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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.36: Holzkopfwurm

Homers Ilias: Das Trojanische Pferd im Krieg 1300 vC.

Nominierung

Thema: Der Trojanische Krieg und das Trojanische Pferd 
Quelle: TV-Rästelsendung: "Deutschlands klügste Kinder", Sender "RTL", 23.12.01, 10,20 Uhr 
Urheber: Die Redakteure der Quizsendung 

Aussage

Die Quizfrage zur antiken Geschichte lautet: Mit welchem hölzernen Dingsbums haben die Griechen Troja erobert? Die angeblich richtige Antwort für wurmstichige Holzköpfe natürlich: Mit dem Trojanischen Pferd !Die historische Information lautet also gemäß verbreiteter Ansichten, daß Griechen auf einem Kriegszug im Mittelmeer vor dem ersten Jahrtausend vor Christus die Stadt Troja an der Meerenge der Dardanellen (Hellespont) eroberten, indem sie bei einem Scheinrückzug eine hölzerne Pferdestatue vor den Toren der Stadt zurückließen. Die siegestrunkenen Verteidiger der Stadt holten die Statue als Siegesbeute hinter ihre Mauern. Dadurch konnten einige im hohlen Inneren der Statue versteckte Griechen nachts die Tore für ihre versteckten Kumpanen öffnen, wodurch die Stadt im Schlaf erobert, abgebrannt und ein zehnjähriger blutiger Krieg von den Griechen mühelos gewonnen wurde.

Tatsachen

xHintergrund
Wie viele mit Erfolg expansive Mächte hatten bereits die antiken Griechen ihre politisch-militärische Dominanz im Mittelmeer-Raum nachträglich mit allerlei Heldengeschichtchen umrankt und damit ein blutiges Faktum räuberischer Gewalt ideell überhöht. Aus diesem Dunstkreis wuchs ein Häuflein verschiedenster Sagen und Mythen, zu denen ein Dichter "Homer" beigetragen soll, dem vielerlei Texte zugeschrieben werden, darunter die "Odyssee" und eben die "Ilias", die Sage vom Trojanischen Krieg.
Die Präsenz dieser Heldengeschichtchen im europäischen Kulturkreis erklärt sich auch aus der philosophischen Bewegung des sogenannten Humanismus ab der Frühen Neuzeit. Sie distanzierte sich von der Dominanz lateinischsprachiger christlicher Theologie und Dogmatik durch Wiederentdeckung heidnisch-antiker Kultur und ihrer kulturellen Werte. Zum Beispiel Gerhard Gerhards, bekannt als "Erasmus von Rotterdam" (1465/66-1536), suchte und fand diese Wiederentdeckung in der klassisch-griechischen Sprache, die bis zum Untergang der europäischen Kultur in moderner Ideologie ab dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Unterrichtsgegenstand höherer Bildung war. Dazu wurden entsprechende klassische Sagenstoffe als Sprachlerntexte verwendet.Auf die Details des Homer-Berichts über die 51 entscheidenden Tage des des zehnten und letzten Jahres im angeblichen Trojanischen Krieg ist hier nicht weiter einzugehen, da es wahrscheinlich nicht einmal diesen Krieg selbst, geschweige denn die Holzpferd-Geschichte in diesem Zusammenhang real gegeben hat. Die Diskussion mag daher ansetzen mit der Geschichte der Sagengeschichte.

