x
x
Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
Groß/klein Ein Suchwort von mindestens 3, höchstens 30 Zeichen
xMobile
x Der Verfasser auf Facebook
x Der Verfasser auf Twitter
Nr.48: Urdemokratisch

Die USA: älteste Demokratie der Welt?

Nominierung

Thema: Die USA als Vorbild der Demokratie
Quellen:
1) Westdeutscher Rundfunk, Köln / Hörfunk WDR 3, 20.10.2004, gegen 19,50 Uhr
2) Spiegel-Online, 19.11.2007: West Wing - Wie gefährlich ist Amerika?
(www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,518113,00.html)
Urheber: 1) Klaus Leggewie, 2) Gabor Steingart

Aussage

1) "Die USA als älteste Demokratie der Welt wollen ein Vorbild für andere Staaten sein."

Der Rundfunk-Kommentar diskutiert in der Endphase des laufenden US-Präsidentschaftswahlkampfs (Busch/Kerry) mögliche Wahlmanipulationen, die auch früher beobachtet worden seien. Mit der geschichtsträchtigen Behauptung, dieser Staat sei die älteste Demokratie der Welt soll anscheinend an das Ehrgefühl der Weltmacht appelliert werden, doch möglichst nicht dem eigenen Vorbild untreu zu werden.
Noch drei Jahre später wird ein im eigenen Land eigentlich ganz anders eingeschätzter Ableger der US-Medien nicht müde, den abwegigen Gemeinplatz weiter aufzufrischen. Der Netzartikel kommentiert ein Interview von Ex-Bundeskanzler H. Schmidt, worin er Rußland als weniger gefährlich für den Weltfrieden einschätzt als die USA.

2) "Wieso müssen wir uns vor dem Heimatland der Demokratie mehr fürchten ..."

Voraussetzungen

Begriffsprobleme
Einen konkreten Staat als Demokratie zu bewerten, ist eine ähnlich leere Aussage wie die Behauptung "Kartoffeln sind guten Willens". Die behauptete Qualifikation ist ein beiden Fällen im konkreten Einzelfall kaum überprüfbar. Entweder sind die Meßkriterien ebenso abstrakt wie die Qualifikation oder sie sind so speziell, daß man verschiedene Varianten mit Gegensätzen verwechseln, letztere aber übersehen könnte, weil sie sich eine gleichartige äußere Erscheinung geben. Wie üblich anhand einer Liste von Kriterien wie Wahlen oder Parlament odernoch anhand der Existenz von Berufsbeamtentum Demokratie messen zu wollen, ist also wenig sinnvoll.x(1) Es gab schon genug Scheinwahlen, Pseudo-Parlamente und korrupte Verwaltungen.
In der BRD, die sicher jeder als Demokratie mit Wahlen und Parlament bezeichnen müßte, hatten gewählte Volksvertreter keine Probleme, öffentlich zu erklären, daß ihnen der Mehrheitswille zur Rechtschreibreform gleichgültig ist. Und zur wichtigeren Frage der Einführung einer neuen Währung wurde das Volk ebenfalls nicht gefragt, weil das leicht vorhersehbare Ergebnis nicht in die Pläne der Staatsführer paßte. Die "DDR" führte Demokratie sogar in ihrem Staatstitel, mußte aber mit schwer gesicherten Grenzen verhindern, daß ihr Volk vor so viel Demokratie davonlief. Wollte man derartige Beobachtungen damit rechtfertigen, daß hier eine regierende "höhere Weisheit" das Recht habe, Volkswillen mißachten zu können, oder daß die Masse des Volkes bestimmte komplizierte Themen ohnehin nicht beurteilen könne, dann fände man kaum noch praktische Unterschiede zur Monarchie oder Diktatur. (folgendes Bild: US-Verfassung)x(2)

x
www.archives.gov/national_archives_experience/charters/charters_downloads.html

Wortsinn
Wenn man den Demokratiebegriff nicht gänzlich verwerfen will für die Beurteilung eines Staates, wird man ihn reduzieren müssen auf seinen Grundgedanken. Das Wort ist antik-griechischen und nicht neuzeitlich-englischen Ursprungs, was schon nahelegt, daß an der nominierten Aussage etwas faul sein könnte. Das Wort besteht aus den Begriffen "Volk" (demos) und "herrschen" (kratein) und meint also "Volksherrschaft" in einem Staat. Verschiedenartige Staatsprinzipien können zu diesem Ergebnis führen, und als demokratisch Deklarierte müssen dies nicht unbedingt besser oder überhaupt. Indianerstämme im Urwald, die keine Staatsverwaltung erreicht, würden vielleicht nicht einmal den Begriff Demokratie kennen, könnten aber trotz fehlender Zivilisationstechnik zur Einrichtung von Wahlen und Parlamenten mehr konkrete Volksherrschaft in ihrer Gesellschaft vorweisen als moderne Demokratien.

