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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.28: Statistfiktion

Hexenprozesse: Massenopfer in Quedlinburg 1589

Nominierung

Thema: Massenhinrichtungen der Hexenjagd
Quelle: Fachbuch "Hexenjagd. Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa" München 1995, S.36
Urheber: US Professor Brian P. Levack, Austin/Texas (Übersetzung Ursula Scholz)

Aussage

"Wenn wir etwa erfahren, daß im Hochstift Eichstätt innerhalb eines Jahres 274 Personen und 1589 in den Besitztümern des Klosters Quedlinburg an einem einzigen Tag 133 Hexen hingerichtet wurden, können wir den Blutzoll, den die Hexenverfolgung forderte, weit besser ermessen ..."

Tatsachen

xHistorische Mengenthemen
Die Bedeutung historischer Ereignisse hat natürlich auch einen quantitativen Aspekt. Unrechtsurteile der Justiz gab es zu jeder Zeit, im Falle von Todesurteilen sind sie besonders tragisch. Doch das Besondere der frühneuzeitlichen Malefizjustiz (sogenannte Hexenverfolgung) war die große Zahl von offenkundig unseriösen Verurteilungen in kurzer Zeit vor den Augen der zustimmenden Öffentlichkeit. Dies hebt Vorgänge wie diesen heraus aus den "üblichen" beklagenswerten Einzelfällen und macht sie zum historischen Thema.

Zahlenmythen
Die Spitzengebote zur Opferzahl der europäischen Malefizjustiz lagen bei 20 Millionen. Sie sanken um die Wende des 20. Jahrhunderts auf 9 Millionen, um über verschiedene Zwischenetappen und parallel zu regionalgeschichtlichen Untersuchungen zuletzt eine Schätzung von 100.000 europäischen Opfern über einen Zeitraum von etwa 200 Jahren zu erreichen.x(1) Die älteren Spitzenwerte werden je nach Motiv und Sachkompetenz einer Publikation auch heute noch vereinzelt fortgeschrieben.x(2)

Die Quedlinburger Massenhinrichtung
Im Falle des mitteldeutschen Quedlinburg konnte nun im Nachgang zu Behringer im Detail die Genese einer solchen Zahlenübertreibung geklärt werden durch Archivrat Dr. Manfred Wilde.x(3) Mit Quedlinburg verbindet sich seit langem die Geschichte, dort seien 1589 an einem einzigen Tag 133 Frauen als Hexen verbrannt worden. So berichtet die vielleicht meistverbreitete Dokumentation von Soldan/Heppe.x(4) Ständige Neuauflagen dieser häufig verwendeten historischen Gesamtübersicht reichen bis in die letzten Jahre. Dort heißt es: "In dem reichsunmittelbaren Frauenstift Quedlinburg wurden 1589 hundertdreiunddreissig Hexen verbrannt". Schon hier beginnen die Unstimmigkeiten. Denn nach dieser alten Vorlage habe es diese Opfer im ganzen Jahr gegeben, nicht an einem Tag, was Konsequenzen für Gesamtrechnungen hat.

Zuschauer einer Hexenhinrichtung (Löher 1676/77)
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Märchenstammbaum Nr. 1
Doch damit liegt ebenfalls nur eine Behauptung vor, die ohne nachprüfbaren Dokumentarbeleg von zweifelhaftem Wert bliebe. Der Stammbaum dieser Behauptung ist also weiter in die Vergangenheit zurückzuverfolgen. Im Falle der Quedlinburger Massenhinrichtung stützt sich die Dokumentation auf Janssen/Pastor: Culturzustaende des deutschen Volkes, 1894, Bd. VIII, S.737(=680). Seltsamerweise behauptete 25 Jahre zuvor Roskoffs "Geschichte des Teufels" (Leipzig, Brockhaus 1869, S.304) noch den Tages-Massengrill ebenso wie kurz danach Karsch: "Naturgeschichte des Teufels" (3. Aufl. Münster 1877). Dieser wiederum nennt als seine Quelle Rotteck/Welcker: "Staatslexikon", hier der Artikel von Bopp: "Hexen, Hexenprozesse" in Band VII. (Altona 1839, S.740-752). Bestätigen die älteren - also ereignisnäheren - Quellen somit tatsächlich das dramatische Tagesereignis? Keineswegs, dieser älteste Artikel von Bopp erwähnt mit keinem Wort ein solches Ereignis in Quedlinburg, er wurde somit falsch zitiert. Bopp fällt daher als Quelle für diese Behauptung ebenso aus wie die ihm später folgenden Berichte. Diese Linie des Märchenstammbaums ist folglich 1839 ausgestorben, mit 250 Jahren Distanz zum behaupteten Ereignis.

