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Nr.54: Fabelfrau

Frau Johanna auf dem Papstthron im 9. Jh.?

Nominierung

Thema: Eine Frau auf dem Papstthron von Anno 853-855?
Quelle: Roman: Die Päpstin. Berlin 1/1998
Urheber: Universitätsdozentin Donna W. Cross (N.Y., USA); engl. Originaltitel: "Pope Joan"

Aussage

(Klappentext)
"... Donna Woolfolk Cross entwirft mit großer erzählerischer Kraft die faszinierende Geschichte einer der außergewöhnlichsten Frauengestalten der abendländischen Geschichte: das Leben der Johanna von Ingelheim, deren Existenz bis ins 17. Jahrhundert allgemein bekannt war und erst dann aus den Manuskripten des Vatikans entfernt wurde."

Vorlage sei eine reale "Person der Geschichte", die Anno 853 für zweieinhalb Jahre Päpstin geworden sei. Die künstlerische Freiheit der Romanform beziehe sich lediglich auf Ausgestaltung von Details der Biographie. Um die Echtheit ihrer Figur zu belegen, fügt die Verfasserin den 555 Romanseiten noch einen Anhang von 10 Seiten hinzu unter dem Titel "Gab es eine Päpstin Johanna?" Dies auch als Text im Netz (www.via-regia.org/chronik/jutten/gab.es.johanna.html). Darin wird mit vielen Argumenten ohne Zweifel betont, daß "Johanna ihr Papsttum innehatte" (S.560), und in einigen Argumenten diese Behauptung schon als Tatsache zugrunde gelegt.

Tatsachen

Leo II. 26.12.795 - 12.06.816
Stephan V.(IV.) 22.06.816 - 24.01.817
Paschalis I. 25.01.817 - 11.02.824
Eugen II. 00.05.824 - 00.08.827
Valentinus 00.08.827 - 00.09.827
Gregor IV. 00.10.827 - 00.01.844
Johannes 00.01.844 - 00.01.844
Sergius II. 00.01.844 - 27.01.847
Leo IV. 10.04.847 - 17.07.855
Cross-Päpstin    
Anastasius 00.08.855 - 00.09.855
Benedikt III. 29.09.855 - 17.04.858
Nikolaus I. 24.04.858 - 13.11.867

Papstlisten
Päpste als Oberhäupter der weströmischen Weltkirche führen sich seit dem 1. Jh. auf das Haupt der Apostel zurück, Simon Petrus (hier Regentschaften: ca. 30-67). Die Liste von bisher 307 Päpsten stützt sich bis Anno 222 und Kalixtus I. auf mündliche Überlieferungen. Zeitgleich gab es zuweilen Gegenpäpste, also Usurpatoren, die keine Legitimation hatten, aber mächtige Anhänger innerhalb der Kirche. Über 30 solche Gestalten in Rom, Pisa und Avignon erklären sich auch aus den Bedürfnissen weltlicher Macht, welche vergeblich die offizielle Kirchenwahl im eigenen Sinne steuern wollte, und nachher mit ihrem Gegenkandidaten einfach Fakten schuf. Wegen der unsicheren frühesten Dokumentation und zeitweisen Wirrnissen um Amtsantritt und Legitimation eines Papstes (z.B. Dioskur, 530) sind entsprechende Listen nicht gänzlich systematisch. Sonderfälle wie das Ableben eines gewählten Kandidaten vor der Papstweihe (Stephan II., 752) erschweren es zusätzlich, eine stimmige Systematik einzuhalten. Die Papstnamen werden seit 257 bei Wiederholung mit römischer Zählung versehen, ab 533 sind sie frei gewählte Amtsnamen. Im behaupteten Zeitraum ist in den Listen keine Päpstin verzeichnet. Lediglich zum falschen Zeitpunkt und mit zu kurzer Standzeit ein Gegenpapst "Johannes", der häufigste unter den bisherigen Amtsnamen.

x Man kann der Urheberin zustimmen, daß man eine "Päpstin" heute kaum unter einem Frauen-Namen in den Papstlisten zu suchen hätte. Doch verzichtet sie darauf, einen leidlich passenden Kandidaten von 844 zu ihrem Fabelwesen zu machen und versucht statt dessen eine schwierige Konstruktion, die genauer zu prüfen ist.

Papstchronik Troppau 1460, Cod.Pal.germ.137, fol. 206r/v
x054d
Über papst Johannes: In dem jahre, da man zählt von gottes geburt achthundert und (vier?) jahre, da war Johannes Papst und war geboren von Engelland aus maguntino (=Mainz). Der besaß den stuhl zwei jahre, fünf monate und drei tage und ließ den stuhl 1 monat leer. Dieser papst war ein weib,wie man sagt. Als sie ein kleines Mägdlein war, da führte sie einer nach (Fri..) zu Anthonig (Athen?). Da nahm sie zu an mancherlei künsten, so daß niemand ihresgleich war. Und danach war sie zu Rom gewesen, und da waren viele große meister, die ihre rede hörten. Und als sie in der stadt in großem ruhme stand an leben und an künsten, da wurde sie in der mannesgestalt einträchtig gewählt zum papst. Und hat da unter dem dem papstkleid ein kind getragen von einem, der ihr heimlicher diener war. Und sie wußte nicht, zu welcher zeit sie gebären sollte. Und als sie eines tages von sankt peter gehen sollte zum lateran, da kamen ihre wehen und gebar ein kind und starb auch sofort und wurde dort begraben. Das geschah zwischen dem colosseum und dem sankt peters dom und daher ein jeglicher Papst hütet sich vor dem weg, daß er ihn nicht reitet und den alle päpste (...). Da (...) wegen der selben missetat. Auch schrieb man sie nicht in das buch der päpste, weil sie ein weib war.