Ein Grundraster
Reduzierte Auswahlkriterien, deren Meßbarkeit ebenfalls nicht leicht ist, sollen hier genügen, um eindeutige Gegensätze zum Demokratieprinzip abgrenzen zu können.
x Staat: es existiert ein örtlich und zeitlich bestimmbares Organisationsgebilde menschlicher Gesellschaft, das durch Gesetze das Zusammenleben der Bürger regelt.
x Freiheit: die Regeln lassen Bürgerrechte zu wie Eigentum, Meinungsäußerung, Ortswahl, Berufswahl, Versammlungs- und Meinungsfreiheit.
x Gerechtigkeit: Die Regeln des Staates und ihre Durchsetzung sind vom Naturrecht legitimiert als kleinstem gemeinsamem Nenner der Weltanschauungen, wobei alle Bürgern prinzipiell gleiche Grundrechte haben. Die Mißachtung von Gesellschaftsregeln kann von jedem Bürger vor unabhängigen Gerichten erfolgreich zur Klage und Korrektur gebracht werden.
x Institutionen: wie Wahlen und Interessengruppen ermöglichen die Beteiligung der erwachsenen Bürger an den Entscheidungen von Staat und Gesellschaft.
Dieses gleichfalls abstrakte Raster würde sicher auch auf Staaten zutreffen, wo die genannten Kriterien nur noch dem Schein nach vorliegen. Eine so reduzierte Definition kann jedoch die Prüfung langer Kriterienlisten vermeiden, die sich ohnehin nur im Unwägbaren verlieren. Wie aussagekräftig diese Grundprinzipien von Demokratie in der Realität sind, sollte wie oben erwähnt hier einmal vernachlässigt werden, weil sonst keine Beurteilung der fraglichen Aussage mehr möglich wäre.

x Es ist fragwürdig, eine abstrakte staatsphilosophische Norm wie "Demokratie" als Pauschalwertung über einen konkreten Staat zu verwenden. Entsprechende Urteilskriterien sind entweder willkürlich oder zu speziell, um meßbar zu sein. Die Bewertung der USA als "erste Demokratie" der Welt ist möglicherweise im Ansatz irrelevant. Zumindest soll im Vergleich anhand eines reduzierten Rasters geklärt werden, ob es in der Geschichte vielleicht schon vor der Gründung der USA einen Staat mit ebenso viel Volksherrschaft gegeben hat.

1. Zeitgrenze

Benjamin Franklin
x

Startpunkt
Die Vereinigten Staaten von Amerika gingen aus einer englischen Kolonie hervor nach einem von Feinden Englands mitfinanzierten Partisanenkrieg (Frankreich, Spanien, Holland). Am 4. Juli 1776 erklärte eine Versammlung von Kolonistenführern in Philadelphia die Loslösung von der britischen Kolonialherrschaft. Das entsprechende Manifest war kurz zuvor von Jefferson, Adams, Paine, Livingston, Sherman und Franklin verfaßt worden. Am 5. Dezember 1782 endete mit der öffentlichen Anerkennung des englischen Königs Georg III. der Kolonialkrieg. Die Briten behielten jedoch noch bis 1794 Truppenstützpunkte und kontrollierten den US Binnenhandel. Der Staat USA begann formal also Ende 1782.x(3) Ob er demokratisch war oder nicht, war damit noch nicht definiert, dies entschied erst die

Verfassung
Erst 1787 begannen unter der Moderation des siegreichen Partisanengenerals Washington die Beratungen über eine Staatsverfassung. Die 55 Delegierten waren zur Hälfte Rechtsanwälte und ohne Volkswahl von ihren jeweiligen Gebietsvertretungen bestimmt worden. Laut dieser am 4. März 1789 öffentlich proklamierte Verfassung wurden wichtige demokratische Elemente im Staat verankert wie Freiheits- und Menschenrechte, freie Wahlen, Präsidialherrschaft und Mitbestimmung des Volkes mit Hilfe eines Parlaments.x(4) Mit dem Jahr 1789 ist also die früheste Zeitgrenze gesetzt, ab der man formal von einer US-Demokratie sprechen kann.
Die Existenz eines Papierdokuments alleine kann aber kein Beweis für Demokratie sein, anderenfalls wären für die anstehende Frage keine realen Staaten sondern nur Literatur zu bewerten. Es wäre dann zudem nicht einzusehen, warum man nicht auch antike Steintafeln mit Gesetzen als Verfassung akzeptieren muß, da ja nicht das Material Papier für Dokumente über Demokratie entscheidet. Die weitere Prüfung muß also zeigen, ob im Falle der USA Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit im Einklang stehen.

x Falls die USA die Mutter aller Demokratien gewesen wären, dann ist der früheste Zeitpunkt für eine solche Bewertung der März 1789, als eine Verfassung mit entsprechenden Wertedefinitionen als Grundlage des Staates proklamiert wurde.

