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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.37: Lernresistent

Hexenprozesse: Verfolgungen in Kurtrier vom 16.-17. Jh.

Nominierung

Thema:  Opferzahlen der Malefizjustiz (Hexenverfolgung)
Quelle:  TV-Themenabend Hexenverfolgung, Sender "ARTE", 17.01.2001, "Die Hexenjäger von Trier".
Urheber:  Produktion& Regie: Dr. Wilfried Hauke

Aussage

Die Kurtrierer Hexen ritten zum "Blocksberg" (der im Harz liegt), das berühmteste Trierer Opfer hieß "Friedrich Flade" und in Deutschland habe es "100.000 Opferder Hexenverfolgung" gegeben.Die Sendung ist Teil eines ganzen Abendprogramms. Von den relativ faktenorientierten Angaben zu Trier als dem angeblichen "Beginn der Hexenverfolgung in Deutschland" reicht der Bogen über die Inquisition (Interview-Partner Dr. Rainer Decker) bis zu polemischer Kirchenkritik gegen den "Inquisitor Kardinal Ratzinger" in Rom, der sich vor lauter Bosheit nicht recht für Schwule erwärmen könne. Die Botschaft des Abends lautet also, daß man heute ebenso Homosexuelle verfolge wie früher Hexen als "weise Frauen".  

Tatsachen

Hexenverbrennung in Altheim/Horb, Sammlung Wickiana, Zürich, 16. Jh.
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Während der Produktion wurden Fachhistoriker hinzugezogen, darunter Dr. Rita Voltmer von der Universität zu Trier, beteiligt an einem Sonderforschungsprojekt. Sie ist eine der drei im Interview der Sendung gezeigten Experten. Zentraler Interviewpartner war ihr Institutsleiter Prof. Franz Irsigler, zugleich Mitherausgeber einer Studienreihe zur Hexenverfolgung im Trierer Raum. Es mag hier nebst Belegen genügen, was Frau Voltmer über Fehler der Sendung in einem Mailforum zu Hexenverfolgung und Aberglauben berichtet:

Hintergrund
"... Arte hatte bei diesem Themenabend eine dreimal höhere Einschaltquote als üblich. Angeregt zur Herstellung des Films wurde der Produzent und Regisseur Dr. Wilfried Hauke durch den Besuch der Luxemburger Hexenausstellung im Juli 2000. Wilfried Hauke hat u.a. einen Dokumentarfilm zu Henning Mankell gedreht, der kürzlich in 3Sat zu sehen war, sowie andere historische Dokumentarfilme. Premiere hatte der Hexenfilm, dessen etwas reißerischer Titel auf das Konto des Regisseurs geht, auf den 43. Nordischen Filmtagen in Lübeck (1.-4. November 2001)."

Märchenstart
"Von Anfang an hat Wilfried Hauke Kontakt zu dem Trierer Projekt gesucht und sich bei der Wahl der Drehorte und des Inhalts beraten lassen. Der erste Entwurf eines Drehbuchs enthielt anfänglich noch die alten Klischees von Vernichtung der weisen Frauen, Prozesse vor kirchlichen Inquisitionsgerichten etc., was wir dem Drehbuchschreiber aber ohne große Probleme ausreden konnten."

Falscher Blocksberg
"Die Spielszenen über Prozeß und Hinrichtung der Christiane aus Riol beruhen auf der Originalprozeßakte (wie im Film gezeigt) der Meiers Christ. Diese Szenen wurden allerdings in Norddeutschland gedreht und waren bereits synchronisiert, als ich den Text zu Gesicht bekam. Aus diesem Grund war die falsche Bezeichnung 'Blocksberg' . . . für den Hexensabbat, den Christ angeblich besucht hatte, nicht mehr herauszuschneiden; laut Prozeßakte müßte es hier eigentlich 'Hetzerather Heide' heißen."

Namensfehler
"Auch heißt es im Film 'Friedrich' statt Dietrich Flade, ein Fehler der trotz Korrektur stehengeblieben ist"

Opferzahl
"Störend wirkt die übertriebene Angabe von 100.000 Hinrichtungen am Ende des Films, auf die bereits Rainer Decker hingewiesen hatte. Auch hier war eine Korrektur leider nicht mehr möglich."

