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Nr.9: Arme Hexen

Hexenprozesse: Hexenhammer und Massenprozesse

Nominierung

Thema: Die gerichtliche Verfolgung angeblicher Zauberei.
Quelle: Fachbuch: Die Geschichte der Eifel. In: Houben, Arne / Mirkes, Dietmar: Die Eifel. Köln 1990, S.75-89, hier S.85.
Urheber: Arne Houben

Aussage

"Von der Scholastik wurde auch die Hexerei als Glaubensabweichung (Teufelsbund) und Ketzerei definiert und fiel damit unter den Aufgabenbereich der Inquisition. Breite Wirksamkeit bekam diese Erkenntnis durch die 'Hexenbulle' des Papstes Innozenz VIII. und die Ausführungsbestimmungen, die in seinem Auftrag die Kölner Dominikaner Institorius und Sprenger unter dem Namen 'Hexenhammer' veröffentlichten (1487). ... In Deutschland wurde unter dem Segen der Kirche über eine Millionen meist weiblicher Opfer aufs grausamste gefoltert und umgebracht."

Tatsachen

Ketzerlehre
Die mittelalterliche Scholastik war die Schul-Lehre (lat. schola=Schule) theologischen Wissens, gegründet auf logische Erkenntnisgewinnung (Heuristik) und die Textgrundlage kanonischer Schriften (Canon, geprüfter Textfundus). Der Aberglaube als Hinwendung zu anderen Mächten galt aus Sicht der Kirche immer als Idolatrie (Götzenverehrung) und damit als ein Glaubensvergehen. Diese Auffassung wird heute meist mit dem unspezifischen Sammelbegriff "Ketzer" belegt. Er stammt von der Bezeichnung der Sekte der "Katharer" (die Reinen).
Die Zauberketzerei war also keine spezielle Entdeckung der Scholastik sondern war Lehre seit der Urkirche und den Schriften der Kirchenväter. Ihre Verfolgung kann letztlich bis auf Texte der Bibel zurückgeführt werden, wie dies auch im Buch "Hexenhammer" unternommen wird. Die Bibelberichte über Teufel, Dämonen und Zauberei reichen von den mosaischen Schriften des Alten Testaments bis zu den Apostelbriefen des Neuen Testaments. Ähnlich wie bei Martin Delrios Werk über das Zauberlaster wird vor allem im ersten Buch des Hexenhammers auf ein breites Spektrum von kanonischen Zitaten von Eusebius bis Augustinus zurückgegriffen, wobei Delrio mit mehr als eintausend Literaturzitaten in seinem Buch vermutlich in Führung liegt.x(1)

x Daß die Anbetung teuflischer Mächte aus der Sicht christlicher Lehre glaubenswidrig ist, war auch in der Scholastik keine neue Erkenntnis mehr, entsprechende Lehrwerke und Verfügung daher lediglich zusammenfassende Erinnerung an eine Offenkundigkeit.
Justizstrukturen x

Ketzerjustiz
Die empirisch nicht überprüfbaren Aussagen theologischer Lehre bieten immer viel Raum für gegensätzliche Ansichten. In der Kirche entstand daher seit ca. dem 13. Jh. die Institution der Inquisition (lat. inquirere = befragen, verhören) geschaffen, um gültige Lehre zu schützen und von Abweichungen zu trennen. Dies wird vornehmlich mit dem Dominikanerorden in Verbindung gebracht, der sich besonders der Bewahrung christlicher Lehrinhalte widmete. Es sind allerdings auch Inquisitoren der Franziskaner bekannt. In der Phase der sog. "Hexenprozesse", also den Massenverfahren in der Frühen Neuzeit ab etwa 1550, gab es bereits lange eine Trennung zwischen der Justizkompetenz von Kirche und Staat. Die Kirche durfte Glaubensvergehen in eigenen Gerichten beurteilen (Send, Synod), aber keine Strafen an Leib und Leben verhängen. Kirchliche Sendgerichte konnten nur symbolische Strafen verhängen wie Bußübungen oder geistliche Strafen wie Ausschluß von Sakramenten oder Kirche. Das ausschließliche Recht zur Tortur und Leibstrafe oblag den weltlichen Gerichten. Sie verurteilten Ordnungswidrigkeiten in örtlichen Marckgerichten oder Straftaten in landesherrlichen Hochgerichten. In den weltlichen Gesetzen waren allerdings auch Strafen für Ketzerei möglich. Die Zauberei galt als eine der schlimmsten Übeltaten (maleficium), für die sich ein eigener Fachbereich der weltlichen Justiz ausprägte, die Malefizjustiz.
Eine direkte Verbindung zwischen Inquisition und Malefizjustiz, wie im Zitat oben unterstellt, liegt hier also grundsätzlich nicht vor. Zauberei fiel als Vergehen zwar in beide Zuständigkeiten (delictum mixti fori), konnte aber nur weltlich drastisch bestraft werden.x(2)

