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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.21: Scharfe Sachen

Hexenprozesse: Gefälschte Folterstühle

Nominierung

Thema: Folterstühle aus der Zeit der "Hexenverfolgung"
Quellen: Hellweger Anzeiger 5.10.1994, Main-Echo 5.10.94, Neue Presse 5.10.94, Nordsee-Zeitung 5.10.94, Oranienburger Generalanzeiger 5.10.94, Potsdamer Neueste Nachrichten 5.10.94, Fuldaer Zeitung 7.10.94, Schwäbische Zeitung 7.10.94, Weser-Kurier, Bremen 7.10.94, Offenburger Tageblatt 12.10.94, Schweriner Volkszeitung 18.10.94, Saale-Zeitung 28.10.94, Deutsche Ärzte-Zeitung 8.11.94
Urheber: Die Fotographie eines ungenannten dpa-Journalisten (Deutsche Presse-Agentur) sowie der jeweils von der Zeitungsredaktion zu verantwortende Bildtext, der sich wieder auf dpa stützt.

Aussage

Eine typische und in vielen der genannten Zeitungen gleichlautend verbreitete Titulierung für unten gezeigte Fotographie:
"Ein Folterstuhl mit 2052 Holzspitzen ist bei der Ausstellung 'Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten' noch bis zum XX. im XX. ausgestellt. Auf dem Folterstuhl wurden von den der Hexerei angeklagten Frauen Geständnisse erpreßt"
Die Gleichartigkeit der Texte weist darauf hin, daß dies der Text war, den die Deutsche Presse Agentur mit dem Bild an die Medien verkauft hatte.

Tatsachen

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Historischer Hintergrund
Bei der sogenannten Hexenverfolgung handelt es sich um die frühneuzeitliche Malefizjustiz, die im 17. Jahrhundert viele Opfer forderte. Vor weltlichen Gerichten der Strafgerichtsbarkeit wurden Anklagen wegen angeblicher Zauberei verhandelt. Wie in anderen Strafprozeßsachen auch wurde versucht, durch den Einsatz der Tortur ein Geständnis oder Täterwissen zu entlocken. Schon während der Verfolgungszeit wurde von Zeitzeugen festgestellt, daß der kaum beweisbare Zauberverdacht nur mit Hilfe der Folter zur Verurteilung geführt werden konnte (so berichtet z.B. Friedrich Spee). Die verwendeten Torturinstrumente oblagen örtlichem Brauch. Über den Einsatz von Folterstühlen wie dem abgebildeten kann mangels originaler Stücke nur aufgrund weniger und schwer überprüfbarer Quellenberichte aus der Verfolgungszeit spekuliert werden.

Der Stuhl
Das Exponat wurde für die Ausstellung entliehen aus dem Bayerischen Nationalmuseum München. Der Leiter des Lemgoer Hexenmuseums, Jürgen Scheffler, berichtete auf einer Historiker-Fachtagung in Stuttgart im Februar 2000 über Holzuntersuchungen an diesem Stuhl. Sie bestätigten, daß dieser - wie andere auch - in Wirklichkeit aus der Zeit um oder nach dem späten 18. Jh. stammt. In dieser Zeit verbreitete die Französische Revolution polemische Kritik an Religion und Kirche, am Mittelalter und an solchen Erscheinungen wie den angeblich im Mittelalter angesiedelten Hexenverfolgungen und Ketzerprozessen. Aufklärung und Atheismus sollten demgegenüber als Fortschritt erscheinen. Diese Motivik ist als Anlaß für die Neufertigung eines solchen Stuhls zum Zweck der Propaganda denkbar.

