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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.56: Hanswurst

Bruder Hannes: Ablaßstreit und Reformation im 16. Jh.

Nominierung

Thema: Der Ablaßstreit als Beginn der Reformation
Quelle: Fachbuch: Schlaglichter der deutschen Geschichte. Sonderausgabe für die Landeszentralen für politische Bildung. Brockhaus-Verlag, Mannheim 1990, S.90, Beitrag 4.4 "Ablaßhandel"
Urheber: Buchautor Helmut M. Müller, mitwirkende Berater Prof. Dr. Karl Friedrich Krieger, Prof. Dr. Hanna Vollrath sowie die Redaktion von Meyers Lexikon

Aussage

"Die Auswüchse des Tetzelschen Ablaßhandels (Ablaß für die Sündenstrafen Verstorbener und sogar für eigene zukünftige Sünden gegen entsprechende Zahlung) veranlaßten Luther zur Abfassung seiner berühmten 95 Thesen."

Da man auf der Suche nach Mißverständnissen oder Falschangaben über Geschichte in der genannten Publikation stets zu vielen Themen fündig wird (Art.3, Art.23, Art.38), sei sie hier als Musterbeispiel genannt. Tatsächlich krönt sie nur einen unüberschaubaren Schwarm von Legenden um die Person des Ablaßpredigers Johann Tetzel und den Ablaßstreit.

Tatsachen

Universitätsbibliothek Neuchâtel. Poet3.39
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Hintergrund: Der Ablaßstreit ist ein Symbol für historische Mißstände in der Kirche, weshalb die Kritik Martin Luthers daran zum Startpunkt für die Reformation und protestantische Kirchen wurde (Protestanten=>"pro-testare", für etwas Zeugnis ablegen). Dieses Streitsymbol wiederum wird personifiziert mit dem Dominikaner Johann/es Tetzel (Tezel, Diez, Diezel, Tietzel, um 1465-1519).x(1) Rechts ein wohl calvinistisches Portrait aus der Reformationszeit im düsteren Mabuse-Stil mit Echsenkopf.(bpun.unine.ch/IconoNeuch/Portraits/A-Z/T.htm)

Mathis Grünewald: Hl. Erasmus, München, Pinakothek
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Finanzpolitik: Tetzel war beauftragt mit einer Ablaßkampagne im Dienst der Finanzierung des neuen Petersdoms zu Rom. Das wäre wohl auch kaum weiter aufgefallen, wenn er dabei nicht um 1516 in den Dunstkreis geraten wäre von Kindskardinal Albrecht von Brandenburg (links, 1490-1545). Aus betriebswirtschaftlicher Sicht für den Verständnishorizont moderner Leser war das der Hintergrund:
Tetzels 26 Jahre junger und aufstrebender Manager hatte gleich drei Bistümer akquiriert zu Magdeburg, Mainz und Halberstadt. Für dieses üppige Portfolio verlangte die in Italien ansässige Muttergesellschaft eine Lizenz ohne Mengenrabatt zu 29.000 Golddukaten, die Albrecht dem Vatikan zu zahlen hatte. Als Gründe für den Kapitalbedarf der Holding werden neben fortschrittlichen Zukunftsinvestitionen in Kunst, Antiquitäten und Schulen auch Kriege genannt. So durch das Engagement des frz. Königs gegen Mailand, Kriegsdifferenzen mit eigenen Vasallen wie dem Herzog von Ferrara und dysfunktionale Konflikte mit osmanischen Türken unter Selim II. (1524-1574) durch ihre multikulturellen Integrationsbemühungen in Europa.x(2) Jungmanager Albrecht hatte die Gabe, auch in seinen Franchising-Bürden investive Potentiale zu entdecken. Das weitsichtige Finanzhaus Fugger mit besten Referenzen streckte ihm die benötigten Summen für seine innovative Agenda gerne vor. Denn interessante Dividendenschöpfungen konnten generiert werden, seit Albrecht am 01.08.1514 von Papst Leo X. (1513-1521) die Zustimmung zu seinem zielführenden Finanzierungstableau erhalten hatte, für acht Jahre lang Ablässe in Deutschland zu administrieren. Der Ertrag sollte mit Rom geteilt werden zur Tilgung seiner Außenstände. Albrechts erste Fugger-Tranche an den Vatikan in Höhe von 10.000 Dukaten, von denen die Hälfte dem römischen Dombau dienen sollte, bekräftigte das für beide Seiten prospektive Joint-Venture.x(3) Albrecht war zuversichtlich, daß sein neuer branchenkompetenter Junior-Consultant J. Tetzel M.A. im Rahmen dieses perspektivreichen Reformprojekts positiv mitwirken könne durch Emission von Anteilsscheinen am gemeinsamen Shareholder-Heil, auch ohne Börsen-Notierung.x(4)

Kritiker: Theologieprofessor Martin Luther (eigentlich "Luder") meinte lange, den Humanisten und dekorativen Schön- aber Flachgeist Albrecht für seine eigene Reformsache gewinnen zu können. Deshalb wandte er sich nur, aber speziell, gegen dessen Ablaßagenten Tetzel.x(5) Der Reformator hatte dennoch die Unverfrorenheit, später in einem Brief an Tetzel zu behaupten, die daraus erwachsene persönliche Feindschaft sei nicht von ihm verursacht, sondern habe "einen anderen Vater".x(6) Nach Tetzels Tod bereicherte Luther 1541 in einer weiteren Schmähschrift gegen den Ablaßprediger die deutsche Sprache um den Spottnamen "Hanswurst".x(7) Indem betont wird, daß Hanswurst Tetzel im Auftrag von Papst und Kirche zur Eintreibung möglichst hoher Gelderträge auch theologisch falsche Behauptungen unter das Volk streute, wird anscheinend bewiesen, daß die Kirche auch nach den Maßstäben eigener Lehre objektiv im Irrtum stand, so daß umgekehrt der Reformator Luther die Wahrheit gegen ungerechte Macht zu repräsentieren scheint. Dieser Hintergrund läßt ahnen, daß auf interessierter Seite die historischen Tatsachen um Person und Wirken Tetzels Teil der eigenen Selbstdarstellung sind und nicht immer mit Objektivität behandelt werden.

x Der Ablaßprediger Tetzel gilt als Symbolfigur für Unrecht in der Kirche und als Rechtfertigung für die lutherische Reformation. Damit sind die historischen Fakten um seine Person zugleich Teil einer weltanschaulichen Auseinandersetzung, deren Ansatzpunkt in fragwürdigen Finanzaktionen zwischen einem deutschen Kardinal und dem Vatikan gesehen wird.

