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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.3: Teure Löschung

Reparationszahlungen: Konferenz Lausanne 1932

Nominierung

Thema: Die Reparationslasten des Deutschen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg
Quelle: Fachbuch: Schlaglichter der deutschen Geschichte. Sonderausgabe für die Landeszentralen für politische Bildung. Brockhaus-Verlag, Mannheim 1990, Sn. 239, 249 - Beiträge Nr. 10.18 und 10.30
Urheber: Buchautor Helmut M. Müller, mitwirkende Berater Prof. Dr. Karl Friedrich Krieger, Prof. Dr. Hanna Vollrath sowie die Redaktion von Meyers Lexikon

Aussagen

"Der Young-Plan wurde indessen im Zuge der Weltwirtschaftskrise durch das Abkommen von Lausanne vom 9. Juli 1932 aufgehoben, das bei einer Restschuld von 3 Milliarden Mark die deutschen Reparationsschulden löschte." (S.249)
"Erst die Konferenz von Lausanne im Sommer 1932 brachte eine Beendigung der Reparationszahlungen."
(S.239)

Tatsachen

Widerspruch
Entweder ist die Zahlungspflicht einer Schuld zuende oder sie ist es nicht. Zwischen beiden Möglichkeiten ist kein sinnvolles Mittelding möglich. Laut Zitat a) war ab 1932 die Schuld "gelöscht", doch bleibe eine "Restschuld". Das ist ein Widerspruch in sich. Eindeutiger ist b): als kausale Folge des Abkommens und seiner Vertragsbedingungen endeten sämtliche deutschen Reparationszahlungen ("Die Konferenz ... brachte"). Dann muß es sich also um ein großzügiges und erfreuliches Abkommen gehandelt haben. Aber was ist denn nun mit der Restschuld?

xTendenz der Darstellung
Bewertung: "der Rechtsextremist Alfred Hugenberg" (S.249). Hugenberg war Vorsitzender der DNVP (Deutschnationale Volkspartei). Da der Chef der Kommunistischen Partei (KPD), Ernst Thälmann, keineswegs analog als "Linksextremist" bezeichnet wird, liegen ungleiche sprachliche Bewertungsmaßstäbe vor. Beide Parteien hatten ausweislich ihrer allgemein bekannten Wahlplakate das Ziel, die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik abzuschaffen. Die KPD zeigte solche Absichten eher deutlicher als die DNVP. Ein KPD-Wahlplakat 1932: "Schluß mit diesem System !". Durch den ungleichen sprachlichen Bewertungsmaßstab wird den Lesern hingegen nahegelegt: Wenn die DNVP unter Hugenberg die Demokratie bekämpft, ist das "rechtsextremistisch", wenn die KPD unter Thälmann das gleiche tut, ist das in Ordnung.

Zeitgen. Darstellung in der "Reparationsfibel", Zeichnung von Th. Heine
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Vorgeschichte der Reparationen
Der Friedensvertrag von Versailles legte 1918 noch keine genaue Summe der künftigen Reparationen fest. Dies sollte erst später nach genauer Prüfung und durch ein Ergänzungsabkommen geschehen. Der Kriegsverlierer Deutschland hatte aber schon pauschal den noch unbekannten Summen zuzustimmen.
Das erste konkrete Gebot auf der Auktion für Kriegsbeute lag schon 1918 vor durch die Hughes-Cunliff-Commission. Nach Abschluß ihrer Beratungen und Berechnungen forderte sie von Deutschland eintausend Milliarden Mark Entschädigung in handlichen Raten von 50 Milliarden Mark jährlich.x(1) Alleine nur von 1920 bis 1924 folgten 25 weitere Konferenzen zur Reparationsfrage.x(2)
Stufenweise konnten die Forderungen heruntergehandelt werden, während die Zahlungen und Konfiskationen seit 1918 im Gange waren. Nach dem Dawes-Plan (132 Mrd. Mark) legte das folgende Young-Abkommen von 1929 eine Reparation fest von 37 Mrd. Goldmark in großzügig gestreckten 59 Jahresraten bis in das Jahr 1988. Doch schon im August 1931 blieben die deutsche Zahlung aus wegen der dramatischen Wirtschaftskrise des Landes.

Konferenz von Lausanne
Die Konferenz von Lausanne 1932 war eine Reaktion darauf und sollte die Zahlungsrichtlinien der neuen Situation in der Weltwirtschaftskrise anpassen. Sie brachte tatsächlich KEIN Ende der Forderungen und Zahlungspflichten, sondern lediglich ihre weitere Reduzierung. Von einer angeblichen "Löschung" wie im Zitat kann also keine Rede sein. Von der anscheinenden Reduktion in Höhe von 34 Mrd. Mark sind außerdem korrekterweise die bis zu Lausanne schon geleisteten deutschen Zahlungsraten zwischen 1929 und 1931 abzuziehen, deren Höhe in der gängigen Literatur jedoch nicht feststellbar ist.x(3)
Die verbleibende Restschuld von 3 Mrd. Mark klingt nur dann und nur anscheinend als wenig
x wenn man sie vergleicht mit den früheren abwegigen Summen
x wenn man nicht weiß, daß eine damalige Deutsche Goldmark mehr wert war als eine heutige DM
x wenn man den Staatshaushalt des wohlhabenden Industriestaats Bundesrepublik unbewußt als Vergleichsmaßstab nimmt.
In Wirklichkeit war diese Restschuld von Lausanne so hoch, daß das damals wirtschaftlich ruinierte Land sie nicht gleich aufbringen konnte.

x Lesern des offenbar mit Steuergeldern finanzierten Buches "Schlaglichter der deutschen Geschichte" wird im genannten Artikel nahegelegt, daß die Reparationspflicht bei einem "sooo kleinen Rest" doch "praktisch gelöscht" gewesen sei. Das ist eine zumindest fragwürdige subjektive Bewertung und keine historische Tatsache. Im Gegenteil hat Deutschland diese Tribute noch bis ins 21. Jahrhundert weiter abgezahlt, auch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der nominierten Behauptung.