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Ein sagenhafter Dichter
Demnach bestehen bereits seit der Antike, also Zeiten vor dem 6. Jahrhundert n.Chr., allerlei Differenzen über den Ursprung der Sage vom Trojanischen Krieg. Sie beginnen schon mit dem Autor "Homer" selbst. Neun antike Biographien widersprechen einander und gelten daher als fiktiv und sachlich irrelevant. Die Lebensdaten dieses "Homers" schillerten entsprechend zwischen 1194 v.Chr. bis 700 v.Chr. Gleichwohl haben Griechen, die naturgemäß an ihrer textlichen Selbstbeweihräucherung Interesse haben, genaue Porträtzüge des sagenhaften Autors in Marmor hinterlassen können, wobei man sie für ihre visionären Rückschauten bewundern darf (Bild). Sieben griechische Städte behaupten, sein Geburtsort zu sein. Das ist fast noch sichere Kenntnis im Vergleich zu Spekulationen darüber, welche Geschichten von ihm stammen oder nicht.x() Homer gilt als einer der wandernden Sänger jener Zeit, der nie schrieb. Es liegt nahe, daß er dann nicht ein Versepos von heute 400 Standarddruckseiten der Ilias aus dem Gedächtnis vorgetragen haben konnte (auch wenn Griechen natürlich ganz bestimmt schon immer echt fähige Leute waren). Zwar gab es zu "Homers" Zeit schon eine primitive Schrift in seiner Heimat, sie wurde aber nur für die Buchführung von Bestandslisten verwendet, und scheint auch für nicht viel mehr geeignet. Des gedächtnisstarken Sängers Nachfolger, die ebenfalls wandernden "Rhapsoden", erzählten weiterhin ihre Heldengeschichten aus dem Gedächtnis. Die heute als "Ilias" bekannte Sage über einen Trojanischen Krieg wurde Jahrhunderte nach ihrer mutmaßlichen Entstehung literarisch niedergelegt im 2. Jh. v.Chr. Schon ihre Schreiber wußten wohl nicht mehr, was davon einmal von wem stammte, ein Name "Homer" war aber bereits früh mit den Texten verbunden.

Arbeit der Altertumswissenschaften
Die Unsicherheit der Textherkunft ist bereits seit 1795 und entsprechenden Darlegungen des Hallenser Universitätsprofessors Friedrich August Wolf bekannt, der als Begründer moderner Altertumswissenschaften gilt. Daraus entwickelte sich ein Gelehrtenstreit in Deutschland, aus dem sich neben der Wolfsgruppe (These Wolf: viele Dichter hinter wenigen Werken) noch die "Unitarier/Einheitshirten" entwickelten (These: ein Autor hinter vielen Werken), sowie die "Liederjäger/Lachmänner" (These Lachmann: Bestimmung vieler Autoren über die Lieder in den Texten).x(2)
Es erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit Details dieser Figur "Homer", wie etwa, daß er blind und also "von den Göttern erleuchtet" gewesen sei (Bild oben: Büste ohne Augensterne). Durch den Vergleich ähnlicher sprachlicher und stilistischer Eigenheiten in den Texten nimmt man heute ungefähr an, daß es möglicherweise wirklich einmal einen phantasiebegabten griechischen Epiker unbekannten Namens gegeben haben könnte, der Nachfolger unter seinen Landsleuten zu weiterer Sagenproduktion inspirierte und großen Einfluß auf das kulturelle Selbstverständnis der antiken Griechen hatte.x(3) Diesem könnte man zumindest große Teile der Ilias und eventuell noch Teile der Odyssee zuschreiben - von denen man beide aber nicht sicher weiß, aus welcher Zeit sie überhaupt genau stammen und wieviele Einschübe später von wem hinzukamen. Die Konstruktionsfigur des Kernautors hätte gemäß dem ionischen Dialekt und entsprechenden Ortskenntnissen dann um 800 v.Chr. in der Gegend von Smyrna gelebt. Man könnte diese halbmögliche Figur also z.B. "Homer" (=Geisel) nennen. Denn dieser Name ist alt und gilt als echter Individualname im Gegensatz zu metaphorischen in und um frühe Sagen.x(4)

