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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
Nr.61: Schnappschuß

Flaggen über Iwo Jima im Zweiten Weltkrieg

Nominierung

xThema: Zweiter Weltkrieg, Pazifikschlacht
um die japanische Insel Iwo Jima 1945
- Kinofilm "Flags of our Fathers"
Gebr. Warner, USA 2006
- ARTE: www.arte.tv/de/suche/1488130.html
- Film: wwws.warnerbros.de/flagsofourfathers/
Quelle: Interview in der TV-Dokumentation
"Clint Eastwood - Ein Mann und sein Weg"
(F 2007) ARTE, 27.05.07 ab 22,50 h
www.arte.tv/de/suche/1562008.html
Urheber: Clint(on) Eastwood,
Interview-Regisseure Hopi Lebel,
Michael H. Wilson

Aussagen

xDer geschäftstüchtige Filmproduzent Eastwood kam erst nach Ende des Weltkriegs als Schwimmlehrer zum Militärdienst und informiert nun über sein jüngstes Kinowerk "Fahnen unserer Väter". Das Foto einer US-Flaggenhissung während der Kämpfe im Zweiten Weltkrieg ist seine Begründung für eigenen emotionalen Bezug und sei Ausgangspunkt der Entscheidung zur Produktion von zwei Filmen über den US Pazifik-Krieg gegen Japan. Dieses Foto soll einen Moment zeigen, als furiose US-Kämpfer nach schweren Verlusten den Schicksalsmächten trotzen und ihr buntes Freiheitssymbol hissen - noch während ihnen feindliche Kugeln um die Ohren pfeifen.

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Die Professionalität von US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg wurde vielfach gegenteilig wahrgenommen, weshalb ein solches Fotosymbol besonderen patriotischen Wert hat. Eastwood begeistert, daß hier Weltgeschichte im Tau-Tropfen eines authentischen Bildes aus realem Leben greifbar Gestalt gewinne. Natürlich sei das einmalige Bild "als Schnappschuß fotographisch fehlerhaft, da man bei gut gestellten Aufnahmen die Akteure doch besser in die Kamera blicken läßt". Das ist hier leider nicht der Fall. Dafür aber sei es "echte und ungestellte Realität ergreifenden Schicksals". Bei anderer Gelegenheit habe er schon eine Angestellte seiner Filmarbeit gelobt, auf ähnliche Weise einen "schönen Fehler" gemacht zu haben, der begeistert, wenn man Echtes zu würdigen weiß. Der unvollkommenen Wahrheit menschlicher Größe in der realen Momentaufnahme wird hier also mehr Bedeutung gegeben als gestellter Perfektion.

1. Ereignishintergrund

Landung am vulkanisch aktiven Urlaubsstrand, Ende Februar 1945
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Ortslage: Vom 19.02. bis 26.03.1945 dauerte die verlustreiche Schlacht um eine kleine japanische Insel der Bonin-Gruppe etwa 1000 km östlich von Tokio. Sie ist noch kleiner als Norderney und war bis in moderne Zeit unbesiedelt. Japan beanspruchte sie 1877 als Staatsgebiet und nutzte sie als Stützpunkt, der 1943 etwa 1000 Einwohner hatte in fünf Orten. Die strategische Bedeutung lag in Flugplätzen, die gute Verteidigung boten gegen US-Bomber im Angriff auf das Mutterland. Umgekehrt war aus selben Gründen die Eroberung des Stützpunkts für die USA notwendig bei der Eroberung Japans.

