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Nr.24: Davids Stadt?

Historische Besitzrechte: Die Gründung Jerusalems

Nominierung

Thema: Historische Ursprünge der Stadt Jerusalem und israelische Besitzrechte
Quelle: TV-Abendnachrichten ARD 08.01.2001, 20,10 Uhr
Urheber: Auslandskorrespondent Ulrich Schramm

Aussage

Die historischen Ursprünge der Stadt Jerusalem gehen auf die Zeit des Königs David vor über 3000 Jahren zurück.Diese vom Korrespondent unkommentiert weitergegebene Behauptung legt nahe, auf die Stadt Jerusalem habe nur der Staat Israel ein begründetes Besitzrecht.

Tatsachen

Grundsätzliche Begriffsprobleme
Es meint vermutlich jeder zu wissen, was mit Juden, Semiten und dem Staat Israel gemeint ist, doch hinsichtlich der Geschichte ist dies oft wohl ein Irrtum. Zu den Semiten gehörten nicht nur Israeli, Akkadier, Aramäer, Amoriter, Moabiter, Ammoniter und Edomiter. Auch die Babylonier, von denen Juden/Israeliten sagten, sie seien dort in "Gefangenschaft" gewesen, waren ein Mischvolk aus semitischen Akkadiern und nichtsemitischen Hethitern.x(1) Zunächst stellt sich also die Frage, um wen es bei diesen Gebietsansprüchen überhaupt geht und wer sie erheben kann. Dies ist nur noch schwer rekonstruierbar innerhalb der Geschichte semitischer Völker, die als kulturarme Nomaden über Erzähltraditionen und oft schwer bestimmbare archäologische Fundstücke hinaus kaum nachprüfbare Zeugnisse ihrer Entwicklung hinterlassen haben. Sie könnte also letztlich nur mit der noch weitgehend dunklen Stadtgeschichte Jerusalems selbst klärbar sein und mit der Wanderungsgeschichte der Israeliten.

Israel zieht durch den trockenen Jordan. Matthäus Merian d.Ä. (1593-1650): Bilder zur Bibel
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Ursprünge der Israeliten
Im Gegensatz zu anderen semitischen Stämmen und ihren polytheistischen Götzenkulten definieren sich Israeliten, oft auch "Juden" genannt, nach eigenem Selbstverständnis als eine Kultur mit monotheistischer Offenbarungsreligion. Diese Religionsstiftung, welche sie aus den anderen semitischen Stämmen herauslöst, geht wohl nicht auf Abraham und die Zeit der Patriarchen zurück (um 1950-1300 v.Chr.), da Abrahams Monotheismus nicht sicher nachweisbar zu sein scheint.x(2) Sie ist zeitlich vielmehr am präzisesten greifbar in der Gestalt des Mose und seiner Gottesoffenbarung, also in der Zeit um 1400 v.Chr.x(3) Ein weiteres Element einer trennenden Entwicklung der semitischen Völker und Stämme war die Frage des Nomadisierens, wobei die Israeliten spät seßhaft wurden und deshalb eine zurückgebliebenere Kultur besaßen.x(4)
Im Volk der Semiten gab es den Stammesbund der Israeliten, der nach biblischer Darstellung aus zwölf Stämmen der Söhne Jakobs entstanden sei, darunter auch die Juden, demnach Angehörige des vierten Sohnes Jakob.x(5) Bedingt durch Nomadenleben und eine große Wanderung kam es zur Auseinanderentwicklung bis hin zu Kämpfen nicht nur zwischen den semitischen Stämmen wie Israeliten und Ammonitern/Philistern sondern auch zwischen israelischen Stämmen, typischerweise auch zu Bruderkriegen (Jakob/Esau) seit frühester Zeit.x(6) Die heute gängigen Begriffe Israel/Juden meinen also das gleiche Volk, wobei der zweite Begriff inhaltlich eher religiös definiert ist. Hinsichtlich der historischen Ursprünge wird damit also die Zeit des Mose angesprochen, was für mögliche Besitzrechte des heutigen Staates Israel die unterste Zeitgrenze setzt, wobei für solche Ansprüche das Problem der Zuwanderung ohnehin ganz auszuklammern wäre.

