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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.60: Nutzgebiete

Herero-Aufstand am Waterberg in Deutsch-Südwest 1904

Nominierung

Thema: Deutsche Kolonialpolitik: Niederschlagung des Herero-Aufstands 1904-1907

Quellen:
A) TV-Dokumentation ZDF: "Deutsche Kolonien", Teil 2, 15.11.2005
ZDF-Redaktion "Wissen& Entdecken", Autorin Gisela Graichen
(www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,2384611,00.html)
B) Filmdoku: "Weisse Geister. Der Kolonialkrieg gegen die Herero" Interview dazu:
Filmproduzent Martin Baer
(www.satt.org/gesellschaft/04_09_baer.html)
C) Professoraler Aufsatz: The Herero Rebellion (1904).
Prof. Joseph V. O'Brien, Dept. of History, John Jay College of Criminal Justice/New York
(web.jjay.cuny.edu/~jobrien/reference/ob22.html)
D) Landeslesart: Bilder aus Afrika vom Beginn des kurzen 20. Jahrhunderts der Europäer.
Bayerische Landeszentrale für politische Bildung, Beilage d. Bayer. Staatszeitung, 01/04, Peter März
(www.km.bayern.de/blz/report/01_04/2.html)
E) Staatslesart: Der Krieg gegen die Herero 1904-1907.
BRD/Bundesarchiv: Themenausstellung, anonym
(www.bundesarchiv.de/aktuelles/aus_dem_archiv/galerie/00061/index.htm)
F) Kirchenlesart: Entschuldigung steht immer noch aus.
Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR): Nachrichten, August 2004
(www.ekir.de/ekir/33776_28571.asp)
G) Museumslesart: Namibia-Deutschland, eine geteilte Geschichte.
Deutsches Historisches Museum (DHM), Berlin: Ausstellung 25.11.2004-24.04.2005
(www.dhm.de/ausstellungen/namibia/rooms/02.htm)

Aussagen

Nachdem der bemühte Versuch nicht gelungen ist, mit Hilfe dramatischer Phantasien über angebliche Geschichte lukrative Historienprofite in Milliardenhöhe zu generieren, bedürfen entsprechende Versuche einer ausführlichen Dokumentation. Auch, damit es hinterher nicht wieder heißt: "das hat doch nie einer behauptet".

Ein Ersatz für Totenschädel im TV-Bericht sind andere Gruselbilder
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Ursachen
x Durch die deutsche Überfremdung des Eingeborenenlandes, Vorurteile aus rassistischen Haltungen gegen Eingeborene, wie auch durch katastrophale Folgen einer Viehseuche kam es 1904 zu einem kriegsähnlichen Aufstand.(C1)
x(1)
x Es war eine Erhebung gegen Weiße, die Land und Vieh rauben. Aufgebrachte Einheimische töteten in einem überraschenden Aufstand, einem Befreiungskrieg, 123 dt. Siedler.(A1)

Umstände
xIn der erklärten Absicht des Generals von Trotha, alle Herero zu vernichten, kam es unter ausdrücklicher Billigung der Reichsregierung zum ersten Völkermord im 20. Jahrhundert. Im August 1904 wurden die Herero, die sich gegen die Enteignung und Vertreibung von ihrem Land gewaltsam auflehnten, in der Schlacht am Waterberg vernichtend geschlagen und in die Omaheke-Wüste getrieben, wo Zehntausende verdurstet sind. Anfang Oktober befahl von Trotha seinen Truppen, ausdrücklich auch auf Frauen und Kinder zu schießen, die versuchen sollten, auf das Gebiet der Kolonie zurückzukehren. (F1)
xNach einer Reihe von Gefechten wurden die Herero am 11./12. August 1904 am Waterberg vernichtend geschlagen. Die Überlebenden wurden gezielt in das wasserlose Sandfeld der Omaheke abgedrängt, wo Tausende von ihnen verdursteten.(G1)

xFolgen
xDie Zahl der Opfer liegt bei 100.000 Menschen. Das waren fast 80 Prozent der zu jener Zeit lebenden Hereros. Historiker werten heute die Ereignisse als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.(B1)
xVon anderen kolonialen Kriegen des Deutschen Reiches unterscheidet sich die Niederschlagung des Herero-Aufstands durch die unerbittliche Härte des militärischen Vorgehens, das eine völlige Vernichtung des Stammes der Herero wissentlich in Kauf nahm. Von den ca. 80.000 Herero überlebten 15.000 den Völkermord ....(E1)

