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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.64: Falscher Hase

Die Frakturschrift im Initial der Hitler-Tagebücher

Nominierung

xThema: Die Kujau-Fälschungen angeblicher Hitler-Tagebücher
Quelle: Kinofilm "Schtonk!", 1992, Ausgezeichnet mit verschiedenen Filmpreisen 1992: Tokyo Filmfestival/Bestes Drehbuch, Deutscher Filmpreis für das Drehbuch, Ernst-Lubitsch-Preis, vergebliche Oscar-Nominierung 1993
Urheber: Helmut Dietl (Buch& Regie) sowie Ulrich Limmer (Drehbuch)

Aussage

Bei der peinlichen Vermarktung der Tagebücher durch das Magazin "Stern" sei schon die Unstimmigkeit der Initialien auf dem Deckel aufgefallen, wobei anstelle von "A.H." für Adolf Hitler "F.H." zu lesen gewesen sei. Im Film wird dies satirisch verwendet als "Führer Hitler" und "Führers Hund". In einer späteren Szene wird bissig kommentiert: "falscher Hase". Dieses Leitmotiv in Handlung und Kinoplakat (s.u.) betont, daß die Fälschung sofort als solche erkennbar gewesen sei, was nahelegt, nur unausrottbare Nazisucht Deutscher oder zumindest Ewiggestriger habe solch dummgläubige Fahrlässigkeit ermöglicht. xDie unvermeidliche Vielfalt möglicher Scherzdeutungen zum "FH" prägt bis heute Publikumsreaktionen. Doch Beifall für den Film ist nicht immer frei von ideologischen Motiven, wenn Unfug vergleichbarer Qualität aus anderem Umfeld seltener ähnlich inszenierte Aufmerksamkeit findet. Stimmt der Ulk und ist der fragliche Buchstabe tatsächlich ein F, das lediglich duch einen zusätzlichen Vertikalstrich ungewöhnlich aber nicht notwendig zeituntypisch dekoriert ist?

1. Schrifttypen

Schriftzeichen entwickelten sich aus Symbolen für Gegenstände und wandelten sich in der Form über lange Zeiträume. Die Zuordnung einer Schrifttype und ihre sprachliche Bedeutung erweist sich aus den Varianten in ihrem Stammbaum.x(1)

xSchriftentwicklung: Ursprung der heutigen westlichen Druckschrift ist die römische Kapitalschrift "Monumentalis" der Antike (B1). Sie hatte nur Großbuchstaben (Versalien) und noch nicht alle heute gängigen Buchstaben (z.B. U=V). Vor allem bei Steininschriften prägt diesen Typ strenge Geometrie, gleiche Höhe aller Buchstaben aus einfachen Linien gleicher Dicke mit wenigen Rundungen. Im Alltag wurde auf wachsbeschichteten Holztafeln geschrieben (B2) , woraus sich eine eigene Linie entwickelte, die geschwungene "Kursiv". Durch verschieden starken Druck des Wachsgriffels wurden Linien unterschiedlich dick. Eine einheitliche Höhe ließ sich nicht einhalten, führte wie auch heute bei Kleinbuchstaben zu Unterlängen (g/j) bzw. Oberlängen (h/k). Allmählich gezielt genutzt zur Platzersparnis und schnelleren Lesbarkeit entstand ein eigener Typus der Handschrift, welcher in gelockerter "Rustika" (B3) des 5. Jhs. auch wieder in die offiziöse Versalschrift zurückwirkte. Aus der "Unziale", der verfeinerten spätrömischen Schreibschrift mit der Feder (B4) , entwickelte sich bis zum 9. Jh. die frühe europäische Buchschrift. Bei Großbuchstaben entsprach das A und F in allen genannten Fällen den heute bekannten Typen. Der üppige Dekor des fraglichen Kujau-Buchstabens hat in diesen alten Formen kein Vorbild und kann damit nicht verglichen werden. Ausgangspunkt zur Bestimmung ist vielmehr die spätere gotische Buchschrift der "Fraktur" des Hochmittelalters.