Ablaß-Theologie

Tetzels Schrift "Vorlegung" im Eisenhüt-Druck von 1700
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Naheliegenderweise muß zunächst bekannt sein, was die Lehre der Kirche überhaupt zum Ablaß sagt, ehe geklärt werden kann, ob Tetzels Ablaßpredigten dazu im Widerspruch standen. Das pastorale Konzept der Sündenerlösung hatte sich seit der Urkirche entwickelt und ausgeprägt.x(8) Demnach gibt es durch göttliche Gerechtigkeit zwei Folgen schwerer Schuld:

  Verdammnis und Trennung von Gott (culpa/Schuld). Sie wird behoben durch die förmliche Lossprechung im Beichtsakrament (Absolution) oder in Notfällen durch eine vollkommene Reue vor Gott, der soweit möglich, dennoch Beichte folgen müßte.

  Schuldstrafe und Sühne nach dem Tod (poena/Strafe). Sie kann im Diesseits abgetragen werden durch eigene gute Werke oder durch Anteil am Überschuß guter Werke von anderen Gläubigen.
Die Kirche sieht sich als Verwalterin des Gemeinschaftserbes der Erlösung Christi und der Heiligen (Gnadenschatz) und damit autorisiert, aus diesen Verdiensten vor Gott Ablaß (Indulgenz) von Schuldstrafen vermitteln zu können.x(9)

  Lebenden-Ablaß: Voraussetzung ist, daß der Erwerbende sich durch Reue, sakramentale Vergebung und Buße von Verdammnis schon befreit hat, ehe gute Werke und Ablässe Schuldstrafe abtragen. Es gibt teilweise Ablässe sowie vollkommene Ablässe, welche alle bis dahin vorhandenen Strafen abtragen.

  Verstorbenen-Ablaß: Ablässe können auch Verstorbenen gewidmet werden, von denen man annimmt, sie seien noch zwischen Himmel und Verdammnis an einem Läuterungsort und bedürfen der Widmung an Verdiensten.

  Ablaßbrief: eigentlich "Beichtbrief". Sie wurden nach Einzelfällen häufiger Brauch seit Papst Johann XXII. (1316-1334) und beziehen sich auf eine Zeit, als nicht alle Verfehlungen von jedem Priester vergeben werden konnten. Absolution von "reservierten Sünden" war zeitweise dem Papst allein vorbehalten. Der Beichtbrief war die Vergünstigung, trotzdem auch in diesen Fällen Vergebung durch einen beliebigen priesterlichen Seelsorger zu erhalten. Verbunden damit war ein vollkommener Ablaß in der Todesstunde. Die normale Beichte führte zu keinen Ablässen. Ein Beichtbrief war ungültig, wenn sich sein Empfänger im Vertrauen darauf nicht mehr um ein frommes Leben bemühte.x(10)

Geld: Die frommen Werke zum Ablaß hin konnten und sollten aller Art sein. Zu Tetzels Zeit wurde meist der Kirchenbesuch verlangt, womit reagiert wurde auf einen Niedergang der Andachtspraxis. Gläubige ohne Vermögen sollten laut Mainzer Ablaßinstruktion Ablaß auch ohne Geldspende erhalten: "Jene, welche kein Geld haben, sollen ihren Beitrag durch Gebet und Fasten ersetzen, denn das Himmelreich soll den Reichen nicht mehr als den Armen offen stehen." Zweck dieser Ablässe bestehe letztlich darin, Anreiz für gute Werke zu geben, "da hier nicht weniger das Heil der Christgläubigen als der Nutzen des Baues der Peterskirche gesucht wird." Ob Geldspende an sich schon zum Ablaß führt, war eine mißverständliche Ansicht unter Theologen, die 1482 vor der Pariser Fakultät als Irrlehre zur Anzeige gebracht und aufgegeben wurde.x(11)

Lehrmeinungen: Neben diesen allgemeinen Richtlinien blieben in Detailfragen unterschiedliche theologische Schulmeinungen. Zu Tetzels Zeit etwa Fragen, ob Ablässe für Verstorbene auch dann erwirkt werden können, wenn der lebende Vermittler noch ohne sakramentale Vergebung in Schuld steht, und ob es möglich ist, einen Ablaß konkret auf eine bestimmte Seele zu lenken. Tetzel hatte hier die Mainzer Ablaßinstruktion von Albrecht zu befolgen, die entsprechend damaliger Mehrheitsmeinung überzeugt war, daß beides möglich sei. Diese Ansicht hatte aber keinen Bestand und wurde später aufgegeben.x(12)

x Ablässe der Kirche sind Verdienstübertragungen zur Abwendung von Strafe für Schuld, die zuvor bereut und sakramental vergeben worden sein muß. Dann und in Verbindung mit guten Werken können Lebende Ablässe für sich erwerben, die sie auch Verstorbenen widmen können. Beichtbriefe waren Kompetenzübertragungen für Vergebung spezieller Verfehlungen vom Papst auf einen selbstgewählten Geistlichen verbunden mit einem Ablaß. In der offiziellen Glaubenslehre gab es keinen Zusammenhang zwischen Geldspenden und der Absolution von Schuld.

Theologenstreit

Ablaß durch röm. Kardinalbischöfe 1517 für die Pfarrkirche St. Gangolf in Trier
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Bekanntester Beleg für Luthers Ablaßkritik sind seine "95 Thesen" sowie spätere Druckschriften der reformatorischen Parteien. Die Thesen wurden vermutlich nicht am 31.10.1517 am Tor der Wittenberger Schloßkirche angeschlagen, sondern als Beschwerde in lat. Sprache an zuständige Bischöfe geschickt sowie an seine Freunde.x(13) Mehrere Thesen Luthers behandeln die Ablaßfrage, doch hatte dieser Streitpunkt erst später diese prominente Stellung erhalten und war von ihm nachredigiert worden.x(14) Zum "Ablaßbrief" gibt es bis heute grundlegende Irrtümer. Die historische Urkunde links wird ebenfalls so bezeichnet. Richtig ist nur daß sie Ablaß behandelt und ein Dokument ("Brief") ist. Sie war aber für Gläubige nicht käuflich und bezog sich auch nicht auf "reservierte Sünden", war also kein Beichtbrief. Tatsächliche Beichtbriefe (auch von Tetzel) werden bis heute als Beweise umgedeutet für den Sündenfreikauf gegen Geld, wobei das Publikum solche lat. Dokumente meist nicht selbst nachprüfen kann. Sie waren zwar käuflich und behandeln im Text auch Sünde, sind aber nur ein Gutschein für erleichterte Beichte für Sondersünden mit daran geknüpftem Ablaß. Die bloße Geldspende und der Erhalt eines solches Dokuments änderten auch nach damaliger Glaubenslehre nichts an vorhandener Sündenschuld und -strafe des Empfängers, wenn dieser nicht durch das Beichtsakrament geläutert war.x(15) Luther behauptete in seinen später publizierten Thesen:x(16)
a) Ablässe durch den Papst können keine Sündenstrafen tilgen (T 21, 71, 72);
b) Reue alleine schon tilgt alle Sündenschuld und -strafe (T 36);
c) Geldspenden können keine Seelen im Fegefeuer erlösen (T 27);
d) Ablaßbriefe garantieren keine Erlösung, und wer darauf vertraut wird verdammt (T 32).

