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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.32: Gänzlich unberufen

Erster Weltkrieg: Ausrufung der Republik 1918

Nominierung

xThema: Beginn der ersten deutschen Demokratie
Quelle: P.M. Peter Moosleitners Magazin, München Juni 2001, S.90 (Quiz), S.119 (Auflösung)
Urheber: Verfasser/in des Quizfragenbeitrags anonym, verantwortlich somit der Chefredakteur Hans-Hermann Sprado

Aussage

Die Frage unterstellt, daß mit der im Bild dargestellten historischen Proklamation der Republik durch den dazu autorisierten Abgeordneten Philipp Scheidemann (SPD) die erste Demokratie in Deutschland begann.

Tatsachen

Die Ausrufung einer neuen Staatsform ist zunächst eine formaljuristische und faktische Frage. Jeder Hinz und Kunz kann etwas ausrufen, erwähnenswert ist dies nur, wenn sich damit auch etwas ändert oder eine tatsächlich vollzogene Änderung bekanntgegeben wird.Lage und Motivhintergrund
Vor der ersten Demokratie in Deutschland stand seit 1871 das Kaiserreich der Hohenzollern mit einem Parlament, in dem verschiedene Parteien vertreten waren. Darunter auch die SPD und deren Abgeordneter Scheidemann (1895-1939), später Reichskanzler (6/19-9/19), dann Oberbürgermeister von Kassel (1920-1925).
Die Abgeordneten dieses Parlaments waren zwar frei gewählt und hatten z.B. die Befugnis zur Entscheidung von Haushaltsfragen und Gesetzen, nicht aber die Kompetenz zur Änderung der Staatsform. Zum fraglichen Zeitpunkt regierte eine Koalition (schwarzrotgoldene Koalition) aus Zentrum (Christen), SPD (Sozialisten), DDP (Liberale), die sich auf insgesamt 80% der Wählerstimmen stützen konnte. Reichskanzler war Großherzog Prinz Max v.Baden. Im Herbst 1918 war Streit entstanden um die Zukunft des Kaisers Wilhelm II. v.Hohenzollern. Grund dafür war die Bedingung der alliierten Sieger des Ersten Weltkriegs, daß vor einem Friedensabschluß dieser Kaiser verschwinden müsse. Hinzu kamen Revolutionsfunken, die von kommunistischen Soldaten und streikenden Arbeitern vom Vorbild der Sowjetherrschaft in Rußland übernommen wurden.x(1) Vor allem die im Parlament vertretenen Sozialisten (SPD) hofften zurecht, aus diesem Gebrodel mehr eigene Macht abschöpfen zu können bis hin zu einer Änderung der Staatsform in ihrem Sinne.

Sozialisten
Diese Sozialisten waren jedoch in sich gespalten. Im Unterschied zu Kommunisten (USPD, unabhängige SPD und Spartakusbund) wollten Sozialisten (MSPD, Mehrheits-SPD) die "Herrschaft des Proletariats" wenn möglich nicht durch Putsch oder Revolution erreichen sondern auf parlamentarischem Wege. Wenn historiographische Literatur beim Bericht über diese Zeit von der "SPD" spricht, ohne sich näher auf bestimmte Flügelgruppen zu beziehen, ist damit meist die parlamentarisch-demokratische Mehrheits-SPD im Parlament gemeint, Vorläuferin der heutigen Partei gleichen Namens.

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Standhafter Kaiser
Kaiser Wilhelm wollte jedoch nicht abdanken. Erzwingen ließ sich dies formal korrekt solange nicht, wie seine Söhne als Thronfolger unter dem Einfluß ihres Vaters ebenfalls nicht bereit waren, dies zu unterstützen. Für die Idee einiger Generalstäbler, also doch gerade mal an der Front den Tod zu suchen, konnte Wilhelm sich auch nicht recht begeistern. Selbst dann nicht, als der neue Generalstabschef Groener, Nachfolge Ludendorff, ihm dies über den Umweg seiner Frau schmackhaft machen wollte und sich sogar Ex-Kanzler Michaelis anbot, ihm dabei heldenhaft zur Seite zu stehen.
Wilhelm war am Frühmorgen des 10. November aus dem Hauptquartier im belgischen Spa in das Exil nach Doorn in Holland gegangen, nachdem der Generalstab sich eigenmächtig Eberts neuer Regierung unterstellt und die Bildung von Soldatenräten angeordnet hatte. Als Kaiser und König abgedankt hatte Wilhelm jedoch erst am 28. November 1918 (Bild: Abdankungsurkunde). Somit bestand bis zu diesem Datum die Kaisermonarchie in Deutschland weiter fort, eine vorherige Ausrufung der Republik hatte also keinerlei Faktenwert und war damit weder der Beginn einer neuen Staatsform noch der Anfang von Demokratie.