Bewertung

xGewiss führt vom Herero-Aufstand 1904 keine direkte Linie zu Holocaust und Völkermord des Zweiten Weltkrieges. Trotzdem erinnert doch manches an dem Geschehen von 1904 an die Belagerung Leningrads, die seit Spätsommer 1941 von deutschen Truppen ausgehungert werden sollte, und in der rund eine Million Menschen an Hunger und Entkräftung starben.(D1)
x Rebecca Ndjoze-Ojo (www.parliament.gov.na/ims/pub/biodatadetail.asp?e=66&i=483): Sie (Deutsche) hatten es vor allem auf das Vieh abgesehen, aber ("ruthless") General vonTrotha wollte alle Herero ausrotten. Das ist Völkermord.(A2)

xStimmungen: Lediglich im TV-Bericht wird als Gegenmeinung ein Historiker zitiert (rechts), vom Sender drapiert vor musealer Kolonialware, was wohl Ausbeutungsprofit symbolisieren soll. Er weist die Völkermordwertung zurück - allerdings nur für 34 Sekunden Sendezeit. Demgegenüber stehen laufend stimmungsgeladene Pauschalwertungen, vorzugsweise im Superlativ: "Grausamster Krieg dt. Kolonialgeschichte / Hochtechnologie zur Organisation eines Massensterbens / dunkelstes Kapitel dt. Kolonialgeschichte".

Stimmungserfolge:
Die UNO bestätigte 1985 im Whitaker-Report die Wertung eines "ersten Völkermords", wobei Deutschland, das 8,7% des UNO-Haushalts finanziert, dort bis heute noch als "Feindstaat" eingestuft ist.x(2) Vertreter der Herero wollen seit erfolgreicher Durchsetzung der Zwangsarbeiter-Entschädigungen (Finanztableau: 6 Mrd. DM) nun zwei Mrd. Dollar von zumeist dt. Unternehmen einklagen. Wegen Abweisung vor dt. Gerichten und vor dem Europ. Gerichtshof zuletzt vor einem US-Gericht in Washington (Kanzlei Musolino& Dessel, 2002). Ihr eigener Staat Namibia, der 60% seiner Entwicklungshilfe aus Deutschland erhält, unterstützt diese Forderung angeblich nicht. Doch der TV Bericht zeigt, daß sich auch eine amtierende (nichtgewählte) Politikerin dieses Landes aus dem Dunstkreis der alleinregierenden roten SWAPO-Guerilla mit reißerischen Vorwürfen in diesem Sinne zitieren läßt. Brav erkennt entsprechend zum 100. Jahrestag das bundesdt. Parlament eine "moralische Verantwortung" an, die sich auf ein Ereignis vor Geburt der Eltern der Parlamentarier beziehen soll.x(3)

1. Kolonialismus

Kolonien bis 1914
Mutterland Mio.qkm Einw/M.
England 33,5 396
Rußland 17,4 033
Frankreich 10,6 056
Deutschland 02,4 014
Rest EU 09,9 045

xDer Begriff meint jede Art von Expansion eines Staates, die zum eigenen Nutzen in bereits besiedelte fremde Räume oder andere Staaten greift, um dort eigene Strukturen aufzubauen, auch gegen die Interessen dortiger Einwohner. Obwohl die Definition auch von der Expansion antiker Großmächte wie Griechenland (Polis) und Rom (Colonia) erfüllt wird, werden diese Fälle eher als Zivilisationstransfer bewertet. Ähnlich ist dies im Falle nordamerikanischer Indianer, während im Grenzfall Südafrika europäische Siedler leeres Land fanden (=>Artikel 5). Mechanismen des Kolonialismus wirken vielleicht bis heute fort in Beteiligungsstrategien multinationaler Konzerne und als spiegelverkehrte Prozesse mit selbem Effekt durch die weltweite Migration, die gewissermaßen die Gastländer kolonisiert.