2. Präsidenten

George Washington (zeitgen. Darstellung)
x

Ersatzmonarch
Daß ein Verfassungspapier nicht unbedingt Demokratie bedeutet, zeigt sich darin, daß die US-Verfassung noch am selben Tag ihrer Einführung gebrochen wurde. Der erste Präsident (G. Washington) wurde ohne Volkswahl von den ebenfalls nicht gewählten Delegierten bestimmt.x(5) Im US Präsidentenamt wurde mehr Macht angehäuft als Kaiser Wilhelm II. sie hatte. Zwar wird gelobt, daß damit große Stabilität in der Politik erreicht wird, aber das ist typisch für Monarchien. Sämtliche ausführende Gewalt im Staat ist in diesem Amt zusammengefaßt (Exekutive) in Personalunion von Staatsoberhaupt und Staatschef, der nicht dem Parlament untersteht. Ein Beispiel: zwar kann nur das US-Parlament einen Krieg beschließen, der Präsident kann ihn als Oberbefehlshaber der Armee aber schon einmal anfangen und braucht erst danach im Parlament zu fragen, ob es damit einverstanden ist.x(6)

Wahlmänner
Wegen der großen Entfernungen und der damaligen mangelnden Infrastruktur sollte der Präsident nicht direkt gewählt werden sondern durch die Versammlung von Wahlmännern ("electors") aus den verschiedenen Teilstaaten. Alle Wahlmänner eines Bundesstaates sollen nur den Kandidaten wählen, der in ihrer Region die meisten Stimmen hat. Die Anzahl der Wahlmänner pro Teilstaat hängt von der Einwohnerzahl ab. Das sagt aber nichts über die Wahlbeteiligung. Es ist also möglich, daß US-Bundesstaaten mit vielen Wahlmännern und wenig Wahlbeteiligung mehrheitlich den Kandidaten zum Präsidenten machen, der im ganzen Land insgesamt weniger Stimmen als der Konkurrent hatte. Die Wahlmänner haben außerdem in etlichen Bundesstaaten kein "imperatives Mandat", sie sind nicht verpflichtet, jenen Kandidaten zu wählen, für den sie als Volksvertreter geschickt werden. Da der letzte Wahlgang geheim ist, ist dies auch nicht überprüfbar.x(7)

Schräge Präsidenten
Nach zwei vierjährigen Amtszeiten hinterließ der erste US Präsident George Washington eine Serie fragwürdiger Entscheidungen, darunter der Verrat an der Französischen Revolution zugunsten lukrativerer Abmachungen mit den Briten (1794: Jay-Vertrag), die diese jedoch nicht einhielten. Washingtons Abschied vom Amt wurde von der Zeitung seines Schwiegersohns so kommentiert: "Dieser Mann war die Quelle allen Mißgeschicks unseres Landes. Wenn es jemals Augenblicke gab, sich zu freuen, dann jetzt."x(8)
In Einzelaspekten kann bis in die Gegenwart die Abhängigkeit einzelner US-Präsidenten von kriminellen Strukturen nachgewiesen werden, oder von industriellen Konzerngruppen, die ihre Kandidatur finanzierten. Typische Beispiele hierfür sind der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg auf Drängen der Industrie ("merchants of death", 1935: Nye-Komitee, Artikel Nr. 8, Fußnote 3), sowie die Präsidenten Harding und Coolidge in den 1920er Jahren bis hin zum "Kennedy-Clan", der über den Vater von J.F.K. per Alkohol-Schmuggel in der Prohibitionszeit den Grundstein zu Reichtum und politischer Macht der Familie legte.x(9)

x Der einflußreiche Staatsführer der USA wird nicht in demokratischer Wahl bestimmt. Die Bürger können zwar indirekt wählen, haben aber keinen Einfluß darauf, was mit ihrer Stimme geschieht. Dadurch wird das Land als Präsidialmonarchie von einer politischen Kaste regiert, einem Partei-Adel.

