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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.52: Zeitenseuche

Fälschungsthesen über die Karolingerzeit 8./9. Jh.

Nominierung

Thema: Vom Jahr 614 bis 911 und die Regierungszeit von Kaiser Karl
Quelle: Fachbuch: Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der Geschichte. Düsseldorf 1996, sowie eines unter verschiedenen TV-Interviews: Sender XXP, 14.08.05, ab 15,10 h.
Urheber: Heribert Illig

Aussage

x(Klappentext des Buchs) "Das frühe Mittelalter
(A) gilt als dunkel, weil so wenige Quellen und Funde diese Zeit bezeugen. Lediglich ein Jahrhundert Karolingerherrschaft scheint unvergängliche Spuren hinterlassen zu haben: Einigung von halb Europa, Renaissance der Künste und Wissenschaften, der Rechtsprechung und der Theologie, eine erhabene Fülle weltlicher und kirchlicher Bauten, eine unübertroffene Buchmalerei. In dem Augenblick aber, in dem kritisch Chronik mit Chronik, erhaltene Architektur gegen Urkunden, archäologische Funde gegen Geschichtsschreibung gehalten werden, in dem Augenblick klaffen unüberbrückbare Widersprüche. Dann fehlt z.B. einem ständig kriegführenden und ständig bauendem Kaisertum
(B) die wirtschaftliche Grundlage, dann kann das Herz des Reiches, die

(C)
Aachener Pfalzkapelle, nicht von Karolingern gebaut worden sein, dann hat es die
(D)
Grablege der Karolinger in Paris nie gegeben, dann fallen karolingische und ottonische Buchmalerei ineinander, genauso wie karolingische und frühromanische Baukunst. Daraufhin kann ergründet werden,
(E) wie ein Karl der Große, wie fast drei Jahrhunderte in unsere Geschichte geraten sind, obwohl es sie nie gegeben hat. Erkennbar werden die Urheber und die Motive für derartige Fiktionen, das Wechselspiel zwischen kaiserlichem und päpstlichem Machtanspruch, die Bedürfnisse der damals entstehenden Nationen, also der deutschen, französischen, englischen und italienischen. Nicht zuletzt verstehen wird das unermüdliche, maßlose
(F) Fälscherwesen der damaligen Zeiten viel besser. So fällt neues Licht auf das dunkle Mittelalter."

Hintergrund

xEpochen sind Zeitabschnitte einheitlicher Prägung, im Falle unserer Begriffe ortsbezogen auf den Großraum europäischer Kultur. Das Mittelalter ist die Zeit zwischen dem Niedergang des antiken Römischen Reiches (bis ca. 400-500 n.Chr.) und dem Beginn eines neuen Kulturabschnitts in der Neuzeit (ab ca. 1400 n.Chr.). Am Beginn des Mittelalters wurde die zivilisatorisch hochentwickelte Kultur der Römer abgelöst und verdrängt durch zunächst noch unterentwickelte germanische Völker im Norden Europas. Diese Stämme, teilweise ehemalige Söldner Roms, hatten zwar manche praktisch nutzbaren Techniken der Römer übernommen, aber lange nicht ihre Staatsorganisation und Kulturtechniken wie Schriftüberlieferung und Archivierung von Wissen. Das lebte vielmehr in der Kirche fort.
Franken waren ein Königreich in Gallien, regiert vom Geschlecht der Merowinger (Merovech) von Chlodwig I. (jeweils Regierungszeit: Chlodevech, 481-511) bis Childerich III. (743-751). Dann folgten die Karolinger von Pippin III. (751-768) bis Lothar II. (855-869). Unter ihnen wurde die inzwischen etablierte Kirche und ihre Organisationsmittel für eine Struktur-Reform eingebunden, woraus eine eng mit der Religion verbundene Staatskultur wuchs. Es entstand nicht nur ein eigener Schrifttypus (Karolingische Minuskel), sondern auch eine schriftliche Überlieferung der Zeit. Das Reich zerfiel nach dem Tod von Kaiser Karl ab 900 in Teile verschiedener Völker mit den Deutschen als größtem und ehemals gründenden Teil, da Merowinger und Karolinger aus Austrien kamen, wo die Urform der dt. Sprache entstand. Das Deutsche Reich wuchs unter den Karolingern von Ludwig d. Deutschen (840-876) bis Konrad I. (911-918). Ihnen folgten säxische Ottonen von Heinrich I. (919-936) bis zu Heinrich II. (1002-1024). Die Neubewertung dieser Entwicklung im Zeitabschnitt von 600-900 ist Gegenstand der nominierten These.

