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Nr.16: Katalog-Götter

Religionsgeschichte: Von der Steinzeit bis zur Aufklärung

Nominierung

Thema: Geschichte der Religionen
Quelle: Fachbuch: Der Adler auf dem Kaktus. Eine Geschichte der Azteken von den Anfängen bis zur Gegenwart. Braunschweig 1990, S.122 f.
Urheber: Wilfried Westphal

Aussage

"Am Anfang, zur Zeit, als die Großwildjäger noch das Mammut jagten, war die Welt von unbestimmten Geistern beseelt. Später, als man den Lauf der Dinge genauer zu erforschen begann, ordnete man jeder Erscheinung eine bestimmte Gottheit zu. Schließlich, als der Mensch an Selbstvertrauen gewann, reservierte er sich einen eigenen, exklusiven Schutz der Götter: Der Stammesgott, der über sein auserwähltes Volk wacht, war geboren. ... Den Schritt aber, die Werte und Normen, die die Götter verkörpern und die letztlich ja nur Vorstellungen und Erwartungen der Menschen selbst sind, so weit zu abstrahieren, daß sie nur noch zu einem Katalog von Verhaltensweisen werden, vermochten nur wenige nachzuvollziehen. Die Azteken (wie auch die Christen) gehörten nicht zu ihnen."

In einer Gesamtgeschichte der Azteken wird zugleich Weltanschauung vermittelt. Das Argument heißt, daß die jüdische Religion ("auserwähltes Volk") und christliche Religion noch nicht "abstrakt" genug denken können, um zu erkennen, daß ihre Gottesvorstellung lediglich eine Projektion menschlicher Wertvorstellungen und Erwartungen sei.

Tatsachen

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Geisterglaube der Mammutjäger:
Die Behauptung betrifft den Zeitraum vom Diluvium (600.000 v.Chr.) bis zum Alluvium (20.000 v.Chr.). Das Mammut starb mit dem Ende der Eiszeit aus. Heute gängige Vorstellungen über die Anschauung von Menschen dieser Zeit orientieren sich hauptsächlich an zwei Faktoren:
a) an den Begräbnisriten, welche für die Zeit um 60.000 v.Chr. datierbar sind, sowie
b) an Felszeichnungen, etwa in den Höhlen von Altamira / Spanien, die auf etwa 100.000 v.Chr. datiert werden.x(1)
Die Abbildung zeigt einen von Pfeilen getroffenen Bison in der Höhle von Niaux bei Tarascon in Südfrankreich. Die Datierung lautet auf etwa 20.000 Jahre v.Chr.x(2) Die aus Felszeichnungen abgeleiteten Erkenntnisse könnten darauf hinweisen, daß es Jagdkulte gab, um das wechselhafte Jagdglück zu beschwören, von dem der Lebensunterhalt abhing. Der behauptete Geisterglaube ist damit nicht ausgeschlossen aber längst nicht belegt. Geister hat bislang noch niemand auf Felszeichnungen gefunden. Einen solchen Beleg nennt der Autor auch selbst nicht.

Eine Zeitschiene:
Es wird ein Prozeß skizziert im Sinne einer notwendigen Entwicklung des Religionsverständnisses, die bestimmt worden sei von zunehmendem Erwerb logisch-abstrakten Denkens. Die Stufen dieser Entwicklung seien
a) Geisterglaube im Sinne amorpher metaphysischer Mächte,
b) Ausprägung von Götzengestalten mit Zuständigkeitsressort,
c) Definition eines exklusiven Stammesgottes wie im jüdischen Monotheismus,
d) Einsicht in die Fiktionalität von Religion als Projektion menschlicher Interessen, ermöglicht durch zunehmende naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die wahren Wirkursachen bislang unerklärlicher Naturphänomene (= Ende der Religion / wiss. Atheismus).

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Fragwürdiger Fortschritt:
Die behauptete zeitliche Entwicklung krankt vor allem an dem Problem, daß es die behauptete Stufenentwicklung nicht gibt. Hierin liegt wesentlich die Faktenqualität der Falschinformation. Tatsächlich existieren die genannten Weltanschauungen parallel nebeneinander - schon seit frühesten Zeiten bis heute.

a) Der Geisterglaube
ist heute noch Anschauung sowohl südlicher Volksstämme (Brasilien, Afrika) wie auch nördlicher Volkstämme (Shamanismus) und wird derzeit wiederbelebt in der kulturellen Renaissance nordamerikanischer Indianervölker, die sich auf ihre historischen Wurzeln besinnen. Die theologische Auseinandersetzung zwischen dem Christentum und heidnischem Geisterglaube gilt als einer der Ursachen für die sog. Hexenjagd des 17. Jhs.