x Die durch Inquisition untersuchte Abweichung von Ideen oder Praktiken von Grenzmarken für christlichen Glauben war eine Verfahrensmethode, die formal keine Verbindung zur Strafjustiz eines Staates hatte.
Albrecht Dürer: Die Hexe
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Hexenbulle / Kirchensegen
Unter einer "Bulle" wird meist eine päpstliche Verfügung verstanden, wobei der Begriff sich auf das Siegel des Dokuments bezieht, das zur besseren Haltbarkeit in eine Kapsel eingebettet war (lat. bulla=Kapsel). Von 1258 bis 1526 werden 47 päpstliche Erlasse gegen Zauberei gezählt, die Bulle Innozenz VIII. war dazu also nichts Neues.x(3) Sie war insbesondere keine "Hexenbulle", sondern trug nach üblichem Brauch als Titel die ersten Worte des Textes, hier also "Summis Desiderantes" (Bulle vom 5. Dezember 1484). Das wortschäumende Geschwätz dieser Bulle bietet aber nur wenige Inhalte: Klage über Aberglaube und Übeltaten deutscher Christen "BEIDERLEI GESCHLECHTS" (quamplures utriusque sexus personae), Bestätigung von Sprenger und Institoris als Inquisitoren für Oberdeutschland um dies zu korrigieren, Auftrag an den Straßburger Bischof, beide in ihrer Arbeit zu unterstützen. Von einem "Auftrag" zum Schreiben des Hexenhammers, wie im Zitat behauptet, ist in der Bulle keine Rede. Es ist auch sonst kein Beleg für diesen angeblichen Auftrag bekannt, der Autor des Zitats nennt auch keinen.
Von einem Segen "DER Kirche" für die Hexenverfolgung kann insgesamt kaum die Rede sein. Denn diese Massenverfolgung fiel in die Zeit nach der Reformation, wo zu fragen wäre, wer diese Kirche denn gewesen sein soll. Es gab eine lautstärkere und sicher auch umfangreichere Gruppe von Klerikern, die als Beichtiger, als Prediger, als Fürstbischöfe oder als Buchautoren für die Justizverfolgung von Zauberei plädierten (Delrio, Ostermann, Binsfeld, Agricola, Institor, Fürstbischof von Augsburg). Doch gab es ebenso Kleriker, die das Gegenteil taten (Spee, Stappert, Fürstbischof von Kurmainz). Die Kirche war zu dieser Frage gespalten. Der General des Jesuitenordens zum Beispiel hatte mit Delrio, Ostermann und Spee Vertreter der beiden Konträrpositionen zugleich in seiner Gemeinschaft. Im Interesse des Friedens verpflichtete er alle seine Kleriker zur strikten Neutralität in dieser Frage. Die Auslöser für Verfahren vor der weltlichen Justiz waren meist die Bürger selbst, nicht Kleriker oder die Kirche.x(4)

