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Nr.25: Lieblingsspielzeug

U-Boote im Zweiten Weltkrieg: Kriegsmoral bei Dönitz 1942

Nominierung

Thema: Einsatz deutscher Tauchboote im Zweiten Weltkrieg
Quelle: TV-Reportage: Sender "Pro-7", Spiegel-TV "U-Boote" 25.05.2001, ab 22,50 Uhr
Urheber: Redaktion Spiegel-TV

Aussagen

"Dönitz wollte sein Lieblingsspielzeug U-Boote unbedingt einsetzen ... / ... wollte die Gefahren für die U-Boote nicht wahrhaben ... / ... (die Seeleute) wurden Opfer einer skrupellosen Marinepolitik."

In den spannenden Bericht über die Klärung des Schicksals von U-869 durch US-Sporttaucher am Wrack vor der Küste von New Jersey wird eine fragwürdige grundsätzliche Bewertung eingewoben. Demnach habe der BdU (Befehlshaber der U-Boote) Karl Dönitz trotz Wissen um neue Ortungs- und Dechiffrierungstechniken des damaligen Gegners seine Soldaten mutwillig in den Tod geschickt.

Tatsachen

xStrategischer Hintergrund
Der deutsche Seekrieg 1939-1945 hatte nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs besondere Bedeutung. Damals verloren Deutschland und seine Verbündeten den Krieg vor allem durch eine gegnerische Seeblockade. Auch im Zweiten Weltkrieg beherrschten die anglo-amerikanischen Gegner die See mit Überwasserstreitkräften. Lediglich in der Luft über der See gab es ein örtlich und zeitlich begrenztes Kräftegleichgewicht. Unter Wasser konnte die deutsche Seekriegsleitung indes lange Zeit mit Tauchbooten dominieren. Dabei war nicht nur die effektive Zahl des durch sie versenkten Schiffraums bedeutsam, sondern auch die durch sie geschaffene Unsicherheit für gegnerische Schiffe, die viele Kräfte zur Sicherung band. Es gelang, eine neuerliche Kontinentalblockade zu verhindern und die Versorgung der alliierten Gegner in Europa durch Lieferungen aus den USA zu stören. (Bild: Deutscher U-Bootsoldat während der Atlantikoperationen an den Tauchventilen).

Die Wende
kam durch Ortungstechniken wie ASDIC, verschiedene Varianten von Funkmeßortungen sowie das Aufbrechen der deutschen Verschlüsselungstechnik per ENIGMA durch die ULTRA-Anlage im Londoner Bletchley Park. Diese Wende entwertete den größten Vorteil der Tauchboote, das unerkannte Operieren, plötzliches Auftauchen und Verschwinden.x(1) Aus einer erfolgreichen Offensive mit enormen Versenkungsziffern wurden die deutschen Tauchboote um 1942 in die Defensive gedrängt und vom Jäger zum Gejagten. So mag es scheinen, als ob ihr weiterer Einsatz ein sinnloses Todeskommando war, das befohlen wurde von einem verblendeten Admiral, der gerne mit seinen Waffen spielen wollte. Mit einem Mannschaftsverlust von insgesamt über 30% hatte die deutsche U-Bootwaffe den höchsten Todeszoll unter den deutschen Armeeteilen zu zahlen.

Funkleitung
Die Reportage behauptet weiter im Detail, durch unnötigen Funkverkehr "mit bis zu 70 Nachrichten pro Tag" für U-Boote seien diese sinnlos in Gefahr gebracht worden, da man sie so anpeilen konnte. Es wird der Eindruck erweckt, Dönitz habe durch überflüssiges Geplauder mit "Erkundigungen nach dem Befinden der Besatzungen und ihrer Boote" mutwillig Verluste verursacht. Der Kommandant von U-977, Heinz Schaeffer, berichtet hingegen, daß die Boote für den Atlantikeinsatz nach Passieren einer Meldelinie 15. Länge westlich Greenwich "U-Boot Funkstille" einzuhalten hatten.x(2) Funkverkehr war nur erlaubt für unverzichtbare Mitteilungen. Zu diesen gehörte die Meldung über gesichtete Ziele - um weitere Boote dorthin dirigieren zu können, über Versenkungen - um dem Hauptquartier die Entwicklung mitzuteilen, Empfang von Einsatzbefehlen aus der SKL (Seekriegsleitung), operative Kommunikation, z.B. für das Zusammenwirken mit eigener Luftwaffe oder um Versorgungsboote zu treffen. Hätte man auf diese Kommunikation verzichten wollen, wäre jeder Einsatz überhaupt unmöglich gewesen. Von mutwilligem Geplauder kann also keine Rede sein.

Funkschutz
Um die Ortungsgefahr zu begrenzen, wurde ein Abkürzungssystem entwickelt. Beispielsweise bestand die Meldung über einen gesichteten Geleitzug als Ziel, mit Standort, Kurs, Geschwindigkeit, Anzahl der Zielschiffe, ihre Sicherung, das örtliche Wetter und den eigenen Treibstoffbestand aus einem Kurzsignal mit nur 20 Buchstaben, das per Morsecode in Sekunden abgesetzt war. Selbst wenn dies überhaupt als U-Boot Signal erkannt worden wäre, war damit keine Standortbestimmung möglich. Konkrete Fälle als Gegenbeleg werden in der Sendung nicht genannt. Klar zu erkennen ist wiederum die Absicht, Dönitz als unfähig und gewissenlos darzustellen. Tatsächlich aber waren die technischen Gefahren diesem besser bekannt als den Reportern, es wurden entsprechende Vorkehrungen getroffen.x(3)

