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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.51: Unbetucht

Das Grabtuch v. Turin: Fälschung durch Leonardo im 15. Jh.?

Nominierung

Thema: Das Grabtuch von Turin
Quelle: TV-Reportage "Das Geheimnis des Turiner Grabtuchs", 3sat, Karfreitag 25.03.2005 - 19,15 Uhr
Urheber: National Geographic, Vittoria Haziel / Gabrielle Pfeiffer (Buch), Susan Gray (Regie), dt.: NDR 2002

Aussage

Die als Grabtuch Christi verehrte Reliquie in Turin, im ehemaligen Herzogtum Mailand, sei von Leonardo da Vinci hergestellt worden im Auftrag der Herzöge von Savoyen als ein zeittypisches Statussymbol für Machtpolitik. Die Produktion sei gegen das echte Grabtuch ausgetauscht worden. Daß es folglich dann ein echtes Grabtuch geben würde, und was heute über seine antike Vorgeschichte bekannt ist, wird in der Sendung nicht erwähnt. Verschiedene Fachleute als Gesprächspartner der Sendung stellen zu der Leonardo-These vermeintliche Beweise vor. Der dt. Sender bietet ergänzende Netzartikel:
a) Bericht (www.3sat.de/3sat.php?www.3sat.de/ard/sendung/77411/index.htm)
b) Echtheit (www.3sat.de/3sat.php?www.3sat.de/nano/news/75367/index.htm)

Eine eigene Nachfrage bei Zuschauern früherer Ausstrahlungen der Sendung in Deutschland hat ergeben, daß keiner von ihnen erkannte, es müsse ein echtes Grabtuch geben, wenn die Reportage behauptet, die kritisierte Fälschung sei im Mittelalter gegen die Reliquie getauscht worden. Vielmehr hatten die Zuschauer den Eindruck gewonnen, ein Grabtuch von Jesus müsse in jedem Falle eine "mittelalterliche Fälschung" sein. Ebenso wie in den ergänzenden Netzartikeln verwenden die Produzenten die Argumentationsstrategie, sich durch nebensächliche und kurze Einwände gegen die Leonardo-These den Anschein von Objektivität zu geben, während mit großem Nachdruck und zeitlich aufwendiger die angebliche mittelalterliche Fälschung des Grabtuchs betont wird.

Tatsachen

1) Persönlicher Bezug
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Der frz. König Franz I., ein Mitglied der Familie von Savoyen, habe in einem seiner französischen Schlösser Leonardo die letzte Wohnstätte geboten, wodurch diese Familie in den Erb-Besitz seiner Arbeiten kam. Darunter sei auch ein Notizbuch des Erfinders gewesen, das heute verschwunden sei und vermutlich belegen könne, daß der Erfinder durch die Savoyer den Auftrag zur Grabtuchproduktion erhielt.

François I. de Valois (1494-1547, Bild rechts), zeitweise Herzog von Mailand, hatte Louise von Savoyen zur Mutter. Das Grabtuch war um 1450 von Marguerite de Charny, Erbin eines Plünderers von Byzanz, übergeben worden an Anna von Lusignano, Gattin Ludovicos von Savoyen. Es blieb lange Zeit im Savoyer Schloß zu Chambéry/Frankreich und im Besitz dieser Familie bis 1983. Als das Grabtuch kurz nach 1450 in das Haus Savoyen kam, konnte Leonardo, geboren 1452, sicher noch nicht einmal sprechen, geschweige denn malen - trotz seiner Genialität.
Es ist außerdem unerheblich, Details über persönliche Beziehungen zu erfahren, welche Leonardo mit der Besitzerfamilie der Reliquie verbanden. Wenn nicht alle künstlerisch begabten Bekannten der Savoyer als mögliche Hersteller des Grabtuchs in Verdacht geraten sollen, dann müßte zunächst bewiesen sein, daß Leonardo der Produzent war. Anderenfalls würde in diesem Argument der Beweis mit dem zu Beweisenden geführt.
Der einzige Beleg innerhalb dieses Zusammenhangs ist hier nur die Behauptung, daß ein Notizbuch aus Leonardos Nachlaß im Besitz der Savoyer verschwunden sei. Das mag ja so sein, aber dann ist es auch sinnlos, zu spekulieren, was darin denn an Beweisen für die Produktionsthese zu finden gewesen wäre. Das angebliche Verschwinden muß auch nicht notwendig auf konspirative Aktivitäten schließen lassen, die ein Teilindiz sein könnten. Die Sendung erwähnt selbst, daß die Spiegelschrift des Linkshänders Leonardo auch heute kaum einer lesen kann. Solch ein Notizbuch hätte also nach seinem Tod kaum Interesse erregt, und mangels Lesbarkeit auch kaum Anlaß liefern können zu seiner gezielten Beseitigung.