Ablaßhandel. Reformatorisches Flugblatt 1530, Holzschnitt von Jörg Breu d.Ä.
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Widerspruch: Mit den Argumenten a) und b) stellte sich Theologieprofessor Luther selbst in Widerspruch zur Glaubenslehre der Kirche. Die Autorität des Papstes bei Ablässen ist bis heute theologisch begründet und gültig (Vergl. Anm.9). Aus gleicher Begründung wurde auch abgeleitet, daß Reue ohne sakramentale Lossprechung nicht von Sündenschuld vor Gott erlöst.

Mißverständnisse: Mit c) und d) gerieten beide Parteien in ein Nebelfeld. Spenden alleine erlösen natürlich nicht von Schuld, doch wurde das vom kirchlichen Lehramt so auch nicht behauptet. Erlösung hing entgegen späterer Propaganda der Reformation grundsätzlich nicht vom Vermögen ab. Beichtbriefe sollten an Mittellose kostenlos abgegeben werden (Vergl. zu Anm.10). Sie waren ungültig, wenn ihr Empfänger sich im Vertrauen darauf nicht mehr um gottgefälliges Leben bemüht. Für sich selbst konnte keiner ohne Beichtsakrament Befreiung von Schuld erhalten, auch nicht mit Geld. Hierin gab es keine Differenzen zwischen dem Reformator und dem, was er kritisierte. Diese Differenzen mögen aber aufgekommen sein durch das, was im Kirchenvolk darüber mißverstanden wurde.
Der Christgläubige könne durch gute Werke, wie u.a. auch Spenden, vor Gott Ablaß für einen büßenden Verstorbenen erwirken. Wie zuverlässig diese Bitte zum Erfolg führt, darüber gab es Theologen-Differenzen, von denen auch Tetzel betroffen war. Einerseits hatte Petrus von Christus Löse- und Bindegewalt erhalten, woraus folgen könnte, daß er und seine Nachfolger auch Seelen Verstorbener begnadigen können: "Was immer du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was immer du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein".x(17) Andererseits bedeutet der Wortlaut dieser Authorisierung nur, daß Entscheidungen für das Diesseits im Jenseits anerkannt sind. Das heißt aber nicht zwingend, daß von der Erde aus auch Entscheidungen für das Jenseits getroffen werden können. Luther hatte mit seiner reißerischen Polemik zwar ein Verständnisproblem unklarer Zuständigkeiten genannt, es mit Brüllargumenten und gänzlicher Verwerfung des Themas aber nicht lösen können.

Publizistischer Ursprung des Hüpfgroschens
(Bildvergrößerung)
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Tetzel-Lehre: Authentische Nachweise zu Aussagen Tetzels beschränken sich weitgehend auf seine schriftlich überlieferte Verteidigung der 106 Thesen seines Dominikaner-Professors Wimpina (=von Buchen/Konrad Koch aus Wimpfen/N., 1465-1531). Sie wurde gegen Luther vorgetragen auf einer Disputation am 20.01.1518 in Frankfurt/O. Demnach behauptete diese Theologenschule nicht, daß Geldzahlungen alleine von Sünden erlösen wie ein Freikauf. Vielmehr hieß es laut Tetzel: "Der Ablaß dient alleine wider die Strafe der Sünden, die bereut und gebeichtet sind."x(18) Er ließ sich dabei aber ein auf die Hüpfgroschen-Frage, ob "die Seele in den Himmel springt, wenn das Geld im Kasten klingt". So satirisch formuliert stammt der Satz möglicherweise von Luther selbst. Er wurde jedenfalls von Protestanten geprägt (Flugblatt rechts), ohne daß eine authentische Zuordnung zu Tetzel möglich wäre. Der stellte sich der Provokation mit einer Gegenprovokation. Eine Bestätigung des offensichtlich skandalösen Satzes wurde mit der Erläuterung verbunden, daß fromme Werke als Widmung für Verstorbene dann vor Gott gültig seien, sobald die Widmungsabsicht vorliege und die fromme Tat. Logischerweise ist beides vollendet, sobald eine Geldspende übergeben wird, wie Tetzel vortrug. Laut seiner Schule war es im Sonderfall der Widmung an Verstorbene nicht nötig, daß der Widmer selbst frei von Sündenschuld ist.x(19) Fragwürdig war aber schon zu seiner Zeit die Schlußfolgerung, daß damit automatisch und unvermeidbar eine Seele durch Gott erlöst werden muß, wie Tetzels Schule betonte. Durch Kurienkardinal Cajetan ist bekannt, daß auch Papst Leo X. diese übertriebene Deutung ablehnte.x(20)

Zukunftsfreikauf: Ein weiterer Vorwurf der Reformatoren lautete, Tetzel habe gelehrt, daß man nicht nur Schuld für geschehene Verfehlungen wegkaufen kann, sondern auch für geplante künftige. So habe er das Marktvolumen seiner Dienstleistungen und den Umsatzertrag erhöht, die kirchliche Moral selbst aber lächerlich gemacht. Es würde bedeuten, daß Reue keine Rolle spielt, da man nicht bereuen kann, was man später noch tun wird, sonst würde man es gleich lassen. Diese irrsinnige Behauptung vertritt aber nicht einmal Luther in seinen später redigierten Thesen. Sie ist erst nachweisbar im etablierten Protestantismus. Ein Biograph entdeckte, wie beim alternden Luther Erinnerungen an die Vergangenheit "zu bildsamem Wachs" geworden seien. Tetzels angeblicher Schuld- und Zukunftsfreikauf sei bei Luther nicht früher zu finden als in seiner Schmähschrift "Hanswurst" von 1541, zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Ablaßpredigers. Andere reformatorische Vorwürfe dieser Art liegen entsprechend zeitlich noch später.x(21) Einen authentischen Beleg für die Richtigkeit des Vorwurfs gibt es grundsätzlich nicht; Tetzels schriftlich überlieferte Lehren widersprechen ihm. (Vergl. zu Anm.18)

x Die reformatorische Kritik gegen Tetzel und den Ablaßhandel war teilweise häretisch und stand im Widerspruch zur Glaubenslehre. Sie verwendete auch hetzerische Erfindungen wie den angeblichen Zukunftsfreikauf. Tetzel wiederum repräsentierte in einer Spezialfrage eine plausible aber fragwürdige Schulmeinung zur Vergebung der Sünden. Der automatische Erfolg von Ablässen für Verstorbene wurde schließlich ebenfalls nicht vom kirchlichen Lehramt anerkannt.

