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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.26: Feuerabend

Nero mit dem Feuerzeug: Rombrand im Jahre 64

Nominierung

Thema: Der große Brand in Rom im Jahre 64 n.Chr.
Quellen: a) Kinofilm MGM: "Quo Vadis" (1951/ imdb.com/Title?0043949)
b) dessen literarische Vorlage gleichen Titels, z.B. Berlin 1925
c) Computerprogramm "NERO" (-burning ROM) / ein CD-Brennerprogramm
Urheber: a) Kinofilm: Mervin LeRoy (Regie), Drehbuch: John Lee Mahin, S.N. Behrman, e.a.; b) literarische Vorlage: der polnische Bischof Henryk Sienkiewicz, c)Computerprogramm: Ahead Software GmbH, Karlsbad

Aussage

Dem Tenor nach verbreiten viele Urheber diese Ansicht: Der verrückte römische Kaiser Nero hat Rom anzünden lassen, um vor der brennenden Kulisse Inspirationen für seine poetisch-dichterischen Neigungen zu finden.

Tatsachen

Kinoplakat des Nero-Films:
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Ein Dekadenz-Staat
Seitdem das Römische Reich vom Stadtstaat zur führenden Weltmacht wurde, degenerierten seine Gründungstugenden (virtus) und der bürgerliche Verhaltenscodex (mores). Die Regenten hatten in dieser Zeit keine existenziellen Probleme mehr zu lösen und fanden meist keine wirkliche Lebensaufgabe. Der vielgegliederte Beamtenstaat regierte sich in seinen Behörden weitgehend selbst, insbesondere in seinen weitverstreuten Provinzen. Der Kaiserhof samt Regent und Höflingen wurden so eine überflüssige Überflußgesellschaft, deren größtes Problem darin bestanden haben mag, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Zeitgenössische Quellenberichte über perverse Orgien am Kaiserhof sind vielleicht in einigen Details phantasiereiche Übertreibung, skizzieren aber wohl einen tatsächlichen Geist jener Zeit.

Kaiser Nero
Der bewußte Kaiser mit dem langen Namen Lucius Domitius Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus (37-68, kurz: "Nero") war der letzte Regent in der Augustus-Dynastie und unter den damaligen Höflingen und Intellektuellen Roms ziemlich unbeliebt. Zeitgenossen munkelten gerne, daß Nero nicht nur mißliebige Beamte umbringen ließ sondern auch den Stiefbruder, seine offiziell als "herrlichste aller Mütter" titulierte leibliche Mutter und beide seiner Ehefrauen. Die letztere (eine ordinäre Intrigantin) angeblich anläßlich eines Wutanfalls durch Fußtritte während ihrer Schwangerschaft.

Neros zweite Frau Poppaea im Hollywood-Film
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Solche sicher nicht falschen Anschuldigungen heben Nero aber nicht über die damals übliche Brutalität unter römischen Regenten heraus. Stiefvater Claudius war bereits von Neros Mutter Julia Agrippina aus Machtgründen vergiftet worden. Machterwerb und Machterhalt wurden in Rom zu jener Zeit oft dadurch entschieden, wer wen zuerst beseitigte. Daß Nero sich ernsthaft für einen Gott hielt, dürfte eigentlich niemanden gestört haben. Spätestens seit Oktavianus genannt Augustus, dem Sohn Cäsars, wurde diese Sitte zur Staatsreligion. Daß Nero mit einem Goldpalast (domus aurea, Esquilin NO vom Kolosseum) die Staatsfinanzen ruinierte ist ebenfalls nicht ungewöhnlich, selbst heute nicht. Daß fehlende Lebensaufgaben und großer Reichtum ihn geistig in infantile Wolkenwelten von Kunst und Kultur entrückten, ist ein eher zeitloses Phänomen und kein neronischer Sonderfall.

Ein verrückter Kaiser?
Die wahren Gründe für Neros Verfemung sind hier nicht zu klären, sicher ist aber, daß seine Handlungen den Eindruck geistiger Umschattung erwecken konnten. Daß er aus reiner Begeisterung für die verflossene Kultur der Griechen die ehemalige Konkurrenzmacht im Jahre 66 aus dem Römischen Reich in die Freiheit entließ, schwächte seinen Staat und die Steuereinnahmen. Es mußte sehr ärgerlich für jene sein, die als Beamte Verantwortung hatten für den Erhalt des Reiches. Neros "Heirat" mit dem seit Jahrhunderten verstorbenen griechischen Philosophen Pythagoras mag als Beispiel dienen für ernsthafte mentale Auffälligkeiten dieses Kaisers.x(1) Berücksichtigt man indes, wer bei uns heute wen heiraten darf, sollte man sich darüber besser nicht entrüsten. Gleichwohl wird angenommen, Nero habe unter der Primärgeisteskrankheit Paranoia gelitten. Möglicherweise ist dies der hilflose Erklärungsversuch für das Resultat einer konsequenten Dekadenzentwicklung einer größenwahnsinnigen Gesellschaft, die in Nero eine Symbolfigur fand.x(2)

