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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.57: Vampirismus

Balkanfürst Dracula: Die Walachei im 15. Jh.

Nominierung

Thema: Historische Fakten zur Mythenfigur des slawischen Balkanfürsten Wladyslaw III. (Draculea)
Quelle: Fernsehfilm (www.imdb.com/title/tt0240793/): Fürst der Finsternis-Die wahre Geschichte von Dracula (2000), SAT.1, 14.01.06, 23,45h
Urheber: Buch: Thomas Baum, Regie: Joe Chappelle, Produktion: Artisan

Aussagen

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A) Draculas Vater wurde lebendig begraben.
B) Draculas Frau "Lidia" bekam Angst vor ihrem Ehemann und stürzte sich deshalb 1464 von der Burgmauer in den Tod.
C) Dracula wurde von der Ostkirche exkommuniziert und in einem Komplott von Bruder Radu und Kirche im Kloster ermordet.
D) Dracula saß beim ungarischen König in finsterem Kerker

Der peinliche Abschreibungsfilm jenseits des in Worte faßbaren Qualitätsspektrums wird mit dem Anspruch vermarktet, in unterhaltsamer Form dokumentarische Tatsachen zu vermitteln, wozu auch geschichtliche Jahreszahlen eingeblendet werden. Die "Fernsehwoche" (Januar 2005, S.33) spendiert ihm zwei von drei möglichen Sternen und das Prädikat "sehenswert". Die holperige Kostümschnulze mit kontraproduktivem Umschlagbild (links) hat Schauspieler, die selbst in einem Schultheater vor den Sommerferien kaum eine Rolle fänden. Anleihen bei früher erfolgreichen Filmen inszenieren hier Faktenangaben, die eine willkürliche Auswahl aus widersprechenden Legenden sind, oder die historischen Fakten zur Person widersprechen.

Tatsachen

Draculea (dt. Meister um 1560/Schloß Ambras)
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Familie: Der kleinwüchsige aber stämmige walachische Bojar (Großbauer/Adelige) und spätere Wojwode (Fürst) namens Vladislaus III. Drâcul hatte viele Namen. Er ist heute bekannt als Dracula oder "Vlad Tepesch", auf Deutsch ungefähr: "Laslo Pfähler". Wegen Namensähnlichkeiten örtlicher Herrscher seiner Zeit setzt sich nun für ihn der zeitgenössische Kurzname "Draculea" durch, den er auch selbst bevorzugt haben soll.x(1) Portraits reichen bis in seine Lebenszeit zurück, so daß der bekannte Gesichtstypus, der auch mit zeitgenössischen Beschreibungen übereinstimmt, als authentisch anzusehen ist.x(2)
Er wurde 1431 geboren in Schäßburg (Sighi šoara), Region Siebenbürgen (Transsylvanien), und wuchs vermutlich auf im Haus des späteren Bürgermeisters Schuller v.Rosenthal am Markt neben der Spitalsschule, wo er seinen ersten Unterricht erhielt. Als Regent lebte Draculea später in der benachbarten slawischen Walachei auf Burg Poenari, nördlich Curtea de Arges und später in der Hauptstadt Tirgoviste (Târgoviste).
Sein Vater, Vlad II. Drâcul (1395-1447), war ab 1430 Amtswalter im deutschen Siedlungsgebiet, häufig mit Aufenthalten am Königs- und Kaiserhof in Nürnberg, wo er schließlich auch das Lehen als Fürst der Walachei erhalten hatte, um seinen Stiefbruder Aldo (Alexandru Aldea) zu verdrängen, der sich durch Türkenbeziehungen verdächtig gemacht hatte. Dieser Machtwechsel gelang 1436, worauf Vlad Sen. mit der Familie in die Residenz der Walachei umsiedelte. Seine von ihm verstoßene, heute unbekannte Ehefrau gebar ihm Mircea II. (†1447/Basarab) und Vlad III. (1431-1476/Draculea). Sie hatte während der langen Abwesenheit des Vaters Ehebruch begangen und mit dem Liebhaber zusammengelebt. So ist anzunehmen, daß Vlads dritter Sohn Radu III. (1438-1500/cel Frumos="der Hübsche") einer zweiten Ehe mit Cneajna entstammt aus der moldawischen Fürstenfamilie der Musat(in).

