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Nr.42: Nestbrand

Dreißigjähriger Krieg: Die Zerstörung von Magdeburg 1631

Nominierung

Thema: Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg
Quellen: a) Fachbuch: Der Teutsche Krieg 1618-1648. Frankfurt/M. 1988, Zeittafel: S.604
b) Schulbuch: Zeiten und Menschen Bd. 2. Paderborn 1966, S.186
c) Schulbuch: Spiegel der Zeiten Bd. 2. Frankfurt/M. -Berlin-München, 1972, S.223
Urheber: a) Günter Barudio, b) Tenbrock/Goerlitz c) Busley/Bahl

Aussage

Eine Zeittafel des Krieges:
a) "1631: Tilly und Pappenheim zerstören Magdeburg. "
Durch Platzknappheit nur hier so deutlich, in der Darstellung des Buches dann eher verklausuliert. So auch in unseren Schulbüchern. Das Prinzip ist meist so zu finden:
b) "(Magdeburg) wurde von den Kaiserlichen im Sturm genommen und durch Brand zerstört. " Oder:
c) "... wurde von Tilly beschossen und von Pappenheim erstürmt. Bei der Plünderung entstand ein Brand. Daraus entwickelte sich eine Feuersbrunst, der die ganze Stadt ... zum Opfer fiel. "
Trotz mehrdeutiger Auslegbarkeit der unpräzisen Angaben b/c machen auch diese uninformierten Lesern klar: die kaiserlich-katholische Partei im Dreißigjährigen Krieg überfiel aus Zerstörungswut das gegnerische aber unschuldig-hilflose Magdeburg und brannte es bei der Plünderung ab.

Tatsachen

H. F. : Soldaten gegen Zivilisten, 1641
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Restitutionsedikt
Im Konflikt standen sich gegenüber:
x katholisch-kaiserliche Habsburger und Verbündete (Katholische Liga),
x protestantische Reichsfürsten (Protestantische Union)
x mit ausländischen Mächten; hier: schwedische Truppen
x bezahlt von Frankreich, das durch Schwächung des mächtigen Nachbarn auf eigene Gebietsgewinne hoffte.
Magdeburg war früh 1524 zur "Augsburger Konfession" (=Protestanten/Reformation) gekommen. Die Religion eines Bürgers wurde bestimmt vom jeweiligen Landesherren. Es war im Zweifel schwierig, festzustellen, mit welcher Legitimation ein Herrschaftsgebiet reformatorisch wurde. Im Restitutionsedikt vom 6. März 1629 und nach dem Eindruck intoleranter Protestantenherrschaft in Prag ("Winterkönig"), bestimmte der katholische Kaiser die Trennung der Konfessionen unter Berufung auf die Vertragsregeln des Augsburger Friedens von 1555. Für das protestantische Magdeburg bedeutete dies Rückgabe des Vermögens aus dem zu Unrecht annektierten katholischen Kirchenstift/Kloster und Dom. x(1) Darüber gab es in der Stadt Zwist. Angeblich habe eine katholische Oberschicht hier gegen ein protestantisches Proletariat gestanden. Nach einer anderen Darstellung habe der Schwedenkönig durch Emissäre die Stadt antikaiserlich aufgestachelt. Dabei wird der Name eines gewissen Stallmann genannt, der nach dem Untergang der Stadt zu den Schweden floh und später wegen Diebstahlsdelikten von diesen gehenkt wurde. Sicher ist wohl, daß protestantische Prediger in Magdeburg entsprechend propagandistisch wirkten gegen den Kaiser, das Edikt und für die schwedischen Invasoren. x(2) Ebenfalls sicher scheint auch, daß die Einwohner Magdeburgs nicht alle mit dem Schweden-Bündnis einverstanden waren. x(3) Dessen Endziel war es, mit Hilfe pseudo-religiöser Ideen ("Teutsche Libertät") eine Art allgemeinen Volksaufstand in Deutschland gegen den Kaiser zu erzeugen, so daß Schweden das ganze Land leicht hätte erobern können. x(4) Der Schwedenkönig träumte davon, den Kaiser auf dem Thron abzulösen. x(5)

x Die Magdeburger Bürgerschaft war nicht bereit, den Bestimmungen des kaiserlichen Restitutionsedikts zu folgen, das grundsätzlich Religionsfreiheit ermöglichte, aber die Rückgabe unrechtmäßig angeeigneten Kirchenbesitzes verlangte. Damit setzte sich die Stadt formal ins Unrecht und stellte sich gegen den Kaiser an die Seite ausländischer Invasoren.