xAbdankung als Zwecklüge
Kanzler Max war dieser Tage vor Wilhelms Abgang ins Exil am 10. November nervlich etwas angespannt. In Berlin demonstrierten Arbeiter, die Soldaten durften nicht auf sie schießen, die Generäle des Reiches wurden immer aufmüpfiger und langsam mußte ein Frieden her mit Siegermächten, denen die Nase des Kaisers nicht paßte. US-Präsident Wilson hatte dies in einer Note vom 6. November deutlich gemacht. Daß den Demokraten Wilson dabei grundsätzlich Monarchien gestört haben sollen, überzeugt als Begründung wenig, da Demokrat Wilson sich auch nicht an der Monarchie seines Kriegsverbündeten England störte.
Kanzler Max reiste in das kaiserliche Hauptquartier in Spa, um Wilhelm nochmals zum Thronverzicht zu nötigen, ohne jedoch eine Entscheidung zu erreichen. Diese Entscheidung fällte Wilhelm erst am 8. November, als er Max telegraphisch mitteilten ließ, daß er dieses Ansinnen "völlig ablehnt".x(2)
Die SPD und Mehrheitsfraktion des Reichstages drohte daher mit dem Austritt aus der Regierung, was die Lage noch komplizierter gemacht hätte. Speziell in Berlin gebärdeten sich revolutionäre Arbeiter und Garnisonssoldaten zunehmend aggressiver. Unter diesem Druck setzte Max um 12 Uhr des 9. November also die Zwecklüge in die Welt, daß "Der Kaiser und König sich entschlossen hat, dem Throne zu entsagen.", zwei Stunden bevor Scheidemann in der Mittagspause die Ausrufungsidee überkam, mehr als zwei Wochen bevor Wilhelm wirklich abdanken mußte, nachdem die Fakten von Max schon längst geschaffen worden waren. Die Zwecklüge der angeblichen Abdankung wurde am 9. November offiziell verbreitet. So im Bild oben im "Vorwärts", dem "Zentralorgan der SPD", aber auch in anderen deutschen Presseorganen.

Lästige Kanzlerschaft
Wenn der angebliche Thronverzicht am 9. November überhaupt gestimmt hätte, wäre es nun Aufgabe von Max gewesen, eine neue Übergangsregierung zu bilden bis zu Neuwahlen. Doch war der adelige Kanzler zumindest nicht so dumm, sich nun auf das Gestänker einzulassen, das ihm in der zwischenzeitlichen Zusammenarbeit mit der kommunistischen USPD bevorgestanden hätte. Diese stützte ihren Mitwirkungsanspruch auf Soldatenunruhen, Streiks und Demonstrationen.x(3) Max schob das unangenehme Kanzleramt also einfach per Verfügung ab auf den Chef der SPD-Mehrheitsfraktion im Reichstag, Friedrich Ebert. Es ist offensichtlich, daß dies formal nicht gültig war. Ein Kanzler kann nicht einfach nach Gutdünken und per Befehl einen neuen Kanzler bestimmen; dieser wurde auch damals schon nur durch das Parlament gültig gewählt. Ebert übernahm diese Falschgeldnote gleichwohl und rief einen "Rat der Volksbeauftragten" zusammen. In diesem sollten Vertreter der aktuellen politischen Kräfte beraten über eine "Konstituante", also eine künftige verfassunggebende Nationalversammlung, die eine neue Staatsform beschließt. Eberts "Konstituante", also eine begriffliche Anleihe an die Französische Revolution von 1789, beriet vom 6. Februar bis 11. August 1919 in Weimar. Dem Tag, als mit der neuen Verfassung tatsächlich die Republik und erste Demokratie in Deutschland begann.