Ende der Reparationen?
Ein vorläufiges Ende der fragwürdigen Reparationstribute brachte die NS-Machtergreifung und der Untergang der Weimarer Republik. Im Jahr 1934 stellte die Reichsregierung unter Hitler sämtliche deutschen Zahlungen ohne Diskussion ein. Bis dahin sind schätzungsweise 68 Milliarden Goldmark Reparationen gezahlt worden.x(4) Damit sind im wesentlichen die reinen Geldzahlungen beziffert. Die Gesamthöhe der geleisteten Entschädigungen ist schwer ermittelbar wegen der unklaren Bewertung der ausgelieferten oder konfiszierten Rohstoffe, Exporte, Sachwerte, Patente und Rechte. In den chaotischen Zeiten direkt nach Kriegsende wurde wahrscheinlich auch keine exakte Buchführung geleistet. Während der französischen Besetzung von Ruhr, Saar und Rheinland wurde das Land als Selbstbedienungsladen ohne Kasse benutzt. Eine Bewertung der Verluste wirtschaftlicher Sachwerte und Vermögen aus den nach dem Krieg verloren gegangenen Reichsgebieten Westpreußen, Eupen-Malmedy, Nordschleswig, Memelland und Elsaß-Lothringen, sowie aus den unter die Kriegssieger verteilten deutschen Kolonien und Arktisgebieten ist ohnehin offiziell nicht bekannt und vermutlich auch nie versucht worden.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ende des NS-Staats fingen die Reparationszahlungen wieder an. Deutschland sollte noch bis zum Jahr 2020 regelmäßig Bußgeld an die ehemaligen Siegermächte zahlen für eine Kriegsschuld aus dem Ersten Weltkrieg 1914-18, die offenbar nur darin besteht, der Verlierer gewesen zu sein.x(5)

x Ein Ende skandalöser Tributzahlungen hatte es tatsächlich gegeben. Aber nur während der Zeit des NS-Staats.

Fazit

Es trifft zu, daß es den Demokraten der Weimarer Republik gelang, die Entschädigungsforderungen in Verhandlungen zu senken. Doch solange zweifelhaft bleibt, welches Recht die Sieger des Krieges überhaupt zu derartigen Forderungen hatten, bleiben die Zahlungen insgesamt und damit auch die Restschuld von Lausanne ein Problem der Gerechtigkeit. Daß dies ein wichtiges Argument rechter Parteien in der Weimarer Republik wurde, insbesondere der NSDAP, ist für die objektive Beurteilung des Zusammenhangs grundsätzlich unerheblich.
Man kann zwar sagen, daß die Schuldlast durch die Weimarer Verhandlungspolitik (=Senkungen) leichter wurde, man kann aber ebensogut auch sagen, daß die beutebeflissenen Sieger durch die Weimarer Erfüllungspolitik (=Zahlungen) letztlich doch erreichten, was SIE wollten, nämlich finanziellen Profit aus fragwürdigem Anspruch. Die großzügigen Senkungen waren insofern kluge Sicherung der Zahlungsfähigkeit einer Einnahmequelle, die mit reduzierten aber regelmäßigen Zahlungen immer noch mehr Profit bot als mit ihrem Bankrott.
Die angebliche "Löschung" der Schulden in Lausanne 1932 ist hingegen eine historisch gänzlich abwegige Behauptung innerhalb einer Darstellung mit auch sonst erkennbarer politischer Tendenz. Auch andere Publikationen zu diesem Thema versuchen fälschlich zu vertuschen, daß die skandalösen Tribute noch bis Anno 2020, also insgesamt 100 Jahre lang gezahlt werden.
Hinweis auf Kompetenz und Qualität der genannten Publikation gibt ein weiterer Prämierungsvorschlag.

Belege


x(1) Die Cunliff-Commission
Freund, Michael: Deutsche Geschichte. Gütersloh 1961, S.557.

x(2) Die 25 Konferenzen
Hoffman, Joachim: Spiegel der Zeiten, Lehr- und Arbeitsbuch für den Geschichtsunterricht. Bd. 4, Frankfurt/M. 1975, S.35

x(3) Lausanne und die Datierung der Zahlungseinstellung
Schmid, Heinz-Dieter (Hrsg.): Fragen an die Geschichte. Geschichtliches Arbeitsbuch für die Sekundarstufe 1. Band 4, Frankfurt o.J., S.29.

x(4) Die Gesamthöhe und das Ende der Zahlungen
Steffan, Harald: Vom armen Teufel zum Herrn über Deutschland. Hitlers Lebensgeschichte Teil IV - Die Legende vom Dolchstoß. In: Zentner, Ch. (Hrsg): Das Dritte Reich, Bd. 1, S.383.

x(5) Ein Jahrhundert Dummen-Steuer
Magazin "Der Spiegel" 11/2000, 13. März 2000, Autoren Christoph Mestmacher, Fritjof Meyer, Klaus Wiegrefe: Reparationen - Elegant verschleiert - Für den Zweiten Weltkrieg hat Deutschland nicht genug bezahlt ­ so sieht es die US-Regierung.
"Die Bundesregierung zahlt ohnehin noch immer an Reparationsschulden von 1919 fast zehn Millionen Mark im Jahr ab ­ bis 2020."
Veröffentlichung: September 1999
+Nr.2: Die blasse SchuldNr.4: Protokollfragen+
 
13.03.2018-00 Impressum 2,19
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