x 1.1 Deutschland: Am europäischen Kolonialismus ab 1500 hatte Deutschland wenig Anteil wie die Gebietsverteilung (Grafik rechts) zeigt. Es hatte über Generationen die Schäden des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) zu bewältigen (=>Artikel 41), löste sich in zerstrittene Fürstentümer auf, und fiel mit Napoleon unter frz. Besatzung (1806-1815). Eine zeitlich kurze Episode Brandenburgischer Kolonien in Afrika und der Karibik um 1700 blieb eine frühe Ausnahme. xErst nach dem Sieg über Frankreich 1871 entstand ein geeintes Reich, das sich für Kolonisierungen in Übersee interessieren konnte. Solche Aktivitäten begannen ab 1884 als privatwirtschaftliche Unternehmungen, etwa durch den preuß. Militärarzt Gustav Nachtigal, den schlesischen Kaufmann Otto Finsch, den Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz oder den Hamburger Reeder Adolph Woermann (1847-1910, links).

Relation Flächen / Einwohner bei Mutterland und Kolonien
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1.2 Kolonialpolitik: Die Imperialismus-Theorie nimmt an, Antriebsfeder des europ. Kolonialismus seien Wirtschaftsunternehmer gewesen, deren Warenüberschuß auf heimischen Märkten nicht mehr verkauft wurde, weshalb neue gesucht und erzwungen wurden.x(4) Auf Deutschland scheint das jedenfalls nicht zuzutreffen. Auf dem Höhepunkt seiner Kolonialaktivitäten 1913 gingen rund 80% seiner Exporte nach Europa, aber nur 8% in Zonen, wo u.a. auch eigene Kolonien lagen.x(5) Regelmäßig wird vorgetragen, Kolonialaktivitäten seien von Rassismus geleitet gewesen, von Verachtung gegen andere Völker. Dann muß es im Falle Deutschlands verwundern, daß der Aufstand gegen seine Kolonialherrschaft 1888 in Ostafrika von Arabern betrieben wurde, nachdem die dt. Kolonialverwaltung Sklaverei verboten hatte, was Menschenrechte über Nutzen stellte.x(6)

1.3 Schlußverkauf: Soweit schließlich neun Gebiete, vornehmlich in Afrika und Ozeanien, Schutz durch Militär des Deutschen Reiches (DR) erhielten, wird von "Deutschen Schutzgebieten" (DSG) gesprochen. Im Rahmen des europäischen Kolonialismus machten sie 3% der Kolonialgebiete aus mit 2,6% ihrer Eingeborenen. Die DSG hatten zwar insgesamt 447% der Fläche des Deutschen Reiches, aber nur 22% seiner Einwohner.

Dt. Schutzgeb. Tsd.qkm Einw./ges. Ausld./dt.
Ostafrika   995 07.750.000 0.004.100
Südwestafrika   835 00.260.000 0.012.300
Kamerun   495 03.850.000 0.001.650
Togo   087 01.000.000 0.000.320
Ozeanien/Neuguinea   003 00.600.000 0.001.010
Samoa/Kiautschou   003 00.230.000 0.004.630
GESAMT 2.418 13.690.000 0.024.010
Dt. Reich ~1914   541 64.925.993 1.259.873