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xFraktur: Bezeichnet Schrifttypen, bei denen Rundungen gebrochen sind (fraktura) durch gerade Linien verschiedener Stärke. Ende des 12. Jhs. verbreitete sich eine aus frz. Klöstern und der karolingischen Minuskel entwickelte Schrift dieser Art für die mit Federkielen handgemalten Bücher (Bild rechts), bezeichnet als Schrifttyp "Textur" (B5). Sie wurde in Zentraleuropa Standard liturgischer Bücher in der Kirche. In den Bildbelegen hier jeweils im Vergleich A und F. Doch schon hundert Jahre später wurde der Typus in Italien gewandelt zur "Rotunda" (B6). In der von Luther für seine Bibel bewußt abweichend zum römischen Missale verwendeten "Schwabacher" (B7) prägte sich ab Mitte des 15. Jhs. jene Schrifttype aus, die durch Bauernbewegung und Reformation Verbreitung fand, und geläufigerweise als urdeutsch angesehen wird. Hieraus wurden moderne Frakturen abgeleitet, deren Blütezeit in der deutschen Romantik des 19. Jhs. lag. Die von Kujau verwendete Ziertype steht am nächsten zum Entwurf des Graphikers Rudolf Koch (1876-1934) von 1926, bereits mit zusätzlichen dünnen Zierlinien. Die umfangreiche Schriftfamilie ist benannt nach der Offenbacher Schriftgießerei Wilhelm Klingspor (B8).

So sehen die Initialen in der Kujau-Produktion aus:
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Wie die verwendeten Metallbuchstaben vermutlich ursprünglich aussahen:
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Vergleichsbefund: Diese Strichproben aus einer vielschichtigen typographischen Entwicklung zwischen dem 12. und 20. Jh. zeigen nicht nur die Variationsbreite der Typen sondern auch ein Grundprinzip: Im Vergleich zwischen beiden ist das Fraktur-A ein Zeichen mit zwei Vertikallinien, das -F stets mit einer. Das bei Kujau verwendete Initial gehört typographisch in diese Schriftgattung. Jedoch von umgeformter Art mit Verdickung links statt rechts, bei gleichzeitigem nostalgischen Rückgriff auf die Urform der Fraktur-Textur und ihren oben schließenden A-Formen. Seine Schmucklettern lassen sich der Herkunft nach also einordnen in die verspielte Formfreude von deutscher Romantik und Jugendstil. Die Annahme, das erste Initial sei als F lesbar, erweist sich im Vergleich innerhalb der Schriftfamilie als abwegig. Ob das fehlende Stück von Kujaus Metallbeschlag zufällig abgebrochen ist, oder dabei helfen sollte, seine Geschichte einer Tagebuch-Bergung aus dem Flugzeugwrack plausibler zu machen, muß dahingestellt bleiben. Es scheint ihn bis zu seinem Tod im Jahr 2000 niemand nach diesem allerdings vielfach betonten Detail befragt zu haben. Offensichtlich auch nicht die Produzenten des Films von 1992.

2. Schwindeltypen

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Kurios, daß die Filmproduzenten in ihrem Kinoplakat dezent den wohl abgebrochenen Strich des "A" verlängern, womit doch letztlich genau das herauskommt, dessen Bestreiten die Voraussetzung ist für einen ihrer handlungswichtigsten Scherze.

In der herrschenden Publikumspropaganda wird die Verwendung von Frakturschrift gleichgesetzt mit ideeller Nähe zu Nationalismus. Auf diesen Unfug ist möglicherweise auch der Tagebuchproduzent hereingefallen, der Dresdener Repro-Künstler Konrad Kujau (1938-2000). Oder er setzte den Erfolg solcher Verdummung bei seinen künftigen Kunden schon voraus und wollte dies mit seinen Deckel-Initialen bedienen. Tatsächlich waren es das Dritte Reich und speziell Hitler, die eine Jahrhunderte alte und durchaus nicht nur deutsche Schriftkultur beendeten. Ob die durch Bormann überlieferte begründende Ansicht plausibel ist, die Fraktur sei jüdischen Ursprungs, ist kaum überprüfbar. Die ursprünglich gotische Fraktur aus dem 12. Jh. war es sicher nicht, was allerdings auch nicht heißt, diese Schriftform sei typisch deutsch. Erst die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern in Mainz hatte seit 1460 einen speziellen Typ der Fraktur in Europa verbreitet, der in Italien bald "lettera tedesca" hieß, deutsche Schrifttypen. Aus eher nationalistischen Gründen wurde dem dann in Italien die "Antiqua" (Altschrift) entgegengesetzt als Betonung eigener kultureller Leistung im Römischen Reich. Diese Schrifttype entspricht unserer heutigen Zeitungsletter ("Times/New Roman") und war jenes Modell, das ausgerechnet der NS-Staat 1941 per Italien-Import als deutsche Normalschrift festlegte.x(2)

3. Schriften: Armee und Partei

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Die deutsche Wehrmacht verwendete auch Jahre nach dem Verbot der Fraktur durch die Partei weiterhin diese Schrifttype. Hier in der Bedienungsanleitung für ein Fahrzeug vom Mai 1943 (Titelblatt).

