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Nr.15: Stufengleich

Politik & Kunst: Evangeliar Heinrichs des Löwen 1188

Nominierung

Thema: Motive für Kirchenstiftungen am Beispiel des Evangeliars Heinrichs des Löwen 1188
Quelle: Fachbuch: Carolus Magnus. Studien zur Darstellung Karls des Großen in der deutschen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts. In: Bibliotheca Germanica Nr. 19. Bern-München 1977, S.121.
Urheber: Karl-Ernst Geith

Aussage

"Hermann von Helmarshausen hat im Krönungsbild und in den anderen Darstellungen seines Evangeliars nicht nur das Selbstverständnis Heinrichs des Löwen 'im Vollbesitz der Möglichkeiten seiner Zeit bildhaft gestaltet', sondern dieses Selbstverständnis auch ausdrücklich in der Wendung von der 'stirps imperialis' (kaiserliches Geschlecht) und der Bezeichnung des Herzogs als 'nepos Karoli' (Neffe Karls des Großen) formuliert. ... Während man bei der süddeutschen Linie der Welfen die Kontinuität des Geschlechts im Anschluß an das Kaiserhaus suchte, setzte im Norden Heinrich d. Löwe durch die Berufung auf Karl eine neue Form der Tradition und des Selbstverständnisses und stellt sich durch die Entscheidung für das gleiche Mittel der politischen Propaganda auf die gleiche Stufe wie der Kaiser."

Herzog Heinrich der Löwe hatte also die Stiftung eines Evangeliars benutzt, um sich in einem propagandistischen Bild wie ein König oder Kaiser eine Krone aufsetzen zu lassen und damit aller Öffentlichkeit zu verkünden, daß er auch bald ein solcher werden will. Das religiöse Kunstwerk diente damit als eine Frühform des politischen Wahlplakats und als Agitationsmittel zur Durchsetzung eines Herrschaftsanspruchs.

Tatsachen

Evangeliare
Unter einem Evangeliar versteht man ein Buch, das die vier Evangelien des Neuen Testaments enthält in einer Darstellungsform, wie sie für den Gebrauch in der kirchlichen Meßfeier benötigt wird. Diese Texte sind in ihrem Inhalt sehr ähnlich, drei der vier Evangelisten heißen daher "Synoptiker". Evangeliare bieten meist eine "Konkordanz", eine Liste solcher Parallelstellen. Die Lesung aus einem stets wechselnden Textteil ist Bestandteil der Eucharistiefeier. Dazu wird das Buch normalerweise in einer feierlichen Zeremonie unter Begleitung von Akoluten (Kerzenträgern) zum Ambo (Lesepult) getragen. Dem Buch kommt daher besondere Aufmerksamkeit zu, es zeigt meist eine repräsentative Gestaltung.

Typus
Im Mittelalter war es üblich, daß Landesherren ihren Kirchen die äußerst kostspielige Herstellung eines solchen prunkvollen Buchkunstwerks stifteten. Es war aus kostbaren Materialien gefertigt und meist mit aufwendigen Illustrationen ausgestattet. Die Seiten werden nach Blättern gezählt ("fol." = folio), wobei " r " (recto) und " v " (verso) die rechte und linke Seite des Blattes bezeichnen. Die Seiten sind aus Pergament, die Buchdeckel mit Edelmetallen und (Halb-)edelsteinen und Perlen verziert, die Bildfarben bestehen teilweise aus pulverisierten Edelsteinen, Tinten sind auch aus Gold, Silber oder Purpur. Der Inhalt wurde wie ein Hausbauplan lange konzipiert, kein Element ist Zufall, die Handschreibungen dauerten oft Jahre.
In etlichen erhaltenen Evangeliaren sind die Könige oder Kaiser als Stifter des Kunstwerks auf Stifterbildern dargestellt. Die Herleitung ihrer Herrschaftsmacht aus göttlicher Gnade ist meist damit symbolisiert, daß eine Gottesgestalt oder Hände aus dem Himmel ihnen die Herrscherkrone auf das Haupt setzen. So ist auch das Stifterbild im Evangeliar Heinrichs des Löwen angelegt.x(1)

