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Sepp DeppPrämie für Falschangaben zur Geschichte
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Nr.65: Suum Cuique

Ursprung und Einordnung eines historischen Mottos

Nominierung

Thema: Historische Einordnung der Bedeutung eines Zitats wie im Titel
Quelle: die Agenturen dpa - Deutsche Presse-Agentur und AFP - Agence France Press
Urheber: Zentralrat der Juden / Salomon Korn

Aussage

Der Kaffee-Röster Tchibo (Tchilling Bohnen GmbH, Hamburg) hatte eine Reklame-Kampagne vorbereitet unter dem Motto "Jedem den Seinen". Laut Urheber, verbreitet über die Agenturen, und sublimiert in fast allen Zeitungen des Landes sei eine Variation des Mottos als Werbespruch folgendermaßen zu bewerten:
"... (eine) nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit (ein Beispiel) totaler Geschichtsunkenntnis."
Denn ein ähnlicher Spruch "Jedem das Seine" sei Motto am Eingangstor eines Konzentrationslagers gewesen. Nur das wird im Argument als Geschichtskenntnis zugelassen, obwohl die Agenturen abschwächend ergänzen, der Satz gehe ursprünglich zurück auf den römischen Redner und Staatsmann Cato d.Ä. (234-149 v.C.).

Tatsachen

Ursprünge: Wie an vielen Stellen gezeigt wird, stehen als Verwender des skandalisierten Satzes etliche historische Gestalten zur Verfügung. So die griechischen Philosophen Platon (Politeia IV 433e) und sein Schüler Aristoteles (Rhetorik 1366 b), römische Dichter, Redner und Politiker wie Seneca (Epistolae morales 81, 7) und Cicero (De legibus 1, 6 19, De officiis I,15), der oströmische Kaiser Justinian (Pandekten/Gesetzbuch), bis hin zu neuzeitlichen Dichtern wie Shakespeare (Titus Andronicus I, 2). Vom erwähnten Cato d.Ä. wird die Verwendung lediglich behauptet durch einen anderen (Aulus Gellius / Noctes Atticae XIII, 24).x(1) Mit etwas Suchmühe in alter Schriftüberlieferung ließe sich diese Liste gewiß noch verlängern.

Grundformel: Der ursprüngliche Satz, in der lateinischen Form "Suum Cuique!", drückt einen universalen Grundgedanken mit doppeltem, jedenfalls schillernden Sinn aus: man möge jedem geben was ihm zusteht, jedem zugestehen, was man auch selbst erwartet. Damit wird zugleich eine Grundformel des allgemeinen Vernunftgesetzes definiert, das prägend für moderne Staatskonzepte wurde, die Bürger nicht mehr auf eine spezielle Weltanschauung verpflichten, sondern Grundregeln der Gesellschaft reduzieren auf das, was gemeinsamer Nenner jeder menschlichen Vernunft ist. Je nach Sichtweise ist der Grundgedanke verschieden im Sinn deutbar, auch mit gegensätzlichen Ergebnissen. Die daraus erwachsenden Diskussionen sind ein Standardthema der Philosophie und politischen Theorie.

Verschwiegen: Diese Ursprünge haben keine spezielle Verbindung zur deutschen Geschichte, so daß bei uninformierten Medienkonsumenten der Eindruck entstehen kann, die Verwendung des Mottos in der NS-Zeit sei ein Musterfall, seit dem das ganze Motto sowohl seinen philosophischen Sinn wie auch seine Kulturgeschichte verloren habe. Zumindest ist so das Argument in der zitierten Aussage. Dieser Eindruck hat nur solange Bestand, wie man eine andere Vergangenheit erfolgreich verschweigen kann, die mehr als ein einzelnes Eingangstor prägender Abschnitt deutscher Geschichte wurde.

xSchwarzer Adler: Aus dem Kolonistenstaat des Deutschen Ordens im Gebiet der Prussen war bis zum 17. Jh. ein eigener deutscher Staat geworden, dessen Kurfürst das Gerangel um eine Anerkennung unter deutschen Ländern durch eine Selbstkrönung am 18.01.1701 beendete. Am Tag davor stiftete er den höchsten Orden des neuen Staates, "Schwarzer Adler" genannt. Der "Große Kurfürst", nun König Friedrich I. (1657-1713), wählte als Staatsmotto und Inschrift des Schmuckstücks jenes "Suum Cuique". Der Orden mag als Beleg dafür dienen, daß die preußische Verwendung des Wahlspruchs kein Nebensatz in einer Publikation war, sondern ein ebenso offizielles Motto wie es "e(x) pluribus unum" für die USA ist (aus vielen wird eines). Friedrichs Land war schon länger zuvor Fluchtziel vieler Immigranten und Verfolgter weltanschaulicher Querelen auf dem Kontinent geworden, der ideelle Rahmen der Gesellschaft entsprechend zwanglos definiert. "Niemand wird Preuße denn aus Not, ist er's geworden, dankt er Gott." Der weitgefaßte Anspruch des Staatsmottos "Jedem das Seine" mit langprägender Wirkung läßt sich kaum in wenigen Sätzen skizzieren, obwohl man auch das einmal wagen sollte, um nicht jenen Leerraum zu verschulden, der nun aktuell mißbraucht wird.

