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Nr.53: Todesgerücht

Selbstmord des Schriftstellers Jack London 1916?

Nominierung

Thema: Der Tod des Schriftstellers Jack London
Quelle: Roman: Der Ruf der Wildnis. München 4/1985
Urheber: dtv-Verlag

Aussage

(Vorlage-Seite vor dem Buchtext)
"... gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und bereiste die ganze Welt. Am 22. November 1916 setzte der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende."

Die Nominierungsauswahl ist willkürlich und trifft eine Publikation, die gerade auf dem Büchertisch als erste in die Hand fällt. Die nominierte Aussage ist gleichsinnig mit nahezu allen anderen hierzu in Tausenden von Publikationen und Lexika.

Tatsachen

Jack London, im Todesmonat November 1916. Bancroft Library, Port.35
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John Griffith London gehört zu den berühmtesten Schriftstellern der USA. Er ist auch international bekannt durch seine zahlreichen Abenteuer- und Reisegeschichten aus der Südsee und Alaska. Hinzu kommen romaneske Verarbeitungen seiner weltanschaulichen Überzeugungen als Sozialist, auch in sozialkritischen Romanen und Essays. Er wurde 1876 in San Francisco geboren als unehelicher Sohn der Musiklehrerin Flora Wellmann, einer Tochter aus reichem Haus. Sein Vater war höchstwahrscheinlich William H. Chaney, Journalist, Rechtsanwalt und Astrologe. Der junge Wellmann wurde zunächst im mondänen Haus der Großeltern von der Ex-Sklavin Virginia Prentiss erzogen. Er wuchs nicht als armes Kind von Arbeitern auf, wie er später gerne behauptete. Seine Mutter heiratete im selben Jahr seiner Geburt John London, einen Kriegsversehrten aus dem Bürgerkrieg, der laut Urkunden das Kind als seinen Sohn adoptierte.

Als Jugendlicher änderte der spätere Schriftsteller seinen Namen von John zu Jack London. Sein Jugendleben verlief unstet, er gab die Schule im Alter von 14 Jahren auf. Zur schillernden Liste seiner Beschäftigungen gehören: Hafenarbeiter, Austernpirat, Küstenpatrouille, Pazifikmatrose, Sozialarbeiter in "Kellys Armee der Arbeitslosen", und schließlich Landstreicher, was ihm 1894 in Niagara Falls eine Gefängnisstrafe eintrug. Erst mit 19 Jahren kehrte er wieder in die Schule zurück, wo er sich aber mehr mit Politik befaßte. Ob er je einen Ausbildungsabschluß erreichte, konnte bei diesen Nachforschungen nicht festgestellt werden.

London wurde als der "JuSo von Oakland" in öffentlichen Reden bekannt und bewarb sich mehrfach vergeblich um das Amt des örtlichen Bürgermeisters, zuletzt im Jahr 1901. Er entschied sich während der zweiten Schulzeit, Schriftsteller zu werden, um einer trostlosen Zukunft als Fabrikarbeiter zu entweichen. Doch seine ersten Beiträge wurden nicht angenommen. Mit 21 Jahren folgte er dem Goldrausch nach Alaska, um wenigstens so zu Reichtum zu kommen. London gehört wohl zu den wenigen, die dabei Erfolg hatten, denn die spannenden Erlebnisse seiner zwei Jahre am Yukon unter den Goldsuchern boten jenen Erzählstoff, der ihm die ersten Publikationen in Zeitungen und seinen späteren Reichtum ermöglichte.

Spätere Reisen führten ihn nach England, Japan und in die Südsee. Daß er "die ganze Welt bereist hatte", ist doch etwas übertrieben. Sein Lebens-Reisepensum dürfte durch die meisten Bürosekretärinnen in Wanne-Eickel ebenfalls abgedeckt werden. Von einer Inhaftierung im russisch-japanischen Krieg ist dokumentarisch ebenfalls nichts bekannt. Es dürfte lediglich aus Angaben des Schriftstellers selbst stammen, der es stets verstanden hatte, sich selbst als Held zu vermarkten. Seine Ehefrauen waren Bess Maddern (Heirat 1900, zwei Töchter, Scheidung) und Charmian Kittredge (Heirat 1905).

