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Nr.47: Selbstwiderlegend

Das sowjetische Massaker von Katyn 1940
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Nominierung

Thema: Sowjetisches Massaker an polnischen Kriegsgefangenen, Katynwald 1940
Quelle: Fachbuch "In Auschwitz wurde niemand vergast. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt". Mülheim/Rh. 1996, Artikel Nr. 18, S. 61. (Zuerst im "Verlag an der Ruhr", zuletzt 2000 im Goldmann-Verlag, derzeit in Neuauflage)
Urheber: Markus Tiedemann

Aussagen

x Die kurze Artikelseite hier auch als Bildkopie (Grafik rechts mit dem Zeiger berühren). Der Verfasser trägt vor, es sei ein Thema von "Rechtsradikalen", daß jenes Kriegsverbrechen von Katyn fälschlich der deutschen Seite zugeschrieben wurde, obwohl es von russischen Truppen verschuldet sei. Diese Aussage will er als eine von "60 rechtsradikalen Lügen" entlarven, weshalb er entgegenhält:

a) Das Argument sei eine "direkte Übernahme der Nazi-Propaganda".
b) Das Argument sei in der Sache zutreffend, "Aber was beweist das, hebt ein Verbrechen das andere auf?"
c) Abschließend nennt er deutsche Kriegsverbrechen im besetzten Polen.

Tatsachen

Leiche Nr. 227: Militärpfarrer Zielkoski mit Rosenkranz und Reisealtar
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Fundumstände
Die deutsche Wehrmacht hatte im Herbst 1939 in wenigen Wochen den Nachbarstaat Polen militärisch besiegt. Kurz vor der polnischen Kapitulation rückten entsprechend der geheimen Zusatzklausel eines Bündnisvertrags mit Sowjetrußland russische Truppen in Ostpolen ein. Eineinhalb Jahre später begann der deutsche Angriff auf Sowjetrußland. Katyn bei Smolensk, Fundort eines Massengrabs von tausenden polnischer Offiziere, die seit der polnischen Kapitulation verschwunden waren, wurde in der ersten deutschen Angriffsoperation im Juli 1941 überrollt und im Sommer 1943 von Sowjets zurückerobert.
Zu erwähnen wäre, daß nicht 4.100 Opfer gefunden wurden, wie der Verfasser angibt, sondern 4.143. Der Ort wurde auch nicht im April 1943 durch deutsche Soldaten entdeckt, sondern schon im Sommer 1942 durch Arbeiter der Bauorganisation Fritz Todt. Polnische Arbeitskollegen hatten sie auf ein Massengrab im Wald hingewiesen. Am Kosegory Hügel, 20 Kilometer westlich von Smolensk an der Straße nach Witebsk, fanden sie tatsächlich menschliche Gebeine und setzten ein Birkenkreuz. Einem ersten Hinweis aus der Vernehmung des russischen Kriegsgefangenen Merkuloff Anfang August 1941 war von der Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Kriegsverbrechen zuvor noch nicht weiter nachgegangen worden.x(1)

Beginn der Ermittlungen
Erst im Winter 1942/43, als Oberstleutnant Ahrens vom Nachrichtenregiment 537 einem Wolf nachspürte im Wald von Katyn, dem beliebten Smolensker Naherholungsgebiet, begann die Aufdeckung des Verbrechens. Ahrens untersuchte eine Scharrstelle des Tiers am Birkenkreuz und meldete den Fund an den deutschen Kriegsgräberoffizier. Daraufhin nahm Prof. Buhtz von der Heeresgruppe Mitte die Ermittlungen auf. An diesen wurde ein Untersuchungskomitee beteiligt aus zwölf internationalen Gerichtsmedizinern, Vertretern des polnischen Roten Kreuzes, sowie amerikanischer und britischer Kriegsgefangener. Die Kommission obduzierte insgesamt 100 der gefundenen Leichen.x(2) Der Todeszeitpunkt wurde gerichtsmedizinisch auf etwa Mai 1940 bestimmt. Die Mörder hatten es versäumt, den mit Genickschüssen hingerichteten Opfern vor dem Verscharren die Taschen zu leeren. So wurden nicht nur bei der Leiche Nr. 490, dem polnischen Major Adam Solski, Indizien wie Tagebuchnotizen bis zum 9. April 1940 gefunden, worin auch Hinweise auf ihre Inhaftierung durch den sowjetischen Inlandsgeheimdienst enthalten waren. Es konnte frühzeitig ausgeschlossen werden, daß deutsche Truppen Schuld an einer Massenhinrichtung hatten, die mehr als ein Jahr vor ihrem Einmarsch an den Ort auf russischem Staatsgebiet geschehen war.