Anti-Radar
Vermutlich liegt bei diesem Vorwurf in der Sache eine Verwechslung vor mit der ungünstigen Nebenwirkung des deutschen "Fu-M-B" ("Anti-Radar"). Das Gerät warnte vor feindlicher Radarortung, hatte aber selbst eine minimale Eigenstrahlung, die geortet werden konnte. Da das Gerät bei Überwasserfahrt im Dauerbetrieb verwendet wurde, gab es auch genügend lange Signalsendezeiten, um eine Standortpeilung zu leisten. So sei es zum Verlust von etwa 35 bei insgesamt gut 800 gesunkenen Booten gekommen, ehe das Problem erkannt wurde.x(4)

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Karl Dönitz (1891-1980)
war bekannt für seine konsequente Strenge und Einsatzentschlossenheit. Viele seiner Funksprüche an die Boote hatten den Schlußsatz "Ran, versenken!". Er suchte häufig das Gespräch mit heimgekommenen Besatzungen und legte mehr Wert auf Praxiserfahrung als Theorie. Mangelndes Interesse an der Lage seiner Soldaten kann man also nicht behaupten. Beobachtungen von Besatzungen, die in einem Falle auf den Einsatz von gegnerischen Infrarot-Sichtgeräten hinwiesen, kommentierte er allerdings nicht. So war für die Soldaten nicht erkennbar, wie ernst er diese Hinweise nahm.x(5) Daß er sie nicht wahrhaben wollte, ist zu bezweifeln. Er hatte selbst bis Kriegsende zwei Söhne als Offiziere im Kriegseinsatz verloren, auch in der Marine. Welche Gefahren es dort gab, war ihm also auch durch persönliches familiäres Schicksal nicht unbekannt. Seine Söhne erhielten keine Vorteile, auch in der Zeit des größten Risikos mußten sie ebenso an die Front wie jeder andere Soldat auch.
Eine Änderung der Operationstaktik nach Bekanntwerden der neuen Gefahren für die Boote war nicht möglich. Dies hätte andere eigene Technik und Bootstypen vorausgesetzt, die es aber zunächst nicht gab.x(6) Als sich die gefährliche Nebenwirkung des Fu-M-B zeigte und somit zunächst kein Schutz vor der gegnerischen Technik möglich war, sperrte Dönitz für einige Zeit das weitere Auslaufen seiner U-Boote.x(7) Zwingende Gründe und ein strategisches Dilemma führten dann jedoch zur Entscheidung, auch ohne zureichende technische Sicherung die Atlantik-Einsätze wieder aufzunehmen:"Großadmiral Dönitz besucht unsere Flottille. Er sprach über den Einsatz der U-Bootswaffe und unser Mißgeschick: ' Wenn wir kein Boot mehr hinausschicken', legte er dar, ' wird der Gegner seine Geleitzüge nicht mehr sichern und die Schiffe ohne Schutz fahren lassen. Wir wissen aber, daß wir nur durch das Vorhandensein von Unterseebooten rund zwei Millionen Alliierte binden auf Kriegsschiffen und Werften. Dazu kommt der Zeitverlust durch Geleitfahrerei und anderes mehr. Es müssen also trotzdem Boote hinaus, um den Gegner zu fesseln, auch wenn sie nichts versenken. Die bloße Anwesenheit ist schon Erfolg!' ".x(8)

Fazit

Der Befehlshaber der deutschen U-Boote, Großadmiral Karl Dönitz, kannte die Gefahren der neuen technischen Entwicklungen ab 1942. Er reagierte darauf durchaus auch mit einer Auslaufsperre und trieb die Entwicklung von Abwehrtechniken voran. Seine Entscheidung für die Fortsetzung von Atlantikoperationen ohne hinreichenden technischen Schutz gegen Ortung wurde von ihm nicht mutwillig oder aus Spielerei getroffen, sondern aus zwingenden strategischen Gründen. Daß der Krieg Entscheidungsträger dazu zwingen kann, zur Vermeidung größerer Nachteile Opfer zu fordern, liegt in der Natur der Sache und ist wohl kaum Dönitz anzulasten.Die Methode diffamatorischer Kritik ist vielsseitig und hier auch in weiteren Marine-Beispielen dokumentiert (Art. 35 / 40). Die Feststellung der tatsächlichen Funkbegrenzung zur Verhinderung der Ortung könnte man Dönitz wiederum anlasten. Diesmal würde es heißen, daß er es vor lauter Gefühlskälte nicht zugelassen habe, daß seine einsamen Männer im Atlantik aufmunternden Zuspruch erfahren, er habe sich ja nicht mal nach ihrem Befinden erkundigt.Es ist 56 Jahre nach Kriegsende offenbar immer noch nicht möglich, selbst in faktenorientierten Medienberichten auf bösartige Hetzwertungen gegen die deutsche Armeeführung des Zweiten Weltkriegs zu verzichten. Deren verantwortliche Offiziere werden dem Publikum von heutigen Journalisten als tumbe Toren vorgeführt, die bei aller Gewissenlosigkeit auch noch unwissend gewesen seien. Eine Prüfung am Detail zeigt in diesem Beispiel, daß eine solche Bewertung eher auf die Urteilenden zutrifft als auf die Beurteilten.

Belege


x(1)U-Boot Stärke
Schaeffer, K.G. Heinz: U 977. Geheimfahrt nach Südamerika. Wiesbaden 1974, S.149.

x(2) U-Funkstille
Ebd., S.91.

x(3) Funkschutz
Ebd.

x(4) Gefährliches Anti-Radar
Ebd., S.154.

x(5) Rotlicht
Ebd., S.103.

x(6) Keine Änderung
Ebd., S.140.

x(7) Einsatzpause
Ebd., S.154.

x(8) Fesselung
Ebd., S.155.
Veröffentlichung: Mai 2001
+Nr.24: Davids Stadt?Nr.26: Feuerabend+
 
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