Das verbreitete Märchen, der Schriftsteller sei als reicher Exzentriker durch Alkohol, Exzesse und Frauenaffären so in Dekadenz verfallen, daß er sich schließlich depressiv mit Morphium vergiftete, ist für mancherlei Interessen dienlich und dominiert bis heute mehrheitlich die biographischen Daten zur Person. Gestützt wird dies anscheinend auch durch Inhalte seiner schriftstellerischen Arbeit. Seine Texte enthalten Selbstmordphantasien in der Rolle des Ich-Erzählers, Abhandlungen zum "König Alkohol", sowie Hinweise auf seine Einnahme von Cannabis-Produkten. Außerdem besteht Einigkeit darüber, daß vor allem Londons letzte Lebensjahre geprägt waren von seiner Furcht vor dem Altern und Krankheit. Eine logische Konsequenz aus seiner von Darwinismus (Artikel) und Materialismus geprägten Weltanschauung über das Herrschaftsrecht des Stärkeren. London hatte dies speziell in seinen Südseegeschichten sogar bis zur Heldenfigur des "unbesiegbaren weißen Mannes" stilisiert. Nach seinen eigenen Wertmaßstäben mußten also Alter und Krankheit seine Daseinsberechtigung infrage stellen. Als deprimierende Lebensumstände kamen Schulden hinzu. Von den Sozialisten hatte er sich 1916 getrennt, er war aus der Partei ausgetreten.

Aufgebracht wurde das Selbstmordgerücht durch den ersten Arzt am Krankenbett des schon komatösen Schriftstellers. Dr. Thomson gab 1936 in einem Brief an, um 8,00 Uhr morgens des 22.11.1916 zu Jack London gerufen worden zu sein, den er in einem komatösen Zustand angetroffen habe. Er sah am Bett eine schon angebrochene Morphiumflasche und nahm ohne weitere Nachforschungen einen Selbstmordversuch an. Er injizierte sofort das Gegengift Atropin.

Kurz darauf erreichte der ebenfalls gerufene Hausarzt Londons, Dr. William Porter vom Merritt-Hospital, das Haus und den Patienten. Er hatte den Schriftsteller schon seit drei Jahren in Behandlung wegen eines chronischen Nierenleidens, das sich ständig verschlimmerte. Nachdem Porter seinem Kollegen Thomson die Krankengeschichte erläutert hatte, war auch letzterer davon überzeugt, daß eine eventuell mögliche Einnahme des damals stärksten Schmerzmittels durch den anschließend bewußtlosen Patienten wohl eher durch die Nierenschmerzen als durch Selbstmordabsichten zu erklären wäre.

Beide Ärzte und später auch ihre Kollegen W.B. Hays und J. Wilson-Shields gaben um 18,30 h eine öffentliche Meldung zur Lage ab und waren sich in der Ursache des um 19,45 Uhr eingetretenen Todes einig: es war eine Harnvergiftung durch Nierenversagen nach langem Krankheitsleiden. So lautet auch der Eintrag in der behördlichen Sterbe-Urkunde.