x Das Grabtuch im Haus Savoyen ist bereits zu einer Zeit belegt, als Kind Leonardo noch Windeln trug. Die persönlichen Kontakte zu Leonardo sind auch so lange unerheblich, wie nicht anderweitig erwiesen werden kann, daß dieser der Hersteller des Grabtuchs war, was praktisch kaum möglich ist. Die Konstruktion eines verschwundenen Notizbuchs zu einer Konspirationsthese ist deshalb gleichfalls gegenstandslos.

2) Mittelalterlicher Fälschungsbeweis?
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Es sei schon im Mittelalter durch einen Streit unter Klerikern herausgefunden worden, daß das Grabtuch eine Fälschung war zum Zweck lukrativer Pilgereinnahmen am eigenen Ort.

Über den Dieb des Grabtuchs in Byzanz, den frz. Tempelritter Othon de la Roche (1170-1224, Gedenkstein Bild rechts), erbte das Grabtuch in vierter Generation Jeanne de Vergy. Sie war Gattin von Geoffroy de Charny II., Enkel eines ehemaligen Tempelritters. Geoffroy bat um 1349 den Gegenpapst zu Avignon, Klemens VI. (Pierre Roger de Beaufort, 1292-1352) um Privilegien zur Ausstellung einer Reliquie "quandam figuram sive representationem Sudarii Domini Jesu Christi". Wie Gedenkmünzen aus dieser Zeit belegen, etwa im Museum von Cluny, wurde die Erlaubnis erteilt, und das Grabtuch im frz. Lirey für Pilger ausgestellt. Der zuständige Ortsbischof, Henry de Poitiers, begann um 1355 mit Nachforschungen zur Reliquie. Er fühlte sich in seiner örtlichen Regentschaftskompetenz übergangen durch ein lukratives Pilger-Geschäft. Geoffroy behauptete indes, die Reliquie sie ihm "geschenkt" worden. Kleriker waren damals der Auffassung, daß es kein Grabtuch geben könne, weil es in den Evangelien nicht erwähnt werde. Der Sohn und Erbe Geoffroys bat 1389 erneut Gegenpapst Klemens VII. (Robert v. Genf, 1342-1394), um Ausstellungserlaubnis, die erteilt wurde. Peter von Arcis, damaliger neuer Bischof von Troyes, schrieb einen Beschwerdebrief an den Gegenpapst und bezog sich auf die Fälschungsvorwürfe seines Vorgängers Henry. Er hatte das Tuch aber ebenso wie der nie selbst gesehen. Gegen die Beschwerde wehrten sich die Ortsgeistlichen von Lirey. Auch der neue Gegenpapst wies die Vorwürfe mit einer Bulle zurück. Am 30. Juni 1390 folgte eine weitere Bulle von Klemens, in welcher die Verehrung des Grabtuchs ausdrücklich empfohlen wurde.

x Der genannte Befund ist lediglich eine Meinung aus einem innerkirchlichen Kompetenzstreit, dem keine Untersuchung des Grabtuchs zugrunde lag. Diese Meinung wurde damals auch offiziell verworfen durch zwei der Gegenpäpste zu Avignon.

x3) Bildstörungen?
Auf dem Grabtuch zeige die Vorder- und Rückseite des Körperschattens unterschiedliche Länge und der Kopf liege zu tief auf den Schultern. Diese Fehler seien Beleg für Malerei und schließen natürliche Entstehung aus.