b) Götzen mit Ressortkompetenz
sind seit Jahrtausenden bis heute gängige Anschauung in asiatischen und vorderasiatischen Religionsvorstellungen wie im Buddhismus und Hinduismus. Ersterer geht auf den um 560 v.Chr. geborenen indischen Prinzen Siddharta Gautama zurück, zweiter auf die um 500 v.Chr. abgeschlossenen Vedischen Schriften. Beide Religionen decken sich in diesem Punkt mit dem dicht bevölkerten Götterhimmel, wie ihn sich die antike griechische Kultur schon vor dem ersten Jahrtausend v.Chr. vorstellte.x(3) Durch das orientalische Gilgamesch-Epos und seine zahlreichen Götter wird in dieser Hinsicht eine zeitliche Frühgrenze von etwa 2.600 v.Chr. erreicht, eine Spätgrenze gibt es bislang nicht, da Buddhismus und Hinduismus heute noch Millionen von Anhängern haben.x(4)

c) Der Monotheismus
ist nicht wesentlich moderner als andere religiöse Konzepte, wie die genannte Zeitschiene unterstellt. Niemand würde am entsprechenden "Selbstvertrauen" des Genannten und seines Volkes zweifeln, aber der ägyptische Pharao Echn-Aton, der "Fanatiker der Wahrheit" (Bild: Statue von ca. 1.400 v.Chr.), der als erster Herrscher seiner Kultur den Monotheismus einführen wollte, scheiterte an den kulturellen Traditionen seines Volkes.x(5) Ist es Zufall, daß dieser Versuch, der im Pharaonenreich zu einer Krise führte, zeitlich mit dem Auftreten des Mose und seiner erfolgreichen Einführung des Monotheismus unter den Israeliten zusammenfällt? Läßt sich dies wirklich erschöpfend erklären durch eine zeitgleiche kulturelle Modeströmung? Daß die ältesten derzeit verfügbaren Kulturzeugnisse über Religionskonzepte polytheistisch sind (vergl. b) schließt nicht aus, daß es Monotheismus schon früher gegeben hat. Denn aus naheliegenden Gründen (fehlende Schriftlichkeit, Vergänglichkeit von Material) fehlen bislang die notwendigen Kenntnisse über die Weltanschauungen in der Frühzeit des Menschen.

d) Die Aufklärung
schließlich ist kein geistiger Fortschritt oder den anderen Vorstellungen überlegen, da hier nur ein unbeweisbarer Glaube gegen den anderen gesetzt wird. Daß es keinen Gott gebe und keine immateriellen Geistwesen, ist empirisch ebensowenig beweisbar wie das Gegenteil. Die aufgeklärte Weltvorstellung setzt also ebensoviel Glauben voraus wie die Religionen.

x Grundlage einer fragwürdigen Behauptung ist der zeitliche Ablauf von Ideen, der sich bei näherer Prüfung als eine Sammlung von Mißverständnissen erweist.

Jüdischer Monotheismus:
Der Verfasser wagt nicht, die jüdische Religion direkt und namentlich in kritischem Zusammenhang zu nennen. Der Begriff des "auserwählten Volkes" ist jedoch eindeutig und bislang nur in diesem Zusammenhang besetzt. Der jüdische Monotheismus kann datiert werden durch die Gestalt des Mose und damit auf die Zeit um 1.400 v.Chr, keine sonderliche späte Entwicklungsstufe und mindestens zeitgleich mit den frühen Belegen für Ressortgötzen.x(6) Vom Autor unbelegt ist die Behauptung, dieser Monotheismus habe sich entwickelt aus der Sublimierung von menschlichen Wertvorstellungen und Bedürfnissen.
Dem widerspricht zunächst, daß dieser Monotheismus sich laut Pentateuch (die fünf Bücher Mose im Alten Testament) auf eine göttliche Offenbarung beruft. Nicht der Mensch konstruierte demnach eine Vorstellung, sondern eine Gottesbegegnung des Mose wurde Auslöser der jüdischen Gottesvorstellung.x(7) Auch wenn die behauptete theologische Aussage oder Mose und seine Angaben bestritten würden, bliebe das Faktum, daß diese monotheistische Religion von diesem Punkt ihren Ausgang nimmt. Eine gegenteilige Behauptung wäre beweispflichtig.