3. Wahlen

Whig-Parteizentrale, Philadelphia 1840
x

Prozentlogik
Es ist kaum möglich, daß ein gewählter US- Präsident durch die Mehrheit der Zustimmung erwachsener Bürger legitimiert ist. Viele von ihnen sind durch persönliche Umstände nicht registriert oder werden davon ferngehalten, Vorbestrafte dürfen nicht mehr wählen. Kaum 70 Prozent der erwachsenen US-Bürger dürften daher wahlberechtigt sein. Die Wahlbeteiligung liegt seit Generationen im Durchschnitt bei 50 Prozent. Bis auf seltene Ausnahmen wie den Zweiten Weltkrieg erreicht kaum ein gewählter Kandidat mehr als 60 Prozent der Stimmen. Daraus folgt, daß der so gewählte Präsident durch kaum mehr als 21 Prozent der erwachsenen Bürger legitimiert sein kann.x(10)

Wahlschlepper
Lange Zeit blieb alleine schon die organisatorische Bewältigung der Wahlverfahren ein dubioses Unternehmen. Das traditionell entspannte Verhältnis der USA gegenüber organisierter Kriminalität wirkte bis hin zur Beeinflussung von Wahlen. Nicht selten griffen "Wahlschlepper" ihnen wehrlos erscheinende Opfer auf der Straße auf, raubten sie aus und sperrten sie über Tage unter Drogen in Käfige ("coop"). Unter Aufsicht mußte dieses Stimmvieh am Wahltag dutzendfach die Stimme für jene Partei abgeben, welche die Schlepperbande finanzierte. Nordamerikas berühmten Dichter, Edgar A. Poe, scheint 1849 in Baltimore/Phil. dieses Schicksal ereilt zu haben im unfreiwilligen Dienst für die "Whig-Partei", die sich schicklicherweise später umbenannte und heute "Demokraten" heißt.x(11) Poe, der vermutlich nachts auf dem Rückweg von einer Dichterlesung einkassiert worden war, wurde nach der Wahl besinnungslos im Rinnstein gefunden und starb im Alkohol-Koma.x(12)

x Typischerweise repräsentiert ein gewählter US-Präsident nicht die Mehrheit der erwachsenen Bürger. Nicht nur Präsidenten sondern auch Wahlen wurden in den USA bis mindestens Mitte des 19. Jhs. von organisierter Kriminalität beeinflußt.

4. Bürgerrechte

Neger auf dem Bauwollfeld nach dem Bürgerkieg
x

Neger
Schwarze Sklaven waren bei der Gründung der USA mit 18 Prozent Anteil eine große Einzelgruppe in der Gesamtbevölkerung.x(13) Das hat sich auch später nicht grundsätzlich geändert. In der US-Verfassung wird das Thema Sklaverei nicht direkt behandelt, doch kam es darüber dennoch zu erstaunlichen Diskussionen. Je nach dem, zu welchem Grad Neger als Bürger berechnet wurden, waren argrarische Bundesstaaten wie der Süden im Bund der Kopfzahl nach stärker repräsentiert als der Norden. Mancher dort war auch deshalb gegen den Sklavenhandel, weil dies dem reichen Süden ermöglicht hätte, durch Negereinkäufe in Afrika seine Stellung im Bund willkürlich auszubauen. Durch Verknüpfung der Kopfzahlfrage mit der Besteuerungsfrage fanden beide Gruppen schließlich den rechnerischen Kompromiß, Negersklaven als "Dreifünftel-Menschen" anzuerkennen.x(14)x
Kurios ist dabei, daß die honorigen Väter der US-Verfassung in dichterischen Ergüssen über Menschenrechte schwelgten, ohne auf die Idee zu kommen, Negersklaven könnten diese auch zustehen. Der nicht weiter geheimnisvolle Grund liegt darin, daß sie als die Reichsten ihres Landes selbst zu den größten Sklavenhaltern gehörten. Der erste US Präsident Washington meldete kurz nach seinem Amtsantritt bei der ersten Volkszählung nicht weniger als 188 Negersklaven in seinem Zweipersonen-Haushalt (Fairfax-County/Virginia, Listenauszug 1791 rechts), womit er der größte Sklavenhalter am Ort war. Sein Nachfolger im Amt, Thomas Jefferson, einer der Verfassungsväter, übertraf ihn mit 223 schwarzen Köpfen mühelos. Verfassungsvater Benjamin Franklin versuchte um jene Zeit, sich durch Verkauf eines großen Teils seiner Sklaven aus privater Verschuldung zu befreien.x(15)
Es ist auch nicht so, daß hier eine historische Erblast seit 1789 im Glanz der Menschenrechtsidee durch die USA als Boten der Freiheit rasch korrigiert worden wäre. Den Ausschluß der Negersklaven von den vollen Bürgerrechten behob nicht einmal der Bürgerkrieg ab 1861, der doch angeblich zu ihrer Befreiung geführt worden sein soll. (Vergl. Artikel Nr. 17) Die Korrektur des Problems zog sich vielmehr zäh über etliche Generationen hin und mehr als hundertfünfzig Jahre. Damit ist bis heute der längste Teil der US-Geschichte mit dem Faktum belastet, daß dieser Staat so lange keine Demokratie war. Denn wenn ein großer Teil der US-Bevölkerung von den vollen Bürgerrechten ausgeschlossen wird, kann hier kaum ernsthaft von einer allgemeinen "Volksherrschaft" im modernen Sinn die Rede sein.