Griechisches Schiff auf einem attischen Krug 800 v.Chr.
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Archäologischer Schub
Dieses sagenhafte Gestrüpp nahezu unüberschaubarer Vermutungen und Ansichten über reale Fakten hinter dem Ilias-Holz mag den mecklenburgischen Kaufmann Heinrich Schliemann (1822-1890) inspiriert haben, sich nach Aufgabe seiner Berufsgeschäfte auf die Suche nach den realen Stätten hinter diesen Sagen zu machen.x(5) Zu seinen großen Entdeckungserfolgen gehören die Ausgrabungen verschiedener frühantiker Städte, darunter Mykene und eben Troja (1870-1882). Unter den neun bislang aufgefundenen Siedlungsschichten auf dem Hügel bei Hissarlik in der Türkei ist unter den ältesten auch eine verbrannte zu finden (Horizont Troja Nr. VIIa). Schliemann nahm also fasziniert von der alten Sage an, daß dies das Troja aus dem Ilias-Epos sei (worin man vielleicht noch das angesengte Holzpferd findet?). Doch kann logischerweise nur die Sage durch die Fundsache bewiesen werden und nicht umgekehrt.x(6) Im Detail wurde die Distanz zwischen Epos und Fund kürzlich noch einmal durch neuere archäologische Studien betont. Dabei werden noch weitergehende Zweifel an dem von Homer geschilderten Krieg überhaupt begründet nachgewiesen. Die bewußte Brandschicht enthält keine Anzeichen von Kämpfen, z.B. Waffen oder verschüttete Leichen. In jungen Troja-Schichten gibt es das aber durchaus. Nur sind das dann Zeiten, die weit nach der mutmaßlichen Entstehung der Sage vom Trojanischen Krieg liegen.x(7) Ein Erdbeben erscheint deshalb schon länger als die wahrscheinlichste Ursache für den Brand.x(8)

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Realität
Sicher ist heute schon lange vor dieser Enthüllung:
Um 2000 v.Chr. brachen indogermanische Stämme in Griechenland ein und vermischten sich mit der Urbevölkerung zu Achaiern/Ioniern. Diese wurden jedoch lange dominiert von einem älteren Herrschaftszentrum auf Kreta, den Minoern. Deren Vormacht wurde um 1700 v.Chr. von einem Erdbeben gebrochen, wobei die kretische Vormacht verdämmerte. So wurden die Minoer von den Achaiern allmählich aufgesogen in der folgenden mykenischen oder frühgriechischen Kultur. Die nun überlegenen Achaier begannen ab 1300 v.Chr. weite Eroberungszüge, vor allem über See und dienten sogar als Söldner bei den Ägyptern. Am nordöstlichen Rande und eher außerhalb ihres frühen Expansionsraums lag die phrygische Stadt Ilion, daher der Eposname Ilias = Troja. Die Stadt wurde von den Achaiern sicher nicht freundlich behandelt, umgekehrt wohl ebenso. Ilion wurde aber nicht im Handstreich durch eine Holzpferd-Falle erobert und abgefackelt, sondern - wie üblich in diesem Raum - durch ein Erdbeben geschwächt und versank allmählich als ehemals selbständige Macht unter dem Schatten und der Dominanz expandierender Frühgriechen.x(9) Die Zeit des Niedergangs dieser Stadt gilt der Forschung aus archäologischen Erkenntnissen als eine der allgemeinen Zerstörung in den östlichen Mittelmeerkulturen durch marodierende Frühgriechen auf ihren Eroberungszügen ("dark age"/dunkles Zeitalter: 1250-1150 v.Chr.).x(10)