Märchenstammbaum Nr. 2
Die Behauptung muß also aus einer anderen Linie zurückverfolgt werden. Dazu bietet sich eine Schweizer Publikation an, die zeitgleich mit Bauer liegt - Karl Lempens: Geschichte der Hexen und Hexenprozesse (St. Gallen, Fuhrmann 1880). Hier sind es nun 133 Opfer insgesamt in Quedlinburg, also nicht an einem Tag und auch nicht in einem Jahr. Lempens beruft sich dabei auf Hormayer: Taschenbuch von 1836, Seite 339. Der wäre nun die bislang älteste Quelle, noch drei Jahre früher als der angebliche, aber falsch zitierte Bopp. Doch wiederum ein Fehlgriff. Hormayer berichtet zwar von 133 Malefizopfern an einem Tag des Jahres 1589 - doch in Osnabrück, nicht in Quedlinburg. Hormayer wiederum beruft sich dafür auf eine nicht mehr festzustellende "Braunschweiger Chronik" von einem gewissen Strunk (kein Jahr, kein Ort). Somit ist auch dieser Stammbaum der Behauptung Anno 1836 ausgestorben, mit 247 Jahren Distanz zu dem behaupteten Ereignis.

Angebliche niederländische Massenverbrennung (Luyken 1700)
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Die älteste Märchenquelle
Zufällig wird dieser Tage eine Publikation wiederentdeckt, die Licht in das Gestrüpp der Falschmeldungen wirft. Schon 1894 hatte der Geistliche Johannes Moser in einem kritischen Aufsatz in der "Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Altertumskunde" (S.620) die verschiedenen Varianten der Behauptung und ihre Herkunft geprüft. Henriette Soldan-Heppe hätte also schon 1910 diese Kenntnis haben können, als sie die oben genannte Dokumentation zuletzt überarbeitet und das Märchen weitergeschrieben hatte. Die älteste von Moser ausgemachte Quelle der Behauptung ist ein Gottfried Christian Voigt und sein Artikel in der Berlinischen Monatsschrift von 1784 (heutige Netzpublikation / Ebenso vom gleichen Autor: "Ueber Hexerey, Hexenprozesse und Folter", in: Gemeinnützige Abhandlungen, 1. Abhandlung, in der Weidmannschen Buchhandlung Leipzig 1792, S.162f.) Mit Voigts Erstpublikation von 1784 rückt die Stammbaumforschung der Falschmeldung also bis auf 195 Jahre an das Ereignis heran.

König der Statistfiktion
Voigt nun ist ungekrönter und ältester König der Quedlinburger Maximalzahlen. Auf seine Behauptungen dürften wohl alle Mythen um diese angebliche Massenhinrichtung zurückgehen. Voigt rechnete 1784 einfach die Zahl der von ihm archivalisch gefundenen etwa 30 Quedlinburger Prozesse aus 29 Jahren von 1569 bis 1589 um auf den Zeitraum, den er fälschlich als Gesamtzeitraum der mitteleuropäischen Hexenverfolgung wähnte. Bei ihm also 500 Jahre vom 12. bis zum 16. Jahrhundert mit fünf mal je 133 Opfern, folglich 665 Hexenprozeßopfern in Quedlinburg insgesamt. Diese Statistfiktion erhebt er offenbar ohne präzise Kenntnis der effektiven Zahl der Opfer in den bewußten 29 Jahren:

"Ich habe aus dem Zeitraume vom Jahre 1569 bis 1598 also ungefähr in 30 Jahren einige 30 Fälle nachgewiesen. (...) Ich schätze die Anzahl derselben noch einmal so hoch. (...) Ich will nun annehmen, dass in dem genannten Zeitraum von 30 Jahren wenigstens 40 Personen durchs Feuer als Hexe hingerichtet sind; ob ich gleich glaube, dass ich die Zahl auf 60 annehmen könnte. Nach diesem Verhältnis würden in jedem Jahrhundert in Quedlinburg 133 Personen als Hexen verbrannt worden seyn."

Nüchterne Realität
Wilde prüfte selbst die noch vorhandenen Prozessdokumente im Archiv und konnte zu Quedlinburg während 195 Jahren von 1569 bis 1664 insgesamt 60 Prozesse finden. Die Zahl der Todesurteile und -opfer ist nicht feststellbar. "Das jüngste nachweisbare Urteil gegen Lucie Margarete Steinacker lautete auf Staupenschläge und Landesverweisung. In der Hauptsache wurde als Spruchbehörde der Schöffenstuhl in Magdeburg angefragt, nur in wenigen Fällen der Leipziger Schöffenstuhl und die Juristenfakultät Helmstedt."
Es wird nicht erstaunen, dass entsprechende Recherchen zu den angeblich 133 Osnabrücker Tagesopfern ein ähnliches Ergebnis zu Tage fördern. Da kaum noch Archivdokumente zu dieser Justiz am Ort erhalten sind, bleibt als zuverlässigste Quelle eine Turmknaufchronik von 1591, die von 165 Malefizopfern in sieben Jahren von 1583 bis 1590 berichtet. Alle anderen Berichte zu Osnabrück, darunter eine "Wahrhaftige Zeitung" von 1596 bieten die verschiedensten Angaben, die sich in Zeitraum und Opferzahl widersprechen.

Fazit

Die angebliche Tages-Massenverbrennung in Quedlinburg wuchs als Volks-Sage schrittweise über die Jahrhunderte nach Ende der Malefizjustiz. Der erste Chronist Voigt fand die an vielen Orten übliche Zahl von Prozeßfällen über einen Zeitraum von Jahrzehnten. Durch fiktionale Hochrechnung auf spekulative Ereigniszeiträume destillierte er so Maximalzahlen für Jahrhunderte. Diese nun wurden im Falle von Quedlinburg projiziert auf ein Tagesereignis, das als Gerücht aber wieder aus einem anderen Raum - Osnabrück - stammte und auch dort nicht seriös nachweisbar ist. Nach der Logik von Voigt 1784 gälte analog: Wer Ende April 2001 eine Tasse auf den Boden fallen lässt und dieses Tagesereignis auf die Zahl der Rest-Tage in diesem Jahr hochrechnet, der muss bis Weihnachten 2001 noch mehr als 230 neue Tassen kaufen.

Belege


x(1)Zahlenabbau
Wolfgang Behringer: Neun Millionen Hexen. Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49 (1998) Heft 11 S.664-685.

x(2) Zahlenbeharrlichkeit
Houben/Mirkes: Die Eifel. Köln 1990, S.85:
"In Deutschland wurde unter dem Segen der Kirche über eine Millionen meist weiblicher Opfer aufs grausamste gefoltert und umgebracht."

x(3) Archivklärung
Forschungsdiskussion AKIH

x(4) Hexenstandardwerk
Soldan/Heppe/Bauer: Geschichte der Hexenprozesse, Bd. II, S.54. Erstmals publiziert durch den Geistlichen Soldan wurde die Studie weiter überarbeitet von Heinrich Bauer (Stuttgart, Cotta 1880) und nochmals 1910 durch einen Nachfahren von Soldan (Henriette Soldan-Heppe)
Veröffentlichung: Juli 2001
+Nr.27: Gut gegürtetNr.29: Toller Rand+
 
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