König Gustav Adolf von Schweden, 1631
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Schwedenpläne
Schwedenkönig Gustav Adolf (1594-1632) entsandte 1630 den aus Hessen stammenden Oberst Dietrich v. Falkenberg als Stadtkommandanten nach Magdeburg. Die Mission war laut Angaben des schwedischen Kanzlers Oxenstierna:
x Diversion: Bindung der Gegner durch die Festung Magdeburg, um sie von den Kornkammern Meißen, Anhalt, Mansfeld und Böhmen fernzuhalten. Dies zur Schwächung, und um dortige Vorräte für Schwedentruppen zu erhalten.
x Distraktion: Verstreuung der Gegner auf verschiedene Gefechtsplätze im Süden, darunter Magdeburg, damit Schweden ungestört seinen nördlicher gelegenen Landungsbrückenkopf bei Usedom und in Pommern für weitgreifende Operationen nach Polen und ins Deutsche Reich ausbauen konnte. Das Ziel der schwedischen Kriegspartei (Artikel) war also nicht eigentlich die Verteidigung Magdeburgs sondern durch dessen anhaltenden Widerstand den Gegner zu binden und seine Strategie zu stören, um anderer Stelle leichter Raum gewinnen zu können. Dies hatte der schwedische Militärkommandant Falkenberg gut verstanden. Kurz vor dem Fall der Stadt forderte er die Bürger Magdeburgs auf, falls "der Feind wider alles Verhoffen hineinkommen sollte ... die Stadt in Brand zu stecken, damit er nicht bekomme und genieße, wonach er so lange strebt und seufzt. "
Kurz und bündig schrieb er kurz vor dem Ende an seinen Bruder Johann im hessischen Kemperfeld: "... kann ich die Stadt nicht halten, so stecke ich morgen das ganze Nest an. "x(6)
Das "Nest" aber war vor seinem Untergang eine der reichsten Städte Deutschlands und die Schlüsselfestung des ElbflusseS.x(7) Die destruktive Absicht hatte ihre eigene Logik. Wichtig für die kaiserlichen Angreifer war der Besitz der Stadt als Vorratslager und Basis gegen den schwedischen Brückenkopf im Norden. Für Schweden war Magdeburg nur so lange interessant, wie es den Gegner band. Gelang dies nicht mehr, sollte es ihm zumindest nicht nützlich in die Hände fallen. Ein Aschenhaufen in und verwüstetes Land um Magdeburg hätte die rechte Flanke der schwedischen Invasionsarmee gesichert für einen Vorstoß in den Süden DeutschlandS.