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Grundzweifel
Das Römische Reich hatte ebenfalls dunkle Ursprünge, aber hinterließ viele Sachzeugnisse als selbstdarstellende Tradition, nachdem ein gewaltiges Imperium in vielen Kriegen etabliert war und etwas, dessen Selbstbespiegelung sich lohnte. Die Karolinger begannen erst, ein solches Reich aufzubauen, und hatten andere Beschäftigungen als die des Baumeisters oder Literaten. Werden ihre Zeugnisse pauschal als Fälschung verworfen, entfällt die Grundlage jeder Erforschung. Dann könnte aber auch angezweifelt werden, ob es den römischen Herrscher Cäsar und seine Zeit gegeben hat. Entsprechende Relikte wie Portraitbüsten (Bild) und sein Kriegsbericht aus Gallien, "De Bello Gallico", könnten von späteren Produzenten erfunden worden sein, um das Ende der Republik und die Alleinherrschaft von Cäsars Sohn Oktavian/Augustus (27v.-14n.Chr.) zu legitimieren.

Untersuchungskonzepte
Wenn eine Zeit und Herrschaft vor allem durch Überlieferung von Geschichten dokumentiert ist, liegt darin alleine noch kein Grund für Zweifel an ihrer Existenz. Das ist vielmehr der Normfall für älteste Zeiten, eigentlich auch für die Geschichtsschreibung zur Moderne. Sie prüft selten Fundstücke, sondern will sich aus Literatur Überblicke verschaffen oder mit Dokumenten Detailfragen klären. Die Schlacht in der Normandie 1944 könnte anhand von Bodenfunden geschrieben werden, doch werden Untersuchungen zurecht lieber Traditionsberichte und Behördenakten der Beteiligten verwenden. Was die Bodenfunde als Überrest an Beweisaussage unverfälschter haben, das fehlt ihnen am Umfang der Information.

x Im Anfang der Epoche des europäischen Mittelalters sind die Zeitzeugnisse nicht grundsätzlich mehr oder weniger zweifelhaft als die aus früheren oder späteren Zeiten. Es begründet keine Zweifel an der Herrschaftszeit der Karolinger, wenn ihre archäologischen Hinterlassenschaften geringeren Umfang als die der früheren Römer haben. Das Römische Reich hatte über 800 Jahre Hinterlassenschaften angehäuft, während die infrage gestellte Karolingerzeit kaum 200 Jahre umfaßt. Ihre zivilisatorische Kulturstufe war niedriger als jene der Römer.

Überprüfungsansatz

Jede vernünftig begründete These hat Anspruch auf Prüfung und Diskussion. Soweit sie neue Beweise in der Sache anbietet, mag sie auch vermeintlich sicheres Faktenwissen infrage stellen. Die nominierte These stützt sich auf eine große Materialmenge an Begründungen. Das über Jahre gewachsene Thesenkonvolut wird vom Urheber und promovierten Germanisten in mehreren Büchern, einer eigenen Zeitschrift und in Medieninterviews verbreitet.x(1)