Quellenbefund
Für eine Nachprüfung sind nur die ältesten Quellen wichtig, sofern die späteren keine neuen nachprüfbaren Fakten bieten. Denn wer von wem lange nach einem Ereignis Erzählungen darüber abschreibt, beweist nichts mehr über das Ereignis selbst, aber mehr über die Interessen der späteren Zeit. Im Falle einer Päpstin existieren die ältesten Belege bis in das 12.Jh. nur noch als spätere Abschriften. Trotz gleicher Urvorlage unterscheiden sie sich inhaltlich, wobei typischerweise Berichte über eine Päpstin Hinzufügung nur jüngster Versionen sind, auch als nachträgliche handschriftliche Zusätze. Manche davon sind lediglich Anmerkungen im Sinn von "Papst Johannes: eine Frau" wie bei Otto und Gotfrid.x(1)
Als exemplarisch für die Entwicklung der Sage gelten folgende alte Dokumente:

x Anastasius Bibliothecarius († 879)
Kardinalpriester, Gegenpapst, dann vatikanischer Bibliothekar. Verfaßte um 874 eine Chronik, die "Historia Tripartita", mit einem "Liber Pontificalis", eine Papstliste. Die älteste bekannte Abschrift enthält einen Päpstin-Eintrag zum Jahr 854 nur als handschriftlichen Zusatz, der stilistisch in das 14.Jh. datiert wird. Dessen Text gleicht dem des Martin von Troppau aus dem 13.Jh. und ist nicht relevant. Anastasius ist keine Quelle für eine Päpstin.x(2)

x Marianus Scotus (1028-1082/86?)
Irischer Chronist und Benediktiner-Abt in Mainz. Sein kurzer Chronik-Eintrag: "AD 854, Lotharii 14, Joanna, eine Frau, folgte Leo und regierte 2 Jahre, fünf Monate und vier Tage." Diese Quelle nur noch als Abschriften, deren früheste ebenfalls keinen Päpstin-Eintrag aufweisen. So fällt auch dieser Chronist als Quelle aus.x(3)

x Siegebert von Gemblours (1030-1112/13?)
Benediktinermönch. Chronik-Eintrag unter dem Jahr 854: "Es heißt, daß diese Johanna eine Frau war und als solche nur einem familiari bekannt, der sie umarmte und sie schwängerte. Sie kam nieder als sie Papst war. Deshalb zählen manche Leute sie nicht unter die Päpste und deshalb hat sie keine Nummer zu ihrem Namen." Diese Quelle nur noch als Abschriften, deren früheste noch keinen Päpstin-Eintrag enthalten. Sofern, gleichen sie dem des Martin von Troppau aus dem 13.Jh. Deshalb fällt auch dieser Chronist als Quelle aus.x(4)

x Jean de Mailly (Mailly/Malliaco/Mailliaco, 1190-1260)
Dominikaner, Chronist und Hagiograph war der Verfasser der Metzer Chronik um 1250 mit einem Eintrag unter dem Jahr 1099, den der Verfasser laut einer Randnotiz noch prüfen wollte, was aber wohl unterblieb: "Betreffs eines gewissen Papstes oder eher weiblichen Papst, der nicht in der Liste der Päpste oder Bischöfe von Rom aufgenommen ist, weil sie eine Frau war, die sich als ein Mann verkleidete, und durch ihren Charakter und Talente Kuriensekretär wurde, dann Kardinal und schließlich Papst. Eines Tages, als sie auf eine Pferd stieg, gebar sie ein Kind. Sofort wurde sie durch die römische Justiz an den Füßen an den Pferdeschwanz gebunden und gezogen und gesteinigt vom Volk über eine halbe Liga. Wo sie verstarb, da wurde sie bestattet, und an diesem Platz steht geschrieben: Petre, Pater Patrum, Papisse Prodito Partum [O Peter, Väter der Väter, offenbare die Kindsgeburt des Frauenpapstes]. Zu jener Zeit wurde das viertägige Fasten, genannt das "Fasten des Frauenpapstes" erstmals eingeführt." Dieser Text ist der älteste ohne spätere Einfügungen oder verfälschende Abschrift.x(5)

x Stephan von Bourbon (Stephanus/Stephen/Étienne de Borbone, * um 1190 in Belleville-sur-Saône; † 1261 in Lyon)
Dominikaner-Inquisitor, Generalprediger und Chronist. Seine Textfassung in den "Seven Gifts of the Holy Ghost" entspricht der von Jean, nur daß er abgesehen vom abweichenden Amtsjahr und anderer Schreibweise der Stein-Inschrift hinzufügt, die Päpstin sei durch Einwirkung des Teufels Kardinal geworden.x(6)
Er verfasste u.a. einen Katalog der "Irrtümer" des Glaubens. Diese Liste wurde von anderen Inquisitoren wiederverwendet, wie z.B. im 14. Jahrhundert von Bernard Gui (Inquisitor von Toulouse) in seinem "Manuel de l'Inquisiteur".

x Martin von Troppau (Polonus/Oppaviensis, † 1278)
Dominikaner, Chronist, der mit seiner Papstliste von Anno 1277 die Sage weithin bekannt machte.x(7) (Kasten rechts oben) Bei Martin erfährt die Geschichte trotz Aufblähung eine erste Reduzierung: die Stein-Inschrift wird nicht mehr erwähnt. Sein Text wird heute auch falsch zitiert durch Ausschmückung mit anderen alten Fabel-Elementen und durch stilistische Verschiebungen. So wird in einem Fall die originale Fassung: "wie man sagt" (=Ansichten) unauffällig verändert zu: "wie versichert wird" (=Tatsachenbekräftigung).x(8)

x Die Annahme, älteste Quellen reichen im Falle des Anasthasius bis in die Zeit der angeblichen Päpstin zurück, oder schließen sich im Falle des Marianus kurz daran an, sind ein Irrtum. In allen Fällen vermeintlich alter Quellen sind Eintragungen über eine sogenannte Päpstin nachträgliche Zusätze aus späterer Zeit. Der älteste dokumentarische Ursprung der Legende scheint tatsächlich im spätmittelalterlichen 13.Jh. zu enden mit 400 Jahren Abstand zum behaupteten Ereignis. Weitere Verfälschungen alter Berichte entstehen zusätzlich durch heutige Zitate.