Für diese Behauptung wird kein exakter Beleg genannt. Der Bildschatten wird nur in starker Verkleinerung gezeigt. Die computeranimierte Trennung der beiden Tuchhälften und ihre Gegenüberstellung hat für den Betrachter über den Effekt hinaus keine Beweisqualität. Die reale Körperlänge resultiert aus der Distanz Scheitel/Fersenunterkante. Doch auf der Vorderseite ist die Fersenkante nicht sichtbar. Auf beiden Seiten läßt die füllige Frisur kaum genaue Angaben zur Scheitelkante zu.Die weitere Behauptung, in diesem Bildnis liege der Kopf zu tief auf der Schulter, wird nur noch behauptet, der Bildnachweis fehlt. Jeder kann selbst nachprüfen, indem er das Grabtuch-Bildnis in die Proportionen setzt zu vergleichbaren Männern ähnlichen Alters und Körperbaus, hier Teilnehmern einer Sportmannschaft. Abgesehen davon, daß die Schultergrenzen auf dem Tuchbildnis unbestimmt sind, der Bart möglicherweise den Eindruck ändert, und der Delinquent einer Kreuzeshinrichtung verspannte Schulter- und Brustpartie aufweisen müßte, sind in einem solchen Vergleich keine bemerkenswerten Abweichungen von Körperproportionen im Grabtuchbild erkennbar.

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x Angebliche anatomische Mißproportionalitäten sollen nachweisen, daß jenes Grabtuch nicht vom Körperabdruck einer Leiche stammt. Soweit der Bildschatten eine solche Nachprüfung überhaupt zuläßt, kann diese Behauptung aber nicht bestätigt werden.

4) Reliefprobleme?
Das Gesicht auf dem Grabtuch habe natürliche Proportionen, während ein Abdruck eines Gesichts auf Tuch normalerweise eine Verzerrung ergibt. Auch dieses Problem schließe aus, daß der Bildschatten durch die Auflage des Tuches auf einen Leichnam entstehen konnte.

Die Reportage nimmt Bezug auf die umfangreichen Publikationen durch den jüdisch-amerikanischen Photographen Borrie M. Schwortz (www.shroud.com/), der sich im Gespräch von der Echtheit des Grabtuchs überzeugt zeigt. Er war am ersten Untersuchungsprojekt STURP (Shroud of Turin Research Project) beteiligt. Er und andere Fachleute im Thema neigen zur Ursachenerklärung des Bildschatten als selektive Verwitterung von Baumwollfaser durch Hautabsonderungen, als es auf der Kreuzigungsleiche lag. Die ältesten antiken Zeugnisse über das Grabtuch aus Kappadokien erwähnen noch kein Abbild auf dem Tuch. Es scheint erst über Generationen während der Lagerung entstanden zu sein. Daß dies möglich ist, wurde bereits durch Materialuntersuchungen an Baumwolle unter künstlicher Alterung bewiesen.

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Zum Gegenbeweis pinselt ein Experte in der Reportage Farbe auf einen Reliefkopf mit auffällig langer Nase und drückt ein Tuch in alle Vertiefungen. Wie nicht anders zu erwarten, liegen dann durch die Nasenerhöhung die Augen auf dem Tuch weiter auseinander als bei einem Portrait wie auf dem Grabtuch. Tatsächlich kann ein eigener Bildvergleich bestätigen, daß jenes Gesicht auf dem Tuch anatomisch korrekte Proportionen zeigt. Dazu wurde hier ein modernes Portrait in das Tuchbild hineinprojiziert.
Nun hat aber bislang niemand behauptet, daß das Grabtuch auf das Gesicht Jesu bei der Bestattung in das Gesicht eingetieft wurde. Ein flaches Gesicht mit einem gebrochenen Nasenbein, wie etwa verursacht durch einen Sturz beim Kreuzweg, könnte durchaus bei leichter Auflage von Tuch ein solches Abdruckbild ergeben.

x Der Gesichtsabdruck auf dem Tuch kann durch leichte Auflage entstanden sein. Der angebliche Gegenbeweis unterstellt eine Vertiefung des Grabtuchs in das Gesicht der Leiche, was nicht notwendig so gewesen sein muß und als antike Bestattungspraktik auch nicht bekannt ist.

x5) Anatomiegenius
Leonardo habe dank seiner anatomischen Zeichenstudien und dank seines Genius damals schon gewußt, daß nur eine Annagelung der Handwurzel am Kreuz das Körpergewicht eines Delinquenten tragen konnte, was die religiöse Bildtradition weder bis zu seiner Zeit noch lange danach erkannte.