König Karl, Rekonstruktion aus d. zeitgen. Mosaik im Lateranpalast, Rom
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In einer öffentlichen Diskussion mit dem Urheber konnten Fachleute anhand von Stichproben nachweisen, daß wichtige seiner Begründungen auf Falschangaben beruhen.x(2) Der Urheber hatte die Ungültigkeit im Einzelfall eingestanden, hält aber an seiner These fest durch Verweis auf viele andere Argumente, wie Pauschalbehauptungen, es sei "archäologisch keine Scherbe aus Zeit X zu finden". Dabei werden zugleich für die alte Zeit unrealistisch hohe Anforderungen an die überprüfbare Authentizität gestellt. Werden hiergegen mühsam Funde als Gegenbeleg zusammengetragen, kann die These sie stets als Fälschung verwerfen, z.B. durch Zweifel an ihrer Datierung, wobei typischerweise im Zirkelschluß die These selbst als Beweis verwendet wird.
Als Motive des Urhebers sind in der Diskussion folgende Aspekte sichtbar geworden:x(3)
x Zur Bedeutung von Kaiser Karl: "Ein Massenmörder ("Saxenschlächter") kann nicht das Vorbild Europas sein, schon deswegen kann er nicht existiert haben".
x Zu einem Kritiker: "Sie mögen vielleicht sogar Recht haben, aber Sie verdienen damit kein Geld!"
Fachleuten bringt eine solche Leerdiskussion keinen Fortschritt für ihre Untersuchungen. Die typischen Adressaten ihrer veröffentlichten Studien sind Kollegen, denen sie nicht erst beweisen müssen, daß die These falsch ist. Sich statt dessen an die Öffentlichkeit zu wenden, bringt ihnen aber keinen Fortschritt in der akademischen Hierarchie. Es wäre auch zu erwarten, daß ein breites Publikum zu wenig Vorkenntnisse hat, um solchen Argumentationen folgen zu können. Das liegt nicht selten an der mystischen Fachsprache, mit der sich Mediävisten (Mittelalterforscher) untereinander legitimieren wie in einem Geheimbund. Die These hat die tiefe Kluft sichtbar gemacht, die inzwischen aufgebrochen ist zwischen Spezialisten und der Gesellschaft, für die sie arbeiten. In dieser Kluft findet der Thesenurheber Entfaltungsraum und ein gläubiges Publikum. Trotzdem kann eine verständliche Kritik an der These geleistet werden durch Überprüfung ihrer Binnenlogik, womit ihr Schutzmechanismus der Begründungsmenge und pauschalen Demontage von Gegenbeweisen vermieden wird.

Untersuchungen

Thesenkonzept
Geschichte verlaufe auf der Zeitachse in Phasen einer bestimmten Typik, etwa die jeweilige Zeit einer Herrscherdynastie. Die These behauptet, Fälscher (hier: Ottonen, Otto III., u.a.) seien darangegangen, nachträglich in die Vergangenheit eine Phase hineinzukonstruieren (hier: "Phantomzeit") durch Produktion fiktiver Dokumente und Umdatierungen von Bauwerken.

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Möglichkeiten
Die Manipulation sei Resultat politischer Motive zur Legitimierung einer Herrschaft durch fiktive noble Vorfahren, deren zugleich produzierte Heldenlegenden (hier: Rolandslied) dem daran anknüpfenden Nachfolger eine unangefochtene Herrschaft sichern. Anlaß sei ein Machtkonflikt mit dem Papsttum gewesen, das tendenziell die Souveränität weltlicher Herrscher beeinflussen wollte mit Hilfe religiöser Ansprüche. Weltliche Herrscher hätten dem entgegen andere Arten ideeller Aufwertungen gesucht. Die Fälschung eines Heldenzeitalters eigener Vorfahren sei möglich gewesen, weil die "dunkle und leere Vergangenheit" noch wenig Schriftdokumente hatte, und die Fälscher deren Produktion steuern konnten. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, einen solchen Eingriff zu begründen. Entweder wird eine Zeitphase durch eine andere ersetzt (a), oder eine neue wird in den Zeitstrang eingeschoben (b).