Klassische Kolonialmächte wie Spanien, Portugal, England und Frankreich hatten bereits seit dem 15. Jh. Kolonien erworben. Dem Späteinsteiger Deutschland waren anscheinend nur noch dünn besiedelte und gering bewirtschaftete Reste vom kolonialen Wühltisch übriggeblieben. Bis zum Verlust aller Übersee-Gebiete durch den Ersten Weltkrieg erreichte der Anteil dt. Siedler dort kaum 1% der jeweiligen Ortsbevölkerung (Ausnahme: Südwestafrika=4,7%). Diese Übersee-Besitzungen kosteten den subventionierenden dt. Staat mehr als sie ihm einbrachten. Deutsch-Südwestafrika (DSWA, kurz: DSW) etwa kostete das Deutsche Reich 1895 eine Mio. RM Zuschuß bei steigender Tendenz.x(7) Solche sinnlosen Aufwände schienen sich damals jedoch zu rechtfertigen als unvermeidliches Marketing für einen Platz unter den Großmächten, die Machtpolitik in Europa bestimmten, und damit auch naheliegendere Interessen.x(8) Im Streit um den Besitz der Nordsee-Insel Helgoland konnte der dt. Reichskanzler Bismarck 1890 die Kolonie Witu (Suaheli-Land/Kenia) bei den Briten für die Insel eintauschen.

x Der Begriff "Kolonialismus" schillert durch uneinheitliche Bewertungsmaßstäbe. Mit nur drei Prozent Anteil an den Aktivitäten des europäischen Umfelds konnte das lange mit seiner Selbstfindung beschäftigte Schlußlicht Deutschland keinen wirtschaftlichen Nutzen aus seinen verspäteten überseeischen Expansionen ziehen.

2. Ereignisraum

x 2.1 Vorgeschichte: Wohl nicht zufällig lag das diskutierte Ereignis im Raum der dichtesten dt. Besiedlung in Südwest-Afrika, das ca. 150% der Fläche des DR hatte. Die Region war nach einer unbekannten Zeit nomadischer Ureinwohner (Khoi) bis in das 19. Jh. lediglich Küstenstützpunkt europäischer Kolonisierung durch Portugiesen, Niederländer und Briten. Noch 1829 konnte die frz. Marine von der Gegend lediglich berichten, daß "das Landesinnere so gut wie unbekannt (ist), bewohnt von streunenden wilden Leuten, mit denen kein Handel möglich ist".x(9) Das gebirgige und versteppte Land mit weiten Wüsten fand wenig Interesse bei europ. Kolonialaktivitäten.

x2.2 Kolonisierung: Sie begann nach portugiesischen und niederländischen Erkundungen des 16. Jhs. auf dt. Seite um 1842 mit einer rheinländischen Mission, für die Bismarck am 12.03.1878 vergeblich um Schutz durch den benachbarten engl. Stützpunkt Walfisbay nachsuchte. Nachdem England auch 1882 keine verbindliche Aussage zu seiner Rolle in der Region treffen mochte, entschloß sich 1883 die Hamburger Investitionsgesellschaft Fa. Adolf Lüderitz zum Landkauf, vermittelt über Heinrich Vogelsang bei Nama-Häuptling Josef Frederick. Neben Siedlungsgebiet für Kolonisten war das Ziel die Erschließung von Bodenschätzen. Kaufobjekt war zunächst der ehemalige portugiesische Hafenplatz "Angra Pequena" (Kleine Bucht) mit 5 km Hinterland. Doch Lüderitz konnte keine Bodenschätze finden, das unwirtliche Land lud nicht zur Siedlung ein und mit den Eingeborenen ließ sich mangels Vermögen kein Handel treiben. So verkaufte Lüderitz sein Gebiet für 500 Tsd. RM an die Kolonialgesellschaft.x(10) Die neu entstehende dt. Ansiedlung "Lüderitzbucht" wurde durch diese in laufendem Zukauf erweitert und erhielt schließlich die Anerkennung eines eigenen Wappens (rechts) durch Kaiser Wilhelm. Die Karte links unten vermerkt mit Jahreszahlen die allmähliche Definition von Grenzen dt. Siedlungsgebiets aus weiterbestehenden portugiesischen und britischen Streubesitzlagen heraus.