Legenden

Tetzel als Kohlkopf-Typus auf Titelblättern reformatorischer Druckschriften. Im Regal an der Wand vorgefertigte "Ablaßbriefe"
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Im Dunstkreis des Reformationsstreits hatten sich offenbar Oppositionelle angesiedelt, für die der Ablaßstreit nur ein willkommener und gesuchter Anlaß war für eine Abwendung von der Kirche. Dabei spielten auch gesellschaftspolitische Motive eine Rolle (Vergl. Art.43/Galilei). Der Ablaßprediger Tetzel wurde zur Projektionsfigur eines Hasses, der bekräftigen sollte, was als genaue Erläuterung entweder wie Haarspalterei, oder als politisches Motiv zu unmoralisch ausgesehen hätte. Neue Publikationstechniken wie Gutenbergs Druck mit beweglichen Lettern und eine Flugblatt-Industrie auf Holzschnittbasis erlaubten es erstmals, einen regelrechten Propaganda-Feldzug zu fahren, dessen medienjungfräuliches Publikum noch besonders eindrucksempfänglich und beeinflußbar war für die Kombination der Wahrnehmungsreize aus Text und Bild. Welches Märchengestrüpp sich so um Tetzel rankt, wird heute zunehmend erkannt.x(22)

Blasphemie: Schon zu Lebzeiten Tetzels mußte er sich gegen haltlose Skandalgerüchte wehren. So habe er angeblich in einer Predigt zu Halle über die Muttergottes gelästert. Der Magistrat der Stadt bestätigte 1517 urkundlich, daß diese Behauptung nicht stimme.x(23)

Tetzelstein: Ebenfalls früh war die Verabschiedung von der Sage, Tetzel habe einem Ritter Hagen aus Königslutter oder einem Herrn "Haaken auf Stülpe bei Jüterbog" Ablaß für einen künftig noch zu begehenden Raub verkauft, worauf dieser Tetzel überfiel und der Ablaßgelder beraubte, ohne damit Schuld vor Gott zu haben. In der preußischen Kulturkampfzeit gegen die kath. Kirche (ab Mitte 19.Jh.) wandelte der Braunschweiger Stadtdirektor W. Bode das abstruse Märchen zeitgemäß um, doch bleibt es gegenstandslos.x(24)

Fall Tillemann: Bis heute in Mode bleibt die Behauptung, Tetzel habe einen Ablaßbrief ausgestellt, worin er gegen hohe Geldzahlung einem Handwerksmeister, der seinen Lehrling ermordete, die Sündenschuld erlassen habe. Dieses Dokument sei zugleich auch ein Beweis für die häretische Ablaßpraxis der Kirche. Sein lat. Wortlaut zeigt entgegen der Meinung seiner Verwender aber, daß kein Ablaß erteilt wurde. Vielmehr hatte ein Vater aus Brandenburg, der sich am Unfalltod seines Sohnes mitschuldig fühlte, durch den Priester Tetzel das Beichtsakrament erhalten, in Form der Geldspende die damit verbundene Buße erfüllt, und sich dies für das Ordinariat seiner Diözese bestätigten lassen, um eine weitere Kirchenbuße am eigenen Ort abzuwenden.x(25)

"Tetzels Ablaßkasten", Modell Wittenberg-Jüterbog
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Sammeldosen: Tetzel hatte anscheinend hohen Verschleiß an Sammelbehältern für Geldstücke, denn es gibt heute mehrere davon, immerhin noch in brauchbarem Zustand; z.B.: Nikolaikirche Jüterbog, im Magdeburger Dom, im Braunschweiger Stadtmuseum, sowie in der Wittenberger Schloßkirche.x(26) Für die jeweilige Zuschreibung zum umstrittenen Ablaßprediger gibt es keinen Beleg. Es handelt sich bei den Relikten vermutlich auch um historische "Opferstöcke", wie sie in Kirchen für Almosen bis heute in modernerer Gestaltung üblich sind, sowie um Geldkisten anderer Verwendung.x(27) Die Ikonographie der Reformation, wie sie in Flugblättern und Holzschnitten überliefert ist, bediente sich oft des Geldkastens in der Hand des Ablaßpredigers als Urbild kirchlicher Abzocke. Es ist nicht verwunderlich, daß anschließend Bedarf entstand nach entsprechenden konkreten Erinnerungsgegenständen, die vielleicht auch durch nachträgliche Zuschreibungen erschaffen wurden.

Magdeburger Stadttor, nach Merian 1631
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Phantominsasse: Um die Person Tetzels zu diskreditieren, und damit letztlich die kirchliche Glaubenslehre, wurden ihm verschiedene Straftaten angedichtet. Luther bezichtigt Tetzel 22 Jahre nach dessen Tod der Unsittlichkeit, des Ehebruchs und Betrugs während angeblicher Predigten in Innsbruck, weshalb Kaiser Maximilian den Dominikaner zum Ersäufen verurteilt und schließlich zu lebenslanger Haft begnadigt habe. Da es hierfür keinerlei Belege gibt, ist anzunehmen, daß Luther diese Geschichte erfunden hatte.(Vergl. Anm.21)
Tetzel sei laut weiteren Gerüchten schließlich auch in Magdeburg im Haft-Turm am Grimma´schen Tore eingekerkert gewesen, der 1834 im Zuge der Stadtentwicklung abgerissen wurde.x(28) Das Problem an diesem ehemaligen Turm ist nur, daß er 1577 gebaut wurde, während Tetzel 1519 gestorben ist. Über die Inhaftierung Verstorbener in Magdeburg ist bislang aber nichts bekannt.