x Daß Magdeburg sich auf die Seite und unter das Kommando der ausländischen Invasoren stellte, verschaffte der Stadt nur scheinbar Unterstützung gegen Forderungen ihres KaiserS.Tatsächlich benutzten die Schweden sie als Schachfigur für ihre Kriegspläne.
Anthonis van Dyk: General Tilly
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Belagerung& Taktiken
Magdeburg wurde ab 1629 nach Erlaß des Restitutionsediktes und Bekanntgabe der von der Stadt abgelehnten Rückgabeforderungen belagert durch den kaiserlichen General Albrecht E. W. v. Wallenstein (1583-1634). Dies führte jedoch nur zu einem Machtwechsel im Stadtrat. Am 6. August 1630 trafen schwedische Truppen ein, unter denen ein protestantischer Bischof Christian Wilhelm inthronisiert wurde. Mit viel Medienrummel wurde dem Kaiser Trotz verkündet. Im gleichen Jahr wurde Wallenstein aus politischem Kalkül aus dem Oberkommando der kaiserlichen Truppen entlassen. Das von ihm aufgestellte und bezahlte Heer übernahm General Hans Georg v. Arnim. Der schmollende Wallenstein zog sich nach Böhmen zurück und lieferte seitdem keinen Nachschub mehr. Nur er besaß diesen noch reichlich in der Region und hoffte zutreffend, mit diesem Druckmittel einmal wieder in das Kommando zurückkehren zu können. x(8)
Im März 1631 zog der kaiserliche General, Graf Johann T. v. Tilly (1559-1632), mit 7. 000 Kavalleristen und 23. 000 Infantristen zur Eroberung MagdeburgS.Alleine Tilly nur befehligte damit ebenso viele Köpfe wie die seit zwei Jahren belagerte Stadt Einwohner hatte. x(9) Er schloß sich dort dem Restheer Wallensteins an. Bei diesem Kräfteverhältnis war ein langer Bestand der Stadtverteidigung wenig wahrscheinlich. Die Schweden unternahmen trotzdem nichts zum Entsatz MagdeburgS.Dies, obwohl ihr König seit dem 23. Januar 1631 einen Vertrag mit Frankreich in der Tasche hatte, der seinen Kriegszug großzügig finanzierte. Der weitere schwedische Vormarsch führte weiter die Oder entlang. Angeblich, um Tilly vom Angriff auf Magdeburg abzulenken. x(10) Doch wenn man Tilly zutraut, von Magdeburg nach Frankfurt an der Oder zu ziehen, könnte man dies umgekehrt auch den Schweden zutrauen. Nachschubprobleme hatten beide am jeweiligen Ort. x(11) Aber selbst nachdem den Schweden am 13. April 1631 die Eroberung und Plünderung Frankfurts glückte und die Versorgung sich besserte, zogen sie Magdeburg nicht zur Hilfe, das mit Vorräten auf sie wartete. Daß der Schwedenkönig gerade etwas Probleme mit seinen protestantischen Vasallen im Reich hatte, mag man ihm als Hinderungsgrund glauben. Doch dieses gleiche Problem hatte ihn im Jahr zuvor nicht davon abgehalten, Krieg in Deutschland zu führen. Der etwas ausgehungerte Tilly hatte hingegen keine Stadt zuvor plündern können und war zum Sieg verdammt. Um Magdeburg herum fand er nur Gegner oder verwüstetes Land, das seine umfangreiche Truppe nicht unterhalten konnte. Daß er also aus welchen Gründen auch immer von der Eroberung eines Nachschublagers abgelassen hätte, war nicht zu erwarten. Tilly hatte im Gegenteil sogar einen Befehl des Kaisers mißachtet, der ihn von Magdeburg weg zum Angriff auf die Schweden bei Frankfurt an der Oder abkommandierte. x(12) Ab Mitte April begannen die Angriffe gegen die Stadt, wobei Tilly´s Reitergeneral Graf Gottfried H. zu Pappenheim (1594-1632) rasch die Außenwerke eroberte. Ende April ließ der Schwedenkönig dem Magdeburger Stadtkommandanten Falkenberg mitteilen, daß er wohl noch zwei weitere Monate unter den Angriffen aushalten müsse. x(13) Am 4. Mai 1631 forderte Tilly die Stadt erstmals schriftlich zur Kapitulation auf. Am 12. Mai wies er ein weiteres Mal den Magdeburger Stadtrat darauf hin, daß seine Absicht lediglich die Durchsetzung des kaiserlichen Restitutionsediktes sei. x(14) Am 17. und 19. Mai griff Pappenheim so energisch an, daß die Magdeburger Bürger den Stadtkommandanten (vergeblich) um Kapitulationsverhandlungen anflehten. x(15)

x Magdeburg war für ihre kaiserlichen Eroberer nur unzerstört nützlich für ihre Kriegführung. Der Angriff war keine überraschende Willkürhandlung, es gingen mehrere Kapitulationsangebote und schriftliche Verhandlungen voraus, die keine unannehmbaren Bedingungen enthielten.