Entwicklung der US-Bürgerrechte
x1808: Verbot des Sklavenhandels, aber nicht der Sklavenhaltung.
x1865: Nach dem Ende des Bürgerkriegs wird im 13. Verfassungszusatz ("amendment") die Sklavenhaltung abgeschafft, doch stimmen zunächst nicht alle Bundesstaaten zu.
x1866: Zumindest theoretisch erhalten alle ehemaligen Negersklaven im 14. Verfassungszusatz alle Bürgerrechte, wobei offen bleibt, was dazu gezählt werden muß.
x1869: Was zunächst nicht hierunter zählte, war das Wahlrecht, das erst im 15. Verfassungszusatz explizit auch für ehemalige Negersklaven garantiert wurde. Die Bestimmung war jedoch ohne praktischen Wert, weil das Recht auch dann als gewährt erschien, wenn manche Bundesstaaten mit einer hohen Wahlsteuer verhinderten, daß die typischerweise wenig begüterten Schwarzen vom Wahlrecht Gebrauch machten.
x1920: Wahlrecht auch für Frauen. Im Deutschen Reich war dies bereits ein Jahr zuvor eingeführt worden in der Weimarer Verfassung.
x1964: Abschaffung der Wahlsteuer im 24. Verfassungszusatz. Doch blieb immer noch eine weitere Hintertür zum willkürlichen Ausschluß unerwünschter Wählergruppen in Form von Wahlaltersbeschränkungen.
x1971: Festlegung der unteren Altersgrenze zur Teilnahme an Wahlen auf 18 Jahre. Wiederum war dies in Deutschland bereits schon vorher geschehen.x(16)
Vielleicht ist es Zufall, daß die so späte Bereinigung des US Sklaven- und Bürgerrechtsproblems zwischen Mitte des 19. und 20. Jhs. in eine Zeit fällt, als die Mechanisierung in der Landwirtschaft (Ende 19. Jh.) und die Automatisierung in der Industrie (bis Mitte 20. Jh.) diese Massen von Billigst-Arbeitern für den Wirtschaftserfolg der USA entbehrlich machten ...

Navajo-Indianer, 1940
x

Indianer
Auch nach diesem Jahr 1971 blieben noch beklagenswerte Mißstände. Eine lange Liste von Staatsverbrechen gegen die eigenen Bürger bis hin zum Völkermord kann hier nicht annähernd dargelegt werden, ohne die Zeitgrenze des Beobachtungsraums dieser Artikel hier zu überschreiten. Es sei nur kursorisch auf das Schicksal der indianischen Ureinwohner verwiesen. Über 350 Verträge verschiedener US-Präsidenten zur Garantierung ihres eigenen Lebensraums wurden während der Westsiedlung beim Raub immer neuer Siedlungsgebiete gebrochen, nur ein Fall ist als Ausnahme bekannt - ein Bündnisvertrag dt. Siedler unter Generalkommissar v.Meusebach (1812-1897) in Texas.x(17) Indianer hatten ebenso wie die Negersklaven keine Bürger- oder Wahlrechte. Bereits dezimiert durch Frühkolonisten war die Urbevölkerung Nordamerikas speziell in den "Indianerkriegen" Mitte des 19. Jhs. von ursprünglich etwa zwei bis zehn Mio. Köpfen auf 25 Tsd. (1870) dezimiert worden.x(18) Zuletzt um die Jahrhundertwende 1900 durch ihre Inhaftierung in Umerziehungslagern, wo eigene Sprache und Traditionen verboten wurden. Die behördliche Prämierung von abgezogenen Indianerkopfhäuten ("skalp") im Sinne einer ethnischen Säuberung desintegrierter Mitbürger war in manchen US-Bundesstaaten durch Landesgesetz legitimiert.x(19) Anfang der 1970er Jahre wurde in einer Stichprobe festgestellt, daß von 1.000 sterilisierten Indianerinnen in den USA nur eine dabei war, die sich dem freiwillig unterzogen hatte. Dies war offenbar Erfolg einer Bundesaktion in den Jahren 1973-1976 durch die "Indian Health Services" (IHS), in deren Verlauf schätzungsweise 20 Prozent der jungen US-Indianerinnen eines Untersuchungsgebiets zwangssterilisiert worden waren.x(20) Man findet hier Parallelen zu Erörterungen der US-Verfassungsväter wie Franklin und Jefferson, die Sorge ausdrückten vor einer demographischen Verschiebung zuungunsten der Weißen durch gebärfreudigere Völker anderer Hautfarbe im eigenen Land.x(21)
Es wäre noch zu ergänzen, daß eine andere Erscheinungsform von Bürgerrechtsmißachtung in den USA die Verfolgung Andersdenkender ist, wie sie im "red scare", also der Verfolgung von angeblichen oder tatsächlichen Linksextremisten schon gleich zweimal auftrat in den 1920er Jahren ("Palmer raids") und 1950er Jahren (McCarthy).x(22) Selbst Südstaatler wurden für Jahre weiße Neger, als sie nach dem verlorenen Krieg unter ein brutales Militär-Regime von Nordstaaten-Offizieren fielen. Die Gegenreaktion war die erste Generation des Ku-Klux-Clan, die ursprünglich als Bürgerrechtsaktion gegen eine menschenverachtende Unterdrückung begann.x(23) All dies ebenfalls keine Aspekte, die als leuchtendes Beispiel für Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit in den USA gelten können und die bis über die Mitte des 20. Jhs. fortdauerten.

