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Nr.44: Robbi-End

Verhaftung von Robespierre, Französische Revolution 1794

Nominierung

Thema: Das Ende von Robespierre in der Französischen Revolution, 1794
Quelle: Fachbuch: Die Französische Revolution. Ereignisse und Zustände in Frankreich von 1789 bis 1804. Stuttgart 1889, S.334
Urheber: Wilhelm Blos

Aussage

"Ein wilder Schrecken ergreift die Aufständischen; Lebas erschießt sich. Couthon versetzt sich mit zitternder Hand einige Dolchstiche und fällt mit seinen lahmen Beinen unter den Tisch, der jüngere Robespierre stürzt sich zum Fenster hinaus und bricht ein Bein ... Robespierre sitzt, eine Pistole in der Hand mit zerschmetterter Kinnlade da und es ist nicht sicher festzustellen, ob er von seiner eigenen Hand oder von der Kugel eines anderen getroffen ist."

Tatsachen

Hintergrund
Maximilien de Robespierre, ein adeliger Rechtsanwalt in Paris, hatte sich nach dem Sturz der Monarchie und am Ende vieler Verwicklungen zu einem der Häupter der linksradikalen Jakobinerpartei im Nationalkonvent emporgeschwungen. Er leitete das mit strengen Maßnahmen beauftragte Wohlfahrtskomitee und hatte nach dem blutigen Sturz der gemäßigten Girondisten eine "Diktatur des Volkes" eingeführt. Sie regierte durch seine Partei von Paris aus im ganzen Land, wobei Angst und Schrecken ("terreur") weitere Aufstände gegen die Zentralregierung radikaler Demokraten verhinderten. Massenverhaftungen und -hinrichtungen wurden damit begründet, daß die junge französische Republik stark bedrängt sei von monarchistisch-papistischen Konterrevolutionären. Diese wurden bezichtigt, Aufstände anzuzetteln, als Emigranten die Nachbarn Frankreichs zum Kriegsangriff aufzustacheln, oder gefälschte Geldscheine in Umlauf zu bringen, die Ruin und Hunger bedeuten. Ein guter Bürger der französischen Republik bewies sich angesichts solch finsterer Machenschaften nicht nur durch Taten sondern durch revolutionäre Gesinnung. Das war im Zweifel schwer überprüfbar, doch konnte durch eine Hinrichtung zumindest die gegenteilige Gesinnung eines Bürgers zuverlässig vermieden werden.

Umsturzpläne gegen das Parlament
Mit der zunehmenden Zahl politischer Häftlinge und Hinrichtungsdelinquenten stieg allerdings auch die Zahl der Feinde herrschender Gremien und ihres Hauptes Robespierre. Der witterte inzwischen die Verräter in den eigenen Reihen, so daß kaum noch jemand sicher sein konnte, zu den braven Buben gezählt zu werden. Am 27. Juli 1794 versuchte Robespierre noch einmal seine Redekunst im Konvent, bereitete jedoch zugleich schon ein militärisches Aufgebot gegen die Abgeordneten vor. Sie sollten im Zweifel per Handstreich verhaftet werden wie einige Zeit zuvor die Girondisten. Robespierres Verdächtigungen und Drohungen in einer Parlamentsrede sollten die Abgeordneten dazu bewegen, sich seinen Anordnungen zu unterwerfen. Diese hätten eine weitere blutige Säuberung von Schaltstellen der Macht bedeutet im Dienst von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber es kam anders als geplant.