Matthäus Merian d. Ä. : Eroberung Magdeburgs
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Eroberung
Im kaiserlichen Feldlager rechnete man damit, daß überraschend Schweden zum Entsatz Magdeburgs anrücken. Dies umso mehr, nachdem jenen die Eroberung und Plünderung Frankfurts an der Oder gelungen war. So wurde am 19. Mai beschlossen, Magdeburg am nächsten Morgen zwischen 6 und 7 Uhr von allen Seiten zugleich zu stürmen. In der Nacht zauderte Tilly über dieser Entscheidung. Er ließ mitteilen, daß er noch auf Antwort aus Magdeburg warte und den Angriff verschieben wolle. Doch um 7,30 Uhr stürmte Pappenheim auf eigene Faust mit seinen Kavalleristen loS.x(16) Er traf auf harten Widerstand aus den Bürgerhäusern, wo z. B. siedendes Wasser aus den Fenstern in die engen Gassen geschüttet und aus Kellern geschossen wurde. Pappenheim verlor 1. 000 Mann, weitere 700 erlitten Verletzungen durch Steinwürfe (auch von Kindern). Stadtkommandant Falkenberg stürmte vom Rathaus her, wo in der Tat gerade eine Beratung stattgefunden hatte. Er wurde verwundet und gilt seitdem als verschollen. Durch den Häuserkampf der Zivilisten verbittert, stürmten die kaiserlichen Soldaten die Häuser und machten Bewohner nieder. Als besonders brutal fielen Kroaten und Wallonen auf. Pappenheim ließ zwei Häuser anzünden, um deren Verteidiger auszuräuchern. An dem "windstillen Morgen" seien sie "wie Kerzen in sich zusammengesunken", ohne einen Flächenbrand zu verursachen. Dennoch brannte zu jener Stunde die ganze Stadt zugleich, ausgehend von etwa 40-60 Brandherden (je nach Quelle). Und zwar an den meisten Stadttoren, obwohl Pappenheim nur durch eines angriff, und auch in Stadtteilen, welche die Pappenheimer nochnicht erobert hatten. Um 10 Uhr führte Tilly seine Infanteristen gegen die Stadt. Er kommandierte 100 Soldaten ab, um auf dem Marktplatz versammelte Zivilisten zu schützen, sowie 500 weitere Soldaten zu Löscharbeiten. Jedem Magdeburger Gefangenen, der beim Löschen half, versprach Tilly Freiheit ohne Lösegeld. x(17) Zur Mittagszeit entstand starker Wind, der die Brandherde weiter anfachte. Gegen 12 Uhr ließ Tilly zum Rückzug blasen durch den letzten brandfreien Fluchtweg am Sudenburger Tor. Die habhaften Zivilisten der Stadt wurden zugleich evakuiert. In der Nacht konnte man im kaiserlichen Lager in Hermesleben durch den Feuerschein aus Magdeburg Briefe lesen. Durch die Kämpfe und in den Flammen kamen insgesamt rund 20 bis 25 Tsd. Menschen beider Parteien ums Leben (wiederum: je nach Quelle). Neben sechs Kirchen wurden 1. 500 Häuser zerstört. Nur der Dom und das Kloster, sowie Hafengebiete überstanden den Brand. Die gefangenen Stadtbewohner wurden nach der Katastrophe freigelassen; Tilly´s Soldaten durften keine Beute machen, auf Übergriffe gegen die überlebenden Stadtbürger stand Todesstrafe.

x Magdeburg wurde von Zivilisten stark verteidigt. Zwar hatten die Angreifer zwei Häuser angezündet, dies erklärt aber nicht Dutzende Brände zur gleichen Zeit, selbst an Orten, die sie noch nicht genommen hatten. Tilly bekämpfte den Brand und begegnete den Besiegten mit einer für damaligen Kriegbrauch unüblichen Rücksicht, wie auch seine schriftlichen Verhandlungen belegen.