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Einsatz: Mit der üblichen Überlegenheit an Mannschaft und Gerät wurde die Festungsinsel angegriffen. Insgesamt 100 Tsd. US-Soldaten auf 900 Schiffen standen 21 Tsd. Japanern entgegen in verbunkerten Anlagen und weiträumigen Stollen. Diese Anlagen wurden drei Tage bombardiert, erstmals auch mit Napalm, ehe die Landung begann. Doch schon der erste Tag kostete fast 10% von 30 Tsd. Marine-Infanteristen das Leben, weshalb ihre Generäle die Freigabe von Giftgas verlangten, statt weiter "Menschenfleisch gegen Stahlbeton zu schmeißen". Traditionelle Kriegstechniken wie Ersticken, Verbrennen, Einmauern und schwerste Sprengminen erfüllten jedoch den selben Zweck. Die Invasoren machten in mühevoller Handarbeit mit Napalm dem Vulkanismus der Insel Konkurrenz und konnten nach über einem Monat siegen. Die geoaktive Insel muß bald wie eine abgebrannte Tankstelle gestunken haben. Auf japanischer Seite überlebten kaum 1000 Soldaten. Viele wurden bis heute nicht wiedergefunden, darunter ihr Kommandant Kuribayashi. Die US-Mannschaftsverluste waren 27 Tsd. Verletzte und 7 Tsd. Tote.

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x Der US-Sieg in der Iwo Jima-Schlacht war durch Übermacht vordefiniert und kein Ergebnis mutigen, klugen Einsatzes oder eines schicksalhaften Wendepunkts. Für die US Armee muß der Einsatz wie die Bekämpfung eines Buschbrands gewirkt haben, wobei man selbst der Flammenwerfer war. Bemerkenswert an dieser Schlacht sind lediglich die relativ hohen Verluste der US-Soldaten.

2. Fotohintergrund

Die zweite Gruppe der Easy-Flaggenhelden auf dem Weg zur Arbeit am Suribachi
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Flaggenplatz: Die flache Insel mit dem erloschenen Vulkan Suribachi von der Höhe eines Kirchturms hat mit diesem Hügel ihren wichtigsten strategischen Geopunkt, der besonders stark verteidigt worden sein soll. Die US-Armee hatte nach üblichem Kriegsbrauch beschlossen, die eigene Flagge so rasch wie möglich zu hissen an höchster Stelle des Kampfplatzes. Daß dann noch immer hunderte Japaner irgendwo unter der Erde herumspukten, war nicht mehr wichtig. Fünfmal mehr Amerikaner konnten auf ihren Köpfen herumtanzen und so den von ihnen beherrschten Platz zeitweise zu der "am dichtesten bevölkerten Kleininsel der Welt" machen.

Fotograf Josef Rosenthal
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Auswahlhelden: Welche US-Kampfeinheit die Ehre der Flaggenhissung ereilte, war beliebig. Man entschied sich für die Easy-Kompanie, bewährte Flammenwerfer, die manchen Japaner abgeflämmt hatten, allerdings nicht kostenlos. Sie hatten in vier Landungstagen 40% ihrer Sollstärke verloren durch schlitzäugige Heckenschützen und rückte nach dem Sieg ab mit schließlich 75% Personalverlust. Die Jungs brauchten also etwas Ermunterung, um zuhause noch was Schönes erzählen zu können. AP Fotograf Josef Rosenthal ("Joe", 1911-2006) aus Washington, Sohn russ. Juden, war ihnen behilflich, den schönsten Tag ihres kurzen Lebens würdig ins Bild zu setzen. Dafür hat er später den Pulitzer-Preis bekommen, den ein anderer Josef aus Ungarn 1904 gestiftet hatte.

Ernst und gemütlich: Louis erster Schnappschuss
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Schnappschuß: Doch am 23. Februar, 10 Uhr, kam der heute unbekannte Marine-Fotograf Sergeant Louis R. Lowery zum Schuß. Sein Bild Nr. 56 an diesem Vormittag war tatsächlich das erste vom Einstechen eines eigenen Fahnenstocks in japanische Vulkanasche (links). Lowery behauptete, kurz danach durch eine japanische Granate so erschreckt worden zu sein, daß er ausrutschte, den Hügel hinab, sich verstauchte, und die Kamera zerbrach. Trotz der dramatischen Geschichte war der zuständige Colonel nicht begeistert. Das sah alles irgendwie zu einfach aus. Da flattert nur ein lausiger Lappen in pazifischer Sonne, rundum so ein paar Figuren, die anscheinend in den Taschen nach Zigaretten kramen und vormittags schon ans Mittagessen denken. Daß Jim M. mit dem Schießeisen ganz kernig aussieht, und Chuck L. hinter ihm wenigstens noch nicht in der Sonne eingeschlafen ist, war kein Trost. So mag es anschließend zum internen Flaggenstreit auf dem windigen Vulkangipfel gekommen sein.

