inneren Angelegenheiten frönte.
Der Angriff 1941 wurde von deutscher Seite auch nicht gegen das Kosovo, nicht gegen seine Bewohner und erst recht nicht gegen die Albaner gerichtet. Im Gegenteil wurden die deutschen Besatzungstruppen von den Albanern als Befreier betrachtet, da Serbien damals schon andere Volksgruppen in Jugoslawien unterdrückte.x(5)

x Es ist 1999 im Kosovo also nicht so, daß eine frühere deutsche Schuld "verblaßt", weil deutsche Soldaten nun das Gegenteil tun von dem, was sie früher schuldig machte. Zumindest im lokalen Rahmen des Kosovo tun sie vielmehr etwas ähnliches wie früher und treffen dabei auf eine ähnliche Reaktion wie früher unter der albanischen Mehrheit im Kosovo.

Kriegsverbrechen?
Die nach dem Krieg als Verbrechen verhandelte deutsche Bombardierung Belgrads am 6. April 1941 (Operation "Vergeltung") richtete sich trotz anderslautender Weisung Hitlers gegen militärische Ziele und führte zu insgesamt 1.500 Toten, darunter auch Zivilisten. Dieser andere Orientierung auf militärische Ziele entgegen OKW-Befehl verantwortete der kommandierende deutsche General Löhr. Dennoch wurde er von einem jugoslawischen Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zur Orientierung: Die anglo-amerikanische Bombardierung Dresdens mit über 250.000 getöteten deutschen Zivilisten war ausdrücklich gegen diese und gegen die Flüchtlinge aus dem Osten gerichtet und wurde nie als Kriegsverbrechen verhandelt.x(6) Ihrem Veranwortlichen, Arthur Harris, wurde für seine Kriegstaten noch über vierzig Jahre danach ein Ehrendenkmal in London gewidmet, das bis heute dort steht.

x Warum führt die Verantwortung für 1.500 serbische Bombentote zum Todesurteil und die für 250.000 deutsche Bombentote zum Ehrendenkmal?

Fazit

Die Sinndeutung von Schröders Ansprache im lokalen Rahmen des Kosovo ist zwingend. Denn anderenfalls und angewandt auf Serbien wäre die Aussage logisch widersprüchlich. Dann hieße der Sinn, daß die frühere deutsche Schuld des Angriffs auf das serbisch dominierte Jugoslawien dadurch "verblaßt", daß deutsche Truppen noch einmal serbische Truppen angreifen und bekämpfen, ebenso auch wieder serbische Städte. Dies verstehe dann wer will. Und worin die frühere Kriegsschuld bestehen könnte, bleibt überhaupt ungeklärt.

Belege


x(1)Der Putsch
Färber, Mathias: Zweiter Weltkrieg in Bildern Stuttgart 1990, S.138 f.

x(2) Serbischer Kriegswunsch
Winhold, Erich: Nach Belgrad und Athen. In: Zentner, Ch. (Hrsg.): Das Dritte Reich, Bd. 3. Hamburg, o.J., S.58.

x(3) Der Rußlandpakt
Jacobsen, H.A./Dollinger, H.: Der Zweite Weltkrieg in Bildern und Dokumenten. Wien-Basel 1963, S.267.

x(4) Geheimverhandlungen
Suworow, Viktor: Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül. Stuttgart 1989, S.270, Bezug: Istorija Vtoroj Mirovoj vojny. (Geschichte d. Zweiten Weltkriegs) Moskau 1973-1982, Bd. 3, S.352. Deutsche Kenntnis: Telegramm v.d.Schulenburg an Ribbentrop Nr.1368 vom 13.06.1941. Schon am 24. April dieses Jahres hatte der dt. Marine-Attaché Baumbach in Moskau mit "Gerüchten" zu kämpfen, die über einen bevorstehenden Krieg zw. beiden Ländern munkelten: Suworow/Eisbrecher, S.273, Bezug: Telegramm Nr. 34112/110 für die dt. Kriegsmarine.

x(5) Deutsche und Albaner
Bartl, Peter: Die Albaner. In: Weithmann (Hrsg.): Der ruhelose Balkan. München 1993, S.6-204, zur Haltung der albanischen Bevölkerungsgruppe im Kosovo S.194.

x(6) Opfer von Dresden
Die Schätzung der Opferzahl der Bombardierung von Dresden (275.000) laut Internationalem Komitee vom Roten Kreuz in Zayas, Alfred M. de: Anmerkungen zur Vertreibung. Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1986, S.217. Weitere Opferschätzungen in Nawratil, Heinz: Schwarzbuch der Vertreibung 1945-1948. Das letzte Kapitel unbewältigter Vergangenheit. München 5/1999, S.215 f.
Veröffentlichung: August 1999
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