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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.55: Erfindungen

Technikgeschichte des VW Käfer vor dem Zweiten Weltkrieg

Nominierung

Thema: Das PKW-Modell VW Käfer
Quelle: Fernsehzeitschrift "Fernsehwoche" Nr. 46, November 2005, S.106
Urheber: Verlagsgruppe Heinrich Bauer, Chefredakteurin Andrea Wicherek, Textchef Markus Nyary

Aussage

Aus einer neu erschienenen Buchserie im selben Verlagshaus ("Bücher der 777 Irrtümer") werden sieben "populäre Irrtümer" vorgeführt, die es über die Geschichte der 1950er Jahre in der BRD geben soll. So habe es damals doch "kulinarische Highlights" gegeben, denn die Currywurst wurde "erfunden". Jener legendäre Fußball-WM Sieg habe aber nicht zu "guter Stimmung" geführt, sondern sei ein "Eigentor" der Deutschen gewesen, weil sie es versäumten, vorher das Ausland zu fragen, wie sie sich darüber freuen dürfen. Über Erfindungen jener Zeit heißt es zusätzlich in folgender prämierenswerten Information:

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Tatsachen

Oldtimer
Der Käfer habe nicht in den 1950er Jahren erfunden werden können, weil er dann schon ein "Oldtimer" gewesen sei. Bei Kraftfahrzeugen ist das aber ein erst 1997 offiziell definierter Gattungsbegriff. Gemeint sind Fahrzeuge von kulturellem Wert, die mindestens 30 Jahre alt sind.x(1) Damit verbundene Vergünstigungen für den Halter beziehen sich aber nicht auf eine ganze Modellserie, sondern auf ein einzelnes Fahrzeug und sein Baujahr. Vor allem beim Käfer, der als Fahrzeugmodell 40 Jahre lang gebaut wurde. Da der letzte klassische Käfer 1978 produziert wurde, gibt es Exemplare die selbst heute im Jahr 2005 noch kein Oldtimer sind. Selbst wenn der erste serienmäßige Käfer 1935 gebaut worden wäre, hätte er das vor 1965 nicht sein können.

x Als volkstümlicher Beliebigkeitsbegriff war der Käfer in den 1950er Jahren ebensogut ein Oldtimer wie keiner, was dann auch egal ist. Im Sinn eines offiziellen Gattungsbegriffs war dieses Modell zu jener Zeit dafür noch zu jung.
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Erfindung
Ein angeblicher Irrtum soll sein, daß der Käfer in den 1950er Jahren "erfunden" wurde. Das würde zunächst grundsätzlich heißen, an seiner Konstruktion gebe es irgendetwas Neues, was es bis dahin noch nicht gab. Gleichgültig, ob dieses Modell 1930 oder 1950 entwickelt worden ist, hat es nichts, was es nicht schon vorher im Fahrzeugbau gab (Bild: Konstruktionsentwurf). Weder der luftgekühlte Boxermotor auf der Hinterrad-Achse und sein Getriebe, noch das Fahrwerk und die runde Form der Karosserie waren neue Entwürfe. Am KFZ-Modell Käfer gibt es keine fahrzeugtechnische Erfindung. Die nominierte Aussage läuft grundsätzlich ins Leere, zumal eine anderslautende Behauptung bei einer Stichprobensuche nirgendwo gefunden werden konnte. Der nominierte Beitrag gibt auch nicht an, wo er den Irrtum gefunden haben will. Der angebliche Irrtum wurde also erst erfunden, um ihn korrigieren zu können.

x Die Erfindung beim Käfer besteht in der Behauptung, daß irgend jemand glaube, seine Konstruktion enthalte irgend eine Erfindung. Auf welches Jahr sich eine Erfindung bezieht, die keine ist, und die auch keiner als Erfindung mißversteht, bleibt gleichgültig.