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Die große Wanderung
Die Semiten waren um 2300 v.Chr. aus den Wüsten im Süden und Westen sowie aus den Gebirgen im Osten Mesopotamiens in das fruchtbarere Zweistromland eingewandert und hatten sich dort festgesetzt.x(7) Dies geschah wohl im Konflikt mit den indogermanischen Sumerern und nichtsemitischen Hethitern, die dort mindestens 2.000 Jahre zuvor schon mit einem Kanalisationssystem beachtliche Kulturleistungen erbrachten. Sie wurden von den Semiten verdrängt oder unterworfen.x(8) Selbst die ihrerseits zugewanderten semitischen Akkadier, die als Bauern in Mesopotamien seßhaft wurden, beschimpften die wandernden kulturarmen Amoriter, Verwandte der Israeliten, als nomadisierende Eindringlinge, die Ägypter wiederum alle Eindringlinge der Semiten als "Sandläufer" und "Asiaten".x(9) Schubweise im Laufe von etwa 1000 Jahren ging die zweite semitische Wanderung vom Zweistromland aus nach Westen und Südwesten (siehe Karte) bis in das Gebiet von Kanaa (heute Syrien, Jordanien, Israel, Libanon).x(10) Laut Bericht der Bibel sei dieser Zug in das von Gott versprochene "gelobte Land" begonnen worden durch den Patriarchen Abraham aus der Gegend um Haran am östlichen Euphrat in Mesopotamien.x(11) Am Ziel trennte sich die Entwicklung der israelischen und anderen semitischen Stämme in solche, die Ackerbauern wurden, kleine Königreiche bildeten wie in Kanaa und jenen, die weiter nomadisierten.x(12)
Es ist also zumindest zu berücksichtigen, daß israelische Gebietsansprüche im heutigen Palästina von ehemals nomadisierenden Zuwanderern erhoben werden, deren Heimat vorher um Mesopotamien lag. Wohl erst mit der Königszeit und der Reichsgründung unter David liegt ein relevantes historisches Faktum für frühe jüdisch-israelische Seßhaftigkeit in Palästina (ehemals Kanaa) vor.

König David
ist eine durch Texte der Bibel (Psalmen) und mündliche Tradition bekannte historische Gestalt der israelischen Geschichte. Er war Nachfolger des ersten Königs Saul und regierte Anfang des 10. Jhs. v.Chr. (um 1002-963). Er einigte israelische Stämme in einem Staat und machte Jerusalem zur Hauptstadt des Reiches.x(13) Um 925 v.Chr. wurde das Königreich geteilt in Juda und Israel und nahm ab dann eine getrennte Entwicklung. Wenn in moderner Zeit nur von "Juden" die Rede ist, dürfte also wohl eher dieser israelische Stammesbund zur Zeit Davids und seine Nachfahren gleicher Religion gemeint sein.
Die Zeit des Königs David und das genannte Ursprungsjahrtausend der Stadt Jerusalem sind nun allerdings zwei ganz verschiedene Dinge. Sie liegen anders als im Korrespondetenzitat oben nahegelegt zeitlich sehr weit auseinander und stehen in keinem Zusammenhang. Damit stellt sich die Frage, wer denn Jerusalem gründete, wenn es nicht die Israeliten waren.

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Die Gründung der Stadt Jerusalem
reicht in Zeiten zurück, über die keine sicheren Kenntnisse mehr vorliegen. Sie liegt im Gebiet Kanaas, dessen erste Siedlungen nach heutiger Kenntnis in die Zeit um 3000 v.Chr. datiert werden. Das nicht weit entfernte Jericho hingegen geht auf 6000 Jahre alte Siedlungen mit Stadtmauer zurück und ist deshalb offenkundig nicht jüdisch-israelischen Ursprungs, da dieses semitische Volk mehr als tausend Jahre später in das Gebiet einwanderte. Von stadtähnlichen Siedlungen in Kanaa wird für die Zeit nach 2000 v.Chr. ausgegangen. Grund ihrer Entstehung sei die Notwendigkeit gewesen, Stützpunkte zu bieten für die Handels- und Verkehrswege zwischen Ägypten und Mesopotamien. Binnenstädte in Palästina entstanden wegen Raubhorden meist auf Hügeln mit Wasserversorgung, so auch im Falle Jerusalems.x(14)
Der israelische König David wählte mit Jerusalem eine bereits bestehende alte Handelsstadt mit gemischter anderer Bevölkerung als Hauptstadt seines Reiches: "Die Israeliten verbanden also keine religiösen Assoziationen und keine älteren Eigentumsrechte mit ihr."x(15)
Grund seiner Wahl waren die genannten strategischen und praktischen Vorteile der Stadt, die zu dieser Zeit noch von den Jebusitern bewohnt wurde, einer von den Israelis mit Gewalt unterworfenen kanaanäischen Volksgruppe der Semiten mit polytheistischer Glaubensvorstellung.x(16)
Die Konfrontationen zwischen Israelis und älterer seßhafter Bevölkerung Palästinas scheint somit mindestens bis in die Zeit Davids zurückzureichen. Auch im heutigen Staat Israel steht das Staatsvolk untereinander in Konfrontation zwischen den "Sepharden" (alte seßhafte Ureinwohner) und den "Ahasverim/Askenasim" (Zuwanderer). Für beide Volksgruppen gibt es sogar getrennte Synagogen (Im Bild: Hinweisschild in Jerusalem, hier: Schild in der Mitte).