Die heutige Ansicht über angeblich deutsche Wesensart der Frakturschrift wird genährt durch Optik des Zweiten Weltkriegs. Zwar hatte die NS-Staatspartei aus weltanschaulichen Motiven das Ende weiterer Verwendung der Fraktur verfügt, vor allem im offiziellen und behördlichen Gebrauch - nur hielt sich die größte Institution, die Wehrmacht, nicht daran. Nach der Vereinnahmung aller gesellschaftlichen Instanzen durch die NSDAP in der "Gleichschaltung" bis hin zum Roten Kreuz, war die Wehrmacht letzter Raum anderer Richtlinien, was auch den Anspruch auf die Souveränität eigener Herrschaftsautorität ausdrückte. Auch Oppositionelle siedelten sich dort an, wo Hitler in Kommandostäben spöttisch "böhmischer Gefreiter" oder nach den Blitzsiegen im Westen "GröFAZ" (Größter Feldherr aller Zeiten) genannt wurde. Oder sie nutzten wie Ernst Jünger auf Auslandsposten der Wehrmacht wie in Frankreich die Distanz zum Staat als innere Emigration. Selbst in der SS hieß es bei Reinhard Heydrich ungeniert: "Wenn der Alte Mist baut, wird er abgeschafft". Bis zum Attentat des Wehrmachtoffiziers Stauffenberg 1944 und dem anschließenden mißtrauensgeprägten Personalumbau, konnte sich das Militär auch bei Schrifttypen eigene Bräuche leisten gegen die Partei. In der ideologischen Verfemung dieser Armee durch Besatzungspropaganda der Nachkriegszeit wurde allerdings jede Art entsprechender äußerer Gestalt als Urbild des Bösen verteufelt - und so wohl auch die von der Wehrmacht gegen NS-Anweisungen weiterverwendete Frakturschrift. Tagebuchproduzent Kujau hatte kaum eine andere Wahl, als dies bei der Auswahl von Dekoration zu bedienen, um das Produkt glaubwürdig zu machen.

4. Judenlettern?

Möglicherweise fußte die kuriose nationalsozialistische Idee über angebliche kulturelle Ursprünge von Schrifttypen auf einem heute wenig bekannten Zusammenhang. Der Erfinder des neuen Buchdrucks, Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg (1400-1468), war nicht immer als solcher bekannt. Jahrhundertelang nach seiner Erfindung um 1450 war sein Andenken Opfer eines Urheberrechtsbetrugs. Der Finanzier seiner Entwicklungsarbeit war ein gewisser Johann Fust aus Mainz, von Beruf Rechtsanwalt. Als der bei nahendem Praxiserfolg von Gutenbergs Entwicklungsarbeit erkannte, welches Marktpotenzial darin steckt, forderte er unter einem Vorwand seinen vollen Kredit zurück. Da dessen Kapital in der Entwicklungsarbeit und den so erzeugten Werkzeugen steckte, konnte Gutenberg nicht zurückzahlen. Der Investor ließ also den Erfinder mit Gerichtsurteil vom 06.11.1455 auspfänden, wodurch ihm die Druckwerkzeuge als Gegenwert in die Hände fielen. Wie man die bedient, brauchte Rechtsanwalt Fust nicht zu kümmern. Das wußte der bisherige Handwerksgehilfe des Erfinders, der zu Paris in Lehre gewesene Peter Schöffer, den der Kreditgeber mit seiner Tochter verheiratete und als Teilhaber ins Geschäft nahm. Beider Namen galt der Welt für vierhundert Jahre lang als angebliche Erfinder des Buchdrucks, so im unten gezeigten "Mainzer Psalter" von 1457 mit den Psalmen Salomos aus dem Alten Testament. Solche religiösen Texte wurden -natürlich- ohne Autorenangabe verfaßt, weshalb Bücher alter Zeit typischerweise immer ohne diese Angabe blieben. Erstmals in der Entwicklungsgeschichte von Büchern steht hier in diesem Druckwerk am Textende der Name der Produzenten mit Wappen.