Rosenwald: Papessa Iohanna. Tarot-Karte 15./16. Jh. National Art Gallery, Washington
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Marianus (11.Jh.)  17 Wörter 100%
Sigebert (12.Jh.)  46 Wörter 271%
Jean 13.Jh. 113 Wörter 665%
Stephen 13.Jh. 165 Wörter 971%
Martin 13.Jh. 229 Wörter 1347%

Sagenwuchs
Auffällig ist, daß die Sage im Laufe der Zeit vom ältesten Beleg an im Umfang zunimmt und inhaltsreicher wird - bis heute zu 500 Romanseiten. Normalerweise aber nimmt das Wissen über ein Ereignis im Laufe der Zeit eher ab. Hier fand also ein Erzählstoff schon früh begeisterte Konsumenten, die ihn immer weiter ausgestalteten bis hin zu Transvestiten-Elementen. Dabei nahm die Einheitlichkeit des Erzählstoffes ab. Die Namen der Päpstin mit mehr als fünf verschiedenen Amtszeiten (705, 804, 854, 1099, 1100, usw.) schillern schließlich zu Agnes, Glancia, Gilberta, Jutta, usw. Schon Troppaus frühe Versionen haben Varianten, demnach die Päpstin einmal bei der Geburt umkommt, ein andermal in ein Kloster verbannt wird. Offizielle Dokumente zu der Legendengestalt gibt es nicht, selbst ihre vermeintliche Geburtsstadt Ingelheim besitzt keinerlei Zeugnisse.x(9) Als realen Hintergrund der Legende vermutet man
x mittelalterlichen Spott über Papstmütter, die eigene Söhne mit Geld und Gift ins Amt hievten = Pornokratie (Sergius III./904 bis Johannes XII./963), mit insgesamt drei Johannes-Päpsten;
x einen Papst, der durch weibisch-schwächliche Politik auffiel gegen seinen Widersacher Patriarch Photios in Konstantinopel (Johannes VIII., 872-882).
Soweit frühe Quellenbelege für die Sage nur in handschriftlichen späteren Anmerkungen in alten Texten bestehen, die nicht mehr besagen, als daß ein gewisser Papst Johannes eine Frau war, dürfte es sich wohl um Kirchenpolitik handeln. Der Eintrag bezieht sich dann auf Johannes VIII., von dem es zwei Exemplare in gleicher Zeit gab. Indem der illegitime Gegenpapst zusätzlich als Frau abqualifizierte wurde, erübrigten sich Zweifel, wer von beiden wohl der legitime war.

x Nimmt man die alten Texte unabhängig von der Frage ihres Ursprungs und ihrer Entstehung als Informationsblock, so wird deutlich, daß hier eine Sage losgelöst von Tatsachen ein produktives Eigenleben entwickelt hat. Authentische Dokumente für die Amtszeit einer Päpstin gibt es nicht, auch nicht zur Person. Der kausale Ursprung der Legende ist entweder Volkskritik an der Politik von Päpsten oder innerkirchliche Disqualifizierung des Gegenpapstes Johannes VIII.

Argumente

Tarot-Karte
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Die nominierte Verfasserin hält ihre Sagenfigur für eine der "faszinierendsten und außergewöhnlichsten Gestalten der abendländischen Geschichte(!)" (S.556), obwohl die den kleinen Fehler hat, daß man nichts Sicheres von ihr weiß. Also kann man auch nichts Nachteiliges von ihr wissen, und das ist schon faszinierend und außergewöhnlich genug. Die Urheberin nennt folgende Argumente als historischen Beleg für die Existenz:

a) Zensur
(S.556) Päpstin Johanna war 800 Jahre lang eine bekannte historische Gestalt, bis die katholische Kirche in einer Zensuraktion im 17. Jh. alle Unterlagen von überall her einzog und vernichtete.
Dann muß diese Vernichtungsaktion sehr erfolglos gewesen und für die Bewertung der Quellen belanglos sein. Anderenfalls wüßten wir heute nicht, daß eine vermeintliche Päpstin lange Zeit über bekannt war. Und es würden auch nicht bis heute die Sammlungen alter Schriften davon überquellen.x(10) Die nominierte Verfasserin verwendet auch selbst die Fülle alter Belege als widersprüchliches eigenes Argument (vergl. b und e). Solche Belege liegen zwar spät nach dem behaupteten Ereignis und beweisen es deshalb nicht, sie liegen aber vor der angeblichen Zensuraktion und existieren noch. Also können kaum Beweisverluste durch Eingriffe der Kirche entstanden sein.

b) Offizielle Dokumente
(S.557) Päpstin Johanna bleibt trotz der Zensur nachweisbar in offiziellen vatikanischen Papstlisten, so dem "Liber Pontificalis" des Anastasius.
Diese Quelle ist hierfür keine, weil die Information über eine Päpstin nur ein handschriftlicher Nachtrag in einer späten Abschrift des Buches ist. Wenn es hiergegen eine Kirchenzensur gegeben hätte, dann ist es verwunderlich, daß dieser Liber Pontificalis eines Gegenpapstes bis heute im Vatikanischen Archiv existiert.