Kellerrestaurant im Leipziger Auerbach-Hof, 1920er Jahre
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Restaurant-Bestattung: Die letzte Ruhestätte Tetzels wurde ebenfalls Gegenstand phantastischer Gerüchte. Reisehandbücher des 19.Jhs. wollten wissen, daß der vermeintliche Auslöser der Reformation in einem Gewölbebogen der Kellergaststätte von Auerbachs Hof in Leipzig bestattet sei. Zwar bot man dem gebeutelten Tetzel noch Alternativen, aber sie lagen alle in Gaststätten von Leipzig, also den Keller-Restaurants des ehemaligen "Café Français" oder des 1845 renovierten Mauricianums. Seine tatsächliche Grabstätte lag aber im Chor an der östlichen Giebelseite der Leipziger Paulinerkirche. Doch auch das war sein Pech. Diese Universitätskirche wurde durch das sozialistische Regime der DDR am 30.05.1968 weggesprengt. Laut bisherigen Ermittlungen durch Zeugenaussagen wurden alle Gebeine auf der Suche nach Wertgegenständen vor der Sprengung ausgeräumt und anschließend vernichtet. Ein Gerichtsverfahren behandelte dazu 2004 einen Vorwurf wegen angeblicher "Geschichtsfälschung". Der Vorsitzende der SED-Nachfolgepartei hatte ihn vergeblich erhoben, als unter seinen Genossen einer der Haupttäter der SED-Vernichtungsaktion ermittelt worden war.x(29)

x Verteufelung aus Sensationslust und Geschichtsvermarktung für den Reformations-Tourismus sind Phänomene, die bis ins 19.Jh. zurückreichen. Dazu werden auch Relikte verwendet, deren historischer Bezug nur in Legenden oder zweifelhaften Annahmen besteht. Auch das trägt dazu bei, daß der umstrittene Ablaßprediger bis heute vertetzelt wird.

Fazit

Die nominierte unseriöse Publikation irrt mit der Ansicht darüber, was Auswüchse des Ablaßhandels bei Tetzel gewesen seien. Der Ablaß für die Sündenstrafen Verstorbener war kein Auswuchs, sondern ist bis heute eine dem Papst zustehende geistliche Kompetenz. Die Behauptung, zu Tetzels Zeit habe man sich per Ablaßbrief auch für künftige Sünden freikaufen können, schreibt fahrlässig eine Lüge protestantischer Propagandisten weiter fort, die wohl ungeprüft übernommen wurde. Unrichtig ist auch, daß der angebliche Skandal der Jubiläumsablässe eigentlicher Auslöser für Luthers Thesen gewesen sei. Diese Thesen waren schon früher in seiner Lehrzeit als Theologieprofessor aus anderen seiner Glaubensprobleme erwachsen. Der Ablaßstreit war für Luther ein willkommener Vorwand, um sich von der Kirche trennen zu können, wobei seine Ablaßthesen von ihm vermutlich nachträglich hinzuredigiert wurden.

Der umstrittene Ablaßprediger der Dominikaner hat beste Voraussetzungen, als Meisterverlierer der Reformationsgeschichte eine Spitzenstellung zu finden. Ohnehin als Opfer aller möglichen Verleumdungen schon zu Lebzeiten abgetetzelt, von Luther nach dem Tod mit Phantasie-Skandalen bedacht, ließ der frühe mitteldeutsche Tourismus ihn selbst als Sargleiche noch im Kerker schmoren und bestattete ihn anschließend in Restaurants, wobei Tetzel schließlich bei roten Fahnen das letzte Grab unterm Hintern in die Luft gesprengt wurde.

Soweit die authentischen Zeugnisse ein solches Urteil noch zulassen, war Tetzel nicht notwendig ein "aufdringlicher Marktschreier" wie es in einem katholischen Schulbuch für den Religionsunterricht heißt. Der Dominikaner hatte jedenfalls laut erhaltener Schriften die Theologie seiner Ablaßpredigten besser verstanden als seine Kritiker bis heute. Diejenigen im Kirchenvolk, die sich für Ablässe als Rabattmarken des himmlischen Supermarkts besonders interessierten, waren schon durch solches Interesse selbst die falschen Kunden, bei denen Mißverständnisse vorprogrammiert waren. Doch war es nicht Tetzels Entscheidung, eine Baukampagne mit Ablaßeinnahmen zu finanzieren.In Luther fand Tetzel ironischerweise einen prominenten Kritiker, der zumindest anfangs viel auf ein einfaches Volk hielt, das aber die Mißverständnisse nur allzu gerne selbst produziert hatte. Und der auf deutsche Landesherren gegen Rom setzte, die wie Kindskardinal Albrecht erst so richtig dafür sorgten, daß Religion zu einem politischen Geschäft wurde. Da hätte Luther auch gleich dem Schatz seiner Sprichworte noch hinzufügen können: "den Teufel mit dem Beelzebub austreiben".

Belege


x(1)Tetzel/biographische Daten:
Eintrag im Kirchenlexikon (
www.bautz.de/bbkl/t/tetzel_j.shtml): Dominikaner und Ablaßprediger. * um 1465 in Pirna b. Dresden als Sohn eines Goldschmieds namens Ziegler (?), + 11.8. 1519 in Leipzig, starb an der Pest. - 1480 (oder 89?) Eintritt in das Dominikanerkloster zu St. Pauli in Leipzig, 1482/83 Theologiestudium in Leipzig; 1487 Baccalaureus artium; 1502 Prior von Glogau, Inquisitor von Sachsen, Prediger in Leipzig und theol. Lehrer am dortigen Ordensstudium; 1504-1510 Ablaßprediger für den Dt. Orden in Livland, seit 1509 Inquisitor für Polen und Sachsen; 1516 Subkommissar im Bistum Meißen beim Ablaß für den Bau der Peterskirche in Rom, seit 1517 Generalsubkommissar i. A. des Erzbischofs Albrecht v. Mainz in den Stiften Halberstadt und Magdeburg. Seine Ablaßreise läßt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren (1517 in Eisleben, Halle, Zerbst, Jüterbog, Magdeburg und Berlin nachweisbar), 1518 Dr. theol. aufgrund einer Ermächtigung durch Leo X; 1518 in Frankfurt/Oder Disputation zwecks Rechtfertigung des Ablaßwesens (mit Antithesen des Frankfurter Theologen Konrad Koch, genannt Wimpina); T. stritt gegen Luthers Schrift »Sermon von Ablaß und Gnade« mit eigener Schrift »Vorlegung«; lebte seit 1518 im Paulinerkloster in Leipzig.

x(2) Päpstlicher Geldbedarf
Burg: Protestantische Geschichtslügen. Essen 1909, S.54, Anm.1.

x(3) Albrechts Finanzreligion
Eine wohl summarisch abgeklärte Zusammenfassung in Brüggeboes, W.: Kirchengeschichte. Düsseldorf 1972, S.103f.; Brüggeboes, W./Geiger, A./Balkenhol, O.: Geschichte der Kirche. Bd.2. Düsseldorf 1962, S.10; J. Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.52ff; die erste Rate mit Bestimmung S.54. Als Finanzvermittler Prälat Dr. Johannes Blankenfelde (1471-1533), Sohn des früheren Berliner Bürgermeisters und Kaufherrn Thomas Blankenfelde (1436-1504) und Vorsteher des deutschen Hauses bei der römischen Kurie.