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Einschub
Obwohl Phase-4 laut These so leer gewesen sein soll, daß Fälscher den leeren Raum nur von Spuren zu säubern und mit ihrer Propaganda zu füllen brauchten (a), bleibt sie erhalten. Für den Füllzweck wird vielmehr ein im Zeitablauf nicht vorhandener Zeitraum zusätzlich eingeschoben (b). Diese Phantomzeit wird mit 297 Jahren vom Frühjahr Anno 614 bis September 911 angegeben. Durch den Einschub erhöhen sich die nachfolgenden Jahreszahlen. Wird das als zutreffend geglaubt, und die behauptete Fälschung herausgerechnet, würde aus diesem Jahr 2005 Anno 1708. Irgendwann in der Vergangenheit hätten zur Fälschung eines eingeschobenen Phantomzeitraums also Jahreszählung und Kalender von einem Tag auf den anderen vordatierend umgestellt werden müssen. Weshalb aber sollte die Leere eines früheren Zeitabschnitts das nachträgliche Einfügen einer erfundenen Zeitphase ermöglicht haben? Da sich nach dem Einschub die Leere nicht ändert, wurde sie nicht als Voraussetzung benötigt. Und wo ein genügend großer Zeitraum schon leer ist: warum wurde der nicht für die behauptete Erfindung benutzt?

Konstruktionswidersprüche
Über den Inhalt der angeblich von Karolingern manipulativ eingefügten Phantomzeit argumentiert die These widersprüchlich.
x Fülle: Einerseits heißt es, das Mittelalter sei in der Überlieferung "dunkel und leer", nur die Zeit von Kaiser Karl leuchte daraus hervor mit einer Fülle an Leistungen, weshalb man zweifeln müsse, daß es diesen Sonderfall wirklich gab (Nominierung-A).
x Leere: Andererseits heißt es, über die Zeit von Kaiser Karl gebe es so gut wie keine zuverlässigen Zeugnisse, was Zweifel an ihrer Existenz begründe (Nominierung B-D).
Zwar kommt jeweils das selbe Resultat im Sinne der These heraus, aber beide Argumente verwenden Begründungen, die sich gegenseitig widersprechen. Also kann maximal eines von beiden Argumenten gültig sein, mindestens eines ist falsch. Die fragliche Zeit kann nicht zugleich leer und voll sein. Die Leere einer Zeit kann auch nicht damit bewiesen werden, daß man viele ihrer Zeugnisse als Fälschung verwirft, wenn der Fälschungsnachweis zugleich mit der Leere operiert. Es ist außerdem unsinnig, anzunehmen, es habe Fälscher gegeben, die eine erfundene Zeit so leer lassen, daß man hinterher an der Erfindung zweifeln muß.

x Indem sich die These unnötig darauf festlegt, daß nicht ein echter Zeitraum nachträglich mit einem neuen Inhalt gefüllt, sondern daß ein ganzer Zeitraum fiktiv eingeschoben wurde, muß die Zeitachse selbst verschoben werden. Daraus müssen unvermeidlich Probleme in der Zeitsystematik entstehen. Ob der dem Einschub benachbarte Zeitabschnitt leer von Zeitzeugnissen war, bietet keine Begründung für den Einschub, weil die Leere sich dadurch auch nicht ändert. Argumentativ wird sie in der These ohnehin widersprüchlich verwendet.