Automobilausstellung Februar 1935: Maybach, 26.000 Mark
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Volkswagen
Das Wesensmerkmal des Käfers liegt nicht in einer konstruktiven Neuerung, sondern in seinem Konzept als Billigfahrzeug für die Massenproduktion zum Kauf für Jedermann. Bis zum Käfer war das private KFZ für deutsche Bürger kaum bezahlbar. Vor allem, als in der Weimarer Republik sogar der bürgerliche Mittelstand finanziell ruiniert worden war. Die wenigen Profiteure des Niedergangs, die es immer gibt, fanden unter einer Vielzahl käuflicher Modelle kaum eines, das weniger als das Jahresgehalt eines Angestellten kostete. x

Die Industrie zog offenbar lieber hohen Stückgewinn aus wenigen reichen Käufern als wenig Gewinn aus Ware für viele Verarmte. Der Unternehmer Ford hatte aber in den USA bewiesen, daß ein Billig-Auto ("Tin Lizzy") mit schließlich 15 Mio. Stück sowohl dem Unternehmer als auch der Gesamtwirtschaft Erfolg verschaffen kann.
So kamen auch in Deutschland Rufe nach einem "Volkswagen" auf, die allerdings auf Zeitungsartikel beschränkt blieben.x(2) Pläne zum Bau von Autobahnen als Anreiz für eine Automobilindustrie blieben meist Schubladenprojekte, weil der Staat sie nicht finanzieren wollte oder konnte und den privaten Unternehmern eine solche Investition in pure Zukunftshoffnungen zu riskant war. Die wenigen Bauten (AVUS und HAFRABA) waren nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gegen die Massenarbeitslosigkeit der Republik (Bild links) ohne Entwicklungsperspektive.x(3) Die Wirtschaft des Staates war durch die Beuteforderungen der Sieger des vorherigen Weltkriegs erdrückt (Art.Nr.3), und die Politiker dieser Republik sorgten durch Feigheit und Opportunismus dafür, daß sich daran auch nichts ändert. Impulse für neue Wirtschaftskonzepte waren in dieser Lage auch langfristig nicht zu erhoffen, so daß auch kein Unternehmer sich zu Experimenten animiert fühlen konnte. Eine Chaosdemokratie, wo schließlich ganze Familien aus wirtschaftlicher Verzweiflung den Freitod wählten, war grundsätzlich kein Platz für das Automobil als Familienfahrzeug.x(4)

x Der Käfer war keine technische Erfindung sondern das Konzept eines billigen Massenfahrzeugs für wenig begüterte Kunden. Wann und wie er eingeführt wurde, ist eine Frage der Wirtschaftspolitik.

Hitler und Himmler im Käfer bei einer der ersten Vorführungen
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Bauzeit
F. Porsche faszinierte die Idee, wie Ford ein billiges Familienfahrzeug zu entwerfen. Hitler interessierte die Idee, auf diese Weise die Wirtschaft zu sanieren, sowie Arbeitslosigkeit und Klassenunterschiede abzubauen, so daß hochwertige Industriegüter erschwinglich für jeden werden. Das im November 1933 gegründete Sozialwerk seiner Partei, KdF ("Kraft durch Freude") bot subventionierte Reisen und Kulturprogramme an, zusätzlich wurde ein weiterer Mode-Artikel, der Rundfunkempfänger als billiger "Volksempfänger" eingeführt. Ein "Volkswagen" sollte diese Linie weiterführen. Porsche legte nach Anforderung Hitlers im Januar 1934 erste Entwürfe für ein solches Fahrzeug vor, das mit vier Sitzen 100 km/h schnell sein sollte.x(5) Der zunächst veranschlagte Preis von 1.500 Mark war Hitler aber zu hoch. Der Wagen dürfe nicht mehr als ein mittleres Motorrad und 990 Mark kosten. Im zweiten Entwurf kam der Konstrukteur auf 900 Mark, so daß Vorgespräche im Verkehrsministerium begannen, die am 22.06.1934 zum Entwicklungsauftrag führten. Als Generalunternehmer für den finanzierenden "Reichsverband der Deutschen Automobilindustrie" sollte Porsche die Koordinierung übernehmen für eine Produktion gestreut auf verschiedene große Fahrzeughersteller.