Nebst einigen Falschangaben aus Schlamperei, die gleichwohl "unkorrigierbar" sind, besteht ARTE darauf, daß die Gesamtzahl der Opfer der Hexenverfolgung im deutschen Raum 100.000 betragen haben soll. Es ist aber schon seit Jahren bekannt, daß wenn schon geschätzt werden soll, diese Zahl eher bei 20.000 liegt. Der Sender könnte nicht sagen, welche geographischen Gebiete seine Schätzung betrifft, da "Deutschland" in der Geschichte ein sehr variabler Raumbegriff ist. Weder hat er selbst Einblick in die historiographische Forschungslage noch wie man solche Gesamtopferzahlen errechnet. Aber auf der falschen Opferzahl muß er dennoch bestehen, auch gegen die bessere Kenntnis von Fachleuten.Zwar lassen sich die Fernsehmacher noch darüber belehren, daß die "Hexenverfolgung" nicht zum Thema "Inquisition" gehört, aber dennoch steht ihre Sendung über die Hexenverfolgung weiterhin im Rahmen eines Themenabends, der Inquisition anprangern soll, um letztlich etwas im Sinne von Homosexuellen zu produzieren. Tja, das ist eben schon so produziert, "das läßt sich leider nicht mehr ändern".

Fazit

Ein Fortschritt liegt schon darin, daß wenigstens entsprechende Fachleute für Dokumentationssendungen beratend hinzugezogen werden. Deren Funktion scheint aber auch darin zu bestehen, mit renommierten Namen oder akademischen Titeln Märchengebräu von Fernsehjournalisten zu legitimieren, das schon produziert war, ehe die Fachleute in die Produktion einbezogen wurden. Wenn die Fachhistoriker Glück haben, gelingt es ihnen gerade noch, den Journalisten zumindest den abwegigsten Unsinn "auszureden".ARTE-Redakteur Hauke ist untröstlich, eine Korrektur der fünffach übertriebenen Opferzahlen "ist leider nicht mehr möglich". Dies sagt er, noch während die Dokumentation produziert wird. Geheimnisvolle Schicksalsmächte hinter der ARTE-Sendung legen Inhalte schon fest, noch ehe die Recherchen zur Sache beginnen. Besonders lernresistent sind sie in diesem Falle gegenüber Hexenopfern, die unter die Regierungsgewalt feministischer Ideologie fallen. Welche Schicksalsmächte sind das? Ist es eine Parteien-Mafia, die hinter den Medienkulissen die Fäden zieht? Sind es ideologische Sekten, die aus politischen Interessen am Erhalt bestimmter Geschichtsmythen interessiert sind?Weder sind Falschangaben zur Zahl der Opfer von Malefizjustiz etwas Neues in dieser Prämierung, noch die Ignoranz von Journalisten gegenüber Informationen von Fachleuten. Eine neue Qualität ist hier allerdings, daß angeblich Journalisten nicht das berichten können, was sie wollen. Dieser exemplarische Fall mag Einblick darin vermitteln, wie Geschichtsdokumentationen von Fernsehjournalisten zustande kommen. Es wird deutlich, daß die als Feigenblatt benutzten Fachhistoriker keinesweg für alle Inhalte stehen, die in solchen Rundfunksendungen verbreitet werden.

Belege

Interview-Partnerin
Dr. Rita Voltmer, FB III, Universität Trier DM-259, D-54286 Trier.
Opferzahl
Wolfgang Behringer (Prof. für Geschichte an der Universität York/GB): Neun Millionen Hexen. Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49 (1998) Heft 11 S.664-685. Schwerhoff, Gerd (Prof. für Geschichte an der Universität Leipzig): Vom Alltagsverdacht zur Massenverfolgung. Neuere deutsche Forschungen zum frühneuzeitlichen Hexenwesen. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 46/1995, S.365.
Veröffentlichung: Januar 2002
+Nr.36: HolzkopfwurmNr.38: Kriegsmathematik+
 
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