x(4) Tetzel als Finanzagent
Kuphal, E.: Tetzel und seine Abrechnungen über die Ablaßgelder für den Deutschen Orden in Aachen und Maastricht / Erich Kuphal. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, Nr.48/49, 1928; Gröne: Tetzel und Luther, oder Lebensgeschichte und Rechtfertigungslehre des Ablaßpredigers und Inquisitors Dr. Johann Tetzel aus dem Predigerorden. Soest 2/1860; Hermann, K.W.: Johannes Tetzel, der päpstliche Ablaßprediger. Frankfurt/M. 1882. Evers: Martin Luther. Mainz 1883, Kap. 1, 8, S.234.

x(5) Albrechtsperspektiven
Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.53, Anm.3.

x(6) Unschuldiger Luther
Sein Brief laut De Wette: Luthers Briefe. Berlin 1825-1828. Bd.1, S.336, zitiert in Burg:Geschichtslügen, a.a.O., S.52:
"... sich wegen des Streits unbekümmert lassen; denn die Sach´ ist von meinetwegen nit angefangen, sondern hat als Kind vielmehr einen anderen Vater."

x(7) Hanswurst
Martin Luther: Wider Hans Wurst. 1541. (WA 51, 538) S.23ff.

x(8) Sündenerlösung
Boudinhon: Revue d´histoire. 1898, S.438 und Paulus, N. in: Historisches Jahrbuch 1895. Bd. XVI., S.42. Eine Zusammenfassung bei Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.48ff. und S.55ff. Demnach war es bis zum 3.Jh. Sitte, den Sündigen zeitweise vom Gottesdienst auszuschließen. Ab dann entwickelte sich die Praxis der Abkürzung von Zeitstrafen durch Teilhabe an den Verdiensten der Märtyrer, auch ergänzt durch besonderen Eifer ("gute Werke", Fasten) des Büßenden selbst. Diese Praxis wurde bestätigt durch die Konzilien von Ankyra (314) und Nicäa (325). Es kamen hinzu die Ablösungen von Strafen (Redemtion) oder ihre Umwandlung (Kommutation) seit dem 7.Jh., ausgehend von Irland und England. Dabei wurden strenge Kirchenbußen durch leichtere Werke wie Gebet und Geldspenden für gute Zwecke abgelöst. Hier wurde bald aus einer Einzelfallregelung ein genereller Brauch. Als ersten generellen Ablaß im offiziellen Sinne werden die Nachlässe für Sündenstrafen angesehen, die mit dem Konzil von Clermont 1095 und das Hirtenschreiben von Papst Urban II. (19.09.1096) mit der Teilnahme am Kreuzzug verbunden wurden. Ab dem 12.Jh. kamen von Südfrankreich und Nordspanien zunehmend bischöfliche Ablässe auf. Vergl. Paulus, N. in: Zeitschrift für kath. Theologie. Innsbruck 1909, S.1-40, 281-319.

x(9) Glaubenslehre
Beringer: Die Ablässe. o.O., 1895, S.45. Moderne päpstliche Bekräftigungen der Ablaßlehre durch Papst Paul VI. 1968 und 1998 durch die Bulle von Johannes Paul II. zum Heiligen Jahr 2000. Zitat daraus:
"In Christus und durch Christus ist sein (des Gläubigen) Leben durch ein geheimnisvolles Band mit dem Leben aller anderen Christen in der übernatürlichen Einheit des mystischen Leibes verbunden. So kommt es zwischen den Gläubigen zu einem wunderbaren Austausch geistlicher Güter, kraft dessen die Heiligkeit des einen den anderen zugute kommt, und zwar mehr als die Sünde des einen dem anderen schaden kann. Es gibt Menschen, die geradezu ein Übermaß an Liebe, an ertragenem Leid, an Reinheit und Wahrheit zurücklassen, das die anderen einbezieht und aufrichtet". Auch in einer Generalaudienz. (www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/audiences/1999/documents/hf_jp-ii_aud_29091999_ge.html)
Der derzeit gültige Katholische Katechismus (KKK):
"Der Ablaß wird gewährt durch die Kirche, die kraft der ihr von Jesus Christus gewährten Binde- und Lösegewalt für den betreffenden Christen eintritt und ihm den Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen zuwendet, damit er vom Vater der Barmherzigkeit den Erlaß der für seine Sünden geschuldeten zeitlichen Strafen erlangt. Auf diese Weise will die Kirche diesem Christen nicht nur zu Hilfe kommen, sondern ihn auch zu Werken der Frömmigkeit, der Buße und der Nächstenliebe anregen".
Ebd. wird bestätigt, daß weiterhin Ablässe für Verstorbene erwirkt werden können:
"Da die verstorbenen Gläubigen, die sich auf dem Läuterungsweg befinden, ebenfalls Mitglieder dieser Gemeinschaft der Heiligen sind, können wir ihnen unter anderem dadurch zu Hilfe kommen, daß wir für sie Ablässe erlangen. Dadurch werden den Verstorbenen im Purgatorium für ihre Sünden geschuldete zeitliche Strafen erlassen".
Jüngster General-Ablaß durch Benedikt XVI. für die Pilgerfahrt zum Weltjugendtag in Köln 2005 (
www.koeln.de/cms/artikel.php/1/23980/artikel.html).

x(10) Beichtbriefe
Zur Definition des Beichtbriefs Brüggeboes, W.: Kirchengeschichte. Düsseldorf 1972, S.104. Kostenlos für Arme und ohne Sinn für Spekulanten laut Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.60f.

x(11) Geld-Irrlehre
Die Ablaß-Instruktion laut Dekretale Leos X. in Kapp, J.E.: Sammlung einiger zum päpstlichen Ablaß ... gehörigen Schriften. Leipzig 1721, S.143ff. Nachlese III S.182ff. Anzeige Pariser Theologen: Brüggeboes, W./Geiger, A./Balkenhol, O.: Geschichte der Kirche. Bd.2. Düsseldorf 1962, S.10.

x(12) Fragen in der Ablaßtheologie
Zur Ausage der Mainzer Instruktion Burg: Geschichtslügen, a.a.O, S.58-61. Die Anschauung der Zeit dazu formuliert von einem Zeitgenossen Tetzels, dem Dominikaner Sylvester Prierias:
"Nach der gewöhnlichen Lehre nützen die Ablässe den Verstorbenen nicht nur im allgemeinen, sondern jenen insbesondere, für die sie eigens Gott dargebracht werden, und zwar in der Regel auch nach ihrem vollen Werte." Nach Schmid, F.: Ist der Erfolg unserer Hülfeleistung für die Seelen im Reinigungsorte ein sicherer? In: Innsbrucker Zeitschrift für katholische Theologie, 1893, II S.297ff.