Fazit

Da die Griechen Troja bis zur Zeit der Entstehung der Ilias nicht erobert haben, brauchten sie auch kein Holzpferd als Trick dafür. Sowohl der Krieg wie das hohle Pferd sind dichterischer Sagenstoff. Und das ist schon seit Jahrzehnten keine neue Erkenntnis mehr. Es wird bereits vermittelt in Schulbüchern aus den 1960er Jahren als Fazit der Forschung für das Allgemeinwissen von Kindern und nicht erst durch die detailliertere Enthüllung eines fachlich ausgewiesenen Archäologen aus dem letzten Jahr. Daher kann man angesichts unausrottbarer Geschichtslegenden aller Art in oberflächlichem Publikum nur verzweifelt wünschen, daß das derzeitige zurückgebliebene Geistesniveau der deutschen Durchschnittsöffentlichkeit in Geschichtsfragen wenigstens doch mal wieder den Kenntnisstand von guten alten und nicht bescheuert-modernen Kinder-Schulbüchern zur Geschichte erreicht."Deutschlands klügste Kinder" in der peinlichen Quizsendung sind vielleicht noch dümmer als die ohnehin schon von Berufs wegen mächtig umschatteten Macher von Fernsehsendungen, wenn sie ebenso wie diese nicht mehr unterscheiden können zwischen Dichtung und Wahrheit. Die Fernsehleute bekommen wenigstens Geld für Dummheiten.Warum ist eine Kenntnis, die schon 1967 Allgemeinwissen von Kinder-Schulbüchern war, heute nicht mehr bekannt? Der ehemalige SPD-Bundeskanzler Willy Brandt und seine Dumpfbacken-Kulturrevolution ab 1969 hatte eigentlich doch recht: "Mehr Demokratie wagen!". Sind erst mal alle gleich doof, am besten die Erwachsenen ebenso wie die Kinder, dann sind alle Menschen gleich und alle leben friedlich zusammen im stillen Glück der Deppen. Genialerweise kann es dann auch keinen Streit über Dummheiten mehr geben, da man deren Gegenteil nicht mehr kennt. Wenn es kein Licht gäbe, wäre auch die Dunkelheit nicht als solche zu erkennen. Ach, wie glücklich dürfen wir sein, in solch erleuchteter Zeit klassenloser Sagen zu leben ... Dieser Zeit wird selbst das Unmögliche möglich: Erfindung wird Wahrheit und Wahrheit wird Erfindung, einfach sagenhaft ...

Belege


x(1)Fiktive Ursprünge
Voss, Heinrich: Homers Ilias. Stuttgart 1951, S.404-407.  

x(2) Wolfsdarlegungen
Gemeint ist der Wolfstext "Prologomena ad Homerum". Voss, a.a.O., S.406f. Dazu auch Krefeld, Heinrich (Hrsg.): Hellenika. Frankfurt/M. 1972, S.66.

x(3) Sprachuntersuchungen
Ein Beispiel für die sprachliche Bestimmung: Krefeld, a.a.O., S.60ff.

x(4) Ein Smyrner
So legt sich ungefähr fest: Bibliographisches Institut Mannheim: Duden-Lexikon Bd. 2, S.969. Details dazu bei Krefeld, a.a.O., S.61f.

x(5) Schliemann
Voelske/Tenbrock (Bearb.): Urzeit- Mittelmeerkulturen und werdendes Abendland. Paderborn 1965, S.38.

x(6) Sagentechnik
"Auch die griechischen Mythen können nämlich trotz ihres von der Archäologie bestätigten historischen Kernes kaum zur Ergänzung der archäologisch gewonnenen Erkenntnisse herangezogen werden, da sie weniger etwas über die Zeit aussagen, die sie schildern, als viemehr über die Zeit, in der sie entstanden sind..." Murray, a.a.O., S.15.

x(7) Grabungshorizonte
Murray, Oswin: Das frühe Griechenland. München, 1982, S.15.

x(8) Enthüllung
Hertel, Dieter: Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. München 2001. Erdbeben-Ursache auch schon Murray, a.a.O., S.22.

x(9) Alter Hut
Heimpel, Hermann (Hrsg.): Geschichte. Westermanns Geschichtsbuch für Gymnasien. Braunschweig 1967, S.31-36.

x(10) Forschungskenntnisse
Murray, a.a.O., S.16.
Veröffentlichung: Januar 2002
+Nr.35: Rotfunk-ReportNr.37: Lernresistent+
 
16.10.2018-13 Impressum 2,43
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