Es ist schwer einzusehen, warum das ein Beweis für seine Urheberschaft sein soll, weil er nicht der einzige seiner Zeit war, der anatomische Körperstudien zeichnete. Und wenn sein Genius so groß gewesen wäre, hätte der ihm sicher sinnvollerweise geraten, sich mit einer Fälschung nicht unnötig in Widerspruch zur gängigen Bildtradition zu stellen. Ein kommerzieller Fälscher will keine neue Idee durchsetzen, sondern gängige Erwartungen bedienen. Er kann kein Interesse daran haben, daß seine Produktion Diskussionen auslöst, die sein Produkt in Zweifel stellen könnten.

x Es trifft zu, daß das Grabtuch erstmals auf die anatomisch korrekte Hand-Annagelung in der Handwurzel hinwies. Ein Argument für die Zuschreibung auf Leonardo als angeblicher Hersteller wird daraus nicht, weil Abweichungen vom Brauch den Interessen eines Fälschers widersprochen hätten.

6) Leonardo Hitchcock im Schelmenstück
Leonardo habe wie auch andere Künstler in seinen gemalten Gesichtern sein eigenes hineingelegt, hier in das Jesus-Gesicht auf dem Grabtuch. Dessen Anfertigung sei für den Kirchenfeind ein "Schelmenstück" gewesen. So, wie in seinen gezeichneten "Grotesken", den Vorläufern heutiger Karikaturen.

Richtig ist, daß der britische Filmregisseur Alfred Hitchcock die Gewohnheit hatte, sich selbst kurz in seinen Filmen auftreten zu lassen. Man kann es mal glauben, daß Maler die Gesichter von Menschen tendenziell ähnlich zu ihrem eigenen entwerfen. Es ist also möglich, daß nach Meinung der Reportage das Gemälde "Mona Lisa", das man Leonardo zuschreibt, etwas von seinen Gesichtszügen hat, ebenso wie sein "Vitruvmann".
Doch Karikaturen in Zeichnungen sind schon lange vor Leonardo bekannt bis in die römische Antike. Und ob das Gesicht auf dem Grabtuch ebenso Ähnlichkeit mit dem von Leonardo hat, das können Leser hier selbst entscheiden, wenn sie mehr Zeit für den Vergleich haben, als die Reportage ihnen läßt. Diesmal sind alle Vergleichsbilder Negative wie beim Grabtuch, damit auch Ähnliches zum Vergleich kommt. Eine Photographie von Abraham Lincoln mag das Spektrum ergänzen. Vitruvmann und Leonardo sind in der Viererreihe unten die einzigen Zeichnungen, und beide Zeichnungen stammen aus der Hand von Leonardo, sein Portrait ist ein Selbstbildnis.

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x Vitruvmann und Leonardo sind Zeichnungen, deren Gesichter sich ähneln, weil sie der gleiche Künstler produziert hat. Die angebliche Ähnlichkeit von Leonardo zum Jesus-Gesicht beschränkt sich jedoch eher auf den Bart.

7) Genialer Altersbefund
"Das Ergebnis der anerkannten Radiokarbon-Analyse war: Das Tuch ist höchstens 750 Jahre alt. Drei Forscherteams aus Arizona, Oxford und Zürich hatten drei dem Tuch entnommene Proben unabhängig voneinander datiert. Ein sieben Mal ein Zentimeter großes Stück wurde aus dem Tuch entfernt und in der Sakristei in drei Proben zerteilt. Die Ergebnisse der drei Labors stimmten frappierend gut überein: Das Stück Stoff entstand erst zwischen 1260 und 1390 nach Christus. Dieses Ergebnis korrespondiert darüber hinaus mit der ersten Erwähnung des Grabtuchs im Jahr 1357 in Frankreich. Damit für in der Wissenschaft (!) der Fall erledigt."