Kurzschlußreaktion
Der SPD-Abgeordnete Scheidemann hatte am 9. November 1818 und in dieser unübersichtlichen Situation nun nicht gerade Lust auf die Ausrufung einer irrealen Behauptung. Ihm kam nur zu Ohren, daß der gerade aus dem Zuchthaus entlassene Kommunist Liebknecht dies beabsichtigte. Da Scheidemannn Sinn für Symbolik hatte und annahm, daß diese in aufgewühlter Zeit großen Einfluß auf entfesselte Massen hat, wollte er laut den Angaben seiner Autobiographie nicht zulassen, daß die neue Demokratie beginne als "russische Provinz und Sowjet-Filiale".x(4)
Also kam es mehr unter dem Zeitdruck der Umstände und als spontane Kurzschluß-Reaktion zu der bewußten "Ausrufung" der Republik durch Scheidemann während seiner Mittagspause zwischen den Beratungen im Reichstag. Sie fand gegen 14 Uhr in Berlin statt auf dem Balkon des Reichstages und nicht in einem Fenster, immerhin etwa zwei Stunden vor der Aufführung von Liebknecht. Die im nominierten Text verwendete Aufnahme ist also nicht die authentische der echten Scheidemann-Aufführung, sondern eine später nachgestellte Szene, die der Parlamentarier in seiner selbstbeweihräuchernden Autobiographie als Selbstinszenierung verwendete und die heute ständig verwendet wird, weil sie fotographisch besser aussieht als das Originalfoto des realen Vorgangs.

Eine Ausrufung - keine Ausrufung
Ausrufen, also proklamieren, kann man nur ein Augenzeuge das, was es gerade schon gibt oder Herrscher, welche die Macht haben, damit etwas Neues beginnen zu lassen. Scheidemann war zwar Augenzeuge der Beratungen über einen Beginn der Demokratie, doch waren diese nicht abgeschlossen und somit war auch noch nichts entstanden. Scheidemann war andererseits aber kein Herrscher, der eine Autorität besessen hätte, etwas Neues beginnen zu lassen. Er war auch kein Sprecher, der die Legitimation erhalten hätte, etwas zu verkünden. Sein Fraktionschef und Parteigenosse Ebert stauchte ihn wenige Minuten nach dem Balkonauftritt vielmehr deswegen zusammen in der Kantine des Reichstages, wobei er sogar mit der Faust auf den Tisch schlug. Scheidemann war nicht einmal der erste gewesen, auch wenn er Liebknecht zeitlich um Stunden überholt hatte. Zwei Tage vorher hatte bereits der Kommunist Kurt Eisner in München die Republik ausgerufen und sogar eine Revolutionsregierung in der Stadt gebildet.
Immerhin muß man Scheidemann zugute halten, daß er am 9. November tatsächlich und wörtlich überhaupt keine Republik ausgerufen hatte. Er hatte lediglich die reale Tatsache mitgeteilt, daß ein neuer Kanzler im alten Parlament - auf illegitime Weise - bestimmt wurde und welche weiteren Verfügungen nun beschlossen wurden auf dem Weg hin zu einer künftigen Republik, die dann am 11. August 1919 begann.x(5) Die Zwecklüge der angeblichen Abdankung des Kaisers hatte Scheidemann wohl von Kanzler Max ohne eigene Schuld übernommen.Scheidemanns "Ausrufung der Republik", die nicht einmal eine war, hatte nicht mehr Kompetenz, als wenn ein Berliner Bockwurstverkäufer gerufen hätte "Es lebe die Republik !". Falls das inszenierte Fensterbild dabei einen Unterschied machen würde, hätte man den Bockwurstverkäufer halt in ein Fenster stellen und fotographieren können. Doch die Demokratie hätte dann immer noch nicht begonnen, selbst wenn er im Gegensatz zu Scheidemann eine Republik ausgerufen hätte.