Fazit

Das genannte Zitat kommentiert Demonstrationen nationalistischer Israelis, die den US-Friedensplan ablehnen, Jerusalem wegen der ständigen Konfrontationen in einen palästinensischen und einen jüdischen Teil zu trennen. Das damit verbreitete Argument eines ursprünglich "jüdischen" Jerusalems ist Teil der üblichen Begründung für israelische Gebietsansprüche in Palästina, die mit historischen Berichten aus Bibeltexten legitimiert werden sollen; daher auch die Förderung der Archäologie im Staat Israel. Ob nun die heute so genannten "Palästinenser" oder "Israelis" mehr Recht an der Stadt haben, würde zunächst wieder eine Klärung von Begriff und Herkunft der ersteren im Vergleich mit letzteren voraussetzen. Das aber wäre schwierig, da sich hier Volks- und Religionsdefinitionen überschneiden könnten.Immerhin steht fest, daß der Ort des heutigen Jerusalem viele Jahrhunderte, vermutlich mehr als ein Jahrtausend vor der Ankunft semitischer Nomaden in Kanaa um 2000 v.Chr. bereits besiedelt war, wobei der ursprüngliche Name der Stadt wohl nicht mehr feststellbar ist. Das religiös definierte Volk Israels, auf das sich der heutige Staat gleichen Namens beruft, prägte sich nochmal rund 500 Jahre später aus. Sicher kann man erst von einer "jüdischen Stadt" Jerusalem sprechen mit der Regierungszeit von David und der in diesem Zusammenhang greifbaren Namensgebung der Stadt. Das israelische Besitzrecht an Jerusalem bezieht sich insoweit mehr auf den Namen "Jerusalem" als auf die Stadt. Diese hieß zu römischer Zeit "Aelia Capitolina".Der Auslandskorrespondent der ARD hat sich im Rahmen der tatsächlich unübersichtlichen historischen Zusammenhänge hinter den aktuellen Streitigkeiten der Einfachheit halber wohl nur eine und nicht gerade kompetente Ansicht zu eigen gemacht, die im Dienst politischer Interessen steht. Richtig ist, daß die Stadt Jerusalem etwa 2000 Jahre v.Chr. entstand, falsch jedoch, daß dieser Ursprung israelisch/jüdisch sei, wobei der Hinweis auf David eine Zeitdifferenz von etwa 1.000 Jahren zu den Anfängen der Stadt ausmacht. Man sollte meinen, daß jemand, der am Ort wohnend beruflich mit Hintergrundkenntnissen der Materie befaßt ist, im Laufe seiner Arbeit etwas besseren Einblick finden konnte.

Belege


x(1)Gemixte Feinde
Baruch, Levine/Abel, Jürgen (Übers.): Die Israeliten. Die Frühzeit des Menschen. Time-Life Serie, Reinbek/Hamburg 1978, S. 20.

x(2) Vielseitiger Abraham
Ebd., S. 34. Datierung der Patriarchenzeit ebd., Sn. 36 und 51.

x(3) Gottes Offenbarung
Ebd. S. 45.

x(4) Benachteiligte Nomaden
Ebd., S. 75.

x(5) Zwölf Stämme
Sohn Juda, Bibliographisches Institut: Duden Lexikon. Mannheim 1962.

x(6) Uneinige Israeliten
Ebd.Amoriterfeindschaft, ebd., S. 36. Bruderkrieg Jakob/Esau ebd., S. 40.

x(7) Festsetzung
Seis, O./Stöckl, E.: Urzeit und Altertum. In: Kletts geschichtliches Unterrichtswerk für die Mittelklassen. Stuttgart 1967, S. 22.

x(8) Alte Sumerer
Freyh, R./Volkmer, J.: Im Altertum. In: Menschen in ihrer Zeit. Klett Schulbuch, Stuttgart 1974, S. 10.

x(9) Eindringlinge
Baruch, a.a.O., S. 20 und Sn. 36f.

x(10) Heutiges Kanaa
Ebd., S. 16.

x(11) Abraham
Die Bibel, Altes Testament, erstes Buch Mosis.

x(12) Entwicklung
Baruch: Die Israeliten, a.a.O., Sn. 20-23.

x(13) Davids Reich
Bibliographisches Institut: Duden Lexikon. Mannheim 1962. Davids Königtum unter "David". Die Datierungspräzisierung unter "jüdische Geschichte".

x(14) Stadtgründung
Baruch: Die Israeliten, a.a.O., Sn. 20-23.

x(15) Kein Eigentumsrecht
Ebd., S. 108.

x(16) Kanaanäer
Polytheismus: ebd., S. 33/Bildbeschreibung. Gewaltsame Unterwerfung: Heimpel, H.(Hrsg.): Geschichte. Bd. 1: Urgeschichte und Altertum. Braunschweig 1967, S. 29.
Veröffentlichung: Januar 2001
+Nr.23: Dienstag am FreitagNr.25: Lieblingsspielzeug+
 
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