Gedenk-Grab Draculeas im Kloster Snagov
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Ein vierter und illegitimer Sohn, Vlad IV. (†1496/Mircea, der Mönch), sei durch die Mätresse Caltuna geboren worden.x(3)
Sohn Vlad III. Draculea erhielt eine umfängliche Ausbildung und beherrschte mehrere Fremdsprachen . Er war wie sein Bruder Radu Kinder-Geisel im türkischen Kerker Egrigöz von 1442-1448 unter Murad II., was ihn zeitlebens prägte. Letztlich nur Söldnerführer für Ungarn, fiel auch er wie einige Verwandten einer Intrige des dortigen Königs zum Opfer. Er verbrachte 13 Jahre (1462-1475) im Hausarrest und starb nach seiner Freilassung um 1476 in der Schlacht gegen türkische Truppen. Die Quellenlage ist gemessen an den Umständen vergleichsweise gut; inzwischen wurde eine Urkunde, Briefe und sein Tagebuch aus der ungarischen Gefangenschaft gefunden.x(4)

Symbol des Drachenordens mit Uroborus
bei Oswald v.Wolkenstein, 1432
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Drache: Der Familienname wird oft in einen satanistischen Zusammenhang gestellt. Er entstand jedoch aus der Aufnahme Vlads II. auf dem Nürnberger Reichstag Februar 1431 in den Drachenorden (SD, "Societas Draconistarum"). Er wurde am 13.12.1408 vom späteren Kaiser Sigismund v.Luxemburg (1368-1437) gegründet für Ritteradel sowie andere "begabte und charakterfeste Männer". Ab 1409 entstand eine Abteilung für ausländische Fürsten, zunächst aus England, Polen, Litauen und der Walachei. Der Orden hatte sich die Verteidigung des christlichen Glaubens zum Ziel gesetzt gegen heidnisch-islamische und ketzerische Gefahren.x(5) Unglücklicherweise bedeutet der lateinische Name (draco=Drache), den sich Vlad Senior nicht aussuchen konnte, in der Sprache seines Landes (drâc) ebenso Drache wie Teufel (Drache/Schlange/Teufelsschlange). Das Wappensymbol geht indes bis auf den röm. Kaiser Trajan zurück und wurde weitergepflegt bei den angelsächsischen Königen (Arthus-Sage). Der Drache ist bis heute Wappentier im königlich-britischen Staatswappen. In der alten europäischen Symbolwelt bedeutet der Drache u.a. einen mächtigen und klugen Wächter.x(6)

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Machtpolitik: Draculeas Heimatland Walachei (von "Volcae", ein Keltenstamm) entwickelte sich aus dem oströmischen Dakien (106-271), das im Mittelalter unter bulgarische Herrschaft fiel. Nach dem Niedergang von Byzanz entstand 1330 erstmals die Walachei als selbständiges Fürstentum. Während der weiteren osmanischen Eroberung Richtung Europa wurde es ab 1396 dem Sultan der Osmanen tributpflichtig. Zur Zeit von Draculea war die Walachei verbunden mit dem Königreich Ungarn und von dort über das Haus Luxemburg/Anjou mit dem deutschen Kaiserreich, unter Friedrich III. (1415-1493). Die Südostgrenze Ungarns ("Siebenbürgen") war deshalb auch Siedlungsraum deutscher Kolonisten verschiedener Herkunft wie Rheingau und Lüttich, meist summarisch als "Sachsen" bezeichnet.
Die Walachei war um Draculeas Zeit ein Konfrontationsraum an der Grenze verschiedener Kulturen und Herrschaften. Streit brodelte zwischen römisch-katholischem Christenum in Ungarn und der Polen an der Moldau sowie dem alten lateinisch-orthodoxen Christentum aus byzantinischer Zeit (seit dem 9. Jh.) gegen den expandierenden Islam der Osmanen. Das gerade erst etablierte Fürstentum Walachei drohte zwischen diesen Mühlsteinen zerrieben zu werden.

Walachei: 18 Herrscher in 32 Jahren
1436–1442 Vlad II. Dracul
1442 Mircea II. Basarab
1442–1443 Basarab II.
1443–1447 Vlad II. Dracul
1447–1448 Vladislav II.
1448 Vlad III. Draculea
1448–1456 Vladislav II.
1456–1462 Vlad III. Draculea
1462–1473 Radu cel Frumos
1473 Basarab Laiota
1473–1474 Radu cel Frumos
1474 Basarab Laiota
1474 Radu cel Frumos
1474 Basarab Laiota
1474–1475 Radu cel Frumos
1475–1476 Basarab Laiota
1476 Vlad III. Draculea
1476–1477 Basarab Laiota