Familientrennung
xAnno 599, am Ende von Zeitphase-3, werde ein Vater geboren, dessen Sohn im Jahr 620 folgt, also am Anfang von Phase-4. Durch den vorherigen Einschub einer Phantomzeit wird dessen Geburtsjahr verschoben und der Sohn also Anno 620+297=917 geboren. Besagter Vater wäre also 318 Jahre alt gewesen, als sein erster Sohn kam. In der Phantomzeit müßten entweder alle Menschen ewig alt geworden sein, oder zur Vermeidung solcher Probleme als Eltern 599 komplett verschwinden. Aber wer wären dann die benötigten Vorfahren der Menschen in Phase-4 gewesen? Die These geht davon aus, daß solche Untertanen keine Aufzeichnungen besaßen, um mehr über ihre Vergangenheit zu kennen als die Großeltern. Mangels Interesse und Einsicht in die wenigen vorhandenen Akten, welche sie ohnehin nicht lesen konnten, sei das Problem nicht relevant geworden. Daß Analphabeten typischerweise eine lebhafte Erzähltradition und Gedächtnislänge haben, sollte man bei dieser Konstruktion ebenso übergehen wie den Adel.

Adelssorgen
xDer Adel bezog seine Privilegien und Legitimation aus der eigenen Familienvergangenheit, die bekannt war und gepflegt werden mußte. Das soll schließlich auch das Motiv der Zeitfälschung gewesen sein, und warum ein Kaiser seine Vergangenheit nachträglich fälschen wollte. Damit wären aber auch Zeiträume von Vorfahren des übrigen Adels betroffen gewesen, was dem nicht recht sein konnte. Hierzu operiert die These so: Angenommen die Fälschung sei im Jahr 1000 geschehen, wobei ein Einschub von Anno 600 bis 900 die Zeitachse verschiebt. Dann könnte die Manipulation dem Adel die eigenen Vorfahren der letzten hundert Jahre unangetastet lassen. Da eine Generation kaum mehr als 20 Jahre umfaßte, hätte ein Adeliger nach der manipulativen Zeitrevision also immer noch fünf Generationen seiner Vorfahren behalten. Für seine Legitimationsbedürfnisse hätte das genügen können. Daraus folgen aber weitere Probleme der Zeitverschiebung.

x Das unnötige Einschubkonzept ist eine heikle Konstruktion, die mancherlei logische Probleme inkauf nimmt. Trotz plausibler Erklärungsversuche hinterläßt die Familientrennung zwei Leerzeiten und Adelssorgen bleiben je nach Umfang einer Familienüberlieferung ein weiteres Konzeptrisiko. Die weitere Frage ist, welche Konsequenzen die Verschiebung der Jahreszahlen auf der Zeitachse hat.

Zeitverschiebung: Schlachtfall
Im Jahr 623 hatte das Frankenreich ein großes Gebiet vom heutigen Thüringen bis Passau verloren an die Slawen unter ihrem Anführer, dem fränkischen Kaufmann Samo. Der Fall dieser alten Schlacht in Phase-4 des diskutierten Modells fällt in die Phantomzeit und kann im Konzept der These nur auf drei verschiedene Weisen behandelt werden.
x a) Beibehalten am alten Zeitpunkt = Einbau in die Phantomzeit
x b) Verschiebung in die Zukunft zusammen mit Phase-4
x c) Verschiebung in die Vergangenheit nach Phase-3

x a) Beibehaltung und Einbau
Ein wichtiges Ereignis wie eine Schlacht, die zur Änderung der Machtverhältnisse führt, ist kein isolierbarer Zusammenhang. Mit dem Ereignis verbunden sind Überlieferungen und Personennamen für beide Seiten der Kontrahenten. Ursache und Wirkung des Ereignisses erzeugen Verbindungen in frühere Zeiten durch Erzählberichte und spätere Zeiten durch Folgen für die Machtpolitik. Fälscher hätten darauf verzichten müssen, das Ereignis in ihre Phantomzeit einzubauen, damit nicht die Inhalte ihrer Konstruktion durch das Ereignis schon so weit definiert werden, daß ihnen kaum Gestaltungsraum für eigene Konstrukte bleibt. Ihr im selben Zeitabschnitt eingepflanzter erfundener Kaiser müßte in Verbindung zum realen Ereignis gesetzt werden, was in Konflikt geraten könnte zu ausländischen Aufzeichnungen, außerhalb des Zugriffs der Fälscher.