Flaggenstreit: welche gewinnt den Fotowettbewerb?
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Zweiter Aufguß: Im Schnappschuß hat den festgehalten der ebenfalls bis heute völlig unbekannte Bob Campbell (rechts). Mehrere Stunden nach dem Vormittagsbild des rutschenden Marinekollegen sandte Colonel Chandler Johnson die nächstgrößere Fahne im Luxusformat, gleich mehrere Fotofreaks, und wünschte von den Statisten mehr "action". Seine erste Fahne wollte er übrigens auch wiederhaben. Bradley von der Vormittagsgruppe war wieder mit dabei und nahm an beiden Foto-Terminen teil.x(1) Die Sparflagge wurde umstandslos abgerupft und durch ein würdigeres Format ersetzt.
Filmproduzenten Clint kann beruhigt sein: AP-Journalist Joe war tatsächlich ein professioneller Fotograf und hat seinen Schnappschuß natürlich dann so gemacht, wie auch Clint ihn sich wünscht: jubelnde Leute mit der Sonne im Gesicht, die in die Kamera lachen und ihre Helme schwenken: "Venceremos!"

Das wollte Rosenthal (li) eigentlich aus Iwo Jima in die Presse bringen: traditioneller Stil üblicher Jubeltitel in US-Magazinen und Zeitungen. x
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Bill Genaust
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Vulkan-Andenken: Diese Bilder bieten keinen Hinweis für Behauptungen, die Aufnahmen seien im Gefecht entstanden unter Gefahr für die Beteiligten. Zivilist Rosenthal wäre sonst kaum dabeigewesen. Mindestens ein vierter unter den Gipfelfotografen, Marine-Kameramann Bill Genaust (links), hat noch eine Bildserie von der Nachmittags-Szene abgedreht (Standbilder). Vermutlich gibt es etliche Schnappschüsse mehr von dem dramatischen Moment, als den wackeren Kämpen eine steife Seebrise und Flaggen um die Ohren pfiffen wie feindliches Gewehrfeuer. Clint behauptet weiterhin, es habe nur die berühmte einsame Zufallsaufnahme gegeben von einem authentischen Flaggen-Moment auf dem Hügel über dem Getümmel der Schlacht unter der Erde. Also werden die stolzen Besitzer solcher touristischen Souvenirs vom Mount Mc Depp auf dem Vulkan Suribachi wohl noch etwas warten müssen, ehe auch sie ihre Schätze herumzeigen dürfen.

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Halbwahre Lüge: War es Joes verborgenes Genie oder ein gelangweilter US Presse-Offizier, der schon zuviele Bilder dieser Art angegähnt, und uns deshalb dieses Iwo Jima-Exemplar erspart hat? Jedenfalls ist es nicht beim Gipfelbild im Clint-Stil geblieben. Eines von Joes flotten Zusatzbildern beim Aufrichten der Fahne bekam statt Jubelbildern den Zuschlag im pazifischen Fotowettbewerb. Nach seiner Rückkehr in die USA und bis kurz vor seinem Tod betonte Rosenthal jene Entstehungs-Sage, die unseren Clint zur Begeisterung verführt haben mag: Er habe sich mitten ins Getümmel der Schlacht gestürzt, und das Bild unvorbereitet zufällig aufgenommen, was auchnicht anders möglich sei, denn sonst hätte er das Motiv ruiniert.x(2) Also ziemlich genau das, was Clint uns im ARTE-Interview zur Theorie von Fotos der Weltgeschichte erklärt.