Explodierende Pulverwagen in der Schlacht von Wimpfen 1622
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Die Brandstifter
Während des Brandes war beobachtet worden, daß in den Straßen vergrabene Sprengminen explodierten. x(18) Nach dem Brand fand man 50 Zentner ungezündetes Sprengpulver auf dem zentralen Marktplatz Magdeburgs vergraben, nach heutigem Maß eine Gewichtmenge von 2,5 Tonnen. Pikant ist, daß Stadtkommandant Falkenberg während der Belagerung das eigene Artilleriefeuer einstellen ließ, angeblich wegen Pulvermangel. Da kaum denkbar ist, daß die gefundene Pulvermenge auf dem Neuen Markt und weitere zuvor gezündete Minen ohne seine Kenntnis unterschlagen werden konnten, folgt daraus, daß Falkenberg die Verteidigung einstellte zugunsten von Vorbereitungen zur Zerstörung der Stadt. Da die Minen an verschiedenen Stellen zugleich explodierten, kann sie auch kaum der inzwischen verwundete, wenn nichtschon tote Falkenberg selbst gezündet haben. Der damalige Syndicus des Magdeburger Stifts, Dr. Adolf Marcus, hatte hingegen die Kenntnis, daß die im Krieg verarmte Schiffer- und Fischergilde Magdeburgs die Brand- und Minenlegung im Auftrag des Schweden-Obristen ins Werk setzte. Ihr Anführer Hartmann Wilke war bereits im Stadtrat durch Gewalttätigkeit aufgefallen. Die Häuser der Magdeburger Schiffer und Fischer waren durch die Katastrophe nicht zerstört worden. x(19)
Ein protestantischer Historiker 1874:
"Was die Tat der Zerstörung Magdeburgs besonders unheimlich düster erscheinen läßt, das ist die planmäßige Verleumdung, wodurch Tilly selbst als Mordbrenner von Magdeburg dem religiösen und nationalen Hasse preisgegeben wurde - die tendenziöse Ausbeutung dieser Tat wider besseres Wissen". x(20)

x Seit über hundert Jahren bekannte Indizien bieten Belege dafür, daß die Brandstiftung Magdeburgs von einigen ihrer fanatisierten Bürger im Auftrag des schwedischen Kommandanten verschuldet wurde.

Detail aus dem Merian-Stich zur Eroberung Magdeburgs
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Die Nutznießer
Der Schwedenkönig hatte sein militärisches Ziel mit dem Untergang Magdeburgs erreicht. Tilly´s Armee stand dezimiert und hungernd in wüster Öde. An einen Angriff auf die Schweden an der Oder war überhaupt nicht mehr zu denken. Tilly bettelte sogar demütig aber vergeblich bei Wallenstein um Verpflegung. x(21) Der Erfolg war für den Schwedenkönig gerade so gut, als hätte er Tilly vor Magdeburg in der Schlacht besiegt.
Von den Ereignisbeteiligten erhob niemand den Vorwurf gegen Tilly oder die kaiserlichen Truppen, Brandstifter Magdeburgs gewesen zu sein. Es wäre auch zu verrückt gewesen. Erst zwei Jahre später behauptete dies der calvinistisch-reformierte Theologieprofessor Spanheim zu Genf, noch unter dem Vorbehalt "... wenn es wahr ist". Zur wahren Wahrheit wurde es erst beim deutschen Dichter und Jenenser Geschichtsprofessor Friedrich v. Schiller (1759-1812) in seiner heißnadelgestrickten Geschichte des Dreißigjährigen KriegeS.x(22) In der Kriegszeit erhoben deutsche Protestanten den Vorwurf gegen den Schwedenkönig, der habe die Stadt im Stich gelassen, um sich ihnen noch dramatischer als angeblich einzige Rettung gegen den katholischen Kaiser präsentieren zu können. x(23) Magdeburg galt als "Lukrezia", die sich lieber selbst umbrachte, als die Schande zu überleben. x(24) Im 19. Jh. sprachen protestantische Geschichtsschreiber auch in Zeiten des Kulturkampfs Tilly vom Brandstifter-Vorwurf frei. x(25) Trotzdem konnten Schweden und die protestantischen deutschen Reichsstände aus dem Schock nach dem Untergang Magdeburgs propagandistischen Gewinn für ihren Krieg ziehen. Schon am 31. Mai 1631 boten die um Unabhängigkeit vom Kaiserreich ringenden Niederländer dem Schwedenkönig Geld zur Unterstützung seiner Invasion an und begannen selbst, Flandern anzugreifen. Noch Jahre später war es üblich, daß Soldaten einer protestantischen Partei kapitulierende Gegner erschossen mit dem Hinweis "Magdeburger Pardon". x(26)

x Aus der Vernichtung Magdeburgs zogen die Schweden Nutzen. Es band protestantische Fürsten stärker an ihre vermeintlich einzige Rettung aus dem Ausland, reihte die Niederlande in die schwedische Invasionsfront ein und diente zur propandistischen Aufheizung des militärischen KonfliktS.