Die Fotographie
Eine Kuratorin, die mit der an vielen Orten gezeigten Wander-Ausstellung betraut war, berichtete auf genannter Fachtagung über das Foto. Sie hatte den dpa-Journalisten begleitet, als dieser sein oben gezeigtes Foto in ihrer Ausstellung aufnahm. Mehrfach habe sie diesen darauf hingewiesen, daß es sich bei diesem Ausstellungstück nicht um ein originales Zeugnis der Hexenverfolgung handele, sondern um eine moderne Neuanfertigung. Der freundlich lächelnde Zeilenschreiber habe fleißig genickt, um anschließend durch dpa sein Bild mit der Behauptung zu vermarkten, daß auf diesem schrecklichen Instrument früher arme Frauen gefoltert worden seien. Seine modelhafte Begleiterin mit den dicken Polstern in den Schultern des Jacketts hatte er bildwirksam vor dem Konstrukt hocken und mit furchtsamem Gesicht daran hochblicken lassen. Ihre Ohranhänger in Kreuzform, durch zurückgelegtes Haar rechts deutlich präsentiert, sind wohl kaum Zufall. Da der Journalist sowohl die Ohranhänger als auch das dazu passende Model schon zur Aufnahme mitbrachte, stand die Aussage seiner Meldung wohl schon vor seinem Besuch fest. Unerwünschte Informationen von Fachleuten können dann nur stören.

Zeitungsberichte
Die entsprechende Falschaussage über den angeblich historischen Folterstuhl wurde zusammen mit dem Bild in den oben genannten 12 Zeitungen bundesweit verbreitet, eine Abbildung des Stuhls ohne Model schließlich noch in der bundesweiten Deutschen Ärzte-Zeitung. Bei ihrer Journalistin Silvia Haouichat wurden am 8.11.1994 aus den Holzspitzen des gleichen Stuhls solche aus Eisen und die seien für die Folter auch noch "erhitzt" worden.Weitere Abdrucke in anderen Blättern wurden mit einem Untertext versehen, der formal keine Lüge ist ("ist ein Dokument über die Zeit" / "auf Stühlen dieser Art"). Dennoch wird der gleiche falsche Eindruck an die Leser vermittelt. Nur eine einzige deutsche Provinz-Zeitung wagte den ketzerischen Hinweis, daß der Stuhl "möglicherweise nicht authentisch" sei (Dreiland-Zeitung 10.11.94).

Fazit

Daß die heute gezeigten Stühle möglicherweise alle Fälschungen sind, laut Untersuchungen zumindest der hier genannte und auf dem Foto gezeigte Stuhl, ist aus journalistischer Sicht nur anscheinend eine Wahrheit. Denn aus dieser Sicht gibt es eine viel wahrere Wahrheit: das "Offensichtliche", das "überall Bekannte". Und was überall öffentlich bekannt ist, das bestimmen Journalisten durch das, was sie berichten. Die Wahrheit von Gerüchten wird dadurch bewiesen, daß es in Zeitungen gedruckt wird, man nennt dies eine "selbstreferenzielle Schleife".
Dies war auch jene Mechanik, die im 17. Jahrhundert aus Zaubergerüchten Todesprozesse machte: "Es ist doch jedem bekannt, daß es Zauberei gibt, die schrecklichen Schaden im Land anrichtet ... wie folgende Nachricht wieder einmal zeigt." Auch damals schon gab es Journalisten in Form der Flugblatt- und Traktatproduzenten, das Wort "Zeitung" entstand in jenen Jahren. Damals verbreiteten sie Angst vor Zauberei durch Bilder und Nachrichten von Hexenspuk und Teufelsunwesen. Heute verbreiten sie Mythen, z.B. über die Zeit der Zauberverfolgung. Die Themen haben gewechselt, die Produzenten und ihre Profitmotive sind die gleichen geblieben, die Kasse stimmt damals wie heute.

Belege

Auskunft über den genannten Stuhl erteilt Jürgen Scheffler vom Städtischen Museum in Lemgo.
Kuratorin Elisabeth Schraut aus dem Badischen Landesmuseum in Karlsruhe führte den dpa-Journalisten.
Veröffentlichung: Juni 2000
+Nr.20: Wilde SchwedenNr.22: Großer Traum+
 
13.03.2018-00 Impressum 2,09
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System: PUBLIU
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