x Wenn der Demokratiebegriff dem Sinne nach wörtlich verstanden wird, ist nicht nur das Papiergedruckte, sondern die reale Möglichkeit zur Ausübung aller Bürgerrechte Voraussetzung für allgemeine Volksherrschaft. In den USA war dies nicht vor dem 23. Januar 1964 der Fall, als erstmals alle Beschränkungen des Wahlrechts weitgehend beseitigt waren. US-Staatsverbrechen gegen eigene Bürger reichen zeitlich sogar noch darüber hinaus.

5. Erste Demokratie

x

Abgesehen davon, daß der Mangel aussagekräftiger Zeugnisse für älteste Zeiten der Menschheit kein Urteil darüber zuläßt, ob dort eventuell auch schon erste Demokratien herrschten, ist sicher, daß ab 462 v.Chr. eine erste Demokratie im griechischen Athen bestand Unter Perikles geschah damals der Übergang öffentlicher Herrschaft von einem Gremium ("Areopag") auf die Volksversammlung ("Ekklesia"). Man könnte einwenden, daß dieser Stadtstaat nicht alle Bürger an der Volksherrschaft beteiligte, weil er wie die römische Republik Sklavenhalter war. Doch damit hätte man wie oben gezeigt auch die USA aus dem Kreis der Demokratien bis nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeschlossen. Selbst wenn man die US-Papierversprechen für allgemeine Volksherrschaft ab 1869 ernst nehmen wollte, wäre die mittelalterliche Republik Venedig (9. Jh., "Republik von Sankt Markus", Oligarchie) früher gewesen.
Ist man bereit, Sklavenhaltung für die Bewertung einer Demokratie ganz zu vernachlässigen, rückt die der USA auch nur bis zum Jahr 1789 vor, wird aber schon von der römischen Republik in der Antike mühelos überholt. Diese hatte ebenfalls ein Parlament und Volkswahlen für die "Komitien", sowie seit dem Jahr 139 v.Chr. ein Gesetz für geheime Wahlen (Lex Gabinia).x(24) Zeitlich gänzlich in Führung bleibt die attische Demokratie, die auch Rom noch um 300 Jahre überholt, die Demokratie der USA sogar um mehr als 2.000 Jahre. Athen hatte ebenfalls Formen der Volksbeteiligung und der Gewaltenteilung mit eigener Judikative (Schaubild oben: Heliaia als Gerichtshof, Areopag als oberster Gerichtshof und Staatsaufsicht). Auch hier erfolgte die Entsendung von Volksvertretern durch allgemeine Bürgerwahlen.x(25)

x Die erste uns heute bekannte Demokratie war die des antiken Athen im 5. Jh. v.Chr. Was man gegen ihren Demokratisierungsgrad aus moderner Sicht einwenden könnte, würde sich auch gegen den der USA wenden. Sofern man die USA vor 1964 überhaupt als Demokratie akzeptieren wollte, müßte man umgekehrt die gleiche Einstufung auch den viel älteren Republiken wie Athen, Rom und Venedig zubilligen.

Fazit

Woher ein dubioser Staat wie die USA die grandiose Arroganz nimmt, andere Völker über Demokratie belehren zu wollen, oder wie die dümmliche Frechheit gerechtfertigt werden kann,noch als die Urmutter aller Demokratien aufzutreten, das gehört wohl zu den ungelösten Rätseln der Menschheit.
Weniger rätselhaft ist, warum sich hiesige Medienredakteure ein solches Konzept zu eigen machen. Sie haben erkannt, wie man in der BRD als Berufsjournalist Karriere macht, was durchaus Klugheit voraussetzt.
Und so säuseln uns dieser Tage sterngestreifte Medien-Sendlinge transatlantischer Propaganda ins Ohr, daß selbst ein US-Präsident wiedergewählt werden kann, der kurz zuvor noch mit einer Lügenkonstruktion einen sinnlosen Ölkrieg angezettelt hatte: "Da weiß man wenigstens, was man hat!" Tja, das weiß man in der Tat: einen Kriegsverbrecher ...