Fazit

Der SPD-Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann hatte am 9. November 1919 keine Republik ausgerufen sondern lediglich eine falsche Behauptung (Abdankung) und den Hinweis auf einen illegitim bestimmten neuen Kanzler sowie einige Verfügungen eines willkürlich zusammengesetzten neuen Regierungsgremiums auf dem Balkon des Reichstages öffentlich mitgeteilt. Selbst wenn er eine Republk ausgerufen getan hätte, was er nicht tat, wäre er damit nicht der erste gewesen, Kurt Eisner in München liegt zwei Tage früher. Aber selbst zu seiner Mitteilung war Scheidemann nicht befugt, sie berichtete keine neue Staatsform und schuf sie auch nicht, da formal weiterhin der Kaiser Regent des Reiches war und dies für weitere zwei Wochen nach dem 9. November auch blieb.
Zum Thema des Beginns der ersten deutschen Demokratie 1918 gibt es über die Jahrzehnte bis heute keinen Wissensfortschritt in der Öffentlichkeit sondern einen gigantischen Absturz gerade in den letzten Jahren. Schuld daran ist die Inanspruchnahme der Weimarer Demokratie durch heutige politische Interessen, die Geschichte in oberflächlich schwätzenden Medien zur eigenen Legitimation nutzen. Dazu trägt sicher bei, daß es die Partei von Scheidemann auch heute noch gibt und daß diese seit Jahren in der Regierung ist und von entsprechenden Hofberichterstattern in der Presse komplimentiert wird.
Es fängt schon mit Differenzen darüber an, wer die Republik ausrief, die am 9. November noch nicht ausgerufen werden konnte. Linksradikale nennen dann nur den Kommunistenführer Liebknecht, Demokraten analog nur Scheidemann, der zwei Stunden früher auf einem Balkon stand. Die chaotischen Hintergründe und die Illegitimität der Anfänge der ersten deutschen Republik durch internen Putsch geraten zunehmend in Vergessenheit, vielleicht, um die Reputation des Demokratiegedankens nicht zu beschädigen in einer Zeit zunehmender Politikverdrossenheit.
Bei dieser Nominierung kann man fast Mitleid haben, sie erwischt einen gutgläubigen Dummvogel, der offenbar nicht einmal ahnt, über welches Thema er/sie hier Quizfragen stellt und dieses Manko beseitigt durch das Weitererzählen derzeit populärer Legenden, hinter denen parteipolitische Interessen stehen. Prämierenswert ist hier die Tatsache, daß das Resultat Redaktionsbeitrag eines "Wissenschaftsmagazins" ist und daß jedes gute Schulbuch zur Geschichte gezeigt hätte, daß die produzierte Ansicht falsch ist.

Belege


x(1)Hintergrundlage
Freund, Michael: Deutsche Geschichte. Gütersloh 1960, S.513 ff.

x(2) Ablehnender Kaiser
Steinle, Jürgen (Hrsg): Überblicke. Materialien für geschichts- und sozialkundliche Beiträge. Köln 1993, S.78-80.

x(3) Unwilliger Max
"Ich erwiderte Herrn Ebert: 'Ich weiß, daß sie im Begriff sind, mit den Unabhängigen ein Abkommen zu treffen und mit den Unabhängigen kann ich nicht zusammenarbeiten.' " Aus den Erinnerungen v.Badens in Freund, a.a.O., S.514.

x(4) Keine Filiale
Scheidemanns Autobiographie zitiert in Freund, a.a.O, S.514.

x(5) Stenographie-Text
Jessen-Klingenberg, Manfred: Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 19/1968, S.649-656:
"Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik! Der Abgeordnete Ebert ist zum Reichskanzler ausgerufen worden. Ebert ist damit beauftragt worden, eine neue Regierung zusammenzustellen. Dieser Regierung werden jetzt alle sozialistischen Parteien angehören. Jetzt besteht unsere Aufgabe darin, diesen glänzenden Siege, diesen vollen Sieg des deutschen Volkes nicht beschmutzen zu lassen und deshalb bitte ich sie, sorgen sie dafür, daß keine Störung der Sicherheit eintret! Wir müssen stolz sein können in alle Zukunft auf diesen Tag! Nichts darf existieren, was man uns später wird vorwerfen können! Ruhe, Ordnung und Sicherheit ist das, was wir jetzt brauchen! Dem Oberkommandierenden in den Marken und dem Kriegsminister Scheuch werden je ein Beauftragter beigegeben. Der Abgeordnete Genosse Göhre wird alle Verordnungen des Kriegsministers Scheuch gegenzeichnen. Also gilt von jetzt ab, die Verfügungen, die unterzeichnet sind von Ebert, und die Kundmachungen, die gezeichnet sind mit den Namen Göhre und Scheuch, zu respektieren. Sorgen sie dafür, daß die neue deutsche Republik, die wir errichten werden, nicht durch irgendetwas gefährdet werde. Es lebe die deutsche Republik."
Veröffentlichung: Dezember 2001
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