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Doch die etablierte Industrie sabotierte den Plan. Sie befürchtete, daß der neue Billig-Wagen ihre teureren Luxusmodelle verdrängen könnte, und an der anvisierten Käuferschicht hatte sie wenig Interesse. Obwohl Hitler auf den internationalen Automobilausstellungen am Berliner Funkturm 1934 und 1935 immer wieder den Volkswagen ankündigte, schleppte sich das Projekt ergebnislos dahin. Als Porsche im Februar 1936 erste handgefertigte Versuchmodelle im lauffähigen Zustand vorführen konnte, beendete Hitler das Gezerre um die Gemeinschaftsproduktion.x(6) Ein gigantisches neues Werk sollte die Produktion alleine schultern in der neuen "Stadt des KdF-Wagens". Am 01.07.1938 wurden im Landkreis Gifhorn mehrere Gemeinden um den mittelalterlichen Adelssitz derer von Bartensleben mit der Wolfsburg zur neuen Stadt an der Aller zusammengelegt. Sie wurde die einzige im 20. Jh. neugegründete dt. Stadt. Der sperrige KdF-Name wurde erst nach dem Krieg von den alliierten Besatzern zum Stadtnamen "Wolfsburg" umgeprägt. Den Aufbau übernahm die Organisation DAF ("Deutsche Arbeitsfront"), die auch den Vertrieb des Fahrzeugs auf Selbstkostenbasis besorgen sollte, damit kein Händler daran verdient. Über den Freizeitverband KdF wurde ein Vermarktungssystem zum Stückpreis von tausend Mark eingeführt (rechts: Werbeplakat). Der "KdF-Wagen" konnte durch den wöchentlichen Kauf von Wertmarken zu 5 Mark über knapp 4 Jahre erspart werden.

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xNachdem der Prototyp des Käfers bis 1937 im Alltagseinsatz getestet worden war, legte Hitler am 26.05.1938 den Grundstein für das neue Produktionswerk (Bild links). Die Zahl der Arbeitslosen war bis dahin schrittweise auf 0,2 Mio. reduziert worden, nachdem sie 1932 noch 6 Mio. betragen hatte.x(7) Mögliche Käufer für den Wagen gab es also. Als gut ein Jahr später der Krieg begann, waren Werk und Wohnstadt für die künftigen Arbeiter noch im Aufbau. Die verfügbare Kapazität war über die Zeit des Zweiten Weltkriegs für die Produktion von Kriegstechnik aller Art genutzt worden. Das Spektrum reichte über Kübel- und Schwimmwagen bis zu primitiven Kanonenöfen für die Rußlandfront sowie Teile für Raketenwaffen. Nur wenige produzierte Käfer wurden Kommandofahrzeuge der Wehrmacht und Dienstwagen für Porsche-Mitarbeiter. Bis 1940 waren über 300.000 Teilnehmer im Sparprogramm angemeldet, 60.000 hatten bereits voll gezahlt. Nach dem Weltkrieg erreichten sie in einer Notgemeinschaft gegenüber VW, daß sie Nachkriegskäfer um 600 DM billiger kaufen konnten. Die geringe Produktionszahl bis 1945 kann nicht mehr ermittelt werden. Alleine 1948 wurden trotz größter Kriegsschäden schon wieder 20.000 Stück produziert, 1949 sogar 50.000. Im Jahr 1972 wurde mit insgesamt über 15 Mio. Stück der bisherige Produktionsrekord des Ford Volkswagens überholt.

x Der Käfer war erst 1936 zuende entwickelt, erst 1937 zur Serie freigegeben und wurde erst ab 1938 industriell hergestellt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war er kein Handelsartikel für den Markt. Das wurde er erst kurz vor 1950. Der Käfer wurde durch seine hohe Stückzahl, die den Ford-Rekord überholte, tatsächlich das Symbolfahrzeug für Wirtschaftswunder und 1950er Jahre in Deutschland.

Käferbegriff