Humanismus: Die frühesten nachrömischen Staaten der westlichen Kulturwelt wuchsen über lange Zeit noch aus dem Mittelmeerimperium, waren durch seine Kultur und letzte Religion, dem Christentum, ideell geprägt. Aus dieser Geschichte und dem Kaiser Konstantin, der es zur Staatsreligion machte, stammte der Anspruch, daß weltliche Herrscher ebenso wie das Oberhaupt der Kirche einen Hüte-Auftrag über die Gläubigen habe. Dieser "Cäseropapismus" bedeutete für die Bürger entsprechende weltanschauliche Vorprägung ihres Lebens. Im nachfolgenden Mittelalter wuchs dies bis zu Vorstellungen, der Mensch müsse seinen Sinn darin finden, seine Menschennatur zu verleugnen, um sich göttlicher Bestimmung zu nähern. Was wem zusteht, war in solch einem Rahmen kein Thema. Zum Ende des Mittelalters (ab dem 14. Jh.) wurde diese Strenge abgelöst durch christliche Vordenker wie Erasmus oder Thomas Morus, die durchaus den Menschen in seiner Eigenart und mit seinen weniger vollkommenen Bedürfnissen in den Blick rückten. Beide, wie auch die später so genannte Gruppe humanistischer Denker fanden Anregungen für ihre Konzepte in der Wiederentdeckung antiker Schriften griechischer und lateinischer Sprache, worunter auch jene oben genannten Textquellen gehören, in denen das Motto "Suum Cuique" diskutiert wurde.

Aufklärung: In der nächsten Entwicklungsstufe wurde folgerichtig betont, daß zur Eigenart des Menschen auch die Begabungen von Wahrnehmung und Verstand gehören, die religiöse Schriftautoritäten wie Bibel und Kirchenväter durchaus ergänzen dürfen - je nach Schärfe des Vertreters dieser Denkrichtung besser noch ersetzen sollten (Aufklärung). Hier wäre man zeitlich etwa beim Philosophen Voltaire und seinen Zeitgenossen angekommen, die als Vordenker der Französischen Revolution gelten. Der Genannte ein hochgeschätzter Konversationspartner und Ideengeber des preußischen Königs Friedrich II..

"Jedem das Seine. Ein passendes Staatsmotiv. Vielleicht noch passender, wenn man es übersetzte: Jedem seine Pflicht. Der Staat stellte jedem Bürger, vom König bis zum letzten Untertanen eine Aufgabe, auf deren Erfüllung er ihn streng verpflichtete, und zwar jedem Stand eine andere. Der eine hatte dem Staat mit Geld zu dienen, der andere mit Blut, einige auch mit Köpfchen, aber alle mit Fleiß.
In der Erzwingung dieser Pflichten war der Staat unnachsichtig. In allem anderen aber war er auch wieder liberaler als jeder andere Staat seiner Zeit - von einer kalten Liberalität, die im Grunde auf Gleichgültigkeit beruhte, was sie für den Bürger nicht weniger wohltuend machte. Wir sind ihr schon bei der preußischen Einwanderungs- und Asylpolitik begegnet.
Jedem das Seine - das hieß auch: Chacun à son goût; was dem Staat nicht schadet, darin mischt er sich nicht ein. Das extreme Beispiel ist die wahre Geschichte von dem Kavalleristen, der mit seinem Pferd Sodomie getrieben hatte. Sodomie galt im Europa des 18. Jahrhunderts als das so ziemlich entsetzlichste Verbrechen überhaupt, das überall mit verschärfter Todesstrafe geahndet wurde. Friedrich der Große verfügte: Man versetze das Schwein zur Infanterie.
"x(2)

Fazit

xMan kann gewiß nicht behaupten, das strittige Motto sei selten verwendet worden oder lediglich zu einer bestimmten Zeit, deshalb also nur noch eine spezielle Einordnung möglich. Das aber wäre Voraussetzung, um aus dem Vorwurf ein in der Sache prüfenswertes Argument zu machen. "Jedem das Seine" ist vielmehr ideeller Leitfaden zur Ausprägung moderner westlicher Staaten, speziell der preußisch-deutsche Geschichtsabschnitt ein Meilenstein der Umsetzung, und bis heute Thema staatsphilosophischer Diskussionen mit Verästelungslinien zu Kant, Hegel und Nietzsche. Das Symbol des Schwarzen Adlerordens einschließlich der angeblich skandalösen Inschrift ist heute Kennzeichen der Truppengattung der Feldjäger (=Militärpolizei) der deutschen Bundeswehr. Im Beispiel hier das Barettabzeichen.