Belege


x(1)Demokratie per Lexikon
Bibliographisches Institut: Dudenlexikon Band 1. Mannheim 1961, S.427.

x(2) Geduldiges US Verfassungspapier
Unter dem schönen Titel "Freiheitsbilder"
(
www.archives.gov/national_archives_experience/charters/charters_downloads.html)

x(3) Startpunkt
Das genannte Grundwissen bedarf keines Nachweises. Zum langen Abklingen der britischen Kolonialherrschaft bis in die Frühzeit der USA vergl. J. Fernau: Halleluja. Die Geschichte der USA. München-Berlin 1977, S.109, oder etwa J. Blum e.a.: American Experience, Harcourt-Brace 1963, passim.
Die Unabhängigkeitserklärung damals noch in der vorherrschenden deutschen Sprache: Druck Steiner und Cist, Philadelphia, 4. Juli 1776, DHM, Inventar-Nr.: Do 93/101.
(
www.dhm.de/sammlungen/gifs/sammlungen/dokumente1/do93_101.jpg)

x(4) US Verfassungstext
Mount, Steve. "Constitutional Topic: Constitution" US Constitution.net. 30 Nov 2001.
(
www.usconstitution.net/const.html)

x(5) Ungewählter Urpräsident
J. Fernau: Halleluja, a.a.O.

x(6) Vorkrieg
So zuletzt im Beispiel beim ersten Golfkrieg durch Präsident Busch Sen.

x(7) Schein-Wahlen
In der vorangegangenen US-Wahl November 2000 hatte die Wahlmännin Barbara Lett Simmons aus Washington D. C. nicht wie beauftragt die Stimme für den Mehrheitskandidaten ihres Bundesstaates abgegeben (Al Gore), sondern für den Gegenkandidaten. In der gleichen Wahl trat auch das Problem der Verschiebung durch das Mehrheitswahlprinzip auf:
"Für Gore und seinen Vizepräsidenten-Kandidaten Joseph Lieberman waren damals landesweit 50.994.082 Menschen, für Bush und seinen Vize Dick Cheney 50.461.080. Weil Bush aber in den Staaten mit verhältnismäßig vielen Wahlmännern punktete, hatte er am Ende 271 Stimmen, Gore nur 266. Die Demokraten verloren die Wahl." (Spiegel online, www.spiegel.de)

x(8) Abschied vom Unglück
J. Fernau: Halleluja. Die Geschichte der USA. A.a.O, S.109.

x(9) Korruptionspräsidenten
Guggisberg: Geschichte der USA Bd. 2/Die Weltmacht. Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1979, S.177 ff. Der Familienhintergrund des Kennedy-Clans aus einer biographischen Reportage ZDF, Klaus-Peter Sieglochund als Vorgeschichte zu Kennedy Sen. Börsengeschäften bei Thomas, Gordon / Morgan-Witts, Max: The Day the Bubble Burst. A Social History of the Wall Street Crash of 1929. New York 1979.

x(10) Mini-Präsident
Als aktuelles Beispiel die Wahl November 2000, wo von ca. 260 Mio. Einwohnern der USA schließlich nur 50,5 Mio. Wahlstimmen hinter dem Wahlsieger Busch jun. standen. Das sind nur 19 Prozent der behördlich gemeldeten Einwohner.

x(11) Whig-Demokraten
Guggisberg: Geschichte der USA Bd. 1/Entstehung und nationale Konsoldierung, a.a.O., S.96.

x(12) Wahlschlepper-Opfer Poe
F. T. Zumbach: Edgar Allan Poe. Eine Biographie. München 1989, S.681 ff.

x(13) Negeranteil
Federal Bureau of the Census (CPH-2): Return of the whole number of persons within the several districts of the United States according to "An act providing for the enumeration of the inhabitants of the United States". Philadelphia 1791.
(
www2.census.gov/prod2/decennial/1790.htm)

x(14) Bruchteil-Menschen
Mount, Steve. "Constitutional Topic: Slavery." US Constitution.net. 30 Nov 2001.
(
www.usconstitution.net/consttop_slav.html)

x(15) Sklaven-Könige
Mount, Steve. "Constitutional Topic: Slavery.", a.a.O. und Federal Bureau of the Census, a.a.O, Liste Virginia, Fairfax-County, S.17, Liste Charles Little.