x Ein Evangeliar war ein Sakralgegenstand für Gottesdienste, dessen Details fast niemand sah, und das wegen seiner Kosten auch keinen häufigen Gebrauch hatte.
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Haudegen Heinrich
Der Welfenherzog Heinrich der Löwe (um 1130-1195) war ein selbst für damalige Maßstäbe auffällig skrupelloser und expansiver Herrscher, dessen Handlungsmotive stark von finanziellen Interessen geprägt waren.x(2) Er wurde jung in die Ritterwelt eingeführt, von Nachbarn brutal bekriegt und rächte sich selbst auf gleiche Weise. Wer sich ihm in den Weg stellte, wurde vernichtet. Die Zerstörung mancher norddeutscher Städte geht auf sein Konto, Lübeck ließ er 1157 abbrennen, als es seinem Salzhandel in Lüneburg Konkurrenz machte. Eine Kriegsgeisel, Sohn eines Slawenfürsten, ließ er demonstrativ vor den Zinnen seiner Burg aufhängen. Dem Freisinger Bischof suchte er einen lukrativen Brückenzoll an der Isar abzujagen. Als das nicht gelang, verbrannte er die Holzbrücke und baute in der Nähe bei Munichen (später München) eine eigene auf. Klagen von Nachbarfürsten vor König Barbarossa als Gerichtsherr des Reiches blieben wirkungslos, solange Heinrich seinem kaiserlichen Vetter Geld und Truppen zur Verfügung stellte. Während eines Norditalienfeldzugs bei einem Treffen in Chiavenna 1174 knüpfte Heinrich seine weitere Hilfe jedoch an erpresserische Forderungen, als der Kaiser ihn auf den Knien vergeblich um Hilfe bat. Barbarossa verlor die Schlacht von Legnano und überließ ab dann den untreuen Vetter seinen heimischen Feinden.

Bewertung des Krönungsbildes
Es ist verständlich, daß man bei einer solchen Person kaum religiöse Motive vermutet. Deshalb könnte sein Stifterbild mit Krönung als politische Propaganda zu verstehen sein. Trotzdem ist die im genannten Zitat gebotene Deutung mehr als seltsam:
Ein Evangeliar, noch dazu ein so teures, ist kein Flugblatt. Es geht nicht durch viele Hände sondern liegt verschlossen im Kirchenschatz und wird nur zu seltenen Feiertagen verwendet. Das Krönungsbild, die angebliche politische Propaganda, liegt zwischen dem Lukas- und dem Johannesevangelium auf fol. 171 v.x(3) Diese Stelle wird für den Meßgebrauch also nicht genutzt. Dies heißt, daß dieses Bild selbst während des ohnehin seltenen Buchgebrauchs in der Meßfeier niemand sieht. Wie soll die Agitation dann wirken können?
Die entscheidende Frage ist in diesem Fall die Datierung des Evangeliars. Denn durch den Sturz des Welfen Heinrich von den Höhen der Macht im Jahr 1180 ist eine Zeitschwelle gesetzt. Nach der Verhängung der Reichsacht und den Kriegen Heinrichs gegen Kaiser und Reichsfürsten wäre es abwegig, Heinrich noch Ambitionen auf eine Königs- oder Kaiserkrone zu unterstellen. Je nachdem also, ob das Buch vor oder nach diesem Datum gefertigt wurde, ist die politische Deutung des Krönungsbildes plausibel oder nicht.

x Der Stifter dieses Evangeliars war ein skrupelloser Barbar, bei dem es schwerfällt, andere als egoistische Motive zu unterstellen. Seine rücksichtslose Brutalität als Herrschaftsinstrument holte ihn jedoch irgendwann selbst ein. Ob eine seiner Stiftungen noch politische Motive hat, könnte nur die Datierung erweisen.