x Die im nominierten Zitat gebotene Behauptung eines angeblichen Auftrags der Kirchenhierarchie zur Hexenjagd ist eine sinnlose Unterstellung ohne Beleg.
Eine der vielen Ausgaben des Malleus, hier: von 1520
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Hexenhammer
Als Autoren des Buches werden meist zwei Dominikaner genannt. Die richtige Schreibweise des Autoren-Namens ist laut Bulle "Institor" und nicht "Institorius" wie im Zitat genannt. Dabei handelt es sich um Heinrich Kremer/Cramer, der seinen Namen entsprechend der Zeitmode latinisiert hatte.x(5) Institor war kein Bürger der Reichsstadt Köln, sondern wirkte im süddeutschen Raum, hielt sich zum Zweck der Veröffentlichung des Buches aber einige Zeit in Köln auf. Während seiner Amtszeit in Süddeutschland entging er nur knapp einer Verurteilung wegen Unterschlagung von Ablaßgeldern.x(6) Wegen Beleidigung des Kaisers war er einige Zeit inhaftiert, um seine Person entstand häufig Streit, auch innerhalb seines Ordens. Er ist nach derzeitigem Kenntnisstand der einzige Verfasser des Hexenhammers.
Über die Mitwirkung des damals bekannten Theologen Sprenger am Hexenhammer gibt es keinen anderen Beleg als die Benutzung des Namens durch Institor und spätere Drucker. Sprenger soll immerhin ein Vorwort zum Hexenhammer verfaßt haben, doch laut erhaltener Dokument hat er zu Lebzeiten - und damit während der Erfolgsphase der Buchveröffentlichung - entschieden jede Mitwirkung daran bestritten. Sein damals bekannter Name diente jedoch als Verkaufsargument für das Buch und als Ausweis für die angebliche Qualität des Inhalts.x(7) Als Vorspann des dreibändigen Werkes wurden zwei Gutachten der Kölner Theologenfakultät vorangestellt. Das erste ist zurückhaltend und wenig befürwortend, das zweite, deutlich positive, wurde von Institor gefälscht.x(8)
Dem Inhalt nach ist der Hexenhammer alles andere als eine "Ausführungsbestimmung" zur päpstlichen Bulle. Er enthält vielmehr:
Buch eins (216 S.) - Zauberei, Teufel und Teufelsdiener,
Buch zwei (273 S.) - Arten und Wirkungen von Zauberei, Maßnahmen zur Abwehr und Behebung,
Buch drei (228 S.) - Anleitungen zur gerichtlichen Verfolgung der Zauberei.
Das Werk ist insgesamt ein sehr umfangreiches gelehrtes Kompendium aller damals relevanten Aspekte des Themas. Die im Zitat genannten "Ausführungsbestimmungen" umfassen also kaum mehr als ein Drittel des Textvolumens. Sein Inhalt besteht über weite Passagen aus der Übernahme einer älteren Inquisitions-Instruktion des mittelalterlichen Mönchs Eymerich. Da das Buch zeitlich nach Niederlegung der Bulle angefertigt wurde, kann diese den Inhalt logischerweise nicht legitimieren. Es gibt Hinweise darauf, daß der Papst die Bulle auch nicht selbst verfaßt hatte, sondern daß Institor eine eigene Textvorlage von ihm legitimieren ließ.

x Der fleißige aber ansonsten einzige Verfasser des Hexenhammers war Heinrich Kramer, der zur Verkaufsförderung seines Werks auch Empfehlungsschreiben fälschte.

Opfer
Aus fahrlässig unwissenden Behauptungen ist der Eindruck entstanden, als ob Frauen spezielle Opfer von grausamen Foltern und Hinrichtungen waren. Die Opfer von Malefizprozessen, wozu auch Männer und Kinder zählten, wurden jedoch überwiegend wie andere Delinquenten von Strafgerichtsverfahren jener Zeit behandelt. Weder in Malefizprozessen noch in der Behandlung von Frauen lag ein Sonderfall vor, Tortur und Todesstrafen waren damals justizüblich. Die Ansicht, daß ein grundsätzliches Übergewicht weiblicher Opfer als "Frauenverfolgung" zu verstehen sei, ist eine bis heute umstrittene und insgesamt unbewiesene These. In Regionalstudien wird häufig festgestellt, daß Aberglaube und Zaubervorwürfe damals am meisten von Frauen verbreitet wurden, was darauf hindeutet, daß diese sich selbst gegenseitig in den Tod gerissen hatten.
Die niemals mehr genau zu ermittelnde Zahl der Opfer (=> Hexenseite" hat durch gründliche Detail- und Regionalstudien in letzter Zeit dramatische Korrekturen erfahren. Während der Zeit des preußischen Kulturkampfes gegen die katholische Kirche Ende des 19. Jhs. begannen die Auktionsgebote mit "mehreren Millionen" Opfern. Sie waren 1980 bei hunderttausend Opfern angelangt, 1987 bei der Hälfte des vorigen Gebots. Die letzte Präzisierung von 1995 mit rund zwanzigtausend Opfern im Alten Deutschen Reich ist bislang Stand der Forschung geblieben.x(9)

x Auch die vermeintliche Opferzahl der fahrlässig daherschwätzenden Autoren ist eine vermutlich woanders abgeschriebene Erfindung ohne Faktengrundlage.