x(13) Türanschlag
Kein Türanschlag laut Forschungen von Honselmann, Iserlohn (www.bautz.de/bbkl/h/honselmann_k.shtml), erwähnt in Brüggeboes: Kirchengeschichte, a.a.O., S.104. Wohl bezogen auf Publikationen wie Honselmann, Klemens: Die Urfassung der Thesen Luthers. Entgegnung zum Aufsatz von Hans Volz, in: ZKG 79 (4. Folge 17), 1968, S.68, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte (ZKG) Nr. 79/1968, Literarische Berichte und Anzeigen, S.85.

x(14) Spätes Ablaßthema
Luthers frühe Disputationen widmen sich nicht dem Ablaßproblem. Belegt durch Luther: Initium negocii evangelici. Wittenberg 1538 durch Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.48. Dazu hier auch Anm.19.

x(15) Luthers Ablaßthesen

"(8) Die kirchlichen Bußgesetze sind bloß den Lebenden auferlegt und können die Sterbendennicht treffen.
(21) Es irren die Ablaßprediger, die da sagen, daß durch des Papstes Ablässe der Mensch von aller Sündenstrafe losgesprochen und erlöst werde.
(27) Menschenlehre predigen die, welche sagen, daß, sobald der Groschen im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.
(32) Wer durch Ablaßbriefe meint, seiner Erlösung gewiß zu sein, der wird ewiglich verdammt sein samt seinen Lehrmeistern.
(36) Jeglicher Christ hat, wenn er in aufrichtiger Reue steht, vollkommenen Erlaß von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablaßbriefe zusteht.
(71) Wer wider die Wahrheit des päpstlichen Ablasses redet, der sei verflucht und maledeit.
(72) Wer aber wider des Ablaßpredigers mutwillige und freche Worte Sorge trägt und sich bekümmert, der sei gesegnet."

Thesen 21, 27, 32, 36 zitiert nach Tenbrock, R.H./Goerlitz, E.: Die Zeit der abendländischen Christenheit (900-1648). Paderborn 1966, S.145. Thesen 1, 8, 71, 72 zitiert nach Busley, H.: Spiegel der Zeiten. Bd.2: Vom Frankenreich bis zum Westfälischen Frieden. Frankfurt/M.-Berlin-München 1972, S.180. Vollständig in: Guggenbühl, G./Huber, H.C.: Quellen zur Geschichte der Neueren Zeit. Zürich 1976, S.27f.

x(16) Beichtbriefdeutungen
Nachgewiesen am Beispiel des Ablaßbriefes von Tetzels Oberem Arcimbold vom 04.07.1517, publiziert durch Kist, R.E: De Pauselijke Aflaat-Handel in Neederland. In: Archief voor kerkelijke Geschidenis, Bd.1, Leyden 1829, S.223ff.; mißverstanden durch: Reichsbote Nr. 266, 10.11.1905, 3. Beilage, diskutiert bei Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.61f.

x(17) Petruskompetenz
Z.B. NT, Markus-Evangelium:
"16,18) Aber auch ich sage dir, daß du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen. 16,19) Und ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was immer du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was immer du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein."

x(18) Tetzels Ablaßlehre
Zitat Tetzel:
"(1) Der vollkommene Ablaß nimmt weg die Strafe, welche die göttliche Gerechtigkeit für die Sünde, so sie bereut und gebeichtet ist, erfordert. ... (Der Ablaß dient) alleine wider die Strafe der Sünden, die bereut und gebeichtet sind. (2) Im hl. Konzil zu Costnitz ist aufs neue beschlossen worden, wer Ablaß verdienen will, der muß zu der Reue nach Ordnung der hl. Kirche gebeichtet haben, oder nach Ordnung der hl. Kirche sich vorsetzen, es zu tun. Solches bringen auch mit gemeinlich alle päpstlichen Ablaßbullen und Briefe. Keiner verdient Ablaß, er sei denn in wahrhaftiger Reue und in der Liebe Gottes." In Tetzel, J.: Vorlegung gemacht von Bruder Johan Tetzel, Prediger Ordis Ketzermeister, wyder eynen vormessen Sermon von tzwentzig irrigen Artickeln bebstlichen Ablas unn Gnade belangende allen cristglaubigen Menschen tzu wissen von notten / Johann Tetzel. 1518. - 16 Bl. ; 8-o; Archiv: EAB Paderborn: Th. zu 6116; hier Zitat (1) laut Bl. A 4a. B. 2a., Zitat (2) laut A. 3a. C. 2b. Von Tetzel ferner: Widerlegung eines vermessenen Sermons / Johann Tetzel. In: Flugschriften gegen die Reformation / hrsg. u. bearb. von Adolf Laube unter Mitarb. von Ulman Weiß. - S.[51] - 71

x(19) Hüpfgroschen
Tetzel-Thesen:
"(55) Daß eine gereinigte Seele auffliege, bedeutet, daß sie zur Anschauung Gottes gelange, wobei sie durch nichts aufgehalten werden kann. (56) Wer daher sagt, daß die Seele nicht noch schneller auffliegen könne, als der Groschen auf dem Boden der Kiste zu erklingen vermag, der irrt." Zitiert nach "Vorlegung" in Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.60. Zur Disputation auch Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Nr. 1/1895, S.7.

x(20) Cajetan-Bericht
Paulus, N. in: Historisches Jahrbuch 1895. Bd. I. c., S.47 laut Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.60.

x(21) Zukunfts-Freikauf
So Streckfuß, A.: 500 Jahre Berliner Geschichte. Vom Fischerdorf zur Weltstadt. Geschichte und Sage. Bd. 1. Berlin 4/1886, S.68-73. Als Lehrgegenstand in protestantischen Schulen laut "Biblische Geschichte für die vereinigte protestantisch-evangelische-christliche Kirche der Pfalz", Speyer 1904, kirchengeschichtlicher Anhang, S.163. Enthüllungen des Luther Biographen Hausrath, A.: Luthers Leben. Berlin 1904, S.432. Demnach sei auch die Innsbrucker Skandalgeschichte um Tetzel von Luther frei erfunden worden. Diese kommentiert durch Leipziger Tageblatt 1879 in Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.52. Tetzel als Haßfigur vor allem in Otto Corvins Pfaffenspiegel
(www.humanist.de/religion/pfaffe.html).
Tatsächlich findet sich der älteste Literaturbeleg zum Zukunftsfreikauf nach Luthers "Hanswurst" von 1541 nicht früher als durch seinen Freund Mykonius (1542).

x(22) Gestrüpperkenntnisse
Magazinartikel
(www.luise-berlin.de/bms/inxreg.htm) Herbert Schwenck: Atemlos lauschte die Menge. Johann Tetzel - ein Kapitel "Weltgeschichte auf berlinisch". In: Berlinische Monatsschrift Nr. 11/1997, 6.Jg., S.4-11
(
www.luise-berlin.de/bms/bmstxt97/9711prob.htm).