b) Zukunfts-Verschiebung
Falls z.B. die Manipulation Anno 919 produziert worden wäre, dann hätte man den Rittern des Reiches in diesem Jahr etwas Unbegreifliches plausibel machen müssen. Die vergangene Kriegsniederlage werde tatsächlich erst im nächsten Jahr passieren (623+297=920). Seltsam für jene Ritter, die dabei und schon lange Güter verloren hatten. Noch mehr für solche, die ihren Adel einem Urahn verdankten, der damals durch tapferen Kampf in der Schlacht gegen die Slawen befördert worden war. Solche Ritter hätten jetzt vielleicht zum besitzlosen Knappen degradiert werden können. Viele Anhänger hätte ein solches Zeitfälschungsprojekt im Adel also kaum gefunden. Auch dann nicht, wenn man ihnen verspricht, ihnen eine erfreuliche Vergangenheit zu erfinden. Denn diese Erfindungen wären abhängig gewesen von den Machtverhältnissen der Fälschungszeit, wobei mancher Adelige aus niedergehendem Stamm befürchten mußte, schlechter wegzukommen, als sein momentaner Status. Den Grafen eines bestimmten Gaus kann es schließlich nur einmal geben. Und ein erbenloses Geschlecht amtierender Gaugrafen, das von aufstrebenden Nachbarn bedrängt wird, hätte sicher kein Interesse daran gehabt, die eigene Legitimationsvergangenheit neu auszuhandeln. Zu weitläufigen Diskussionen hätte das Arrangement auch nicht führen dürfen, weil zu viele Mitwisser an der Manipulation entstanden wären. Der Zeitfälschungstrick wäre nur wirksam gewesen denen gegenüber, die davon nichts wissen. Wer wäre das am Ende dann noch gewesen, wenn es bereits öffentlichen Streit über die redaktionellen Details der geplanten Erfindung gibt?

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c) Vergangenheits-Verschiebung
Im anderen Fall wäre diese Schlacht von 623 zeitlich nach vorne verschoben worden, etwa in das unkritische Jahr 590 aus Phase-3, vor dem Einschub der Phantomzeit. Der geadelte Vorfahr wäre dann 33 Jahre älter geworden und hätte seinen Ritteradel eben schon etwas früher vererbt. Aber wenn sich die Slawen 590 schon von der Frankenherrschaft befreit hätten, wieso war ein deutscher Kaiser Anno 599 noch ihr Regent? Um nun auch das noch gründlich zu manipulieren, hätte man sich an die Slawenkönige wenden und sie bitten müssen, bei der großen Fälschung mitzumachen, und sich selbst eine neue Geschichte zuzulegen. Das wäre etwas schwierig geworden, weil das Slawenreich schon von 907 bis 908 von den Ungarn zerstört wurde. Die hätte es wenig überzeugt, wenn der Kaiser ihnen beweist, daß es ihren Sieg über die Slawen nicht gegeben haben kann, weil er in die "Phantomzeit" fällt, die er gerade erfinden läßt. Das Verhältnis zu ihnen war nicht ungetrübt, weil sie in der ersten Hälfte des 10. Jhs. ständig Raubkriege gegen deutsche Fürsten führten. Frieden konnte man nie mit ihnen schließen, weil sie um 937 ohne Abschied zum weiteren Plündern ins Ausland verschwanden. Dort konnten sie z.B. in Italien geschwätzigen Neapolitanern erzählen, daß die neue Zeitrechnung im Kaiserreich mit ihren eigenen Überlieferungen nicht so ganz übereinstimmt ...

Mosaik aus dem 8. Jh. im Speisesaal des Lateran in Rom. Bildbeschriftung: "Seliger Petrus, du schenkst Leben Papst Leo und Sieg König Karl"
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