Dem größenwahnsinnigen Anspruch der Nominierten, einer alten Kultur ihre eigene Tradition zu verbieten, sei dies als denkbares Ziel einer nächsten Rufmordkampagne empfohlen. Dann vielleicht verbunden mit der Forderung, gleich die ganze Bundeswehr abzuschaffen? Dürfen die aber das Motto verwenden - warum dann kein Kaffeeröster? Kaffee ist braun, nicht? Als Hülsenfrucht eigentlich grün, aber wenn er vom Kaffeeröster kommt, gebräunt. Liegt es vielleicht daran? Darüber sollte man doch offen sprechen können, ohne hilfsweise Geschichte mißbrauchen zu müssen. Es wird sich gewiß ein Weg finden, nun blauen oder violetten Kaffee zu produzieren. Jedem den Seinen.

Die zitierten Hysteriker, die alleine sich selbst noch für Historiker halten, wählen als Bezugspunkt ihrer konstruierten Aufregung die Inschrift nur eines Tores unter vielen deutschen Lagern unterschiedlicher Orte, das acht Jahre lang skandalösen Zwecken diente, wovon ihre Gruppe am speziellen Ort allerdings zum geringeren Teil betroffen war. Sie verschweigen aber die Verwendung als offizielles Motto eines beachtenswerten deutschen Staates, der 234 Jahre existiert hat, vielleicht, weil dieser historische Hintergrund ihren Propagandazwecken nicht dienlich ist. Es wäre umgekehrt zu fragen, welchen Grund es geben könnte, aus zweitausend Jahren abendländischer Kulturgeschichte des Leitspruchs mit zwei Jahrhunderten neuerer deutscher Tradition ausgerechnet nur diese bizarre Auswahl als angeblich einzig erlaubte Deutungsmöglichkeit herauszugreifen. Wie man das begründen könnte, wäre von den Urhebern der Aufregung zu belegen, was aber wohl mit Einsicht in die Aussichtslosigkeit nicht versucht wird.

Man könnte über die deutsche Tradition des skandalisierten Satzes eine Menge berichten, es ebensogut aber auch lassen. Denn wer von den meist verschwiegenen und hier nur kurz umrissenen Hintergründen noch immer nichts gehört haben sollte, der will es auch bestimmt nicht wissen. Die Unterstellung simplen Unwissens ist im Falle der Skandalproduzenten und der von ihnen benutzten Multiplikatoren noch die höflichste mögliche Erklärung, die unvermeidliche andere deutlich unvorteilhafter.

Welche der beiden Deutungen ihrer Anmaßung man auch immer für plausibler hält: es gibt derzeit andere Hintergrundmotive als ein Bemühen um Erkenntnis der Geschichte. Seit Weihnachten hat die nahöstliche Heimat der privilegierten Minderheit einen Kriegszug gegen Nachbarn unternommen mit erschreckend hohen Zahlen ziviler Opfer der Angegriffenen, was nicht überall Zustimmung findet. Vorbeugende Vorwürfe, die in andere Themen ablenken, dienen möglicherweise als gezielte Zweckmanöver zur Einflußnahme auf öffentliche Meinung, wobei dann eher beliebig wäre, was dafür gerade als Aufhänger benutzt wird. Heute ist es die Reklame eines Kaffeerösters, morgen vielleicht das für sie diskriminierende Wetter im Land.

Belege


x(1) Traditionslisten
Hermann Klenner: Jedem das Seine! Geschichte eines Schlagworts. In: Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, 04/2002. Möglicherweise genauer in der Quellenangabe der Artikel bei Wikipedia zu "Suum Cuique".

x(2) Zur Infanterie
Sebastian Haffner: Preußen ohne Legende. Hamburg 1979, S. 113.
Veröffentlichung: Januar 2009
+Nr.64: Falscher HaseNr.66: Publikumsverkohlung+
 
15.10.2018-19 Impressum 2,47
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System: PUBLIU
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