Meinungen

Es ist kaum zu fassen, wie bemüht auch in anerkannten Standardwerken, etwa bei Wedgwood, die schwedischen Invasoren in Deutschland schöngeredet werden. So wird selbst aus dem brandstiftenden Falkenberg in Magdeburg ein tragischer Idealist, der immer nur das beste wollte und "tatkräftig" zur Sache schritt. Gerne ist dann für die richtige Seite von "tapferem Kampf" die Rede. Despektierliche Hinweise zur gleichen tapferen Seite sind allenfalls Gerüchte, diese bestenfalls plausibel.
Daß Frau Wedgwood aus dem anglo-amerikanischen Raum und seiner konfessionellen Verankerung eine eigene Perspektive in der Sache mitbringt, muß man schon vorbeugend abrechnen. Sie hätte den Brand gerne den Winden und Zufällen zugeschrieben, was Tilly´s Heer immerhin noch Fahrlässigkeit andichtet. Daß Flächenbrände Wind erzeugen (Feuersturm), könnte selbst Frau Wedgwood aus physikalischer Allgemeinbildung wissen. Nur ist die Ursache des Windes dann das Feuer und nicht umgekehrt.
Erst der Überblick über viele, eher alte Werke, offenbart, was moderne Apologien verschweigen. Ist ein negativer Aspekt wie Magdeburg einmal allzu anstößig für die Helden des Zeitgeistes und auch nicht gänzlich verschweigbar, so heißt es wie im prämierten Fachbuch: "Wer könnte heute zuverlässig den Gang der Ereignisse vor dem Brand und die Schuldfrage klären, wo doch die verfügbaren Quellen stets den jeweiligen Partei-Standpunkt vertreten?"x(27) Das logische Problem ist nur, daß die Quellen immer so sind, was den Verfasser dieser weisen Zweifel aber nicht davon abhält, zugleich trotzdem Tilly als den Brandstifter Magdeburgs zu bezeichnen (Prämierung a). Welche anderen als parteiliche Quellen stützen denn diese Ansicht?

Fazit

Die Hilfe für Magdeburg gegen feindliche Belagerung war für den Schwedenkönig nur ein Aspekt auf einer langen Prioritätenliste und zwar an unterer Stelle. Um Magdeburg ging es ihm ebensowenig wie um die Freiheit oder Religion in Deutschland. Sehr ging es ihm aber um seine Machtausdehnung mit möglicher Kaiserkrönung. Militärische Hilfe für Magdeburg war für den Schweden zum fraglichen Zeitpunkt etwas aufwendig und unbequem. Es hätte seine Taktik mehr gestört als die des GegnerS.Gegen solche Hilfe hätte er sicher nichts gehabt aber der Kampf um die Stadt hatte seinen Zweck für Schweden auch dann erfüllt, wenn möglichst viele Leute umkamen und die Stadt zerstört wurde. Um dies sicherzustellen, war der schwedische Militärkommandant in der Stadt entsprechend instruiert und handelte befehlsgemäß. Dies hat er dankenswerterweise und Gerüchtefetischisten zum Trotz in einem Privatbrief der Nachwelt hinterlassen. Das "Nest" Magdeburg, nach damaligen Maßstäben eine Großstadt, war als Aschenhaufen für Schweden und seine protestantischen Verbündeten Flankenschutz für den Oder-Vorstoß und ein hervorragendes Propagandainstrument, das dann auch weidlich genutzt wurde. Sehr erfolgreich offenbar, da selbst heute noch deutsche Schulbücher den entsprechenden Mythos als allgemeinbildenden Lernstoff vermitteln. Was um so verwunderlicher ist, da der Brandstifter-Vorwurf gegen Tilly und Pappenheim schon vor über hundert Jahren widerlegt worden ist und seitdem keine neuen Fakten mehr hinzugekommen sind.