Fazit

Das Zitat erzeugt einen falschen Eindruck über den historischen Gegenstand. Die angebliche Hexenbulle begründete nicht die scholastische Lehre über Zauberei sondern stand in deren Tradition. Die Bulle war auch nicht der Verbreiter dieser Lehre sondern dies war vornehmlich der oft verlegte Hexenhammer. Dieser war zudem nicht im Auftrag des Papstes geschrieben und wird auch nicht durch die Bulle legitimiert, deren Text Cramer vermutlich selbst verfaßte. Es gab keine einheitliche Haltung der Kirche zur Frage der Zauberverfolgungen von 1550-1650. Ebenso wie zur Frage der Reformation herrschte Spaltung und Meinungsstreit. Der Hexenhammer ist auch grundsätzlich keine "Ausführungsbestimmung" der Bulle sondern eine umfangreiche theoretische Abhandlung des Gesamt-Themas; deshalb fand er auch so große Verbreitung. Geschrieben hat das Buch nur Heinrich Kramer, der "Institor" hieß und nicht der Theologe Sprenger. Kramer war kein Kölner sondern süddeutscher Herkunft. Die Opfer wurden in Malefizprozessen nicht prinzipiell grausamer behandelt als alle Delinquenten von Strafprozessen, auch hinsichtlich der weiblichen Opfer liegt keine substanzielle Besonderheit vor. Die tatsächliche Opferzahl lag nur bei einem Bruchteil des im Zitat angegebenen Umfangs.
Kompetenz im Umgang mit Geschichte und mit dem speziellen Thema ist in diesem Schüleraufsatz nicht zu erkennen. Dies zeigt auch ein weiterer Prämierungsvorschlag.

Belege


x()Kirchenlehre
Nix, Dietmar: Die Wehmütige Klage des Hermann Löher. Erträge einer Kurkölner Quelle zur Geschichte der Zauberprozesse. Hoffeld 1996, S.158-181 mit Literaturangaben. Tausend Zitatquellen bei Delrio laut Fischer, Edda: Die 'Disquisitionum Magicarum libri sex' von Martin Delrio als gegenreformatorische Exempel-Quelle. Frankfurt 1975.

x(2) Justiz-Zuständigkeiten
Nix, a.a.O, S.17-44 mit Literaturangaben.

x(3) Viele Erlasse
Schmidt, J.W.R.: Vorwort zum Hexenhammer. In: Sprenger/Institoris: Der Hexenhammer. München 1993, S.VII bis XLVII, hier S.XIII.

x(4) Verantwortung der Kirche
Nix, a.a.O., Kap. 6, S.207-281 mit Beispielen und Literaturangaben.

x(5) Name "Kremer"
Heinrich Kremer/Cramer hatte nach damaligem Brauch seinen Namen latinisiert zu Institor (lat. Händler). Die deutsche Fassung seines Namens ist belegt in einem Briefwechsel mit der Stadt Nürnberg: Stadtarchiv Nürnberg, Ratsverlässe, z.B. 269 fol. 14: Anordnung Ratsherr Ulrich Grundher.

x(6) Unterschlagung
Schmidt, a.a.O., S.XLI.

x(7) Sprengers Vorwort
Ebd. Über Sprengers Abstreitung seiner Mitwirkung neue Quellenfunde von Wolfgang Behringer wie vorgestellt auf der Fachtagung des AKIH in Stuttgart, Frühjahr 2000.

x(8) Gefälschtes Gutachten
Roeck, Bernd: Christlicher Idealstaat und Hexenwahn. Zum Ende der Europäischen Verfolgungen. In: Historisches Jahrbuch Nr. 108 / 1988, S.379-405. Laut Kenntnis von Schmidt, a.a.O. sorgte Institor dafür, daß die gefälschte Fassung nicht in den Druckausgaben des Buches für den Kölner Raum beilag, um eine Entdeckung der Fälschung zu verhindern.

x(9) Opferzahlen
Millionen: Diefenbach, Johann: Der Hexenwahn vor und nach der Glaubensspaltung in Deutschland. Mainz 1886, S.169. Hunderttausend: Schormann, Gerhard: Hexenprozesse in Deutschland. Göttingen 1981. Fünfzigtausend: Behringer, Wolfgang: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit. München 1987, S.8. Zwanzigtausend: Schwerhoff, Gerd: Vom Alltagsverdacht zur Massenverfolgung. Neuere deutsche Forschungen zum frühneuzeitlichen Hexenwesen. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 46/1995, S.365. Letzterem Ansatz folgt auch Behringer, a.a.O., S.194.
Veröffentlichung: November 1999
+Nr.8: Echt überraschendNr.10: Der Super-Bruch+
 
16.10.2018-13 Impressum 2,53
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