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Es fällt auf, wie theatralisch die Behauptung formuliert wird. Dieser Fall sei "wissenschaftlich erledigt" durch eine "anerkannte Analyse". Anerkannt ist aber nur, daß die Untersuchung eines organischen Objekts auf seinen Gehalt an radioaktivem Kohlenstoff (Isotop C-14) Auskunft über sein Alter geben kann. Dazu ist es dann aber hilfreich, wenn die Probe auch genau von diesem Objekt entnommen wird und nicht von einem anderen. Bei der Radiokarbon-Analyse des Grabtuchs scheint man das nicht für nötig gehalten zu haben. Jedenfalls ist das Durchschnittsgewicht des Probenmaterials fast doppelt so groß wie das des Grabtuchs.
Falsch ist die Behauptung, es sei eine Probe von 7 Quadratzentimentern entnommen worden. Vielmehr wurden 13 Quadratzentimeter entnommen, diese aber nach der Dreiteilung in den Labors weiter beschnibbelt, so daß insgesamt 41% der Proben aus Flickstoff am Rand des Grabtuchs bestanden, der bei den Reparaturen 1534 nach einem Brand in Schloß Chambéry verwendet wurde.
Es ist normalerweise üblich, daß man einen Bericht nicht mehr veröffentlicht, wenn seine Inhalte durch neuere Befunde ungültig geworden sind. Die drei Produzentinnen der Reportage scheinen diesen Brauch nicht zu kennen, auch nicht der TV-Sender. Jedenfalls dann nicht, wenn der widerlegte Inhalt weltanschaulichen Modebedürfnissen entgegenkommt.

x Die Radiokarbon-Altersbestimmung des Grabtuchs von 1988 war ein Gauklerstück und ist nur noch schwer mit Dummheit zu entschuldigen. Jeder Fachmann wußte damals, daß das alte Tuch Flickstellen aus einer Brandschadenreparatur im 16. Jh. hatte. Obwohl die Fehlerhaftigkeit der Altersbestimmung schon lange vor der Reportage bekannt war, und es gerade die Wissenschaft ist, die diesen Befund seitdem nicht mehr ernst nehmen kann, wird weiterhin versucht, ihn als wissenschaftliche Weisheit unwissendem Publikum zu verkaufen.

8) Ein Produktionsrezept
Das Abbild habe Leonardo dadurch erzeugt, indem er lichtempfindliche chemische Substanzen auf das Tuch auftrug und mit einer "Camera Obscura" photographisch belichtete.

Wahrlich kurios ist der letzte Experte der Sendung. Er beweist, daß man zu Leonardos Zeiten schon die "Camera Obscura" kannte, also die Bildprojektion aus dem hellen Tageslicht in einen dunklen Raum mit Hilfe einer optischen Linse. Das ist sehr fein, dem kann man nur zustimmen. Entgegen seiner Hoffnung hört das Nicken aber auf, wenn er sofort im Anschluß daran behauptet, zu dieser Zeit habe man auch schon lichtempfindliche Chemikalien gekannt, und sie für frühe Photographien nutzen können. Denn außer seiner Behauptung wird kein Beleg dazu genannt. Das ist sehr schade, denn zum Nachweis der Camera und der Linse für die Leonardo-Zeit hat sich die Sendung durchaus Zeit genommen. Da wäre es doch auf ein paar Minuten mehr zum Nachweis der Chemikalien doch auch nicht angekommen ... Deshalb bringt es dann nicht mehr viel, wenn dieser Experte auf einem Leinentuch eine Photographie eines nackten Menschenkörpers produzieren kann, der dem Bildschatten des Grabtuchs ähnelt.