c) Dunkles Mittelalter
(S.557) Daß es so wenige zeitgenössische Dokumente zu dieser Päpstin gibt, beweist nichts. Zu ihrer Zeit hat es hauptsächlich Analphabeten gegeben und keine Verwaltungsorganisation.
Dann ist es seltsam, daß wir von noch älteren Päpsten wie Gregor IV. durch seine Kirchenreform und seinen Streit mit weltlichen Herrschern offizielle Dokumente haben. Eine Kanzlei im Vatikan zu deren Anfertigung und Archivierung scheint es also schon lange vor der sagenhaften Hanna gegeben zu haben. Und diese Dokumente konnten offenbar auch gelesen werden. Hinzu kommen aus noch älterer Zeit Lehrwerke und Konzilsdokumente von Päpsten. Doch die illustre Päpstin glänzt durch Fehlanzeige. Wenn es zur Zeit der Sagengestalt keine Kanzlei gegeben hätte, was hatte dann die angebliche Zensuraktion von 1601 (vergl. a) vernichtet? Außerdem gab es Kanzleien in anderen Ländern, etwa am Hofe des geistlichen Oberhaupts von Byzanz. Photios I. (858-886) amtierte in einem Zeitraum um und lange nach der Cross-Päpstin. Für ihn waren die römischen Päpste überhaupt ein Skandal, eine Provokation für die Autorität seiner orthodoxen Kirche. Bei einer zwei Jahre amtierenden Päpstin in Rom hätte er sicher kaum versäumt, dies propagandistisch für sich zu nutzen. Darüber ist aber nichts bekannt.x(11)

Die "Päpstin" am Galgen: Baptista Mantuanus, 1490; in:
John Wolfius, Lect. Mem. et Recond. Cent. XVI (1671), I, S.230
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d) Kathedrale von Siena
(S.559) Dort gab es eine Sammlung von Papststatuen, darunter eine mit der Beschriftung: "Johannes VII., Femina ex Anglia". Im Jahr 1601 wurde sie auf Anordnung von Papst Clemens VIII. in ein Standbild des Papstes Zacharias umgewandelt.
In dieser Kathedrale sind lediglich 6 Statuen von Päpsten ausgestellt, die aus der italienischen Stadt gebürtig waren. Da die Sagenfigur der Johanna auch der Legende nach nicht aus Siena stammte, erscheint die Überprüfung der Angabe als irrelevant. Es wird angenommen, in der Kathedrale habe einmal eine Göttinnen-Statue aus römischer Zeit gestanden, die vom Volk alle möglichen Zuschreibungen erhielt, ehe sie 1601 auf päpstliche Anweisung als Konstruktionsbasis einer neuen Plastik für den Hl. Papst Zacharias (679-752) wiederverwertet wurde, der allerdings auch nicht aus Siena stammte, sondern aus Griechenland.

e) Viele Belege
(S.558f.) Ein 300 Jahre gebräuchlicher Reiseführer für Pilger aus Rom nennt die Päpstin. So auch der Prozeß gegen Jan Hus 1413 mit der Päpstin als unwidersprochenem Ketzer-Argument. Der deutsche Historiker Spanheim findet im 17.Jh. in einer umfassenden Studie noch 500 Literaturbelege über ihre Amtszeit, darunter durch renommierte Autoren wie die humanistischen Dichter Petrarca und Boccaccio.
Also hat es 1601 doch keine Kirchenzensur gegen eine Päpstin gegeben? (Vergl. a) Für Faktenerhebungen ist es unerheblich, lange nach einem angeblichen Ereignis schriftstellerische Bewältigungen darüber zu finden, wie die der befreundeten Dichter Petrarca (1304-1374) und Boccaccio (1213-1375). Oder fast 600 Jahre nach dem Ereignis dessen Erwähnung in einem Ketzerprozeß. Daß damals Jan Hus kein Kirchenvertreter widersprach, hat sich bis heute hierzu nicht geändert, weil sich eine solche Diskussion mangels Relevanz nicht lohnt. Daß über lange Zeit einer vom anderen ein Gerücht abschreibt, sagt nichts darüber aus, ob das vermeintliche Ereignis real ist, wenn die Gerüchte unsicher und widersprüchlich sind. Friedrich Spanheim (1632-1701) kam aus dem protestantischen Leiden in den damals schon unabhängigen Niederlanden und war auch kein Historiker, sondern protestantischer Theologieprofessor im radikal-calvinistischen Genf. Geprägt vom Dreißigjährigen Krieg war er ein Verfechter der protestantischen Sache und an Material zur Kritik des Katholizismus interessiert. Seine Veröffentlichung zur angeblichen Päpstin fand speziell im religiös-fanatischen Holland Leserzuspruch.x(12)

Papst Johannes der
 01) I. 523-526
 02) II. 533-535
 03) III. 561-574
 04) IV. 640-642
 05) V. 685-686
 06) VI. 701-705
 07) VII. 705-707
 8a) VIII. Gegenpapst, 844
 8b) VIII. 872-882
 09) IX. 898-900
 10) X. 914-928
 11) XI. 931-935
 12) XII. 955-964
 13) XIII. 965-972
 14) XIV. 983-984
 15) XV. 985-996
 16) XVI. Gegenpapst, 997-998
 17) XVII. 1003
 18) XVIII. 1004-1009
 19) XIX. 1024-1032
 20) XX.  
 21) XXI. 1276-1277 Petrus Hispanus
 22) XXII. 1316-1334, Avignon
23a) XXIII. Gegenpapst, 1410-1415
23b) XXIII. 1958-1963