Reibungspunkte: Fürst Vlad Drâcul Senior tanzte also ohne Schuhe auf einem Vulkan, als er aus dem gemütlichen Nürnberg abgereist war und seine Landesherrschaft mit Münzprägerecht per westlicher Hilfe antrat. Er war nominell sowohl Vasall von Ungarn wie auch des Osmanischen Reiches, zusätzlich noch familiär mit den polnischen Moldawiern verbunden. Es sah aber nur so aus, als ob er alle Karten zugleich in der Hand hatte, um die benachbarten Mächte zu eigenem Vorteil gegeneinander ausspielen zu können. Denn solange Vlad Senior das versuchte, konnten walachische Adelige im Bojaren-Rat wie ein Uhrpendel zwischen diesen Polen schwingen und für sich Vorteile ziehen.x(7) Die Wirren spiegeln sich in der Regentenliste der Zeit (links): während 32 Jahren gab es im Durchschnitt alle 1,7 Jahre einen neuen Landesfürsten, darunter aber nur sieben verschiedene Personen, die sich ständig abwechselten. Vier von ihnen waren Mitglieder der bewußten Familie Drâcul (violette Markierung).

Drâcul-Münze mit dem Ordens-Symbol
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Draculea machte schnell deutlich, daß er weniger als sein Vater den Interessen ausländischer Machtpole gerecht werden würde. Mit stets gleicher Brutalität bekämpfte er innerwalachische Korruption und Kriminalität, sowie adeligen Egoismus, der mit allem paktierte, was ihm nützlich war. Den osmanischen Herrschern kündigte er 1460 die Tribute auf und begann sich auch militärisch gegen ihre Bevormundung zu wehren. Mit neuen Partisanen-Taktiken erzielte er regelmäßig erstaunliche Erfolge gegen feindliche Übermacht (1458, 1462). Da die Siebenbürger-Deutschen in Transsylvanien weiter im Handel mit den Osmanen blieben über die Handelswege der Walachei, wurden auch sie teilweise Opfer harter Strafen. Davon waren auch katholische Geistliche nicht ausgenommen.x(8) Draculea gelang der Aufbau einer Zentralverwaltung, innere Stabilität und Sicherheit, sowie das allmähliche Wachsen eines selbständigen slawischen Staates. Trotz ihrer Übermacht errangen die Osmanen nie vollständige Kontrolle über die Walachei. Sie wurde schließlich südliches Kernland des heutigen Staates Rumänien. Draculea gilt dort deshalb abweichend von der westlichen Medienwelt als Volksheld und Begründer ihres 1861 aus der Vereinigung mit anderen Fürstentümern errichteten Staates.

Pamphlet der Linie Markus Ayrer, Nürnberg 1499
Hiervon mindestens 11 weitere ähnliche Fassungen
an verschiedenen, stets deutschen Druckorten
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Hier folgt eine grausige, schreckliche Geschichte von dem wilden Wüterich Dracol Wayde. Wie er die Leute aufgespießt und gebraten und mit den Köpfen in einem Kessel gekocht hat. Und wie er die Leute geschunden und zerhacken läßt wie Unkraut. Jetzt hat er auch den Müttern ihre Kinder gebraten, die sie dann selbst verspeisen mußten. Und viele andere schreckliche Dinge sind in diesem Traktat aufgeschrieben. Und in welchem Land er regiert hat.

Legenden: Der zähflüssige Roman von 1897 des in London lebenden Iren Abraham Stoker (1847-1912/Syhphilis) entstand auf Anregung des Orientalisten Arminius Wanderbey aus Budapest.x(9) Über die dichterische Verwendung von Namen und Falschangaben zur Landschaft hinaus behauptet der Roman keinen Bezug zur realen Geschichte. Sein Erfolg erklärt sich eher durch die damals noch seltenen psycho-erotischen Penthouse-Effekte. Sinnlos für Faktenermittlungen wäre auch die Exegese der zahlreichen historischen Volkslegenden zu Draculea. Sie fußen zwar grundsätzlich auf zeitgenössischen Berichten, sind aber oft geprägt von phantastischen Konstrukten. Diese passen zu genau auf andere Fälle erlogener Verleumdungen gegen Unpersonen, um ernst genommen zu werden (z.B. Gilles des Rais/Blaubart). Ebenso wurde auch Draculea Opfer einer sensationslüsternen Flugblattpublizistik. Sie blühte vor allem in Deutschland gegen den "wilden Wüterich" (links).x(10) Der Balkanfürst war bei der Durchsetzung seiner Politik gerechter Strenge vom bestialischen Sadismus geprägt, den er während der osmanischen Geiselhaft als Alltagskultur türkischer Herrscherhöfe erlebte. Das Machtmittel der Disziplinierung durch Schrecken verstand er als Chance, ein Krisengebiet befrieden zu können. Seine Kopie türkischer Praktiken wie das Pfählen scheint weder in Menge noch Eigenart ihr Vorbild übertroffen zu haben. Außer einem zeitüblichen Hofastrologen (schielender Johann), Interesse an Paracelsus, und einem Hang zu lyrisch-melancholischer Phantasie hatte Draculea wohl auch keinen speziellen Bezug zum Okkultismus seiner Zeit.x(11)