Es ist außerdem unklug, am Anfang der Sendung einen anderen Experten erwähnen zu lassen, daß man durch das Bildnis auf dem Grabtuch vom Nasenbeinbruch des Leichnams wisse, und wenig später zu behaupten, Leonardo habe im Grabtuchbild sein eigenes Portrait eingearbeitet. Hatte Leonardo einen Nasenbeinbruch? Sein einziges Selbstportrait, das in der Sendung mehrfach gezeigt wird, legt das nicht nahe. Nein, diesmal hilft es nichts, sich wieder mal auf seinen Genius zu berufen. Denn wenn Leonardo sozusagen der erste Photograph gewesen wäre, und wenn er sein Gesicht in das Tuch photographiert hätte, dann müßte er für die "Aufnahme" einen Nasenbeinbruch gehabt haben, da man ihn heute doch auf dem Tuch erkennen kann. Diesem Fälscher war also kein Opfer zu groß, damit es richtig echt wirkt.

x Noch ungeschickter ist es, wenn man in der Mitte der Sendung Schwortz erklären läßt, daß die Farbspuren auf das Tuch kamen durch das segnende Auflegen von Devotionalienkopien, wobei zugleich erläutert wird, daß der Bildschatten nicht durch Farbe auf den Tuchfasern entsteht. Schwortz belegt mit einem Mikroskop-Bild, daß nur die obersten Fasern eines Fadens im Bildbereich dunkler als andere sind. Hier im Bild eine Tuchstelle aus dem Gesichtsbild. Es ist keine Farbe erkennbar. So wurde in einer sehr frühen Phase der Diskussion um das Grabtuch auch widerlegt, daß Malerei verwendet wurde, was auch die Sendung selbst berichtet. Aber wie soll dann die Tränkung der Faser mit einer lichtempfindlichen Chemikalie erreichen, daß nur oberste Mikrofasern eines Fadens den Bildschatten erzeugen? Nein, da bringt es auch nichts mehr, daß zuvor in der Sendung eine anderer genialer Experte den Bildschatten durch Auflegen eines Tuches auf heißes Metall erzeugen wollte. Schwortz hatte schon darauf hingewiesen, daß Verbrennungen auf dieser Textilie unter Spezial-Licht fluoreszieren, was für das Abbild auf dem Grabtuch nicht der Fall ist, wohl aber für seine alten Brandschäden. Für diese Reportage sind solche Verwicklungen kein Problem. Ihre Produzentinnen vertrauen darauf, daß ihre gläubigen Zuschauer es ebenso wie sie nicht gewöhnt sind, mitzudenken und sich Fragen zu stellen.

x Dafür, daß es zur Zeit Leonardos schon den Gebrauch von Fotochemikalien gab, wird kein Beleg genannt. Aber selbst wenn das der Fall wäre, zeigen Textilbefunde, daß jenes Abbild auf dem Grabtuch mit diesem Herstellungsrezept nicht erklärt werden könnte.

9) Neue "Experten"
"Israelische Botaniker haben an dem Stoff Pflanzenreste gefunden, die nur aus der Zeit Jesus (!) stammen könnten und eine Schweizer Textilexpertin, die das Tuch restaurierte, befand, dass dessen Struktur und Webart eindeutig aus dem 1. Jahrhundert stammt."