x(16) Bürgerrechts-Entwicklung
Mount, Steve. "Notes on the Amendments" US Constitution.net. 30 Nov 2001.
(
www.usconstitution.net/constamnotes.html)

x(17) Vertragsbruch
Yale-Universität: alle Verträge (
/www.yale.edu/lawweb/avalon/natamer.htm). Die Ausnahme: der "Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas" (1842-1848), kurz "Mainzer Adelsverein" mit der Übersee-Siedlung Friedrichsburg (heute Fredericksburg) und Umland im Vertrag mit dem Stamm der Komantschen (de.wikipedia.org/wiki/Mainzer_Adelsverein).
Der Vertragstext (
home.arcor.de/geronimo10/hintergruende/deutschland/comanchen_auf_dem_friedenspfad.htm)

x(18) Indianer-Statistik
Die US-Statistik für Indianerbevölkerung fängt erst 1860 an, also nach dem Beginn systematischer Verfolgung. In diesem Jahr wurden nur noch 44 Tsd. Angehörige eines ehemaligen Mehrmillionenvolkes gezählt. Zur nächsten Volkszählung 1870, also mitten in den Indianerkriegen, war diese Zahl schon halbiert. Ab 1880 steigt ihre Zahl bis zur Jahrhundertwende auf etwa 200 Tsd. Sie bleibt bis 1950 bei 300 Tsd. Ein nachfolgender Anstieg bis über die Millionengrenze ist zugleich geprägt von ihrer Vermischung mit anderen Völkern, so daß nur noch wenige heutige US-Indianer direkt von den Ureinwohnern abstammen. Übersicht der US-Rassenstatistiken (hier relevant Appendix A): US Bureau of the Census
(
www.census.gov/population/www/documentation/twps0056.html).
In apologetischen US Internetseiten wird heute unter irrigem Verweis auf die gleichen Statistiken die lächerliche Behauptung vertreten, es habe keine Ausrottung der US-Indianer gegeben, weil ihre Millionenzahl heute größer sei als zu Beginn der nordamerikanischen Kolonisierung. Richard Bushnell
(
www.bowlingfortruth.com/bowlingforcolumbine/scenes/cartoon.htm)

x(19) Skalp-Gesetz
Norrell, Brenda. "Southwest Staff Reporter / Indian Country Today." (
bsnorrell.tripod.com/id28.html)
The payment for Indian scalps, including the scalps of Indian children, was written in the laws of Massachusetts.
"The Acts and Resolves of the Province of Massachusetts Bay," Vol. I, states the rate for Indian scalps began at 50 pounds. The price for the scalp of Indian children under 10 was 10 pounds of silver. The scalp law read, "That there shall be paid out of the publick treasury of this province unto any party or parties that shall voluntarily go forth at their own charge, by commission as aforesaid, in the discovery and pursuit of the said Indian enemy and rebels, for every man or woman of the said enemy that shall be by them slain, the sum of fifty pounds; and for every child of the said enemy under the age of ten years that shall be by them slain, the sum of ten pounds ..."

x(20) Zwangs-Sterilisierung
Constance Redbird Uri: Sterilisation Abuse. In: Medical Tribune, August 24, 1977;
S.B. Ruzek: The Women's Health Movement: Feminist Alternatives to Medical Control, New York 1978.

x(21) Weiße Dominanz
Bezug auf eine Publikation Franklins aus dem Jahr 1751:
"The number of purely white people in the world is proportionably very small. All Africa is black or tawny. Asia chiefly tawny. America (exclusive of the new comers) wholly so. And in Europe, the Spaniards, Italians, French, Russians and Swedes, are generally of what we call a swarthy complexion; as are the Germans also, the Saxons only excepted, who with the English make the principal Body of White People on the face of the Earth. I could wish their numbers were increased."
Thomas Jefferson, 1804:
"this blot in our country increases as fast, or faster, than the whites."
Texte (
www.africa2000.com/BNDX\bao320.htm).

x(22) Aussätzigen-Jagd
H. R. Guggisberg: Geschichte der USA, a.a.O., S.176.

x(23) Weiße Neger im Süden& Ku-Klux
J. Fernau: Halleluja. Die Geschichte der USA. A.a.O., S.180 ff.

x(24) Römische Geheimwahlen
M. Crawford: Die römische Republik. München 1987, S.93.

x(25) Erste Demokratie
Man sollte meinen, daß die griechische Demokratie so allgemein bekannt ist, daß sie keines eigenen Belegs bedarf. Die Nominierung legt aber das Gegenteil nahe, so daß hier genannt werden kann: Jochen Bleicken: Die athenische Demokratie. Paderborn 1994; u.v.a.
Veröffentlichung: November 2004
+Nr.47: SelbstwiderlegendNr.49: Eingeseift+
 
13.03.2018-00 Impressum 1,74
x
System: PUBLIU
Sepp Depp: Prämie für Falschangaben zur Geschichte: Redaktionell ausgewählte Webseite auf onlinestreet.de
Sepp Depp: Prämie für Falschangaben zur Geschichte: Redaktionell ausgewählte Webseite auf wogibtes.info

 

®