x(23) Halle-Predigt
Urkunde des Stadtmagistrats vom 12.12.1517:
"Wir haben einmütig befunden und erkennen, daß wir solche unschickliche Rede und Hohnsprache vom würdigen Herrn (Tetzel) weder bei uns, noch sonst haben früher reden oder predigen (hören)." Bei Palus, R.: Zur Biographie Tetzels. In: Historisches Jahrbuch 1895, S.37-69 und in Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.52f.

x(24) Tetzelstein
Als Tatsache bei Vogel, J.: Leben Tetzels. Leipzig 1717, S.355ff.; Hofmann, S.: Lebensbeschreibung Tetzels. Leipzig 1844, S.73f; schon als "unhistorisch" qualifiziert laut Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Nr. 7/ 1888, S.62/63. Trotzdem als hist. Tatsache wiederholt in: Ebeling (Hrsg.): Leipziger Hausvater. Evangelisch-kirchliches Monatsblatt für Leipzig und Umgebung. Nr. 5/1901. Eine Skizze der Sage bei Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.62.

x(25) Tillemann-Fall
Wohl erstmals aufgebracht durch Seidelius, P.: Historia und Geschicht ... Martini Lutheri. Wittenberg 1581, S.21ff. Aufgewärmt in der Kulturkampf-Zeit durch die Rostocker Zeitung Nr. 518/1898:
"Meister Tillemann aus Köpenik hatte seinen Lehrling erschlagen. ... (Tetzel verkaufte ihm einen Ablaßbrief des Wortlauts:) Wir absolviren dich aus Barmherzigkeit von dem Todtschlage eines Menschen, da du uns die Gebühren nach Deinem Vermögen zum Bau der Peterskirche in Rom gezahlt hast. Wir erklären durch diesen Brief: Daß du durch diesen Brief von uns von dem Menschen-Todtschlage absolvierte worden seiest. Wir befehehln auch allen und jeden, welchen dies zu Gesicht bekommen wird, daß sie dieser Versicherung, daß du aufs vollkommenste absolvierte seist, Glauben beimessen so, daß durchaus niemand dich dieses Mordes halber anklagen dürfe. Dies bekräften und bezeugen wir und haben unser gewöhnliches geistliches Verwaltungssiegel beigedruckt. Gegeben in Berlin den 5. October 1517. Tetzel."
Der tatsächliche Wortlaut des Dokuments lautet:
"Exposuisti nobis, quod volebas suem percutere, in quo casu puer tuus te non vidente tibi appropinquavit, quem (percutiendo post suem) contra omnem voluntatem tuam, cum infinita cordis tui tristitia, tetigisti animae tuae consulere a nobis de opportuno absolutionis remedio tibi provideri humiliter postulari fecisti. Quocirca nos te, qui nobiscum secundum vires tuas in commodum preafatae fabricae (Peterskirche) compositum fecii, autoritate apostoloca, qua fungimur in hac parte, ab homicidio misericorditer absolvimus, teque eadem autoritate per nos a dicto homicidio absolutum esse per praesentes denunciamus literas. Mandamus etiam omnibus et singulis, ut fidem hisce tribuant, te plenissime absolutum esse statuant, huiusque caedis ne unquam quisquam accuset. Ad fidem et testimonium sigillum praefatae fabricae."
Eine frühe dt. Übersetzung durch Andreas Angelus (Engel): Annales Marchiae Brandenburgicae, Frankfurt an der Oder 1598, S.287:
"Du hast uns berichtet, als woltestu nach deiner Saw (Sau) schlagen, so ist dir dein junge, welchen du nicht gesehen, unversehens im schlage kommen und hast denselben wider dein willen getroffen und todt geschlagen: Welches dir von Hertzen leid ist ... Sprechen dich hiermit davon ganz los, und befehlen daneben allen und jeden, welchen dieser Brieff zu lesen für kömpt, das sie demselben glauben geben, und niemandt mehr jemals dich darumb ansprechen oder beschuldigen sollen, wo ferne sie nicht in unserer straff und urtheil kommen wollen."

x(26) Sammeldosen- Netzadressen
Nikolaikirche Jüterbog (
www.flaeming-tourismus.de/flaeming2.html)
Magdeburg: Netzseiten der EKD (
www.ekd.de/synode2004/photos_dom_2.html)
Braunschweiger Stadtmuseum (
www.bayern.de/HDBG/haed210a.htm)
Wittenberger Schloßkirche (
unterkunft.wittenberg.de/seiten/ablass.html)

x(27) Ablaßkästen
Zum Jüterboger Kastenmodell der protest. Historiker Dr. Körner: Tetzel, der Ablaßprediger. Frankenberg i.S.1880, S.73:
"Allerlei Andenken an Tetzels Anwesenheit in Jüterbog sollen dort noch aufbewahrt werden. Allein, der jetzige Oberpfarrer Wiek hatte die Gefälligkeit, uns mitzuteilen, daß gegenwärtig von dort kein Anhaltspunkt für Tetzels Geschichte zu gewinnen sei."

x(28) Grimmaturm
Brockhaus: Konversationslexikon, berichtet von: Leipziger Tageblatt, 29. Mai 1879, in Burg: Geschichtslügen, a.a.O., S.51f.

x(29) Grabsprengung
Zeugenaussagen:
(www.detektei-wischer.de/zeitzeugen.pdf) Zu Gerüchten und dem echten Tetzelgrab das Leipziger Tageblatt vom 29.05.1879: "... wurde im Chore der Paulinerkirche beigesetzt... liegt unmittelbar vor der östlichen Giebelseite, ... deren abgebrochenes Chor etwa um zwanzig Ellen herausragt." Wiederaufbau-Projekt (www.paulinerkirche.de/). Um die Fakten der DDR-Kirchensprengung gab es 2004 einen Gerichtsstreit zwischen dem SED/PDS-Vorsitzenden Bisky und dem Nachrichtenmagazin Focus. Dieses hatte seinen Parteigenossen Hans Lauter als einen der maßgeblichen Mittäter am Kulturfrevel ausgemacht. Bisky wurde verurteilt, dies nicht als "Geschichtsfälschung" kritisieren zu dürfen. (LG München-1, 11.08.2004, Az. 9 O 5704/04) Netz: (f15.parsimony.net/forum25088/messages/4414.htm)
Veröffentlichung: Dezember 2005
+Nr.55: ErfindungenNr.57: Vampirismus+
 
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Sepp Depp: Prämie für Falschangaben zur Geschichte: Redaktionell ausgewählte Webseite auf onlinestreet.de
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