Belege


x(1)Restitutionsedikt
Laut diesem kaiserlichen Gesetz wurde verfügt: Was die protestantischen Reichsstände bis 1555 (=Augsburger Religionsfrieden) an Besitztümern erworben hatten, sei ihnen zugestanden und garantiert. Was sie sich unter Bruch des Vertrages später angeeignet hatten, sei bis 1631 an die katholische Kirche zurückzugeben. Dies betraf 2 Erzbistümer, 12 Bistümer sowie zahlreiche Abteien und Klöster. Protestantische Untertanen katholischer Fürsten wurde freier Abzug an einen neuen Wohnsitz garantiert. Den protestantischen Herrschaften wurde zugestanden, ihre Religionsauffassung frei ausüben zu können. Angabe J. Burg: Protestantische Geschichtslügen. Essen 10/1909, S.101.

x(2) Zweiklassen
Günter Barudio: Der Teutsche Krieg 1618-1648. Frankfurt/M. 1988, S.366f. unter Bezug auf Werke des gemäßigten Magdeburger Bürgermeisters und Physikers Otto Guericke. Dazu F. W. Hoffmann: Otto von Guericke. O. O. 1874. Schweden-Aufstachelung laut Burg, a.a.O., S.210.

x(3) Magdeburger Widerstand
Stadtkommandant v. Falkenberg beschwert sich beim Schwedenkönig brieflich darüber, daß die Stadtbürger nur widerwillig Verpflegung stellen, so daß der Mangel seine Soldaten schon zur Meuterei treibt:
"Hier geht es sinnlos zu, wir leben vom einen Tag auf den anderen. " Zitiert in C. V. Wedgwood: Der Dreißigjährige Krieg. München 1990 (1965), S.250 unter Hinweis auf Wittich: Dietrich von Falkenberg. Magdeburg 1892, S.73f.

x(4) Schweden-Pläne
Anonymus: Axel Oxenstiernas skrifter och brefvexling. O. O. o. J., Bd. 2, Kap. 1, S.635 ff. Zur Bedeutung des Nachschubs aus Schweden für die Invasion auch durch Zitat von Gustav Adolf ebd. Oxenstierna, S.720. Dies auch nachgewiesen in einer Flut von Propaganda-Flugblättern bei Dithfurth: Volkslieder, S.143 ff. und Bandhauers Tagebuch, S.267, genannt bei Wedgwood, a.a.O., S.250 / S.482.

x(5) Schweden-Träume
Dies näher in früherem Artikel, speziell in den Fußnoten 2-7 und 11-12.

x(6) Nestbrand
Ende des 19. JhS.wurde diese Briefarchivalie gefunden im Stammsitz derer v. Falkenberg. Publiziert bei Onno Klopp: Der Dreißigjährige Krieg Bd. 3, S.156-160.

x(7) Reiches Nest
Wedgwood, a.a.O., S.241.

x(8) Nachschubfrei
Tilly über den Zustand der Armee:
"(Ich habe im ganzen Leben) khein armada gesehen, deren alle nothwendige requisita von größerstem biß zum geringsten auf einmal totaliter abgehen, sintemal khein Artigleria-Pferde, khein einzig Officierer, khein Stueckhe (Kanonen), so zue geprauchen, kein Pulver, Kugeln, Hackhen und Schauffeln, khein geldt noch Proviandt vorhanden. " Bei: Hallwich, a.a.O. Bd. 1, S.204f.

x(9) Einwohner Magdeburgs
Wedgwood, a.a.O., S.253.

x(10) Angebliche Ablenkung
R. Usinger: Die Zerstörung MagdeburgS.In: Historische Zeitschrift Nr. 8, S.388 unter Verwendung der Angaben des Schwedenkanzlers Oxenstierna laut Brefvexling, a.a.O., Bd. 2, viii, S.39.

x(11) Nachschubprobleme
Gustav Adolf beklagte sich über schleppende Nachschublieferung aus Schweden:
"Wäre ich nicht eures Fleißes im Herbeischaffen von Mitteln versichert (Kanzler Oxenstierna), so wollten wir lieber Szepter und Krone ablegen, als in diesem Wesen fortzufahren. " Der Schwedenkönig hatte auch nach der Plünderung Frankfurts das Problem, daß von 14. 000 Kavalleristen nur noch 5. 000 beritten waren. So Barudio, a.a.O., S.368.