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Es war der Schweizer Max Frei-Sulzer (Bild), Leiter der wiss. Abteilung der Züricher Kripo und Dozent für Kriminalistik an der dortigen Universität, der die Pollenbefunde am Grabtuch 1973 erhoben hat. Fast dreißig Jahre bevor die Reportage produziert wurde. Er fand 49 Pollenarten, von denen 29 nur im Orient und Nahen Osten vorkommen. Unter diesen Arten waren 13 Alofites, die nur in den Sand- und Salzwüsten Palästinas vorkommen. Frei-Sulzer, der kein israelischer Botaniker war, hatte auch selbst in privater Initiative im Schlamm des Toten Meeres fossile Überreste der noch unbekannten Pollen vom Grabtuch als inzwischen ausgestorbene Pflanzen gefunden. Falls also ein Fälscher im Mittelalter oder später das Grabtuch angefertigt hätte, dann wäre es sehr erstaunlich, daß die Blütenpollen, die man heute darauf findet, genau jene Orte bezeugen, welche die Geschichtsforschung als Wegetappen des Grabtuches auch dokumentarisch belegen kann. Da hatte der Fälscher oder sein Tuchlieferant ja wirklich lange Reisen mit dem Tuch im Gepäck aufgewendet und mehr über die Geschichte des echten Grabtuchs gewußt als die Fachleute vierhundert Jahre später mit all ihrer Untersuchungstechnik. Ein solcher Leinwandbeschaffer wäre dann eigentlich ein noch größeres Genie als Leonardo, falls dieser denn überhaupt in seinen Kinderwindeln das Abbild auf dem Grabtuch produziert haben könnte...
Schließlich war es Gilbert Raes gewesen, Direktor des Materialforschungslabors an der Uni Gent in Belgien, der im gleichen Jahr 1973 als Untersuchungskollege von Frey-Sulzer die altorientalische Herkunft der Leinwand feststellte. Diese Großuntersuchung direkt am Grabtuch war damals in einer TV Direktübertragung zu sehen gewesen.
Es ist also nicht nur grammatikalisch falsch, wenn es in der ergänzenden Netzseite a) des Senders ferner heißt: "Ungeachtet der weltweiten Faszination verschloss sich die Kirche lange jeder wissenschaftlichen Prüfung des Grabtuchs. Erst 1978 und 1988 wurden (!) das Tuch untersucht." Bis 1983 war das Grabtuch ohnehin Privatbesitz der Familie von Savoyen, so daß die Kirche wenig Einfluß auf deren Entscheidung über Untersuchungen hatte. Umberto von Savoyen lehnte in der Tat gegenüber dem Forscher Werner Bulst eine Radiokarbon-Analyse so lange ab, bis verbesserte Meßmethoden eine kleinere Probenmenge erlaubten und die Verluste am Tuch begrenzter wurden.
Für andere Gesprächspartner der Reportage mit akademischen Titeln und Ämtern kann ebenfalls festgestellt werden, daß sie unter ihrem eigenen Namen "neue Erkenntnisse" vorführen, die 20 Jahre vor ihnen schon veröffentlicht waren. Die Leonardo-These etwa stammt in allen Aspekten von 1976. Soweit die früheren Befunde gegen die Echtheit des Grabtuches sprachen, wurden sie schon vor längerer Zeit widerlegt. Das gilt nicht nur für die Leonardo-These sondern auch für die fehlerhafte Radiokarbon-Datierung mit einem radiologischen Experiment um 1991 durch den Leiter des Sedov Biopolymer-Labors in Moskau, Dimitri Kuznetsov - zehn Jahre vor Produktion der nominierten Reportage.

Fazit

Die seit ihrer deutschen Auflage 2002 jedes Jahr bei uns wiederholte TV-Reportage ist ein weiteres inkompetentes Machwerk im Dienst gezielter Verdummung und Desinformation des Publikums, jetzt auch durch computergestützte Gauklertricks. Man kann dem letzten Expertenbeitrag der Sendung nur lebhaft zustimmen: Man solle "Glaube und Wahrheit auseinanderhalten, sie passen nicht zusammen." Stimmt zumindest hier ganz genau, auch wenn es anders gemeint war. Es wäre hier tatsächlich allzu viel Glaube nötig, um das als wahr anzunehmen, was diese erbärmlich unwissende Reportage über das Grabtuch von Turin behauptet.
Den drei Damen, die diese Sendung produzierten, würde zunächst schon etwas mehr logisches Denken dabei helfen, überzeugendere Argumente für ihre nächsten Medienbeiträge zu finden. Es wäre auch schön, wenn sie künftig Fachleute fänden, die nicht als ihre Entdeckung ausgeben, was andere lange vor ihnen erarbeitet haben. Wie man aber die Faulheit dieser Produzentinnen heilen kann, die sich mit den berichteten Gegenständen erstnicht genauer befassen wollen, das ist wohl eine weitaus schwierigere Frage ...

Beleg

Siliato, Maria G.: Und das Grabtuch ist doch echt. Augsburg 1998
Veröffentlichung: März 2005
+Nr.50: EisbrecherNr.52: Zeitenseuche+
 
13.03.2018-00 Impressum 2,1
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System: PUBLIU
Sepp Depp: Prämie für Falschangaben zur Geschichte: Redaktionell ausgewählte Webseite auf onlinestreet.de
Sepp Depp: Prämie für Falschangaben zur Geschichte: Redaktionell ausgewählte Webseite auf wogibtes.info

 

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