Prof. Palmieri, Neapel, obduziert Leiche Nr. 800, ein fünfzigjähriger polnischer Major: drei Genickschüsse, Splitter im Gehirn.
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Tödliches Wissen?
Die Tatschuld der Sowjets war auch auf alliierter Seite schon 1943 bekannt durch einen Untersuchungsbericht des britischen Botschafters Owen O´Malley bei der polnischen Exilregierung Sikorski in England.Der Bericht durfte gedruckt aber nicht veröffentlicht werden. Churchill versuchte Sikorski mit dem Argument zum Schweigen zu überreden, "daß nichts die hingerichteten polnischen Offiziere wieder zum Leben erweckt." Doch Sikorski blieb dabei, den Sowjets die Schuld zu geben, und kam noch im selben Jahr zu Tode durch einen Flugzeugabsturz bei Gibraltar, dessen Umstände als ungeklärt gelten.x(3)
Der polnische Staatsanwalt aus Krakau, Dr. Roman Martini, hatte kurz nach dem Krieg in einer Untersuchung herausgefunden, daß der 1940 aus Moskau entsandte russische Kommissar Burjanow Leiter des Massenmords von Katyn war. Wenige Tage nachdem Martini seinen Untersuchungsbericht dem Justizministerium übergeben hatte, wurde er am 12. März 1946 von zwei Mitgliedern der "Gesellschaft für polnisch-sowjetische Freundschaft" ermordet, ein "Freundschaftsdienst" sozusagen...x(4)

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Lügnerische Umdichtung
Einen Monat vor der Ermordung Martinis, am 14. Februar 1946, trat im Nürnberger Prozeß der stellvertretende sowjetische Hauptankläger, Oberst Pokrowsky, vor das Tribunal mit den Worten:
"Ich möchte mich jetzt mit den Grausamkeiten beschäftigen, die von den Hitleristen gegenüber Angehörigen der polnischen Armee begangen wurden. Wir ersehen aus der Anklageschrift, daß eine der wichtigsten verbrecherischen Handlungen die Massenhinrichtungen polnischer Kriegsgefangener war, die in den Wäldern von Katyn bei Smolensk von den deutsch-faschistischen Eindringlingen vorgenommen wurde."x(5)
Görings Verteidiger, Dr. Otto Stahmer, nahm über zwei Wochen die sowjetischen Zeugen im Kreuzverhör so erfolgreich in die Zange, daß ab dem 26. Februar von Katyn keine Rede mehr im Tribunal war, und dieser Anklagepunkt wortlos fallengelassen wurde. US Hauptankläger Jackson gab später an, in diesem Tribunal den Eindruck gewonnen zu haben, daß die Sowjets Schuld an diesem Verbrechen hatten. Vorwürfe gegen die deutsche Partei waren schon während der ersten Pressemeldungen 1943 erhoben worden. Wie nicht zu verwundern zunächst durch die sowjetische "Prawda".x(6)
Diese Lesart machte sich auch die englische Staatsführung zu eigen, die in Person des Außenministers Anthony Eden am 4. Mai 1943 öffentlich zweideutig erklärte, "... daß Großbritannien keinesfalls wünsche, irgendjemand außer dem gemeinsamen Feind (Deutschland) mit der Schuld für diese Ereignisse zu belasten."
Bereits damals und durch den Briten wurde die demagogische Moral eingeführt, daß über ein faktisches Verbrechen nicht gesprochen werden darf, wenn das Ermitteln der wahren Täter die eigenen politischen Interessen beeinträchtigen könnte. Eden beklagte
"... den Zynismus, mit dem die Nazis, die selber Hunderttausende unschuldiger Polen und Russen umgebracht haben, die Geschichte von einem Massenmord dazu benutzen, die Einigkeit unter uns Alliierten zu stören."x(7)
Eine Prüfung der Akten des britischen Außenministeriums von diesem Jahr ergab, daß niemand dort eine andere Tatschuld als die der Russen ernsthaft angenommen hatte, dies aber aus taktisch-politischen Gründen nicht öffentlich zugegeben wurde.x(8) Entsprechend verlautbarte der britische Sender BBC am 15. April 1943:
"Die deutschen Lügen weisen auf das Schicksal hin, das die Offiziere traf, die die Deutschen 1941 für Bauarbeiten in der Nachbarschaft verwandt hatten."x(9)
Noch 1976 gelang es der Sowjetunion durch scharfen Protest, die Teilnahme britischer Regierungsmitglieder an der Einweihung eines Katyn-Denkmals auf dem Londoner Friedhof Gunnersbury zu verhindern. Wie bereits zuvor in Kriegszeiten gehorchte in England ein verantwortungsloser politischer Opportunismus den Vertuschungsbemühungen der Täter; hier mit der offiziellen Stellungnahme:
"Es konnte niemals zur Zufriedenheit der Regierung Ihrer Majestät bewiesen werden, wer dafür verantwortlich war."x(10)

x Die angebliche "rechtsradikale Lüge" ist nachprüfbar richtig. Das Massaker an tausenden polnischer Offiziere in russischer Kriegsgefangenschaft hat im Zweiten Weltkrieg stattgefunden, wurde von Sowjets verübt, und die Sieger haben bis weit nach Kriegsende gemeinsam versucht, dieses Verbrechen lügnerisch ihrem Kriegsgegner in die Schuhe zu schieben, um von eigener Schuld abzulenken.