Nero als Zahlungsmittel
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Brandstätten
Die antike Stadt Rom war eher nominell das Verwaltungszentrum eines Großreiches vor allem aber Sammelbecken von Migranten und Glücksrittern der alten Welt. In ihr lebten also nicht nur reiche Eliten in Marmorvillen sondern auch große Menschenmassen in oft mehrstöckigen Mietskasernen der Vorstädte (suburba), meist in billiger Holzbauweise mit offenen Herd- und Feuerstellen. Die Enge der Bebauung, Unkenntnis sowie Nichteinhaltung von Brandschutzprinzipien führte häufiger zu verheerenden Stadtbränden. Gerüchtvarianten besagen daher, Neros Brandstiftung sei eine Art Säuberung von Elendsvierteln gewesen.x(3) Doch der große Brand Roms in jener Vollmondnacht des Jahres 64 war bei weitem nicht der erste und nicht der letzte.x(4) Dieser Brand ist eher der bestdokumentierte jener Stadt, weil er Anlaß einer blutigen Christenverfolgung wurde, deshalb aber nicht notwendig der größte. Über die Schäden gibt es leicht abweichende Angaben von Zeitzeugen, nach denen etwa zwei Drittel Roms vernichtet worden seien.x(5) Archäologische Untersuchungen haben diese Zeugenangaben als Übertreibungen erwiesen.x(6) Bis in das europäische Mittelalter waren Flächenbrände in eng bebauten Städten eine gewohnte Katastrophe.

Nero als Marmorbüste
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Märchenzauber
Die ältesten Quellen über das Ereignis bieten keine einheitliche Aussage, sie belegen Neros angebliche Tatschuld nicht.x(7) Es scheint zwei Traditionslinien des Brandstifter-Vorwurfs mit mehreren Verästelungen zu geben. Der dominante und interessengebundene stammt von Christen, die nur Nero als Alleinschuldigen nennen. Nach dem Brand kam es in einer Sündenbock-Jagd zu einer blutigen Christenverfolgung. Das Ummünzen des Brandstifter-Vorwurfs auf den Verantwortlichen der Verfolgung ist hier also vor allem eine Schutzbehauptung, die schon im 17. Jh. dominante Ansicht gewesen sein mag.x(8) Seriöse Ursachenfragen stützen sich auf eher neutrale römische Chronisten, die fünf verschiedene Erklärungen möglich machen (Nero / Unglück / nachgeholfenes Unglück / Christen / Pisonische Verschwörer).x(9) Der größte Unfug war die anachronistische Behauptung, Nero habe auf seinem Palastbalkon Viola/Violine/Geige zum Stadtbrand gespielt. Das Instrument gibt es erst seit dem 15. Jh. und Nero hielt sich zum Zeitpunkt des Brandes nicht in der Stadt auf.x(10) Seit den archäologischen Untersuchungen ist Konsens, daß jenes Feuer auf dem Palatin (im Stadtzentrum) ausbrach, konkret im Südostflügel des Kaiserpalastes. Damit wurden wohl auch Teile von Neros Kunstschätzen zerstört, die er so innig liebte. Eine Heißrenovierung von Elendsvierteln war der Brandbeginn also nicht, die hölzernen Elendsviertel der Vorstädte wurden von diesem Feuer im Gegenteil am wenigsten betroffen.x(11)

Fazit

Zu keinem Zeitpunkt konnte es als erwiesen gelten, daß Kaiser Lucius D. Nero der Brandstifter Roms war. Schon seit ältesten Zeiten ist bekannt, daß es keine eindeutige Ursachenerklärung aber viele Theorien dafür gibt. Wollte man die angebliche Brandstiftung Neros als Inspirationshilfe für schräge Lieder erklären, verwendet man seine Kunstliebe als Motiv. Dies schließt aus, daß der Kunstfreund den Brand im eigenen Palast mit seiner Sammlung von Kunstwerken legte. Wird dann noch erkannt, wie häufig es Stadtbrände nicht nur in Rom gab, benötigt man keine Nero-Geschichten mehr für die Erklärung der Brandursache.

Belege


x(1)Totenhochzeit
Tacitus: Annales, XV-37.

x(2) Paranoia
Erläuterung: Sinnestäuschung aus Wahnideen, hier: logisch stimmige Folgerungen aus unsinnigen Grundannahmen. So Fernau, Joachim: Cäsar läßt grüßen. Die Geschichte der Römer. München-Berlin 1971, S.336.

x(3) Heißrenovierung
Berichtet von Maier, Paul L.: Rom in Flammen. Neuhausen-Stuttgart 1996, S.543.

x(4) Vollmondnacht
Hülsen, C. in American Journal of Archeology XII (1909), S.40.

x(5) Schadensberichte
Dio Cassius: LXII-8 (75%), Tacitus: Annales, XV-40 (10 von 14 Stadtteilen).

x(6) Archäologie
Walter, Gérard: Nero. London 1955; Beaujeu, Jean: L´incendie de Rome en 64 et les Chrétiens. In: Collection Latomus XLIX (1960), S.5ff.

x(7) Tatschuldquellen
Die frühesten Quellen für den Brandstifter-Vorwurf reichen bis in Neros Zeit selbst zurück. Schriftliche Berichte aller Art, darunter auch Briefe aus jener Zeit, stammen vor allem von Dio Cassius, aus Tacitus Annalen und Plinius Naturgeschichte, von Suetonius und von Neros Lehrer Seneca.

x(8) Frühe Feme
Löher, Hermann: Wehmütige Klage der frommen Unschuldigen. Amsterdam 1676/77, S.127f. Er beruft sich S.129 auf Tacitus. Abschieben der Brandschuld von Nero auf die Christen (S.508).

x(9) Linienspektrum
Maier: Rom in Flammen, a.a.O., S.543.

x(10) Geigen-Abend
Maier: Rom in Flammen, a.a.O., S.544.

x(11) Kunstbrand
Maier: Rom in Flammen, a.a.O., S.544.
Veröffentlichung: Juli 2001
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