f) Namensänderung
(S.559) Anno 1276, nachdem die päpstlichen Akten und Urkunden gründlich durchsucht wurden, änderte der damalige Papst Johannes XX. seinen Namen in Johannes XXI. in offizieller Anerkennung des Pontifikats Johannas als Papst Johannes VIII.
Petrus Hispanus als neuer päpstlicher Amtskandidat habe also durch nachträgliche Anerkennung des Gegenpapstes Johannes VIII. (Kasten links: Nr.8a) die Liste früherer Inhaber seines gewünschten Amtsnamens verlängert und so seine Nummer von 20 auf 21 geändert.
x Das erste Problem dabei ist, daß die nominierte Urheberin gerade diesen Gegenpapst nicht als Kandidaten für ihre fabulöse Hanna verwenden kann. Sein Auftreten nur im Januar 844 paßt nicht zur Datierung der alten Quellen einer Päpstin und ist mit weniger als einem Monat Dauer auch zu kurz. Den Quellen in Datierung und Amtsdauer zu widersprechen, könnte aber die Plausibilität der Päpstin-These überhaupt infrage stellen.
x Das zweite Problem liegt darin, daß eine solche nachträgliche Anerkennung zähltechnisch ein Einschub wäre. Dessen Folge ist, daß bei allen Johannes-Päpsten zwischen Einschub Nr.8a und dem Manipulator Nr.21 nachträglich die Namensnummer zu ändern wäre. Das sind 12 Päpste und ihre Hinterlassenschaften über 400 Jahre. Von einer solchen nachträglichen Änderung ist aber nichts bekannt. Die Nr.19 in der realen Liste ist nie zur neuen Nr.20 geworden, sie ist bis heute unbelegt. Woher die nominierte Verfasserin wissen will, daß Petrus Hispanus ausdrücklich ihre sagenhafte Hanna nachträglich auf Platz 8 anerkennen wollte, bleibt ihr Geheimnis. Ihren Lesern verrät sie es nicht.
Zählfehler gab es schon vorher bei zwei weiteren Namen in neun Fällen, die auch nachträglich neu durchgezählt wurden, so acht Stephan-Päpste.x(13) Im Falle von Johannes gab es aber keine Änderung. Die Namensgebung von 1276 kann also kaum eine nachträgliche kirchliche Anerkennung einer "Johanna" gewesen sein. Man nimmt vielmehr an, daß Amtskandidat Petrus Hispanus sich in den damals noch konfusen Papstlisten verzählt hatte, wie früher in den anderen Fällen. Aus diesem Grund bemühten sich Chronisten, wie der zeitgleich zu Petrus lebende Martin von Troppau, verbindliche Papstchroniken aufzustellen. Seine wurde aber erst ein Jahr nach dem Zählfehler von Petrus Hispanus fertiggestellt.

Bildmanipulation: Links der Buchdeckel des nominierten Romans, rechts die historische Vorlage: Papst Aeneas Piccolomini spricht Katharina von Siena heilig. Bernardino Betti, um 1502-08. Piccolomini Library, Duomo, Siena
(www.wga.hu/frames-e.html?/html/p/pinturic/siena/index.htm).
Leser meinen, das Buchdeckelbild sei ein historisches Original und ein weiterer Beleg für die Päpstin. Im Roman heißt es nur unauffällig unter technischen Angaben auf S.4: "nach einem Gemälde ...", wobei diese Vorlage tatsächlich ein Fresko ist.
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g) Einschub
(S.560) Papst Leo IV. ist nicht wie offiziell behauptet 855 gestorben, sondern schon 853. Bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers Benedikt III. lagen zwei Jahre, die Amtszeit der Päpstin waren. Das beweist auch eine Münze, welche die Namen von Papst Benedikt und Kaiser Lothar zeigt, der am 28.09.855 einen Tag früher starb als der Amtsantritt des Papstes.
Daraus wäre zu schließen, daß Benedikt früher als angenommen im Amt war, was heißen könnte, daß sein Vorgänger noch viel früher starb, so daß eine große Zeitlücke für die Päpstin entsteht. Benedikt könnte aber auch so früh im Amt gewesen sein, daß er wieder direkt beim Vorgänger anschließt. Ohne Klärung dessen wird nicht bewiesen, daß es die große Lücke gab. Auf Lothar I. folgten wegen der Teilung des Karolingerreiches (Artikel) gleich zwei verschiedene Könige (Lotharingien=Lothar II., 835-869 und Provence=Karl, 845-863); wobei der Kaisernachfolger, Ludwig II. (825-875), schon fünf Jahre vor Lothars Tod Kaiser in Italien war. Diese etwas unübersichtliche Herrscherlage hätte Münzwerkstätten nötigen können, erstmal den alten Lothar mit dem neuen Benedikt weiterzustempeln, bis man genaueres weiß.

h) Sella Stercoraria
(S.561) Ab der zweiten Hälfte des 9.Jhs. hatte sich zur Einsetzung eines neuen Papstes die Sitte eingebürgert, ihn ohne Leibwäsche unter dem Ornat auf einen Toilettenstuhl zu setzen, durch dessen Loch in der Sitzfläche ein Prüfer das Geschlecht feststellen konnte. Die zeitliche Nähe zur unterstellten Amtszeit einer "Päpstin" beweist deren vorheriges Auftreten.
Wenn in einem Haus eine Alarmanlage gegen Einbrecher installiert wird, beweist dies nicht, daß in diesem Haus vorher schon eingebrochen wurde. Der zeitliche Zusammenhang liegt wohl darin, daß lange vor der ältesten Legendenquelle Volksgerüchte über eine Päpstin umgingen, die sich vielleicht einmal auf Gegenpapst Johannes von 804 bezogen. Die Einführung der "Stuhlprobe" verhinderte, daß aus dem Gerücht Realität wird.