Datierung des Evangeliars
Entscheidend für die Datierung ist die Verbindung des Buches zum Blasius-Dom. Im Widmungsbild des Evangeliars, fol. 19 r., übergibt eine Figur (verm. Heinrich) dem Dom-Heiligen Blasius einen Codex gleich dem Evangeliar. Der Übergabe-Gestus weist dabei in Richtung zur nahestehenden Marienfigur. Daß der Marienaltar im Dom 1188 geweiht wurde, bezeugt ein in ihm eingelassenes metallenes Reliquiengefäß, das dieses Jahr und das Herzogspaar als Stifter nennt.x(4) Die Einweihung des Domaltars muß also zeitlich vor der Fertigstellung des Evangeliars gelegen haben. Eine politische Motivik des Krönungsbildes ist damit nicht mehr haltbar. Nach der Verhängung der Reichsacht 1180 und mit dem Beginn der Kämpfe gegen den Rest des Reiches einschließlich Kaiser war klar, daß Heinrich der Löwe danach unmöglich noch auf die Gewinnung der Kaiserkrone hoffen konnte. Denn diese hing nicht zuletzt auch vom Wohlwollen der Fürsten und Herzöge des Reiches ab. Nach dem Verlust seines Reichtums und seiner Territorien gab Heinrich das Evangeliar etwa sieben Jahre vor seinem Tod in Auftrag. Sein damaliges Alter von etwa 50 Jahren lag bereits weit über der durchschnittlichen Lebenserwartung. Er konnte auf ein bewegtes Leben zurückblicken und hatte von der Zukunft nicht mehr viel zu erwarten. Das mochte es selbst ihm ermöglichen, eine eher philosophische Betrachtungsweise zu entwickeln und sich von den Motiven zu lösen, die sein bisheriges Leben bestimmt hatten. Entsprechend ist die Aussage zahlreicher Details aus dem Inhalt des Krönungsbildes: die Figur des Boëthius, die Textbänder der Eckvignetten, das Bildprogramm sowie die Relation zum gegenüberliegenden Tableau der Majestas Domini. Auf diese Zusammenhänge kann hier allerdings nicht eingegangen werden.

x Indem das Prunkbuch in Details zweifellos hinweist auf Stiftungen nach dem politischen Sturz des Stifters, sind machtpolitische Deutungen von Bildinhalten wenig überzeugend.

Fazit

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen, dessen Bildprogramm sicher zurecht auf konkrete Anweisungen des Herzogs zurückgeführt wird, ist in seiner Konzeption ein Zeugnis für die melancholische und weltabgewandte Sicht des Verfemten, die Krönungs-Szene eine metaphorische Koketterie mit der Hoffnung auf die Rechtfertigung im Jenseits für seine Ächtung im Diesseits.
Die im Zitat oben behaupteten Kaiserambitionen im Krönungsbild sind Resultat einer oberflächlichen Wahrnehmung des Evangeliars und mangelnder Kenntnisse über seinen historischen Hintergrund sowie der Details seines Inhalts. Daß die unterstellte "politische Propaganda" abwegig ist, hätte der Urheber des oben genannten Zitats allerdings auch ohne genauere Analysen wissen können. Es ist offenkundig, daß eine Verschlußsache kein Propagandainstrument gewesen sein konnte.

Belege


x(1)Das Evangeliar:
Abbildung aus: Evangeliar Heinrichs des Löwen. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 105 Noviss. 2, zugl. München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30055, Doppelbesitz.

x(2) Geld statt Religion
Der eher Heinrich-freundliche Chronist Helmold von Bosau, zitiert in Jordan, K.: Heinrich der Löwe. München 1979, S.256. Treffen von Chiavenna: Eine pro-staufische Quelle in MGH, der daran lag, Heinrich in möglichst ungünstigem Licht darzustellen. Zitiert in Jordan, Karl: Heinrich der Löwe. München 1979, S.189; dort auch Angaben zu seiner Lebensgeschichte.

x(3) Lage des Bildes
Klemm, Elisabeth: Helmarshausen und das Evangeliar Heinrichs des Löwen. In: Kötzsche, Dietrich (Hrsg.): Das Evangeliar Heinrichs des Löwen. Kommentar zum Faksimile. Frankfurt/M. 1989, S.42-77, hier S.80 f.

x(4) Buchdatierung
Steigerwald, F.N.: Das Evangeliar Heinrichs des Löwen. Sein Bilderzyklus und seine Bestimmung für den Marienaltar des Braunschweiger Doms im Jahre 1188. Offenbach 1985.
Veröffentlichung: März 2000
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16.10.2018-13 Impressum 1,58
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