Die Flaggen-Szene in Clints Kinofilm
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Seelenbild: Richtig ist immerhin, daß jenes Bild von Rosenthal nebenbei gemacht wurde, ohne spezielle Absicht. Die Redaktion des "US Camera Magazine" erkannte dennoch: "In diesem Moment hatte seine Kamera die Seele der Nation fotografiert". Erst kurz vor seinem Tod gestand Rosenthal, daß sein Foto entstand bei einer zweiten Flaggenhissung auf Anweisung des Kommandeurs, als Auswahl aus sehr beabsichtigten Motiven, die auch per Filmkamera festgehalten wurden. Angebliche Gefechte am Ort behauptete er nicht mehr.x(3) Mehrdeutigkeiten des halben Geständnisses bieten Raum für Eastwoods Version über die Umstände der Aufnahme. Doch schon im März 1945 machte sich das Time-Magazine in den USA über den Heldenspuk lustig und recherchierte, daß an der Sage nicht viel dran ist.x(4)

x Das berühmte Bild wurde wie auch andere mit Posen inszeniert von US-Soldaten, die zu keinem anderen als diesem Zweck auf den Vulkangipfel gestiegen sind. Die der Öffentlichkeit erzählte Entstehungsgeschichte war eine Lüge. Deren Aufklärung und Korrektur, auch durch Rosenthal, paßt bis heute nicht zu Marketingbedürfnissen der Medienindustrie.

3. Epilog

xGedenkmarkt: Die bewußte Aufnahme paßte allzu glänzend in das angesagte Schema eigener anfeuernder Kriegspropaganda, um unnütze Fragen stellen zu können. Wer das Bild wann und wo unter welchen Umständen mit wem angefertigt hatte, ist auch heute gleichgültig. Unter dem Titel "Raising the Flag on Iwo Jima" konnte Rosenthal den Schnappschuß jedenfalls bestmöglich vermarkten. Nahe der Hauptstadt Washington wurde 1954 ein Bronze-Monument aus 10m hohen Figuren eingeweiht, welche das Foto greifbar nachempfinden (rechts). Von dieser Plastik wiederum sind hunderte von Denkmalkopien abgeleitet worden, die nicht nur in den USA herumstehen. Vielleicht gibt es inzwischen auch schon von innen beleuchtete Plastikausgaben mit Solarbetrieb für den Kaminsims.

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Kollektivgedächtnis: Als das Foto Mitte März 1945 auf fast allen US-Titelblättern zu finden war, kamen sogleich alle jene Verwertungswünsche auf in Kreisen der Politik, die bis hin zum Briefenmarkenmotiv (links) früher oder später realisiert worden sind. Die Briefmarke war mit 137 Mio. Examplaren die wohl meistverkaufte der US-Post. Zum Jahrestag folgte 1995 eine buntere Neuauflage.
Die allem zugrundeliegende Fotografie kann vielleicht zurecht als das "berühmteste Foto der Geschichte" bezeichnet werden aus dem "kollektiven Gedächtnis" der USA. Das aber sagt nichts aus über ihre künstlerische Qualität, oder den Moment, den sie darstellt.
Das Bild bediente lediglich zeitnah dringende behördliche Publikationsbedürfnisse in Kriegszeiten, wurde also sofort entsprechend bemüht in alle erreichbaren Massenkanäle eingespeist. So hat es bis heute alle Wechselfälle der Geschichte überdauert als heroische Ikone des Medienmarkts. Aus ihr hat Eastwood ein neues Filmchen geschöpft, dessen Dreharbeiten anscheinend schon Februar 1945 begonnen hatten.

Fazit

Wenn man ein historisches Foto als Symbol für ein Medienprodukt auf dem Weltmarkt auswählt, wird man erst einmal sammeln, was im Umfeld zu finden ist. Alleine nur, um keine Inspirationen für eigenes Marketing zu verpassen. Wer nicht auf diese naheliegende Idee kommt, wird als Medien-Unternehmer Angestellte haben, die solchen Vorschlag aufbringen, um ihr Salär zu rechtfertigen. Eastwood kann also kaum behaupten, daß er nicht weiß, wie das Foto entstand, das ihn zu Meditationen über die Wahrheit bildlicher Realität verleitet. Denn Zweifel an den erlogenen Behauptungen von Rosenthal über sein Bild sind so alt wie dessen erste Vermarktung.