Bildtitel S.331: "Der 9. Thermidor im Konvent"
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Nieder mit dem Tyrannen
Unter den Abgeordneten herrschte Angst um inhaftierte Familienangehörige und die eigene Haut. Anhand vieler Vorgänger war leicht abzusehen, wie rasch diese wo enden und wer der nächste sein könnte. Da im Ducken wenig mehr Rettung lag als im Widerstand, und lähmende Angst die praktischen Probleme im Land verschärfte, wandte sich der Konvent gegen Robespierre. Er kam kaum über die ersten Sätze hinaus und wurde niedergebrüllt ("Nieder mit dem Tyrannen"). Robespierres Wutgeschrei an den Parlamentspräsidenten hatte keine Wirkung mehr: "Zum letzten Mal, Präsident von Mördern, wirst du mir das Wort geben ....?".
Der Präsident tat dies nicht, der Konvent beschloß die Verhaftung des Diktators und seiner Anhänger. Der ihm ergebene Henriot, Kommandant der Nationalgarde, kam nicht mehr dazu, Truppen gegen das Parlament zu schicken, um Abgeordnete zu verhaften. Er war schon selbst verhaftet worden, konnte sich später aber wieder befreien. Die gegen 16,00 Uhr im Parlament Festgenommenen sollten nach kurzem Verhör in Gefängnisse des Karmeliterklosters und nach Saint Lazare gebracht werden, wurden jedoch schon während der Fahrt von Anhängern befreit. Sie zogen sich in das Pariser Stadthaus zurück, jener Stadtteil-Sektion mit dem Namen "Kommune".

Kampf im Haus der Kommune
Durch den Wohlfahrtsausschuß wurde ein Polizist Méda beauftragt, die Kommune auszuheben und Robespierre mit seinen Anhängern wieder festzunehmen. Nach einer abenteuerlichen Odyssee durch die nächtlichen Straßen der Stadt, wo mal die eine, mal die andere Partei ihre Gegner verhaften wollte, erreichte Méda schließlich mit Truppen das Stadthaus der Kommune. Er war unterdessen schon zweimal arretiert worden und im Getümmel wieder freigekommen. Über die Vorgänge dieser Nacht im Haus der Kommune liegen Berichte der Beteiligten vor.
x Hausmeister Bochard:x(1)
"... gegen zwei Uhr morgens rief mich ein Gendarm und sagte mir, er habe gerade im Saal der Gleichheit einen Pistolenschuß gehört. Ich trat ein und sah Lebas auf dem Boden ausgestreckt. Und danach gab der ältere Robespierre einen Pistolenschuß auf sich ab. Die Kugel verfehlte ihn jedoch und flog um Haaresbreite an mir vorbei. Als Robespierre dann den Saal der Gleichheit verließ, rannte er im Vorbeilaufen gegen mich."
x Polizist Méda erwischte Robespierre kurz darauf in einem anderen Saal:x(2)
"Ich sah ungefähr 50 Männer in ziemlich großer Aufregung ... Mitten unter ihnen erkannte ich Robespierre; er saß in einem Sessel, hatte den linken Arm auf das Knie und den Kopf in die linke Hand gestützt. Ich sprang auf ihn zu, setzte ihm die Spitze meines Säbels auf die Brust und rief: ' Ergib dich, Verräter! '. Er hob den Kopf und sagte: ' Du bist der Verräter, ich werde dich erschießen lassen '.
Bei diesen Worten nahm ich eine meiner Pistolen, machte einen Schritt nach rechts und feuerte sie ab. Ich glaubte, ihn an der Brust zu treffen, aber die Kugel traf ihn am Kinn und zerschmetterte seine linke untere Kinnlade; er fiel von seinem Sessel. Der Knall meiner Pistole erschreckte seinen Bruder derart, daß er aus dem Fenster sprang."

x Dem gelähmten Couthon gelang es mit einem Helfer über eine verborgene Treppe zu entkommen. Méda lief hinter ihnen her, eigentlich auf der Suche nach dem flüchtigen Henriot:x(3)
"... auf dieser Treppe stieß ich auf einen Flüchtigen, es war Couthon, den man in Sicherheit bringen wollte. Da der Wind meine Kerze ausgeblasen hatte, schoß ich auf gut Glück. Ich verfehlte ihn, verletzte aber den, der ihn trug, am Bein. Ich stieg weiter hinunter und ließ Couthon holen, den man an den Füßen bis in den Saal des Generalrats schleifte ..."