x(12) Befehlsverweigerung
Wittich, a.a.O., S.475ff.

x(13) Schwedische Durchhalteparolen
Droysen: Gustav Adolf. II, S.295.

x(14) Kapitulationsforderungen
Erste Kapitulationsaufforderung 5. Mai:
"Die Sache steht so, daß es in meiner Hand ist, euch mit Weib und Kindern zu verderben. Deshalb mahne ich euch, wohlmeinend und ernstlich, verschließet euch nicht die Gnadentür. Ihr werdet es doch nicht zum Äußersten kommen lassen, es wäre mir selbst ernstlich leid. "
Zitiert bei J. Burg, a.a.O., S.210 unter Verwendung von Archivalien, die Tilly nach der Zerstörung Magdeburgs gesammelt an das Reichsarchiv in Wien übergeben hatte, darunter auch der Schriftverkehr mit dem Rat der Stadt. Später im Staatsarchiv Wien, St. Josephsplatz, Faszikel 92.

x(15) Hartnäckiger Falkenberg
Wedgwood, a.a.O., S.251.

x(16) Schlacht-Details
Bei J. Burg, a.a.O., S.211 ff. unter Verwendung der Angaben bei Klopp, a.a.O., und dessen ausgewertete Archivalien wie hier in Fn. 7.

x(17) Tilly´s Einzug
Laut Weiß: Weltgeschichte Bd. 9. O. O/J, S.277. Wohl unter Verwendung des von Tilly hinterlassenen Berichts über die Kämpfe.

x(18) Pulverexplosion
Burg, a.a.O., wohl unter Verwendung der Angaben von Tilly. Der Stich: Ereignis der Schlacht bei Wimpfen/Neckar im Mai 1622. Sammlung UB Frankfurt/M.

x(19) Brandstifter
Laut Kenntnis von Burg, a.a.O., S.216 unter Hinweis auf Wittich (Bd. 1, Beilage 7) und Klopp (Bd. 3, S.161).

x(20) Tendenziös
Wittich, a.a.O., Bd. 1, S.143.

x(21) Hunger
Hallwich: Briefe und Akten zur Geschichte Wallensteins Bd. 1. Wien 1912, S.389f.

x(22) Märchenquelle
Janssen: Schiller als Historiker. Freiburg 1879. Ebenso Burg, a.a.O., S.217. Ernst Spanheim: Le soldat SuédoiS.Genf 1633.

x(23) Allerletzter Retter
Weiß: Weltgeschichte Bd. 9, S.278f. Der Italiener Bisaccioni: Memorie historiche della mossa d´armi di Gustavo Adolfo. Venedig 1642, II, S.73:
"In Betreff Magdeburgs war die Meinung von Kundigen, daß der König (Gustav Adolf) die Augen vor dem Verluste von Magdeburg verschloß, lediglich in der Absicht, die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg zu schrecken, und, weil er sie störrisch fand, sie in das Bündnis mit ihm hinein zu nötigen. "
Ebenso Joseph Ricii: De bellis Germanicis libri X. Venedig 1649, III, S.239:
"Die meisten haben dahin geurteilt und vielleicht richtig, daß der Schwedenkönig zu dem Untergange Magdeburgs konniviert habe, damit das Verderben dieser Stadt die dem Kaiser entfremdeten Gemüter der Reichsfürsten noch mehr erbittere, und daß es ihm gelingen werde, die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, die er auf keine andere Weise gewinnen konnte, durch den Schrecken zur Parteinahme für sich zu zwingen. "

x(24) Lukrezia
Karl Wittich: Magdeburg, Gustav Adolf und Tilly Bd. 1. Berlin 1874, S.15.

x(25) Freispruch
Burg, a.a.O., S.214f.

x(26) Magdeburger Pardon
Wedgwood, a.a.O., S.254.

x(27) Apologie
Barudio, a.a.O., S.371.
Veröffentlichung: Oktober 2002
+Nr.41: Das AllerletzteNr.43: Drehmomente+
 
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