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In großen Druckwerken dieser Zeit wurden häufige Silben einer Sprache mit Kennzeichen abgekürzt - hier also am Ende der ersten Zeile "decoat9" für "decorationibus" sowie im letzten Satz die in religiösen Werken häufige Vokabel "Domini" (Gott der Herr) als "dni". Die Angabe der Bucherzeuger im Text:
"... Et ad eusebiam dei industrie est consummatus, Per Johannem Fust (...) maguntinum (=Mainz), Et Petrum Schoffer de Bernszheim, Anno domini (=im Jahr) Millesionum CCCC L VII (=1457) In vigilia Assumptionis (=am Vorabend des Festtages Maria Auffahrt)"

Dieses Werk war die tatsächlich erste Buchauflage der Welt mit neuer Drucktechnik, nicht wie es heute oft heißt die Bibel. Der Missale-Schrifttyp des Psalteriums aus der Schriftgruppe der Textur wird eher irrtümlich als Pariser Bastarda durch Pasquier Bonhomme eingeordnet. Das Druckwerk wurde ein glänzender Verkaufserfolg seiner Zeit, der beide Erzeuger reich machte.x(3) Erst im Historismus des 19. Jhs. wurde der Schwindel um die Erfindung des Buchdrucks aufgedeckt und die Leistung des bislang unbekannten Urhebers Gutenberg erkannt. Die Deutsche Buchhändlervereinigung in Frankfurt/M. verwendet allerdings heute noch das Wappen der beiden Betrüger Fust&Schöffer als ihr Markenzeichen. Zwar hat der historische Raum als Finanzplatz in bewußter Hinsicht einen gewissen Ruf - sogar möglich, daß der Geldschneider Fust jüdischer Herkunft war. Aber auch in diesem Falle wäre damit nichts zur Einordnung der von ihnen verwendeten Schrifttype Fraktur beigetragen, wenn Fust seinen Profit erzeugte mit Lettern, die ursprünglich von Gutenberg hergestellt worden waren.

Fazit

In keiner Variante der über Jahrhunderte ausgeprägten Gattung der Frakturschrift gibt es ein F mit zwei parallelen Vertikalstrichen, auch nicht in der von Kujau verwendeten Typform der frühgotischen Buchschrift. Da bei Dekor von Buchdeckeln wie Metallbeschlägen eher etwas abbricht, als daß von selbst etwas hinzukommt, und auch nicht zu erkennen ist, daß der überflüssige Vertikalstrich später hinzugefügt worden wäre, ist also das fragliche Initial entgegen der Filminszenierung kein F der Frakturschrift, sondern ein beschädigtes A dieser Art. Zumindest die Initialien A.H. auf den Deckeln der gefälschten Tagebücher waren also grundsätzlich richtig und boten gerade für Kenner der Zeit zunächst keinen Anlaß für grundsätzliche Zweifel. Die Verwendung von Frakturschrift für seine Produktion war dennoch ein Mißgriff des Fälschers Kujau, da der NS die römische Antiqua als deutsche Schrift verbindlich festgelegt hatte, nachdem Hitler schon immer etwas gegen "Rückwärtse" und andere "Romantiker" hatte, im Januar 1941 sogar ausdrücklich die Frakturschrift als "Schwabacher Judenlettern" abkanzelte, und deren offizielle Verwendung im Land abschaffte - bis heute. Daß gerade er mit seinen teilweise kuriosen Ansichten über das, was angeblich jüdisch ist, seine Tagebücher mit der von ihm verfemten Schrifttype dekoriert haben sollte, wäre eine doch etwas ungewöhnliche Annahme. Genau die aber legen auch die Produzenten dieses Films ihren Scherzen zugrunde. "Führers Hund" scheint also eher als falscher Hase durch die Köpfe solcher Medienmacher zu hüpfen, die sich ansonsten vielleicht eher mit balinesischen Kokosnuß-Trommlern auskennen als mit Gegenständen ihrer eigenen Kultur. Peinlich, sich letztlich über seine eigene Dummheit lustig zu machen und daraus auch noch einen Film. Man darf schlußfolgernd vermuten, daß solche Experten die ersten wären, die auf jede nächste Fälschung hereinfallen. Sofern sie ihnen nicht schon vorab aus ideologischen Gründen suspekt erscheint, was dann aber kein Aspekt aus der Sache selbst wäre, und wiederum nicht für ihre Urteilskompetenz zeugte.

Belege


x(1) Schriftentwicklung
Korger, Hildegard: Schrift und Schreiben. Wiesbaden 7/1994, Kap. 3.

x(2) NS-Schriftlehre
Aufgespürt von Lutz Schweitzer, 2005 (
http://home.arcor.de/lutz.schweizer/schrifterlass.html):
a) Rückwärtse bei Hitler anläßlich der Kulturtagung der NSDAP zum Reichsparteitag 1934, in: Völkischer Beobachter (Münchner Ausgabe) Nr. 249, 06.09.34.
"... der nationalsozialistische Staat [muß] sich verwahren gegen das plötzliche Auftauchen jener Rückwärtse, die meinen, eine 'teutsche Kunst' aus der trauten Welt ihrer eigenen romantischen Vorstellungen der nationalsozialistischen Revolution als verpflichtendes Erbteil für die Zukunft mitgeben zu können ... "