i) Verfluchter Weg
(S.562f.) Johannes Burckhardt, Bischof von Horta und Zeremonienmeister unter fünf Päpsten, berichtet in seinem Tagebuch 1486 darüber, daß der Papst kritisiert wurde, als er für eine Prozession jenen verfluchten Weg wieder benutzte, auf dem die Päpstin ein Kind gebar.
Dieser Beleg kann allenfalls beweisen, wer zu jener Zeit an die Legende geglaubt hatte. Der damalige Papst Sixtus IV. scheint nicht dazu gehört zu haben, weil er sich nicht von diesem Weg abschrecken ließ. Ob Burckhardt zu den Glaubenden gehörte, ist damit auch nicht belegt, da er jedenfalls nur berichtet, was man im Volk sagte.

x Zum Nachweis der illustren Fabelfrau trägt die nominierte Urheberin viele Argumente zusammen. Diese beweisen aber nichts. Denn entweder
- widersprechen sie sich (a / Zensur, b / Offizialdokumente, e / Belegfülle)
- oder sie sagen nichts aus (g / Einschub, h / Stuhlprobe, i / Fluchweg)
- oder sie sind sachlich inkompetent (d / Siena, f / Namensänderung)

Fazit

Abgesehen von anderen möglichen Ursprüngen einer Päpstin-Legende und im Hinblick auf die unsichere Datierung der alten Quellen ist auch folgendes denkbar: jener Gegenpapst Johannes im Januar des Jahres 844 kann während zwei Monaten Interregnum einer der irregulären Kandidaten gewesen sein, die sich vergeblich für das vakante Amt produzierten. Sein Auftreten hinterließ deshalb bis heute ein Echo in den Chroniken, weil es möglicherweise tatsächlich eine Frau war mit der behaupteten skandalösen Geburt im Ornat, welche die Ambitionen dieser Person jäh beendeten. Dieser angebliche Skandal kann aber auch nur eine Propaganda der Kirchenhierarchie gewesen sein, die auf diese Weise einen illegitimen Gegenpapst für das geschichtliche Gedächtnis disqualifizieren wollte. Eine "Päpstin" wird aus dieser Operettengestalt so oder so nicht.
Das nominierte Werk ist eines unter vielen aktuellen Beispielen dafür, wie die künstlerische Freiheit der Romanform dazu mißbraucht wird, weltanschaulich motivierte Falschinformationen über Geschichte unter gutgläubiges Publikum zu bringen. Durch die Bildverfälschung eines historischen Freskos als Buchdeckel tragen der Ostberliner Verlag aus DDR-Zeiten und ein Grafikstudio am selben Ort (www.preusse-huelpuesch.de/) zu diesem Konzept bei. Insgesamt vermittelt uns die nominierte Emanze nebenbei einen ersprießlichen Einblick in das Dozentinnenwesen an Universitäten im US-Bundesstaat New York.

Belege


x()Quellenprobleme
Grundsätzliche Studie aus England: Rosemary and Darroll Pardoe: The Female Pope: The Mystery of Pope Joan. Crucible (Thorsons) 1988 und als Netzartikel (http://www.users.globalnet.co.uk/~pardos/PopeJoanHome.html). Das Problem der Abschriftenvarianten am Beispiel von Marianus wie in Anmerkung-3.
Fälle für das Problem späterer Hinzufügung:
- Anastasius Bibliothecarius, wie in Anmerkung-2.
- Sigebert von Gemblours, wie in Anmerkung-4.
- Otto von Freising (1112-1158): Chronica sive Historia de duabus civitatibus. Um 1144, erste gedruckte Version 1515.
Pardoe, a.a.O. zum Nachtrag-Problem:
"Otto, the Bishop of Frisingen (Freising in Germany) and a close relative of the Holy Roman Emperors. He died in 1158 leaving seven books of chronicles, the last of which contains a catalogue of the Popes of Rome. In some versions of this, the word 'woman' is inserted after the name of Pope John VII, who ruled from 705 to 707. The earliest copies of the book take the list of pontiffs down as far as the Englishman, Hadrian IV (1154-9), during whose reign Otto died. These do not have the extra word however, for it appears only in the editions where the tabulation is extended to Leo X (1513) by a sixteenth century copyist. The likeliest explanation for this oddity is that the copyist, having heard of a female pope who ruled under the name of John, mistakenly appended the word 'woman' (foemina) to John VII after finding that there was no John between Leo IV and Benedict III."
- Gotfrid von Viterbo: Pantheon (um 1185); in: RGSS, II, S.372.
Pardoe, a.a.O. zum Nachtrag-Problem:
"This work, which dates from approximately 1185, includes a cryptic note after Leo IV, stating that 'Joanna, the female pope, is not counted'. Again the line is not present in any of the early manuscripts, and it is probable that Gotfrid knew nothing of the existence of any woman pontiff. Significantly in this connection, another chronicle by the same author, the Speculum Regum, follows Leo IV by Benedict III with no reference at all to Pope Joan anywhere in the text."

x(2) Anastasius Bibliothecarius
Historia Tripartita: Liber Pontificalis; Vatican MS 3762. Publiziert in: M. Le Quien: Oriens Christianus (1745) und: Louis Duchesne: Étude sur le 'Liber Pontificalis' (1886), S.95. Ein Faksimilie der Päpstin-Seite in: H. Perrodo-Le Moyne, Un Pape Nommé Jeanne (1972).
Pardoe, a.a.O. zum Nachtrag-Problem:
"One early Vatican manuscript of the Liber Pontificalis mentions Pope Joan, in words which are literally identical to those of Martin Polonus. However, the relevant section is in a hand different to that of the main text. It occupies the bottom of a page, where presumably there was space available for it, and in doing so it interrupts the narrative in the middle of the life of Leo IV. Details of Leo's rule then continue on the next page, so that the insertion is suspiciously out of sequence. It is not unreasonable to conclude that the account of the female pope in this particular edition is a late interpolation, probably of the fourteenth century, judging from the style of the handwriting, and certainly post-dating Martin. It can be of no help in our search for the origins of the story, as is also the case with a later version of the Liber, written in the fifteenth century. This one expands the text to include biographies of the popes up to the time of Eugenius IV (1431-47), and also inserts the woman pontiff between Leo IV and Benedict III. The fit, though, is an awkward one, and again there is a word for word correspondence with Martin."