Todesurkunde, Bancroft Library, CH-59:50.1
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Da der Fall soweit überschaubar geklärt ist, kann man sich fragen, warum Thomson später so bemüht ein Selbstmordgerücht aufgebracht hatte. Der Grund liegt sicher in seiner heiklen Erstbehandlung. Das von ihm verabreichte Atropin gegen Morphium ist selbst ein Gift. Es schädigt als Gegengift nur dann nicht, wenn sein chemischer Antagonist auch im Körper ist. Thomson konnte bei seiner Erstbehandlung aber nicht wissen, ob überhaupt und in welcher Dosis der Kranke das Schmerzmittel Morphium eingenommen hatte. Da er vom bewußtlosen Patienten dazu keine Auskunft bekommen konnte, stand er vor einem in solchen Fällen typischen Dilemma: falls es ein Selbstmordversuch mit Morphium-Überdosis gewesen war, konnte nur eine sofortige Atropingabe retten. Falls nicht, würde aber das Gegengift töten. Arztkollege Porter hatte immerhin Recht mit folgender Ansicht: Wenn es kein Morphium Selbstmordversuch war, der Patient aber trotzdem durch die Krankheitsfolgen bewußtlos geworden war, war die Krankheit in einem solchen Endstadium, daß die Atropinvergiftung keinen wesentlichen Unterschied mehr bedeutete. Nach seiner Kenntnis des Krankheitsverlaufs hatte ihn der Todeszeitpunkt seines Patienten jedenfalls nicht überrascht. Da Jack Londons Tod mehr als 10 Stunden nach der Atropingabe folgte, wird weder dieses Gift noch sein Antagonist wesentlich dazu beigetragen haben. So einigten sich die Ärzte schließlich auf eine Festlegung der Todesursache wie im amtlichen Dokument genannt. Thomson reagierte mit seinen späteren Selbstmordgerüchten auf Vorwürfe, die aus dem Umfeld des Schriftstellers gegen ihn gerichtet wurden wegen schädlicher Fehlbehandlung mit einem Gift. Er reagierte auf ungerechtfertigten Vorwurf also mit einer nicht minder fragwürdigen Deutung des dramatischen Morgens am Krankenbett. Seitdem äußert sich die Hälfte der Biographen des Schriftstellers überzeugt von der Selbstmordthese.

Fazit

Gruselig ist, auf wie wenig man sich bei historischen Themen verlassen kann. Jeder Allgemeingebildete würde es als selbstverständlich annehmen, daß am Selbstmord des Schriftstellers Jack London kein Zweifel besteht und dies auch keine weitere Nachprüfung erfordert. So sehen das auch viele tausende andere und sie schreiben stets vom jeweiligen Vorgänger diese Annahme ab. So kann es wohl kommen, daß jenes gegenstandslose Gerücht seit fast hundert Jahren und bis heute überlebt, obwohl es dafür nie eine hinreichende Grundlage gab. Quellennahe Institutionen wie die Berkeley-Universität in den USA bemühen sich schon lange, den Irrtum zu korrigieren. Durchaus mit einigem Erfolg, da kompetente jüngere Biographien inzwischen die Selbstmordbehauptung nicht mehr vertreten. Doch es bleiben noch immer unzählige gegenteilige Beiträge, so daß nach demokratischem Mehrheitsprinzip weiterhin feststeht, daß der Schriftsteller Jack London sich umgebracht haben muß. Gleich, ob es nun faktisch stimmt oder nicht.

Belege

Biographische Daten:
Clarice Stasz: John Griffith London.(
sunsite.berkeley.edu/London/jackbio.html)
Literature Network: Jack London.(
www.online-literature.com/london)
Todesumstände:
Lou Leal: A comparative study. How Jack London's death was depicted by various biographers.
(
www.jacklondons.net/writings/comparativeStudy/variou sbiographers.html)
Sterbe-Urkunde: (
sunsite.berkeley.edu/London/Documents/I0040981.html)
Reinhard Rael Wissdorf: Kein Selbstmord! Protokoll einer Diskussion. (
www.jack-london.org/main.htm)
Zwei ärztliche Atteste (bei Wissdorf, a.a.O.)
Physicians Bulletin after death
At about 6:30 p.m., November 21, 1916, Mr. Jack London partook of his dinner. He was taken during the night, with what was supposed to be an attack of acute indigestion. This however, proved to be a gastro-intestinal type of uraemia. He rapidly entered coma and died at 7:45 p.m. November 22, 1916.
W.S.Porter, M.D. / A.M. Thomson, M.D. / W.B. Hays, M.D. / J. Wilson-Shields, M.D.

London Ranch, Glen Ellen, Calif., Nov. 22, 1916, 6:30 p.m.
Mr. London is in a state of uraemia following an error in diet, causing a faulty elimination of the kidneys. His condition is serious. Further bulletins will follow. Signed:
A.M. Thomson, M.D. / W.B. Hays, M.D. / J. Wilson-Shields, M.D.
Veröffentlichung: September 2005
+Nr.52: ZeitenseucheNr.54: Fabelfrau+
 
13.03.2018-00 Impressum 2,27
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