Dekalog: Auch die Details der genannten Gottesbegegnung widersprechen der Behauptung: hier konkret die Vermittlung des Dekalogs, der Zehn Gebote Gottes.x(8) Sie zeigen, daß sich die durch die mosaische Gottesbegegnung vermittelten Wertvorstellungen durchaus nicht immer mit "Vorstellungen und Erwartungen des Menschen selbst" decken: Das erste und zweite Gebot verbieten Götzendienst, was wohl eher göttliche als menschliche Bedürnisse spiegelt, das sechste Gebot mit dem Verbot des Ehebruchs läuft menschlichen Bedürfnissen vielerorts entgegen, wie die Polygamie in vielen Kulturen zeigt. Zwar trifft es zu, daß andere Gebote wie das Tötungsverbot, die Elternehrung oder das Diebstahlsverbot Nützlichkeitserwägungen umfassen, doch sind damit die vorgenannten Probleme des Arguments nicht behoben. Wenn die jüdische Gottesvorstellung nur die Projektion menschlicher Erwartungen und nützlicher Wertvorstellungen wäre, dann könnte man zumindest drei der zehn Gebote schwer erklären.
Daß aus der Definition eines exklusiv jüdischen Gottes, laut Verfasser ein "Stammesgott", schon in biblischer Zeit und lange vor dem Zionismus ein bedauerlicher religiöser Chauvinismus im Judentum entwickelt wurde ("Gottes auserwähltes Volk"), wird zutreffend erkannt. Dazu hier eine entsprechender Beleg aus dem Talmud. Dies ist aber für die Beurteilung der Religionsgeschichte im vorliegenden Zusammenhang nebensächlich und dient nicht zur Stützung der fraglichen Argumentation.

x Wenn es so wäre, daß die großen Religionen Sammlungen der Wünsche von Menschen sind, müßten sie vernünftigerweise begeistertes Verständnis finden, was dem nominierten Verfasser aber nicht einmal für ein einfaches Verständnis gelingt.

Fazit

Die vom Verfasser im Zusammenhang mit der mittelamerikanischen Geschichte entwickelten Ansichten zur Religion stehen in der Tradition der inzwischen auch schon in die Jahre gekommenen Konzepte der europäischen Aufklärung von Voltaire bis Lessing. Das genannte Zitat ist ein Beispiel dafür, daß der Transport von weltanschaulichen Urteilen im Rahmen einer historiographischen Darstellung leicht zu unseriösen Resultaten führt. Grundlegende Datierungen und Fakten zeigen, daß die behauptete zeitliche Entwicklung der Religionen abwegig ist. Da über die Religiosität der Mammutjäger keine sicheren Kenntnisse vorliegen, bricht der behaupteten Zeitschiene das Fundament weg, die zeitliche Parallel-Lage religiöser Konzepte wird zudem übersehen. Mit der Geschichte der Religionen werden Zeiträume berührt, deren Frühphase sich noch weitgehend empirischer Prüfbarkeit entzieht. Der Ersatz von gesichertem Wissen durch Spekulationen ist dabei wenig hilfreich.

Belege

x(1)Frühe Frühzeit
Jung, Kurt M.: Weltgeschichte in einem Griff. Von der Urzeit bis zur Gegenwart. Berlin 1979, S.20-22. Hinweise auf großangelegte und organisierte Mammutjagden in Europa im Pleistozän laut Time-Life: Die Israeliten. N.Y. 1/1975 in der Übersetzung durch Abel, Jürgen: Die Israeliten. Die Frühzeit des Menschen. Reinbek/Hamburg 1978, S.142.

x(2) Betroffenes Bison
Tenbrock, R.H./Voelske, A. (Red.): Urzeit- Mittelmeerkulturen und werdendes Abendland. Hannover 1965, S.3.

x(3) Ressortvielfalt der Götter
Grant, Michael / Hazel, John: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. München 4/1986. Auf 429 Seiten werden im Schnitt etwa 5 römische und griechische Götter genannt, als ca. 2.000 Ressortinhaber. Darunter sind allerdings auch etliche Menschengestalten oder solche, die zu Göttern erhoben wurden.

x(4) Gilgamesch
Abel, a.a.O., S.144.

x(5) Die Echnaton-Krise
Jung/Weltgeschichte, a.a.O., S.40-41.

x(6) Zeit des Mose
Abel, a.a.O., ebd. Mit Literaturangaben dazu auf S.145.

x(7) Gottesbegegnung
Jehova im Gestrüpp: Altes Testament der Bibel, Mose 1, Kap. 3.

x(8) Der Dekalog
Laut der Elberfelder Einheitsübersetzung, Altes Testament der Bibel, Mose 1, Kap. 20.1-17.
Veröffentlichung: April 2000
+Nr.15: StufengleichNr.17: Voll emanzipiert+
 
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