x(3) Marianus Scotus
Historiographi sui temporis clarissimis; in: Rerum Germanicarum Scriptores aliquot insignes (RGSS), Bd. I, S.639.
Pardoe, a.a.O. zum Abschriftenproblem:
"However, the majority of copies of the chronicle do not include the lines, and unfortunately those which do are all comparatively late in date. The eighteenth century writer, Johannes Pistorius, in the course of research for his edition of the Historiographi, made arrangements to have the earliest copy he knew of checked. This was a manuscript in the library of Gemblours Abbey, written 'in very old characters'. The abbot himself examined the work and found that the passage in question was absent, both from the main text and from the margin.(Pistorius' notes on Marianus; RGSS, I, p.794.) Similarly, when all the most ancient editions of Marianus were collated together for the Monumenta Germaniae Historica, it was not to be found in any of them.(Hist. sui temp. clar.;MGH:SS, VIII, p.550.)"

x(4) Sigebert von Gemblours
Chronographia; in: RGSS, I, S.794.
Pardoe, a.a.O. zum Nachtrag-Problem:
"His history, the Chronographia, ends with the year 1112, and several late manuscripts of it include the following short account, under 854: "It is rumoured that this John was a woman, and known as such only to one companion [familiari], who embraced her and made her pregnant. She gave birth while Pope. Therefore certain people do not count her among the popes, for which reason she does not bear a number to her name." This section, obviously adapted from Martin Polonus, is usually written in the margin, and does not appear in any of the early copies. Most importantly, it is absent from a Gemblours manuscript, which there is good reason to believe may be a holograph copy by Sigebert himself. The insertion comes immediately after a description of Norman atrocities under 853, and immediately before a reference to Benedict III, whose reign is also given as commencing in 854. There is clearly no room for Joan here, and none of the chroniclers who used Sigebert as their source in the ensuing 150 years knew anything of the interpolation."

x(5) Jean de Mailly
Chronica Universalis Mettensis; in: MGH:SS, XXIV, S.514. Paris, Bibliothèque Nationale, Latin 14593.
Darüber ein Netzartikel (
/www.tabula-libertatis.de/geschichte1.htm): "Nach Papst Viktor († 1087) am Ende der Seite, welche die Jahre von 1051 bis 1100 umfaßt, wird eine "papissa" (Päpstin) erwähnt, die nicht im Katalog der Päpste geführt werde, weil sie als Frau das andere Geschlecht nur simuliert habe. Durch große Begabung (probitate ingenii) habe "er" es zuvor schon zum Notar der Kurie, später zum Kardinal und schließlich zum Papst gebracht und die ganze Sache sei durch eine Geburt beim Reiten publik geworden, worauf man sie an den Schwanz ihres Pferdes gebunden und durch die Stadt geschleift habe, währenddessen sie vom Volk gesteinigt und am Ort ihres Todes begraben worden sei. Dies soll nach "Romana iustitia" geschehen sein. Eine lateinische Inschrift (mit sechs allitterierenden P) bezeuge dies: "Petrus, Vater der Väter, du sollst das Gebären der Päpstin verraten". In ihrer Amtszeit soll das Quatemberfasten eingeführt worden und als das Fasten der Päpstin bezeichnet worden sein. Dazu sei bemerkt, daß im Entwurf des Autors am Ende eines Folio der Vermerk "require" (prüfe) steht, wobei unklar bleibt, ob der Autor diese Prüfung tatsächlich vorgenommen hat. Möglicherweise (nach Boureau) liegt hier ein "Sprung des Gerüchts in den Text" vor."

x(6) Stephen von Bourbon
De Diversis Materiis Praedicabilibus; in: Scriptores Ordinis Praedicatorum, I (1719), S.367.
Der Wortlaut:
"But an occurrence of wonderful audacity or rather insanity happened around AD 1100, as is related in the chronicles. A certain woman, learned and well versed in the notary's art, assuming male clothing and pretending to be a man, came to Rome. Through her diligence as well as her learning in letters, she was appointed as a curial secretary. Afterwards, under the Devil's direction, she was made a cardinal and finally pope. Having become pregnant she gave birth while mounting [a horse]. But when Roman justice was informed of it, she was dragged outside the city, bound by her feet to the hooves of a horse, and for half a league she was stoned by the people. And where she died, there she was buried, and upon a stone placed above her, this line was written: Parce, Pater Patrum, Papisse Prodere Partum [Forbear, Father of Fathers, to betray the childbearing of the female pope]. Behold how such rash presumptuousness leads to so vile an end."