Geschichtskosmetik
Herausgegeben zum 100. Jahrestag der Französischen Revolution, zu einer Zeit, als noch Menschen lebten, die in den Anfängen der ersten französischen Republik geboren worden waren, erschien ein prächtig gestalteter Rückblick. Dem apologetisch argumentierenden Autor gelang es kaum, seine Parteilichkeit zu verbergen über die "großartigste Umwälzung der Neuzeit und vielleicht aller Zeiten" (S.5). Aufrechte Kämpfer für das Wohl des Volkes sollten deshalb nicht feige flüchtend oder im Disput mit Polizisten ihr Ende finden - soweit sich dies in einem Buchtext vermeiden läßt. Sie sollten sich wie ein besiegter römischer Feldherr (worauf sich diese Revolution gerne berief) kühn in ihr Schwert stürzen. Allenfalls könnten sie noch, wie im Falle Robespierres d.Ä. durch eine Kugel aus dem Nichts - quasi gelenkt vom Schicksal - getroffen werden, wobei man dann nichts Weiteres feststellen kann.Man sollte sich in diesem Falle nur besser verabreden mit dem Verleger J.H.W. Dietz in Hamburg&Stuttgart, sowie dem Kupferstecher der vielen ergreifenden Bilder. Sonst kann es passieren, daß man schon auf der nächsten Seite ein Bild findet, das mit den Augenzeugenberichten der realen Vorgänge viel besser übereinstimmt als mit den heldischen Nichtfeststellbarkeiten:

Bildtitel S.335: "Der 9. Thermidor im Stadthause"
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Fazit

Weder hatte sich Couthon selbst erdolcht, noch suchte Robespierre der Jüngere kühn sein Heil in der Fensterflucht. Es ist auch nicht rätselhaft, wie der ältere Robespierre zu seiner Kugel kam. All das war bereits im Augenzeugenbericht publiziert, eine Generation bevor ein enthusiastischer Schönschreiber in einem Stuttgarter Verlag das Loblied der Französischen Revolution zu ihrem ersten runden Jahrestag verfaßte. Zutreffend ist wohl, daß Robespierre d.Ä. einen ungeschickten und mißglückten Selbstmordversuch unternahm, bei dem ein Hausmeister nur knapp dem Tode entrann. Eine gewisse häusliche Unruhe verschlug den hauptberuflichen Diktator dann in einen Saal, wo er einem Polizisten die falsche Antwort gab und infolgedessen zum Schweigen gebracht wurde. Sein kleiner Bruder fiel dabei vor Schreck aus dem Fenster. Couthon aus dem Rollstuhl wurde auf der Huckepack-Flucht in einer dunklen Hintertreppe durch eine Unpäßlichkeit des Trägers liegengelassen und an den Füßen zur Verhaftung geschleift, was die Festgenommenen bald darauf recht kopflos machte (Guillotine). Da der gleiche Autor des Heldenliedes sogar Details kannte wie die Zahl der jährlichen Jagdbeutestücke des Königs Ludwig, fällt es schwer zu glauben, daß ihm nicht bekannt war, wie Robespierre und seine Anhänger das Ende ihrer blutigen Laufbahn fanden. Der Kupferstecher seines Buches scheint es jedenfalls besser gewußt zu haben ...

Belege


x(1)Hausmeistersicht
Déclaration de Michel Bochard, Paris an IV, 1795. Auszug in: Pernoud, G./Flaissier, S.(Hrsg.): Die Französische Revolution in Augenzeugenberichten. München 1976, S.378 f.

x(2) Polizist Méda
Charles-André Méda: Précis historique ... Paris 1825. Auszug in: Pernoud/Flaissier, a.a.O., S.379 ff.

x(3) Couthon erwischt
Méda, a.a.O., S.380.
Veröffentlichung: Februar 2004
+Nr.43: DrehmomenteNr.45: Folterkunst+
 
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