Prämierte Grunzlogik

Kurios ist, daß der Verfasser eine angebliche Lüge zunächst dadurch entlarven will, indem er die Richtigkeit ihrer Aussage bestätigt; konkret: die unstrittige Tatschuld der sowjetischen Kriegspartei. Dies zu bekennen ist förderlich, es weckt in oberflächlichen Lesern die Überzeugung, daß hier jemand objektiv an die Sache herangeht. Er geht allerdings nicht darauf ein, daß nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegern tatsächlich versucht wurde, dieses Verbrechen der deutschen Wehrmacht anzulasten. Einen etwas selektiven Blick anstelle von Objektivität könnte man dann schon unterstellen. Aber daran hat man sich gewöhnt, es ist bislang schließlich auch noch kaum aufgefallen, daß kein einziger jener alliierten Sieger vor Gericht gestellt worden ist, die für insgesamt Millionen zivile Opfer der Verlierer verantwortlich sind.
Bloß, wenn die angebliche "rechtsradikale" Behauptung sachlich richtig ist, wie kann sie dann eine Lüge sein? Folgendes Argument soll die gewünschte Einsicht einleitend anbahnen:

a) "Dieses Argument ist eine direkte Übernahme der Nazi-Propaganda"
x Es trifft zu, daß die NS-Medien vor der Weltöffentlichkeit Nutzen aus dem von deutschen Behörden aufgedeckten Massaker zu ziehen suchten. Im Bild rechts die Titelseite einer Broschüre von 1943 aus dem Verlagshaus des NS-Bildmagazins "Signal". Hier in französischer Sprache für den entsprechenden Leserraum ("Wenn die Sowjets den Krieg gewinnen, ist überall Katyn"). Der drastische Nachweis in Text und Schockbildern, daß Sowjettruppen wehrlose Kriegsgefangene zu tausenden hinrichteten, hätte dazu beitragen können, den Kampf der deutschen Kriegspartei gegen Rußland zu legitimieren, und eigenen kriegsmüden Frontsoldaten eventuelle Illusionen über eine russische Kriegsgefangenschaft zu nehmen. Während der laufenden Untersuchungen nannte Goebbels in seinem Tagebuch wohl eher schätzweise die noch dreifach übertriebene Zahl von 12.000 Opfern. Die deutschen Medienbeiträge nannten eine weniger hohe aber immer noch übertriebene Zahl. Einen meßbaren internationalen Erfolg hatte das bis Kriegsende anscheinend aber nicht. Entweder hielten neutrale Beobachter den Vorfall dank der bemühten alliierten Gegenpropaganda für unaufklärbar, und als Medienereignis zu sehr bedingt durch Kriegsfeindschaft. Oder sie sahen 1943 mit den Leichenbergen auf den Schlachtfeldern und in bombardierten Städten vor Augen keine allzu große Relevanz in einigen tausend getöteten polnischen Soldaten. Der vom dt. Auswärtigen Amt im Sommer 1943 publizierten Dokumentation "Amtliches Material zum Massenmord von Katyn" wurde im Ausland kein Glauben geschenkt.

Für die vorliegende Diskussion ist dieser Zusammenhang grundsätzlich irrelevant. Er trägt nichts zu der Frage bei, ob die "rechtsradikale Aussage" eine Lüge ist oder nicht. Wenn eine Behauptung lauten würde, daß der Mond rund ist, dann bliebe dies auch dann wahr, wenn der Urheber in anderen Fällen schon als Lügner überführt wurde. Solange die Möglichkeit besteht, eine Aussage faktisch zu überprüfen, benötigt man nicht den mangelhaften Ersatz einer Einschätzungen der Glaubwürdigkeit des Urhebers. Wo es dennoch unnötig unternommen wird, kann diese Verfehlung des Themas den Eindruck wecken, daß die eigentlichen Argumente zur Sache wohl insgesamt wenig überzeugen, so daß hilfsweise sachfremde Verdächtigungen gegen den anderen Standpunkt benötigt werden.

x Das Argument verfehlt das Thema. Da bereits faktisch belegt und heute unstrittig ist, daß die Darstellung der NS-Medien über die Täter des Massakers von Katyn der Wahrheit entsprach, sind wie auch immer begründete heutige Zweifel an der Reputation dieser Medien-Vermarktung ohne Belang für die objektive Beurteilung der Sache.

b) Das eine widerlegt nicht das andere
Wohl unbewußt nutzt der Verfasser des zitierten Werkes nun als zweiten Ansatz eine gängige nachkriegsdeutsche Denkverbiegung nach dem Prinzip: "Ja, es war ein russisches Verbrechen an Polen, aber damit können keine deutschen Verbrechen an Polen vertuscht werden." Das mag ja so sein. Und nach diesem Schema sind viele Argumente über Deutschland im Zweiten Weltkrieg angelegt, denen derzeit in der Medienöffentlichkeit auch niemand begründet widerspricht.

Prof. Hájek, Prag, und der Vertreter des Polnischen Roten Kreuzes Wodzinski durchsuchen die Uniform einer Katyn-Leiche.