x(7) Martin v.Troppau
Chronicon pontificum et imperatorum; (1277/1286)
(
www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digi/lauber/cpg137.html). Auf Anregung Papst Clemens IV. in mehreren Fassungen entstanden. In: MG SS XXII, 377-475, und dt. Edition: "Des Martinus Polonus Chronik der Kaiser und Päpste, in deutscher Übersetzung aus der ältesten Handschrift des vierzehnten Jahrhunderts", in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Band 23-25. (digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/MartinusPolonus1858)
Die Textfassung aus MGSSXXII:
"After... Leo, John Anglicus, born at Mainz, was pope for two years, seven months and four days, and died in Rome, after which there was a vacancy in the papacy of one month. It is claimed that this John was a woman, who as a girl had been led to Athens dressed in the clothes of a man by a certain lover of hers. There she became proficient in a diversity of branches of knowledge, until she had no equal, and afterwards in Rome, she taught the liberal arts and had great masters among her students and audience. A high opinion of her life and learning arose in the city, and she was the choice of all for pope. While pope, however, she became pregnant by her companion. Through ignorance of the exact time when the birth was expected, she was delivered of a child while in procession from St Peter's to the Lateran, in a narrow lane between the Colisseum and St Clement's church. After her death, it is said she was buried in that same place. The Lord Pope always turns aside from the street and it is believed by many that this is done because of abhorrence of the event. Nor is she placed on the list of the holy pontiffs, both because of her female sex and on account of the foulness of the matter."

x(8) Fragwürdige Zitate

Atheistenzeitung (atheism.about.com/od/popesandthepapacy/a/popejoan.htm): "After Leo IV, John the Englishman (Anglicus), a native of Metz, reigned two years, five months and four days. And the pontificate was vacant for a month. He died in Rome. This man, it is claimed, was a woman and when a girl, accompanied her sweetheart in male costume to Athens; there she advanced in various sciences to the extent that her equal could not be found. So, after having studied for three years in Rome, she had great masters for her pupils and hearers. And when there arose a high opinion in the city of her virtue and knowledge, she was unanimously elected Pope. But during her papacy she became in the family way by a companion. Not knowing the time of the birth, as she was on her way from St Peter's to Lateran she had a painful delivery, between the Coliseum and St Clement's Church, in the street. Having died after, it is said she was buried on the spot."
Netzartikel (
www.loq12.at/conspiracy/13_johanna/con_story3.ihtml): "Nach diesem Leo herrschte Johannes Anglicus aus Mainz 2 Jahre, 7 Monate, 4 Tage (...). Dieser Johannes war, wie versichert wird, eine Frau, die (...) auf verschiedenen Wissensgebieten derartig glänzte, dass sich niemand mit ihr messen konnte. (...) Als Papst wurde sie von ihrem Vertrauten geschwängert. Den Zeitpunkt der Niederkunft nicht ahnend, gebar sie, als sie sich von St. Peter zum Lateran begab, in dem engen Gässchen zwischen Kolosseum und der Kirche des Hl. Klemens, und nach ihrem Tod fand sie dort, wie gesagt wird, ihr Grab."

x(9) Unbekannt
Stadt Ingelheim, Museum bei der Kaiserpfalz (
www.ingelheim.de/museum/papst.htm): "In Ingelheim finden sich keinerlei Spuren dieser Frau." Zur sagenhaften Person auch der Eintrag im Kirchenlexikon (www.bautz.de/bbkl/j/Johanna_pae.shtml).

x(10) Beleg-Fülle
Pardoe, a.a.O, sammelt selbst kursorisch und alleine bis zum 14.Jh noch zahllose alte Belege für die Sage auch in späteren Editionen wie folgt:
(1) Martin Polonus, Chron. Pont. et Imp.; MGH:SS,XXII, p.428. (2) Vatican MS 3762. (3) Anastasius, Lib. Pont., quoted in OC, III, col.394. (4) Alexander Cooke, Pope Joane (1610). (5) Marianus Scotus, Hist. sui temp. clar.; RGSS, I, p.639. (6) Pistorius' notes on Marianus; RGSS, I, p.794. (7) Hist. sui temp. clar.;MGH:SS, VIII, p.550. (8) Sigebert of Gemblours, Chron.; RGSS, I, p.794. (9) Gotfrid of Viterbo, Pantheon; RGSS, II, p.372. (10) Gotfrid, Speculum Regum; MGH:SS, XXII, pp.29-30. (11) Jean de Mailly, Chron. Univ. Mett.; MGH:SS, XXIV, p.514. (12) Stephen of Bourbon, De Div. Mat. Praed.;Scriptores Ordinis Praedicatorum, I (1719), p.367. (13) John J.I. Von Döllinger, Fables Respecting the Popes of the Middle Ages (1871), p.44. (14) Chron. Minor; MGH:SS, XXIV, p.184. (15) Flores Temp.; MGH:SS, XXIV, p.243. (16) Felix Haemerlein, De Nobil. et Rust. Dial. (c.1490), f.99. (17) Giovanni Boccaccio, De Mulieribus Claris (1539), f.63. (18) Döllinger, op. cit., p.64. (19) Theodoric Engelhusius, Chron.; SBI, II, p.1065. (20) OC, III, co1.386. (21) Flores Hist.; Rolls Series I (1890), p.425. (22) OC, III, co1.381. (23) Werner Rolevinck, Fasc. Temp.; RGSS, II, p.528. (24) Hist. Erphesford.; RGSS, I, p.1302.

x(11) Photios
Josef Hergenröther: Photios, Patriarch von Konstantinopel : Sein Leben, seine Schriften und das griechische Schisma nach handschriftlichen und gedruckten Quellen, 3 Bde., Regensburg 1867-69 Nd.: Darmstadt 1966.

x(12) Spanheim
Friedrich Spanheim: Histoire de la papesse J., Den Haag 1736.
(13) Namens-Chaos
Nachträglich geändert wurden: Felix 3/4, 526 - Stephan 2/3, 752 - Stephan 3/4, 768 - Stephan 4/5, 816 - Stephan 5/6, 885 - Stephan 6/7, 896 - Stephan 7/8, 928 - Stephan 8/9, 939 - Stephan 9/10, 1057.
Veröffentlichung: Oktober 2005
+Nr.53: TodesgerüchtNr.55: Erfindungen+
 
13.03.2018-00 Impressum 1,94
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System: PUBLIU
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