Burgruine Poenaria, 1980er Jahre
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Vermarktung: Draculeas Mythos wurde in der Moderne rasch zum Ziel geldsaugender Kommerz-Vampire. Am Borgo-Pass (Tihuta) ließ das sozialistische Regime Rumäniens ein "Castle Dracula" mit Turm und Gruft nachträglich erbauen, weil der Romancier seine Handlung willkürlich dorthin verlegt hatte. Einen historischen Bezug zu Draculea gibt es nicht. Ebenso ist dies beim "Hotel Goldene Krone" in Bistritz (Bistritia), das erst nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut wurde, um die Realität dem inzwischen weltberühmten Roman anzupassen. Schloß Törzburg (rum. Bran, ungar. Törcsvar) bei Kronstadt (Brasov) ist zwar ein historisches Gemäuer aus dem 14. Jh. aber es gehörte nie den Drâcul und Draculea hatte wohl nur einmal dort übernachtet. Sein angebliches Geburtshaus in Schäßburg (Museumsplatz/ Ecke Pfarrgäßchen, Restaurant) war zu seinen Lebzeiten noch nicht erbaut.x(12) Der Vermarktungsdrang hinter dem Thema ist schließlich bis zu jener Posse verkommen, in welcher ein Pseudo-Nachfahre der Drâcul-Familie, ein Berliner Barmixer, den Vampirnamen 2000/01 -gerichtlich aber vergeblich- reservieren lassen wollte für seinen neuen Weinhandel. Sein Gegner, ein Essener Schnapsbrenner, beißt seit 2005 auf gleiche Weise zurück.x(13)

Falschangaben

Ein weiteres Exemplar der Traktatpropaganda gegen Draculea
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Die Fakten sind bei diesem Thema schwer überschaubar, auch seriöse Darstellungen widersprechen sich häufig. Ein Film, der hierzu behauptet dokumentarisch zu sein, könnte aber immerhin Kenntnisse beachten, die in einem breiten Spektrum zeitgenössischer Quellen gefunden werden. Aus der Vielzahl der Abweichungen zwischen Filmdarstellung und allgemeinem Kenntnisstand seien nur einige herausgegriffen:
A) Draculas Vater wurde lebendig begraben.
Alle Darstellungen sind sich darin einig, daß der Vater im Dezember 1447 in den Sümpfen von Balteni ermordet wurde im Auftrag des ungarischen Königs, nachdem er allzu gute Kontakte mit den feindlichen Osmanen gefunden und Zugeständnisse auf Kosten des Fürstentums gemacht hatte. Tatsächlich war sein ältester Sohn, Mircea II. Basarab, im selben Auftrag und Jahr gefoltert sowie lebendig begraben worden. Kurz nach 1456 hatte Draculea dies auf dem Friedhof von Tirgoviste bei einer Sargöffnung feststellen müssen und zog daraus die für ihn charakteristischen Konsequenzen.
B) Draculas Frau "Lidia" bekam Angst vor ihrem Ehemann und stürzte sich deshalb 1464 von der Burgmauer in den Tod.
Der Name von Draculeas erster Frau scheint unbelegt, so daß hierzu jede Erfindung denkbar ist. Das ist nicht so bei ihrem Selbstmord von 1462 und nicht 1464 wie im Film, denn zum späteren Zeitpunkt war Draculea schon in ungarischer Haft. Grund ihrer Verzweiflungstat war nach gängiger Ansicht nicht Angst vor ihrem Mann, sondern vor türkischen Truppen im Sturm auf Burg Poenaria, nachdem ihr Gatte draußen in der Schlacht als gefallen gemeldet wurde. Als der Fürst, dem falschen Gerücht nacheilend, schließlich von Türken verfolgt in der Burg ankam, lag Eupraxia schon tot in der Schlucht des Arges. Auch anderslautende Versionen gehen grundsätzlich davon aus, daß Draculea nicht bei seiner Gattin war und nicht einmal in der Burg, als sie sich das Leben nahm.

Urkunde von Draculea
Kloster Snagov/Stadtmuseum Budapest